Wie kann der Planet gerettet werden? Machen wir uns ehrlich: Durch einen beherzten Sprung ins kalte Wasser. Wir müssen pro Jahr weltweit etwa 115 Atommeiler bauen. Deutschland hat mit seinem Atomausstieg genau das Falsche getan.

Die Herdplatte, auf der wir alle sitzen und von der wir nie mehr herunterkommen, wärmt sich stetig auf: 2018 war das viertheißeste Jahr, seit über diese Dinge Buch geführt wird. Und die fünf heißesten Jahre der verzeichneten Geschichte waren – voilà: eben jene vergangenen fünf Jahre. Wirbelstürme werden nicht häufiger, aber heftiger und nasser. Kalifornien hat gerade eben die schlimmsten Waldbrände seiner Geschichte überlebt. Wir bekommen nasse Füße: Der Durchschnittswasserpegel der sieben Weltmeere steigt. Das Eis über der Antarktis stöhnt und bricht. Schmelzende Gletscher geben nahe der Arktis Land frei, das seit 40.000 Jahren verborgen lag. Wenn es so weitergeht, ist das Ende der menschlichen Zivilisation mit freiem Auge absehbar.

Rechte reagieren – zumindest in den Vereinigten Staaten –, indem sie sich die Zeigefinger in die Ohren stopfen, fest die Augen zukneifen und laut rufen: „Alles paletti! Daumen hoch! Weitermachen!“ Die Hardcore-Fraktion (zu der etwa der amerikanische Präsident gehört) leugnet, dass sich der Planet überhaupt aufwärmt. Die sanfteren Leugner sagen: Ja, es gibt den Klimawandel, aber es ist Mutter Natur selbst, die am Temperaturregler dreht, und da kann man halt leider nichts machen – eine längst widerlegte Hypothese. Viele Linke dagegen meinen, nur radikale Lösungen könnten uns noch vor dem Untergang retten: Sie predigen, wir müssten auf der Stelle den Kapitalismus abschaffen. Manche reden gar von einer Öko-Diktatur. Zum Glück geht es auch anders.

Es gibt ein Land, nennen wir es das Land A, dem es binnen 20 Jahren gelungen ist, seinen Ausstoß von CO2 um die Hälfte zu reduzieren. Pro Kopf war die Reduktion sogar noch dramatischer: um 60 Prozent. Das Land A hat nicht den Sozialismus eingeführt. Es herrscht dort keine Diktatur. Niemand schreibt den Bürgerinnen und Bürgern vor, auf welche Celsiusgrade sie im Winter ihre Heizung stellen sollen. Die Lebensqualität im Land A ist sehr hoch, der Stromverbrauch ist es auch. Im selben Zeitraum, in dem das Land seine CO2-Emissionen gesenkt hat, ist das Bruttosozialprodukt um 50 Prozent gestiegen, und die Stromerzeugung hat sich mehr als verdoppelt.

Wie war das möglich? Stehen im Land A lauter Windturbinen, wurde es mit Solarmodulen zugepflastert? Nein – schon deswegen nicht, weil es schlicht nicht möglich ist, die Strombedürfnisse einer modernen Industriegesellschaft aus „erneuerbaren Energiequellen“ zu speisen; dafür sind sie zu unzuverlässig. Es scheint eben nicht immer die Sonne, und manchmal herrscht Flaute. Das Land A hat sich darum eine Zauberkraft zunutze gemacht, die überhaupt kein Kohlendioxid produziert, niemanden vergiftet und sehr sicher ist. Ein ökologischer Traum! 40 Prozent des Stroms im Land A werden mit jener Methode erzeugt.

Im Land B ist man anders verfahren. Dort sind die Leute sparsamer: Sie verbrauchen pro Kopf um ein Drittel weniger Strom als im Land A. Aber sie blasen weitaus mehr Kohlendioxid in die Luft: rund eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Denn das Land B erzeugt einen Großteil seines Stroms weiterhin, indem es Kohle verbrennt, und zwar eine besonders schmutzige Form – Braunkohle. In einem seiner Kraftwerke verbrennt das Land B so viel davon, dass 650 Menschen pro Jahr allein an den Folgen der Stromerzeugung in dieser einen Höllenmanufaktur sterben. 6000 weitere erkranken schwer.

Von den zehn schmutzigsten, den ökologisch verheerendsten Kraftwerken in Europa stehen sechs im Land B. In jenem Land herrscht Demonstrationsfreiheit. Ökologisches Gedankengut ist seinen Bürgerinnen und Bürgern keineswegs fremd.

Das Land A ist Schweden. Land B ist Deutschland. Das Kraftwerk, das pro Jahr 650 Menschen tötet, heißt Jänschwalde und steht in der Mark Brandenburg. Und die Zauberkraft, die den Planeten retten könnte, wird von den Schweden „kärnkraft“ genannt.

Aber ist Kernkraft nicht furchtbar gefährlich? Nein, sagen Joshua Goldstein und Staffan Qvist in einem neuen Buch („A Bright Future“, PublicAffairs, New York), das zurzeit in Amerika Furore macht – und sie legen die Zahlen vor. In mehr als 50 Jahren der Energieerzeugung durch Atomkraft – dies entspricht mehr als 16.000 Reaktorjahren – gab es einen ernsthaften Unfall in der Sowjetunion mit ungefähr 4000 Toten (Tschernobyl), eine sogenannte Katastrophe in Japan mit null Toten (Fukushima) und eine Havarie in Amerika, die teuer war, aber keinerlei Folgen für die Umwelt hatte (Harrisburg). Diese Bilanz ist um Klassen besser als die der Kohle, besser als die Bilanz des Erdgases, das lecken kann und ebenfalls CO2 erzeugt, besser als die Bilanz von Zügen und Lkw voller Heizöl, die fahrende Bomben sind, besser als die Bilanz von Staudämmen, die, wenn sie brechen, oft ganze Städte hinwegschwemmen.

Leider ist das menschliche Gehirn nicht darauf angelegt, Risiken richtig abzuschätzen. Radioaktivität ist unheimlich: Man sieht sie nicht, man spürt sie nicht, man denkt nur irgendwie, dass sie tödlich sein könnte. Kaum ein Mensch weiß, dass jede Banane im Supermarkt Strahlen absondert und dass, wer einen Transatlantikflug absolviert, mehr Radioaktivität in sich aufnimmt als jemand, der in der Kühlflüssigkeit eines Reaktors baden geht. Aber die Endlagerung? Ist ein gelöstes Problem: abgebrannte Brennstäbe in Wasser versenken, fertig. Was ist mit Terrorangriffen? Auf YouTube kann man sich einen Film anschauen, der zeigt, was passiert, wenn ein Flugzeug – also eine Aluminiumröhre – auf die Außenhaut eines AKW – also Stahlbeton – knallt: Von dem Flugzeug ist hinterher nichts Nennenswertes mehr übrig.

Vielleicht ist das Grundproblem, dass Atomkraftwerke unbewusst mit Atomwaffen in Zusammenhang gebracht werden. Die meisten Menschen wissen nicht, dass Kernkraftwerke sich auch im Falle eines Super-GAU nicht in Hiroshimabomben verwandeln könnten; das lässt die Physik nicht zu. Benzin ist im Grunde derselbe chemische Stoff wie Napalm. Wer, der sein Auto betankt, denkt dabei an die Toten des Vietnamkriegs?

„Angsteinflößend“ und „gefährlich“, so schreiben Goldstein und Qvist an einer Stelle, sind keine Synonyme. Es ist angsteinflößend, im Schwimmbecken vom Zehnmeterbrett zu springen – aber gefährlich ist es nicht. Wir befinden uns in der Situation eines Menschen, der über eine Eisenbahnbrücke geht und plötzlich merkt, dass ein Zug auf ihn zukommt. Zehn Meter unter der Eisenbahnbrücke ist der Fluss. Wer Angst vor der Gefahr hat, wird versuchen, schneller zu rennen als der Zug – ein aussichtsloses Unterfangen. Retten kann uns nur der beherzte Sprung ins Wasser: Wir müssen pro Jahr weltweit ungefähr 115 Atomkraftwerke bauen und ans Netz gehen lassen. Zum Glück ist das machbar. Und zum Glück gibt es dabei kein ethisches Dilemma. Würden infolge von Atomunfällen jedes Jahr Tausende Menschen ums Leben kommen, müsste man darüber debattieren, ob hier ein schreckliches, aber im Interesse des großen Ganzen leider notwendiges Opfer gebracht werden muss. Doch die „kärnenergie“ ist ausgesprochen menschenfreundlich.

Das Schönste an dem Buch von Joshua Goldstein und Staffan Qvist ist, dass es nichts von jenem sauertöpfischen Mief ausstrahlt, den man in ökologischen Schriften so häufig findet. Sie reden nicht pfäffisch vom Verzicht. Sie predigen nicht, dass die westliche Industriegesellschaft sündhaft und verwerflich sei. Stattdessen schreiben sie, dass Elektroautos cool sind und dass Strom in Schweden schön billig ist.

Deutschland hat mit seinem Atomausstieg in einem Anfall von kollektiver Panik auf tragische Weise genau das Falsche getan. Aber möglicherweise liegt gerade darin eine Chance. Schließlich sind die Deutschen eine Nation der Tüftler und Ingenieure. Deutsche Firmen könnten schon morgen anfangen, Flüssigsalzkraftwerke zu bauen, in denen statt Uran Thorium verwendet wird – ein Element, das nur schwach radioaktiv strahlt und sehr häufig ist. Und vielleicht kommen eines Tages sogar die Grünen darauf, dass sie als Umweltpartei eine Verantwortung gegenüber der Umwelt haben.