So endete der Versuch von Robespierre, die französische Revolution mit Enteignungen zu finanzieren. Warum sollte es bei den geplanten Berliner Staatsbereicherungen anders laufen?

There has been, so far as I know, no such example of undisguised debauchery, urteilte unnachsichtig der Historiker Harford Montgomery Hyde über den unermesslich reichen Prostituiertenfreund und Kunstsammler Francis Charles Seymour-Conway, 3rd Marquess of Hertford, und zwar nur, weil Seymour-Conway schlau genug war, sein Dasein angenehm zu verbringen, statt sich in den zu seiner Zeit tobenden Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich zu ruinieren. Seymour-Conway war eben noch ein Kind des reinen Feudalismus, einer Epoche, die den heutigen Sterblichen wegen ihrer plakativen Amoral wenig verständlich erscheint. Aber ich finde es grundfalsch zu erwarten, dass jemand, der die Möglichkeiten hemmungsloser Bespaßung hat, jetzt unbedingt in Armeen sterben oder seine Zeit mit den Forderungen einer unreifen Schwedin und dem sich hinter ihr sammelnden Mob aus hungrigen Federkielkratzern und vielfliegenden Lobbykokotten vergeuden muss oder was immer der Menschheit sonst noch an moralisch gebotenen Torheiten einfällt. Ja ich finde, Seymour-Conway hat mit Abstand von 200 Jahren Gutes getan, auch wenn man das früher kritisieren konnte – denn seine Sammelleidenschaft bildet den Grundstock der Wallace Collection in London.

Das ist ein außergewöhnlich hübsches Museum mit einer fantastischen Sammlung von Kunst und Kunsthandwerk, denn auch die Nachfahren von Seymour-Conway verprassten das ihren Untertanen abgerungene Geld für schöne Dinge, nur um die Sammlung dann beim Niedergang der Sippe in ein Museum zu überführen, das die Nachfahren von Sauhirten, miesepetrigen Historikern, Berliner Politikern, Klimaaktivisten und anderen Unwohlgeborenen heute einfach so und kostenlos besichtigen können. Die Wallace Collection hat die beste Sammlung für französische Kunst nicht nur außerhalb von Frankreich, sondern in meinem Spezialbereich – Kunst des Rokoko – einige der absoluten Prunkstücke jener Epoche. Und weil bei der Stiftung festgelegt wurde, dass nie ein Stück verliehen werden darf, muss man da eben hin, zumindest einmal im Leben. Ich war dort, und ich kann es nicht anders sagen: Es war zwar London, aber trotz des Essens wäre ich wegen der Kunst dort gern eingezogen. Zumal das Stadthaus, in dem die Sammlung untergebracht ist, auch meinen Ansprüchen an Wohnraum entgegenkommt. Es ist eng, kompakt, voll gestopft und absolut herrlich.

Jetzt werden Sie sich sicher fragen, wie man in einer kultivierten Stadt angesichts des absoluten künstlerischen Höhepunktes der menschlichen Entwicklung – Aufklärung war damals noch etwas für Leute wie Sie und mich, und die Leibeigenschaft finanzierte das vortrefflich – ausgerechnet an einen der tiefsten Punkte des Niedergangs denken kann, nämlich an das Regime jenes Slums im Spreesumpf, den man als Berlin bezeichnet. Man steht in einem Palast auf glänzendem Parkett und nicht auf dem Kot im Görlie, man sieht, was Exzellenz an Bauwundern zu vollbringen mag, und nicht die Wohnschachteln, die angeblich bezahlbar sein sollen. Man denkt an Seymour-Conway und seine hübschen Mätressen und nicht an die verhärmte, von Falten und Missgunst strotzende Gendersprach-Stasi, die staatlich finanziert Hetzartikel gegen die Petition für eine unverhunzte Sprache ins Netz stellen lässt. Und dennoch – diese Sammlung ist mehr als eine Galerie. Sie hat auch ihre Entstehungsgeschichte, und der Grund, warum ausgerechnet in London so viel Französisches hängt, der Grund, der ist hochaktuell. Denn bevor Seymour-Conway kaufte, musste jemand hergeben. Ein Franzose. Und zwar oft genug unfreiwillig.

Sei es, dass man den Franzosen enteignete oder erst umbrachte und dann sein Hab und Gut konfiszierte: In jenen Tagen herrschte in Frankreich die Revolution, weil manche die absurde Vorstellung hatten, man müsste die Ideale der Aufklärung in die Praxis mit allen Menschen umsetzen, ich mein, fahren Sie mal in Berlin mit der U-Bahn … Die Staatsfinanzen waren in Frankreich schon vorher so marode wie in Berlin, und so beschlossen die neuen Machthaber, die radikalen Massen hinter sich wissend, die Konfiszierung der Kirchengüter und des Besitzes von Adligen, die aus nahe liegenden Gründen gegen die Revolution waren. Der angenehme Nebeneffekt für Briten vom Schlage eines Seymour-Conway war damals, dass man mit Barockkommoden kein Heer bezahlen kann, mit Gemälden keine Umstellung des Kalenders und keine Sprach-Stasi für die neuen Monatsnamen finanziert, und mit Porzellan die an Schüsseln gewohnte Unterschicht schon damals so wenig zufrieden stellen konnte wie die heute aus der Bowl Essen schaufelnde Unterschicht mit Silberbesteck. All der Luxus des Ancien Régime wurde also enteignet und auf Auktionen peu à peu verhökert, und Briten hatten wenig Bedenken, sich dort über Mittelsmänner an den Waren zu bereichern, deren Benutzung die Franzosen bei den Jakobinern und ihrem Wohlfahrtsausschuss ohnehin verdächtig gemacht hätte. Der Staat raubte also für das Gemeinwohl und das Höhere Wesen des Volkes und die Revolution, und verteilte es.

Und zwar wegen der Finanznot schon vor dem Verkauf der Güter und der Ankunft des britischen Geldes. Denn ganz dumm waren die Revolutionäre auch nicht: Sie wussten, dass ein sofortiger Verkauf aller Güter die Preise gedrückt hätte. Die Verteilung der über die Leichen von anderen errungenen Vermögenswerte an das Volk geschah über Anteilscheine an den Gütern, sogenannte Assignate, die sogar 1789 noch verzinst wurden – wenn man so will, eine Art Staatsanleihe auf Beschlagnahmung, die auch handelbar und in echtes Geld umtauschbar war. Dem revolutionären Volk erschien das als seriös, denn der französische Hof hatte in seiner Glanzepoche schon die Steuereinnahmen der nächsten Jahre verpfändet, so wie die SPD ihre Glaubwürdigkeit an Andrea Nahles und Katarina Barley verpfändet. Und wenn heute in Berlin ein Neostalinist sagt, er wollte Wohnungskonzerne mit minimaler Entschädigung enteignen und die Wohnung danach im Staatsbetrieb billig vermieten, gibt es auch wieder genug Leute, die so etwas für machbar halten: Selbst wenn das Neue Regime, das das tun soll, zwei Parteien des Alten Regimes enthält, die diese Wohnungen mitsamt Milliardenschulden verkauft haben. Es ist übrigens ein Neu-Altes Regime, das weder wie versprochen 30.000 Wohnungen bauen wird noch das Milliardengrab eines Flughafens fertigstellen kann. Wie schon oben gesagt, Aufklärung ist eine gute Idee, nur ist sie halt nicht massentauglich.

Jedenfalls in Frankreich fühlte man sich seitens der Enteigner reich und gab also munter Assignate auf die erwarteten Erlöse aus, wie man es eben brauchte, man hatte ja genug Besitz zur Deckung des bedruckten Papiers. Es waren zuerst wunderbare Zeiten, denn je mehr Assignate mit Nominalwerten ausgegeben wurden, desto teurer wurden auch die Güter: Wenn die Geldmenge steigt und das Angebot gleich bleibt, steigen auch die Preise. Das glaubte auch der von mir in seiner Rolle als Pornograf zutiefst verehrte Mirabeau, der von den Assignaten behauptete: „Sie stellen echtes Grundeigentum, den sichersten Besitz von allem dar, den Boden, auf dem wir alle stehen.“ Aber wir halten Mirabeau heute aus guten Gründen nur für einen fantastischen Sexualschriftsteller und nicht für einen bedeutenden Nationalökonomen. Die Assignate hätten funktionieren können, wenn der Staat sie sparsam ausgegeben hätte. Das tat er aber nicht, er druckte sie, wie er sie brauchte. Und nach dem Land wurden, in Assignaten berechnet, auch alle anderen Dinge des Lebens teurer. Oder anders ausgedrückt: Die Assignate unterlagen einer horrenden Inflation. Das Leben der Revolutionäre wurde nicht besser, sondern teurer: Wer etwas besaß, begann es zu horten, um es nicht gegen wertlose Staatspapiere hergeben zu müssen.

Für die machthabenden Jakobiner wurde die Unzufriedenheit der Menschen schnell zum Problem. Es kam zum gern vergessenen Aufstand in der Vendée und grausamen Massakern an Zivilisten. Die Behörden versuchten trotz der von ihnen selbst verursachten draghiesken Assignatenschwemme so eine Art Mietpreisbremse, wie sie gerade der Staatsrat der BRD verschärft hat, für jene Güter zu erlassen, die dem revolutionären Mob wichtig erschienen. Der Jakobiner Saint-Just erarbeitete die sogenannten Ventôse-Dekrete, mit denen das Vermögen zwischen den Menschen besser verteilt werden sollte – unter anderem dadurch, dass sich der Staat den Besitz von jenen aneignete, die er als feindlich erachtete. Die alten, wertlos gewordenen Enteignungen reichten schlichtweg nicht aus, also benötigte man neue Enteignungen. „Ich glaube, man muss die kaufmännische Aristokratie umbringen, wie man die des Adels und der Geistlichkeit umgebracht hat“, schrieb der Anwalt und Lehrmeister Antoine Joseph Buissart an seinen Schüler Maximilien de Robespierre, der sich damals über den Wohlfahrtsausschuss zum Herrscher über Frankreich aufgeschwungen hatte – ironischerweise war Buissart selbst außerordentlich reich und schon im Königreich einflussreich, es gibt halt so Leute, die immer oben schwimmen, als Nazi, Kommunist und Demokrat. Aber bei der großen Idee der Revolution, deren Massen bei Laune gehalten werden mussten, zählte das Einzelschicksal nicht. Die Guillotine ließ nicht nur Blut aus Hälsen, sondern auch Vermögen zur Deckung alter und neuer Assignate fließen. Wurde man zu Beginn der Revolution noch nach einem Prozess hingerichtet, weil man aktiv Widerstand leistete, wurde man unter der Schreckensherrschaft schon ohne Anspruch auf ein reguläres Verfahren ermordet, weil den Enteignern das Erraffte nicht mehr ausreichte.

Das führte letztlich zum Sturz von Robespierre, weil den anderen – oft wohlhabenden – Politikern klar wurde, dass auch sie früher oder später wegen zu viel Reichtum oder zu wenig Linientreue dem Terror zum Opfer fallen würden, so, wie man heute wegen ein paar kleineren Immobilien oder einer leicht abweichenden Haltung von den Medienschergen mit Neusprechframing zur Heuschrecke, zum Rechten oder Kapitalisten abgestempelt wird. Das tiefer liegende Problem war – und ist auch heute noch – der Umstand, dass Enteignungen als ein verführerisch leichtes Mittel erscheinen, um ein ominöses Gemeinwohl zu befriedigen. Damit es so weit kommt, müssen Politiker mehrmals versagt haben, bis es den Verbreitern der öffentlichen Meinung alternativlos erscheint. Aber dann fallen alle Hemmungen, es eskaliert total, egal ob beim Staatsbankrott der Revolution oder bei den steigenden Mieten in Berlin. Es trifft nur Adel und Kirche, logen die Revolutionäre und planten die Ermordung der Bürgerlichen. Wir wollen nur Konzerne mit mehr als 3000 Wohnungen enteignen, sagen die Initiatoren des Volksbegehrens in Berlin, das von der einen halben Staatspartei der letzten Diktatur auf deutschem Boden gefördert wird. Nur damit die Berliner Jusos der anderen halben Staatspartei jetzt fordern, die Grenze der Enteignung solle schon bei 20 Wohnungen liegen. Die Grünen überlegen wie feige Girondisten eventuell noch, was das für ihr eigenes, fettes Wählerklientel und dessen Investments in Immobilienfonds bedeuten würde.

Schauen Sie. Ich habe überhaupt nichts gegen Enteignungen, wenn sie richtig gemacht werden, schließlich vermiete ich Wohnungen in einem ehemaligen Jesuitenseminar, das ebenfalls bei der Säkularisation vom Staat kassiert und dann veräußert wurde. Mein Clan macht das seit Generationen zu fairen Preisen, wir kümmern uns um den Erhalt und nehmen keine Kredite darauf auf. Was ich an Gemälden erwerbe, bezahle ich durch die Arbeit meiner tippenden Hände. Enteignungen durch den Staat können manchmal funktionieren, wenn er sich danach zurückzieht und den Markt walten lässt. Es ist mir aber nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts – auch sogenannte „Arisierungen“ und die Enteignungen in der Sowjetzone wurden mit sozialen Argumenten betrieben – ohnehin nicht eingängig, warum wir Parteien, die so etwas nun schon wieder mehr oder weniger entschädigungsfrei fordern, nicht ächten.

Zumal es genau die Parteien sind, die in Berlin mehrfach bewiesen haben, dass sie mit Geld einfach nicht umgehen können und vor allem die Interessen ihrer Anhänger anstelle des Gemeinwohls im Auge haben. Eine Enteignung baut keinen neuen Wohnraum. Wenn sich ein früher bei der „taz“ arbeitender Berliner Büroleiter von „Spiegel Online“ mit diesen Forderungen solidarisiert, weil er nach eigenem Bekunden Angst vor seinem Vermieter hat: Dann ist das allein seine eigene Schuld. Die auf ihr privates Wohlergehen schauenden Journalisten sind seit Urzeiten in Berlin, und sie profitierten von günstigen Mieten. Sie hätten von 2001 bis 2011 genug Zeit gehabt, spottbillig eine Wohnung zu erwerben, und mit etwas Sparen auch vermutlich einen Kredit bekommen. Sie haben sich verspekuliert. Und diese Mietspekulanten wollen jetzt, dass der Staat diejenigen enteignet, die als Besitzspekulanten klüger waren, und an sie billig weitervermietet. Wenn ich mir die Assignate so anschaue, kann es schon sein, dass viele Berliner theoretische Ansprüche auf billiges Wohnen bekommen, so, wie die Revolutionäre theoretische Ansprüche auf den Reichtum der Adligen hatten.

Aber dieser Reichtum hängt jetzt eben für immer in der Wallace Collection, und die Revolutionäre hatten wertloses Papier und danach die Gelegenheit, für die Machtgeilheit Napoleons in Russland zu erfrieren oder bei Leipzig von einer Kanonenkugel zerrissen zu werden. Für Wohnungsprobleme, glauben Sie einem Vermieter in siebter Generation, gibt es einfach keine einfache Lösung, wenn zu viele Menschen auf zu wenig Raum kommen. Entweder man baut – momentan enorm teuer – und hofft, dass dann nicht wegen der eventuell gesunkenen Preise nicht noch mehr Menschen nachziehen, was in Berlin aber sicher passieren würde. Oder man setzt Anreize, geregelt an Orten mit Leerstand im Osten zu siedeln, die früher oder später ohnehin von den Verdrängten bewohnt werden müssen. Oder man beendet die Zuwanderung und forciert die Abwanderung. Enteignungen lösen dagegen nur kurzfristig die Kostenprobleme einer Teilmenge der eigenen Wähler, die sich daran gewöhnen und kein Mitleid mit jenen haben, die die vollen Marktpreise zahlen. Die werden dann wie die französischen Mobs früher oder später neue Eingriffe von Politikern fordern, die Politik wird versuchen, noch mehr in ihrem Sinne zu regulieren, und Robespierre soll nach all den verteilten Wohltaten auf dem Weg zur allgemeinen Verarmung des Volkes auch ziemlich überrascht gewesen sein, als ihm erst eine Kugel das Gesicht zerfetzte und dann das Fallbeil seinen Kopf abhackte. Derweilen saß der politisch eher unambitionierte Seymour-Conway auf den in Frankreich erworbenen Sofas und ließ Prostituierte wie auf den Bildern des französischen Rokoko posieren.

Solcherart Gedanken wälzend, wandelte ich also durch die Wallace Collection, frei und ungebunden und wissend, welche Lösung mir persönlich mehr behagen würde. So eine Enteignung ist schon ein enormer Eingriff und eher eskalierend. Ich wäre vorsichtig, da können schnell mal Köpfe rollen, wenn es schiefgeht.