In Erfurt fühlt sich der SPD-Abgeordnete Oskar Helmerich von seinen Genossen gemobbt. Der Ex-AfD-Mann hatte den umstrittenen Parteifreund Thilo Sarrazin zu einer Diskussion eingeladen. Der Widerstand war heftig. Nun werden ihm Wahlplakate verboten.

Oskar Helmerich sitzt im „Burger King“ am Anger und wartet bei einem Pappbecher Kaffee darauf, dass sich die dunklen Regenwolken verziehen. Draußen geht ein Wolkenbruch auf den zentralen Platz in Erfurts Altstadt nieder. Aber dass das Wetter nicht immer mitspielt, ist derzeit sein geringstes Problem.

Helmerich ist Landtagsabgeordneter und Mitglied des Erfurter Stadtrats, der am kommenden Sonntag neu gewählt wird. Das ganze Wochenende über hat der Sozialdemokrat trotz leichter Erkältung Plakate mit seinem Konterfei unter Verkehrsschilder gehängt, an Straßenlaternen befestigt und über die 210.000 Einwohner große Thüringer Landeshauptstadt verteilt. Helmerich ist ein fleißiger Wahlkämpfer, Flugblätter und Stellwände hat der 59-jährige Rechtsanwalt aus eigener Tasche bezahlt. Nach seinen Angaben hat ihm die Partei dafür kein Geld zur Verfügung gestellt.

Für Mittwochabend hat Helmerich zu einer politischen Veranstaltung ins Erfurter Steigerwaldstadion geladen, zu der sich bisher bereits mehr als 500 Personen angemeldet haben, obwohl sie dafür pro Nase 24 Euro Eintritt bezahlen müssen, Vorverkaufsgebühr inklusive.

Was Helmerich anfasst, zündet offenbar. Zum Vergleich: Als die SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley am 11. Mai zu einer Diskussion über die EU ins Erfurter Rathaus einlud, kamen gerade mal 80 Zuschauer. Der Eintritt war kostenlos, Freigetränke gab es auch.

Eigentlich müsste die chronisch schwächelnde Thüringer SPD mit einem umtriebigen Genossen wie Helmerich also hochzufrieden sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der SPD-Kreisverband Weimarer Land hat Helmerich vor wenigen Tagen sogar aufgefordert, „unsere Partei umgehend zu verlassen“. Es bestünden „höchste Zweifel“ an seiner „demokratischen Gesinnung“, teilte der SPD-Kreischef Roland Merten dem Land- und Kreistagsabgeordneten schriftlich mit.

Diese Anwürfe haben zwei Gründe. Erstens hat Helmerich für seine Veranstaltung im Steigerwaldstadion Thilo Sarrazin eingeladen, der sich mit seinen steilen Thesen zu Islam und Migration in der SPD vor allem Feinde gemacht hat. Gegen Sarrazin läuft inzwischen das dritte Parteiausschlussverfahren. Die SPD-Führung meidet den Buchautor, in Thüringen kritisierten viele Genossen die Einladung an Sarrazin als „parteischädigend“. Helmerich findet dagegen, dass Sarrazin die „richtigen Themen“ anspricht.

Das nimmt er auch für sich selbst in Anspruch. Und hier kommen wir zum zweiten Grund des Aufruhrs gegen ihn. Im Kommunalwahlkampf wirbt er für sich auf Liste 3, Platz 25 mit der Parole: „Kein Bleiberecht für Gefährder“. Ein kommunales Thema? „Wenn der Erfurter Weihnachtsmarkt inzwischen mit Pollern und Blockaden abgesichert werden muss, weil es Angst vor Terroranschlägen gibt, ist das durchaus ein kommunales Thema“, sagt Helmerich.

Doch sein Erfurter Kreisverband verbot ihm jetzt, für dieses Plakat auch das SPD-Logo zu benutzen. Helmerich hat die Stelle mit rotem Band überklebt. „Gefährder“? Das sei doch „ein Kampfbegriff der politischen Rechten von der Deutschen Polizeigewerkschaft über die CSU bis zur AfD“, kritisiert ein Erfurter Genosse. Auch der SPD-Landesvorsitzende Wolfgang Tiefensee intervenierte persönlich bei Helmerich. Er dürfe diese Plakate im Namen der SPD nicht aufhängen, ordnete der Parteichef bei einem Gespräch im Landtag kurzerhand an.

„Bin nicht bereit, Sarrazin abzusagen“

Helmerich ist in der SPD umstritten, seit er Mitglied ist. Vor drei Jahren wechselte er von der AfD zu den Sozialdemokraten, weil er nicht länger mitansehen wollte, wie Björn Höcke und andere Rechte sich in der AfD breitmachten.

Seinen ehemaligen Parteifreunden attestiert er inzwischen „Verschwörungstheorien“ und „Persönlichkeitsstörungen“. Der SPD wandte sich Helmerich damals zu, weil er sie für eine Partei hielt, die „differenziert und Kompromisse sucht“.

Das sieht er heute freilich anders. Im Gespräch beklagt er „massive Reaktionen“ vonseiten der Thüringer Parteiführung auf die Sarrazin-Veranstaltung. Helmerich fühlt sich regelrecht gemobbt: „Der Druck unterscheidet sich kaum von dem, was ich bei der AfD erlebt habe!“ Es sei beispielsweise versucht worden, die Betreiber des Steigerwaldstadions davon zu überzeugen, ihm die Halle zu kündigen. „Meine Aktivitäten wurden von der Stadtratsfraktion missbilligt, es sollten mir Ämter entzogen werden. Ich sollte die Veranstaltung mit Sarrazin absagen. Aber dazu war und bin ich nicht bereit.“

Sarrazin sei schließlich noch Mitglied der SPD, „sein Ausschlussverfahren geht offensichtlich ins Leere. Ich halte die Diskussion mit ihm für wichtig. Für mich ist das eine ganz normale Veranstaltung.“

Für die Thüringer SPD ist sie das nicht. Vier Tage vor den Europa- und Kommunalwahlen am 26. Mai sehen viele den Termin mit Sarrazin wohl eher als größten politischen Unfall, der ihrer Partei im Wahlkampf passieren kann. Denn das Szenario steht jetzt schon fest: Im Saal werden Sozialdemokraten miteinander diskutieren. Und draußen werden Sozialdemokraten gegen die Veranstaltung demonstrieren. Der inhaltliche Kern der Thüringer Sozialdemokratie ist in so einer Situation nicht auszumachen. Kernspaltung wäre wohl das treffendere Bild.

Denn inzwischen bekommt Helmerich nicht nur Gegenwind, sondern auch Unterstützung aus seiner Partei. Der Nordhäuser Landrat Matthias Jendricke, ebenfalls ein Sozialdemokrat, solidarisierte sich. „Es ist kein Skandal, was Helmerich macht“, sagte der Sozialdemokrat Jendricke der „Thüringer Allgemeinen“. Es sei vielmehr ein Skandal, „wenn Meinungsäußerungen mit Parteiausschluss bestraft werden sollen“.

Dazu wird es wohl auch nicht kommen. SPD-Landeschef Tiefensee stellte jetzt klar, dass man die Differenzen mit Helmerich „aushalten“ müsse. Das wäre wohl auch schon deshalb sinnvoll, weil Helmerich im Thüringer Landtag der rot-rot-grünen Regierung die knappe Mehrheit sichert, seit eine Sozialdemokratin dort vor zwei Jahren zur CDU wechselte.

Oskar Helmerich, eigentlich ein Hinterbänkler, gehört inzwischen neben Bodo Ramelow und Björn Höcke zu den bekanntesten Namen der Thüringer Politik. Vor 30 Jahren wäre einer wie er mit seinen konservativen Positionen zur inneren Sicherheit in der SPD nicht weiter aufgefallen.

Helmerich schwärmt von Brandt, Schmidt und Schröder und fragt sich, „warum es solche Figuren heute nicht mehr in der SPD gibt und sich stattdessen so viele Ideologen breitmachen“. Er stammt aus Niederbayern, ein unehelicher Sohn, in den 60er-Jahren bedeutete das nichts Angenehmes. Seine Mutter war Arbeiterin, die Oma zog ihn in Hessen groß, das Abitur machte er in einem bischöflichen Konvikt.

Dass er sich „von niemandem verbiegen lassen“ will, hat er sich schon im Internat vorgenommen. Anfang der 90er-Jahre zog er als frischgebackener Anwalt nach Erfurt, weil ihm die Stadt gefiel und er „Respekt vor den Leuten hatte, die gerade eine Friedliche Revolution gemacht“ hatten.

Die SPD versteht er als Schutzmacht kleiner Leute. Und er findet, dass persönliche Sicherheit keine Frage des Geldbeutels sein sollte. „Ich weiß, was die Leute wollen“, sagt Helmerich – und liefert die Antwort gleich mit: „Gute Arbeit, vernünftiges Gehalt, bezahlbare Mieten, einen Garten und Urlaub. Keinen Luxus. Aber Wohlstand. Und kein Blabla.“

Ein muslimischer Freund unterstützt ihn

Die umstrittenen Plakate hat Helmerich am Wochenende aufgehängt. Ein Freund hat geholfen und die Leiter gehalten. Er heißt Suleman Malik, ist Sprecher der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde und wird Sarrazin auf der Diskussionsveranstaltung Paroli bieten, wenn der seine Thesen zum Islam vorträgt.

„Oskar Helmerich und ich sind seit Langem befreundet“, sagt Malik. Er betont aber: „Politisch sind wir oft unterschiedlicher Meinung.“ Auch an den Wahlplakaten übt er Kritik und sagt: „Nazis sind auch Gefährder.“ Die hätten aber oft einen deutschen Pass. „Wie will man die abschieben und wohin?“ Der Diskussion mit Sarrazin sieht er „gelassen“ entgegen. Er teile dessen Ansichten überhaupt nicht, aber es sei wichtig, darüber „in gegenseitigem Respekt“ zu diskutieren.

Auch SPD-Landeschef Tiefensee hat sich angekündigt. Er möchte noch einmal eindringlich klarstellen, „dass das keine SPD-Veranstaltung ist“. Helmerich überlegt noch, wann er Tiefensee das Wort erteilt. Schließlich ist das ja seine Veranstaltung.

Ziemlich kompliziert? Fassen wir zusammen: Ein Rechtsanwalt, der früher zur AfD gehörte und dort aus der Partei getrieben wurde, sichert nun der rot-rot-grünen Regierung in Thüringen die Mehrheit und wird von seinen Genossen dafür beschimpft, Thilo Sarrazin einzuladen. Ihr Hauptargument: eine Parteischädigung, die vom SPD-Schiedsgericht bisher freilich nicht festgestellt werden konnte. Derweil hilft der Muslim Suleman Malik seinem Freund Helmerich im Wahlkampf, obwohl er dessen Ansichten keineswegs teilt.

Wer schädigt hier eigentlich wen? In den Umfragen liegt die SPD in Thüringen derzeit bei etwa zehn Prozent. Bis zur Landtagswahl am 27. Oktober ist da durchaus noch Luft nach unten.