Ein Phänomen, so alt wie die menschliche Sprache selbst: Über andere klatschen oder lästern. Dabei sind Klatsch und Tratsch nicht einfach schlechte Angewohnheiten, sondern dienen einem höheren Zweck.

Es war in der achten Klasse, dass Sarah, 27, eine geradezu traumatische Erfahrung machte. Sie hatte damals eine gute Freundin, zu der die Freundschaft irgendwie ein wenig gelitten hatte, weil die Freundin sich ihr zunehmend entzog, ohne dass Sarah gewusst hätte, warum. Beide Mädchen waren aber noch in derselben Klasse, und in der Umkleidekabine nach dem Sportunterricht sagte Sarah dann eines Tages beiläufig zu ihr: „Ich verstehe gar nicht, dass Nadine“ – eine gemeinsame Mitschülerin – „so gut im Reiten ist.“

Diesen Satz aber erzählte die verlorene Freundin zu Hause ihrer Mutter weiter, die wiederum mit der Mutter jener Nadine befreundet war, und so landete er schließlich auch bei Nadine selbst. „Ich fand Nadine aber damals total nett“, sagt Sarah rückblickend, „und meine Bemerkung war gar nicht so hart gemeint gewesen, sondern hatte eigentlich eher den Zweck, meine Beziehung zu der verlorenen Freundin wieder ein bisschen zu festigen.“

Lästern für die funktionierende Gesellschaft

Man merkt Sarah an, dass das Thema sie immer noch umtreibt. Nadines Mutter, erzählt sie weiter, habe damals „ein Riesending“ aus der Sache gemacht; sie habe verbreitet, dass sie, Sarah, überall über Nadine lästere, und dann habe Nadines Mutter sogar noch bei ihr zu Hause angerufen und ihrer Mutter erzählt, was die Tochter für ein Lästermaul sei. „Aus fast nichts wurde ein richtiges Lauffeuer“, erinnert sich Sarah schaudernd.

In der Tat will niemand an die große Glocke gehängt wissen, wenn er schlecht über andere spricht. Und doch tut es fast jeder mal: lästern oder zumindest ungut über andere reden, wenn diese selbst nicht dabei sind. Und das Beispiel der Fake News zeigt, dass das Verbreiten nicht nur unschöner, sondern ungesicherter und gar unwahrer Informationen wie ein soziales Gift wirken kann.

Aber, wer hätte das gedacht: Nicht etwa nur eine schlechte Angewohnheit ist das Klatschen und Tratschen, sondern auch eine Tätigkeit, die das Funktionieren unserer Gesellschaft gewährleistet. „Klatsch hilft, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten“, sagt Robb Willer, Soziologe an der Stanford Universität.

Klatsch vermittle Benimmregeln, denn beim Klatschen würden die Werte ausgehandelt, die in einer Gruppe gelten. Wird zum Beispiel über die Affäre einer verheirateten Frau getuschelt, ist damit klar, dass dieses Verhalten von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. So wirkt das Tratschen über andere wie eine Form der sozialen Kontrolle: Wer Angst hat, dass über sein Verhalten gelästert werden könnte, reißt sich in der Regel eher zusammen.

Der vielfältige Nutzen von Klatsch

Kornelius, ein Marketingmanager Mitte 30, hat zum Beispiel vor einiger Zeit auf einer Party, „als alle schon getrunken hatten“, mal mitbekommen, dass andere ihn für egoistisch halten. Und nicht nur das: Sie hatten sich darüber auch schon ausgetauscht, als er nicht dabei gewesen war: „Es kam von mehreren Seiten, darunter waren meine engsten Freunde, und sie haben auch Beispiele genannt, deswegen denke ich, dass es stimmt“, räumt er ein. Er achtet seitdem stark darauf, möglichst überhaupt nicht egoistisch zu sein.

Auch Sarah behauptet von sich, seit dem Vorfall in der achten Klasse niemals, unter keinen Umständen mehr über andere gelästert zu haben – außer über ihre jeweiligen Arbeitgeber. „Weil die Beziehung da meist nicht auf Augenhöhe ist, und das frustriert mich. Wenn ich über sie lästere, fühle ich mich ihnen nicht so ausgeliefert“, sagt die Freelancerin im Film- und Veranstaltungsbereich.

Tatsächlich hat das Klatschen und Tratschen eine Vielzahl von Funktionen, auch für jeden einzelnen Menschen. Man kann sich besser fühlen, wenn man über andere lästert, und sich über sie erheben. Außerdem schweißt Klatsch zusammen, sofern der Gesprächspartner das Spiel mitspielt und nicht, wie Sarahs verlorene Freundin, petzen geht: Wer gemeinsam über Dritte redet, fühlt sich danach enger verbunden.

So befriedigt das Tratschen unser Bedürfnis, dazuzugehören und von anderen akzeptiert zu werden – „ähnlich dem Verhalten von Affen, die sich stundenlang gegenseitig das Fell pflegen“, so Roy Baumeister, Sozialpsychologe an der australischen Queensland Universität. Das helfe, soziale Beziehungen zu stärken.

Oder Vertrauen überhaupt erst mal aufzubauen. Wer mit anderen über eine dritte Person lästert, signalisiert damit: Ich halte dich für mir so zugewandt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass du diese Information weitergibst.

Das ist ein enormer Vertrauensbeweis, der dem anderen in der Regel schmeichelt. Kornelius, der Marketingmanager, hat zum Beispiel zuletzt über eine Mitarbeiterin gelästert, die er vor einiger Zeit noch in der Probezeit gefeuert hatte. In einem Feedbackgespräch mit deren Nachfolgerin versuchte er, dieser Nachfolgerin die Angst zu nehmen, dass er ihr ebenfalls kündigen würde, indem er ihr erzählte, wie unfähig ihre Vorgängerin gewesen sei. „Das war eine vertrauensbildende Maßnahme, ich wollte sie beruhigen“, erklärt er.

Zeit sparen durch Tratsch

Ist Klatsch nun aber eigentlich eine Erfindung der Neuzeit? Oder haben die Menschen schon immer getratscht? Ein Wort für den Begriff fand sich erstmals im Mittelalter, als Frauen auf den damaligen Waschplätzen die schmutzigen Kleider auf die Steine klatschten und sich Geheimwissen aneigneten, indem sie die Flecken auf der Männerwäsche analysierten.

Das Weitertragen dieser brisanten Informationen war ein Graus für die Männerwelt und wurde massiv geahndet, so Christian Schuldt, Autor des Büchleins „Klatsch“. Doch schon viel früher, in den hieroglyphischen Schriften der alten Ägypter, fanden Forscher einen Text, der beschreibt, wie ein König nachts des Öfteren einen seiner Generäle besuchte, „in dessen Haus es keine Ehefrau gibt“. Klatsch, so scheint es, ist so alt wie die menschliche Sprache selbst.

Das hält zumindest Robin Dunbar, Professor an der Oxford Universität, für wahrscheinlich. Dem Psychologen zufolge begann der Siegeszug des Klatsches, als der Mensch in immer größeren Gemeinschaften lebte. Das führte zu einem Dilemma: Einerseits konnte es für spätere Bündnisse überlebenswichtig sein, jede Zu- und Abneigung in der Gruppe mitzubekommen.

Doch sich bei jedem Sippenmitglied persönlich auf dem Laufenden zu halten kostete zu viel Zeit, schließlich gab es auch noch anderes zu tun, zum Beispiel Jagen. Dunbar zufolge war es dieses Zeitproblem, aus dem heraus sich die Sprache entwickelte – und mit ihr die Vorliebe für Klatsch.

Dörfer sind die Hochburgen der Lästerei

Lästern erfüllt den gleichen Zweck, wie die Lokalzeitung zu lesen, nur auf einer niedrigeren Stufe, findet auch Markus, ein fünfzig Jahre alter Kellner aus Frankfurt. „Man erfährt, wie andere Leute über Sachen denken, und tauscht geheime Dinge aus, die nicht publik werden.“

Zuletzt gelästert habe er selbst erst vor wenigen Stunden, zusammen mit seiner Schwägerin, und zwar über eine gemeinsame Bekannte, die wegen eines schweren Diabetes mit dem Taxi ins Krankenhaus gefahren sei. „Ein Teil vom Fuß ist ihr schon zuvor abgenommen worden. Und auf dem Weg ins Krankenhaus sagte sie zum Taxifahrer: ‚Halten Sie mal da vorne an der Tankstelle, ich will mir noch drei Tüten Chips kaufen‘“, erzählt Markus lachend.

Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander sprechen, reden wir über Leute, die gar nicht dabei sind, so Robin Dunbar. Er hat schon vor zwanzig Jahren fremde Gespräche in Zügen, Bars und Einkaufszentren belauscht. Während Plaudereien über Politik, Sport, persönliche, praktische oder technische Angelegenheiten insgesamt rund 60 Prozent der Gesprächsinhalte ausmachten, entfiel der Rest der Zeit auf Klatsch und Tratsch.

Dunbar wiederholte die Studie mehrmals, doch die Prozentzahlen blieben gleich, egal ob es sich bei den Belauschten um Männer oder Frauen, Junge oder Alte handelte. Richtig gelästert wurde allerdings nur in fünf Prozent der belauschten Zeit. Hinzu kommt: In Dörfern wird mehr geklatscht als in der Stadt, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergab.

Während die Einwohner von Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern in 35 Prozent der Fälle angaben, mehrmals in der Woche über Nachbarn und Kollegen zu tratschen, sagten dies in Städten nur 24 Prozent.

Nicht nett, aber wirkungsvoll

Dass es uns nicht egal ist, wenn andere über uns lästern, hat auch biologische Gründe. Es gibt Regionen im Gehirn, die allein dafür zuständig sind, uns darauf aufmerksam zu machen, dass ein Augenpaar uns ansieht. Bei Experimenten der britischen Newcastle University genügte es, ein Porträtfoto über dem Teeautomaten anzubringen, damit die Besucher der Cafeteria ihre Getränke bezahlten.

Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön, sagt, es reichten Piktogramme menschlicher Augen aus, um das Sozialverhalten zu beeinflussen: Wenn man sich beobachtet fühlt, handelt man uneigennützig, weil man hofft, sich durch seinen so erworbenen guten Ruf die Unterstützung der anderen für den Notfall zu verdienen.

Dieses Verhalten ist nicht bloß eine Spielerei der Natur: Denn früher war der gute Ruf unter Umständen sogar lebenswichtig – wie etwa zur Zeit der Hexenverfolgung. Heute sind vor allem Menschen, die von Berufs wegen sehr in der Öffentlichkeit stehen, überdurchschnittlich stark darauf angewiesen, eine gute Reputation zu haben.

Aber auch über Leute, die wir beneiden oder die wir als Konkurrenten ansehen, setzen wir häufig negative Gerüchte in die Welt. So reagieren wir unseren Frust ab und versuchen gleichzeitig, diese Menschen zu diskreditieren – oder ihnen sogar handfest zu schaden. Kein besonders nettes Verhalten, aber leider ziemlich verbreitet.

Und wirkungsvoll: Je häufiger wir ein Gerücht hören, umso eher glauben wir es. Das stellten Psychologen an der Stanford University fest. Je öfter ihre Probanden das Gerücht von angeblich getrocknetem Ratten-Urin auf Pepsi-Dosen hörten, desto eher schrieben sie es einem Verbraucherschutz-Report und nicht einem Skandalblättchen zu.

„Wenn drei enge Kumpels sagen: ‚Der und der ist komisch drauf‘, dann wird es schwierig, das nicht zu glauben“, weiß auch Kornelius, der Marketing-Manager, aus Erfahrung. „Das ist dann wie eine Barriere, die aufgebaut ist.“ Und Markus, der Kellner, gibt ebenfalls zu: „Man gewinnt ein gewisses Bild durch falschen Klatsch.“

Manchmal allerdings lässt sich so ein falsches Bild auch revidieren. Als er bei einer Krankenkasse als Teamleiter gearbeitet habe, berichtet Markus, sei eine neue Mitarbeiterin in die Abteilung gekommen, „die rauchte viel und sah total verlebt aus“. Im Kollegenkreis habe man bald getratscht: „Die wird von ihrem Mann geschlagen, ist Alkoholikerin und wird hohe Fehlzeiten anhäufen.“

Doch dann, so Markus, „stellte sich raus, dass sie richtig was auf dem Kasten hatte, und ich habe sie schnell zu meiner rechten Hand gemacht. Sie war ein richtiger Gewinn für die Abteilung, und es machte Spaß, mit ihr zu arbeiten.“

Klatsch in kleinen Dosen

Auch Sarah hat schon die Erfahrung gemacht, „dass die größten Freaks, über die viele Leute eine komische Meinung haben, total sympathisch sein können“. Dennoch will sie selbst natürlich möglichst nicht das Opfer von Lästereien werden. An manchen Abenden, wenn sie beruflich mit einer Gruppe von Leuten zusammensitzt, die sie neu kennengelernt hat, denkt sie beim Gehen: Ich will nicht wissen, was jetzt gleich hinter meinem Rücken abgeht. „Vor allem dann, wenn ich vorher so ausgefragt wurde. Manche Leute prüfen einen so: was man so macht, wo man so herkommt.“

Was genau andere so über sie klatschen, will sie aber lieber nicht wissen. „Höchstens mal ein bisschen davon. Dass ich mal eine Idee davon bekomme, was die Leute über mich denken. Aber alles, das wäre, glaube ich, zu viel. Das würde mich zu sehr belasten.“

Da könnte sie recht haben. „Wenn alle Menschen wüssten, was die einen über die anderen sagen, gäbe es keine vier Freunde auf Erden“, sagte der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal.