Schlagzeilen-Debatten wie die um Kevin Kühnert und um Boris Palmer zeigen, dass auch wir Medien der akuten Erregung zu leicht anheim fallen. Dabei sollten Politiker, Journalisten und auch die Bürger endlich wieder mehr Wert auf das Wesentliche legen.

Kann sich noch jemand an die Zeit vor der Permanenz erinnern? Als wir alle noch nicht immer und überall vernetzt und verbunden waren? Es war eine reizärmere Zeit, langweiliger auch. Aber waren wir weniger glücklich?

Die Erfindung des Papiers hat die Schriftlichkeit gebracht, hat das Flüchtige und Erzählte durch das Haltbare und Übertragbare ersetzt. Die Erfindung des Netzes, vor allem die Erweiterung durch das mobile Netz hat die Permanenz gebracht. Jetzt warten wir alle wie die Süchtigen auf 5G, damit alles noch schneller geht.

Die Permanenz hat nicht nur den Bereich des Lebens verändert. Sie hat vor allem die Politik grundlegend verändert. Womit wir bei Boris Palmer und Kevin Kühnert wären. Der Tübinger Bürgermeister, bei dem man sich manchmal fragt, wann er eigentlich seinen Amtsgeschäften nachgeht, hatte eines Abends beim Surfen im Netz die Homepage der Deutschen Bahn gesehen und sich aufgeregt über die Physiognomien der Bahngäste, die er da pars pro toto sah und irgendwie nicht deutsch genug aussehend fand.

Einmal Erregung und zurück

Diese Aufregung hat er sogleich über die sozialen Kanäle aller Welt mitgeteilt. Die Lawine kam wie gewünscht ins Rutschen, anderntags noch ein Interview im alten Medium Radio, dem Deutschlandfunk, noch ein offener Brief an den Bahnvorstand: zwei Tage bestimmte der Grüne die Nachrichtenlage. Bis er in einer Wochenzeitung (im Zug sitzend!) ein Interview gab und sagte, dass er sich den Ursprungs-Post besser hätte sparen sollen.

Einmal Erregung und zurück, rückstandsfrei, sinnlos, aus jeder Verhältnismäßigkeit gerissen: Diese Prinzip funktioniert in der Politik so gut wie nie zuvor. Erregung als Politikersatz. Brot und Spiele, ein ganz altes Reiz-Reaktions-Muster, aber nunmehr mit großem digitalen Brandbeschleuniger. Kevin Kühnert, der Juso-Vorsitzende mit dem neckisch hingegelten Steh-Stietzel am Pony, nutzt als Anzünder das gute alte Zeitungspapier, mit dem wir schon seit Jahrzehnten im Kamin das Holz zum Brennen bringen. Nach seinem Interview in der Zeit über die aus gesellschaftlichen Gründen notwendige Verstaatlichung von BMW („Kollektivierung“, wie er es nannte, ist dasselbe, denn wir alle sind der Staat) brannte der Baum wieder zwei Tage lichterloh. Erregung allerorten. Große Kapitalismusdebatte!

Geschwafel und vertane Lebenszeit

Nein, eben nicht. Man kann aus guten Gründen darüber debattieren, ob der real existierende Kapitalismus eher gesellschaftskonsolodierend wirkt oder gesellschaftszersetzend. Der kluge Soziologe Wolfgang Streeck hat darüber ein lesenswertes Buch geschrieben, ein amerikanischer Ex-IWF-Oberer mit indischem Namen auch („The third pillar“). Das lohnt sich alles zu lesen, ist oft mühsam, aber bereichernd. Die angebliche Debatte um das zusammenhanglose Geschwafel von Kevin Kühnert lohnt nicht. Sie ist vertane Lebenszeit.

Es wäre bigott von einem Journalisten zu leugnen, dass die Erregung als Politikersatz nichts mit unserem Tun zu tun hätte. Wir leben zu einem guten Stück weit von diesem Reiz-Reaktions-Muster und erliegen ihm daher auch jedes Mal. Was Palmer und Kühnert und Co. ganz genau wissen.

Pausen von der Permanenz

Aber es soll dennoch bei zwei aufeinanderfolgenden, strukturell ziemlich identischen Fällen erlaubt sein, sich daran zu erinnern, dass unser publizistischer Auftrag nicht ausschließlich darin besteht, dem Reiz-Reaktionsmuster zu erliegen und es zu verstärken. Sondern dass unsere wesentliche Aufgabe darin besteht, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Und dem Wesentlichen mehr Platz und Bedienung einzuräumen als dem Unwesentlichen. Dem gedankenfreien Reflex aus dem Rückenmark nicht immer den Vorzug vor dem eingeschalteten Gehirn zu geben.

Pausen von der Permanenz helfen da. Ein jeder kann da seine oder ihre eigenen Praktiken testen, den politischen Priapismus, die politische Dauerregung, mal zu unterbrechen. Der Hornhecht steht gerade vor der Küste. Wie jedes Jahr. Für den stelle ich mich jetzt einen ganzen Tag ins Ostseewasser vor Wismar. Wie jedes Jahr, wenn der Raps blüht. Hilft mir enorm gegen Dauererregung. Und wieder das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.