Nach den Angriffen auf zwei Öltanker droht eine militärische Auseinandersetzung am Golf von Oman. Der Konflikt ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft.

US-Präsident Donald Trump hatte sich in seiner ersten und bislang einzigen Reaktion auf die Öltankerattacken im Golf von Oman schnell festgelegt. Am Morgen seines 73. Geburtstags ließ er sich dazu per Telefon ins Studio des Fernsehsenders Fox schalten. Als Beweis führte Trump ein vom US-Militär veröffentlichtes Video an.

Die Aufnahmen sollen iranische Revolutionsgarden dabei zeigen, wie sie eine fehlgezündete Mine aus dem Rumpf eines der beiden in Brand geratenen Schiffe hieven. „Sie wollten nicht, dass Spuren zurückgelassen werden“, so Trump. Experten in Washington halten eine iranische Beteiligung für plausibel, selbst wenn Teheran die Vorwürfe zurückweist. Aber es gibt auch Zweifel an der Version.

Der japanische Betreiber eines der sabotierten Frachtschiffe erklärte, der Tanker sei von einem Projektil, nicht von einer Mine getroffen worden. Doch die USA halten an den Vorwürfen fest – und befeuerten die Debatte mit neuen Vorwürfen: Das iranische Militär habe versucht, eine Drohne der in Bahrain stationierten 5. US-Flotte abzuschießen. Der Flugkörper hatte angeblich die Attacke auf den japanischen Tanker Kokuka Courageous gefilmt, der von der Hamburger Reederei Bernhard Schulte Shipmanagement geführt wird.

Der Zwischenfall werde Folgen haben: US-Außenminister Mike Pompeo sprach von einem „eklatanten Angriff“ und drohte, die USA würden ihre „Kräfte bündeln und Interessen verteidigen, um den globalen Handel und die regionale Stabilität zu schützen“.

Am Wochenende sprang den Amerikanern der Verbündete Saudi-Arabien zur Seite. „Wir wollen keinen Krieg in der Region. Aber wir werden nicht zögern, uns mit einer Bedrohung für unser Volk, unsere Souveränität, unsere territoriale Integrität und unsere Lebensinteressen auseinanderzusetzen“, drohte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman dem Iran in einem Interview mit der panarabischen Tageszeitung „Asharq al-Awsat“.

International werden die Entwicklungen mit Sorge verfolgt, vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Straße von Hormus, in deren Nähe die beiden Tanker attackiert wurden, ist die einzige Seepassage vom Persischen Golf in den offenen Ozean. Sie bringt Öl aus dem Nahen Osten auf die internationalen Märkte, rund 20 Prozent der weltweiten Exporte werden durch die Meerenge verschifft.

Der Ölpreis stieg zwischenzeitlich um mehr als vier Prozent, gab jedoch im Verlauf des Wochenendes einen Teil seiner Zugewinne wieder ab. In der Golfregion wird rund ein Drittel des weltweiten Öls gefördert. „Die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung ist spürbar gestiegen. Dies spricht für eine Risikoprämie auf den Ölpreis“, sagte Carsten Fritsch, Ölexperte bei der Commerzbank.

„In einer von Krisen und neuen Handelshemmnissen geschüttelten Weltwirtschaft belastet der Konflikt am Persischen Golf die deutsche Wirtschaft noch zusätzlich“, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Der Ölpreis könnte immens steigen

„Die Außenwirtschaftskonjunktur verdunkelt sich zusehends. Kostenbelastungen durch weiter steigende Ölpreise sind absehbar. Investitionsvorhaben deutscher Unternehmen im Nahen Osten stehen jetzt unter einem besonderen Vorbehalt.“ Nahost-Experte Michael Lüders, Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, warnt ebenfalls vor den wirtschaftlichen Folgen der Eskalation: „Es gibt Schätzungen, denen zufolge im Kriegsfall der Preis pro Barrel Öl auf bis zu 300 Dollar ansteigen könnte. Gegenwärtig sind es 63 Dollar“, sagte Lüders dem Deutschlandfunk.

Aus Sicht von Warren Patterson, Rohstoffstratege der ING Bank, hat der Vorfall die geopolitischen Risiken wieder in den Fokus der Investoren gerückt. „Die erste Preisreaktion zeigt, dass der Markt trotz der Sabotageakte im vergangenen Monat das Risiko einer Eskalation nicht eingepreist hat.“

In Europa drängte man zuletzt auf Deeskalation und versuchte, über die wenigen diplomatischen Drähte, die seit dem Bruch des Atomabkommens JCPOA noch vorhanden sind, einzuwirken. Doch derzeit scheint Europa nur hilflos dabei zuschauen zu können, wie sich der Konflikt zuspitzt. „Gegen die geoökonomische Macht der USA kann Europa nichts ausrichten“, sagt Josef Braml, USA-Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Brüssel gab sich am Wochenende entsprechend zurückhaltend, keiner der ranghohen EU-Politiker bezog Stellung. Eine Sprecherin der Kommission warnte vor übereilten Aktionen und sagte, man sammle noch Informationen. Aus Kreisen von EU-Beamten war zudem zu erfahren, dass sich Brüssel dem Vorwurf der Amerikaner vorerst nicht anschließen werde. Einzig die britische Regierung erklärte, man könne „mit ziemlicher Sicherheit“ von einer iranischen Verantwortlichkeit ausgehen.

„Wir brauchen Deeskalation“, mahnte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), räumte aber ein: „Sabotageakte gegen oder Angriffe auf Handelsschiffe stellen eine Bedrohung für offene Handelswege und das zentrale Recht der Freiheit auf See dar. In der aktuellen Situation sind sie auch eine Bedrohung für den Frieden.“ Am Montag treffen sich die EU-Außenminister und werden über ein weiteres Vorgehen beraten.

Zwischenzeitlich wurde bekannt, dass die Bundesregierung seit Jahresanfang Rüstungslieferungen für mehr als eine Milliarde Euro an die von Saudi-Arabien geführte Allianz im Jemenkrieg genehmigt hat. Trotz der Exportbeschränkungen im Koalitionsvertrag von Union und SPD wurden zwischen dem 1. Januar und dem 5. Juni allein 13 Exporte für 801,8 Millionen Euro nach Ägypten und 43 Exporte für 206,1 Millionen Euro an die Vereinigten Arabischen Emirate genehmigt.

Das geht laut der Deutschen Presse-Agentur aus einer Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Omid Nouripour hervor. Die iranische Führung hatte die gegen sie erhobenen Vorwürfe von Anfang an vehement zurückgewiesen. Sie seien Teil eines Plans, „Diplomatie zu sabotieren“, twitterte Irans Außenminister Mohammed Dschawaf Sarif.

Denn die Tankerangriffe seien an dem Tag erfolgt, an dem Japans Premierminister Shinzo Abe mit Irans Oberstem Führer, Ajatollah Ali Chamenei, über eine friedliche Konfliktregulierung in Teheran gesprochen habe. Irans Präsident Hassan Ruhani bekräftigte am Samstag bei einem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin, Chinas Staatschef Xi Jinping und den Präsidenten Zentralasiens, dass sein Land aus dem Atomabkommen aussteige.

„Nur noch eine Frage der Zeit“

Auffallend ruhig bleibt Israels Premier Benjamin Netanjahu in der Krise. Lässt er sonst keine Gelegenheit aus, um vor der iranischen Gefahr zu warnen, vermeidet er bislang jede Stellungnahme. Netanjahu wolle damit verhindern, Trump in seinem Konflikt mit Teheran einseitig zu unterstützen, sagt Yaacov Amidror, Netanjahus früherer Sicherheitsberater, in Radiointerviews.

Doch wenn eine Drohung auf die andere folgt: Ist dann eine Auseinandersetzung mit Waffen unausweichlich? Bis es zu einer militärischen Konfrontation komme, sei es „nur noch eine Frage der Zeit“, sagt USA-Experte Braml. „Entweder ist es dieser Zwischenfall oder der nächste. Irgendwann wird es knallen. Ich rechne mit einem militärischen Präventivschlag der USA und ihrer Verbündeten.“

Trumps Sicherheitsberater John Bolton schloss einen Militärschlag nicht aus, und das Verteidigungsministerium ist seit dem Abschied von James Mattis nur unter provisorischer Führung, was Absprachen im Krisenfall erschwert. Während die Welt besorgt auf die nächsten Schritte beider Akteure blickt, bleibt Trump vage: „Wir werden sehen, was passiert.“