Ist das Dorf die Lebensform der Zukunft? Eine Berliner Regierungskonferenz will die Kluft, die unser Land spaltet, mit praktischen Maßnahmen überwinden. Manche davon sind überraschend, zum Beispiel „Bruno der Bus“.

Okay, jetzt sitzen wir hier also, in diesem Raum mit der sehr niedrigen Decke und den weinroten Stühlen, und ans Rednerpult tritt eine junge Frau. Sie heißt Sibel Özdemir und ist Referentin der Bundeszentrale für politische Bildung. Neben ihr stehen fünf noch leere Stühle, und in der Ecke hält sich wippend ein Mann bereit, Typ alerter Diplomat in elegantem Anzug, er heißt Cornelius Adebahr, ist Politikberater und wird gleich die Veranstaltung moderieren. Die Köpfe des Publikums sind zu Teilen ergraut, aber es sind auch einige junge Menschen gekommen an diesem noch winterlichen Tag im späten Februar, in dieses technoid-graue Eckgebäude namens „dbb forum berlin“, das sich in der Google-Maps-Selbstbeschreibung als „schickes, hochmodernes Konferenzzentrum“ bezeichnet und das einem noch nie zuvor aufgefallen ist, obwohl man schon oft am U-Bahnhof Französische Straße entlanggegangen ist.

Der Abend wird von der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet, die dem Bundesministerium des Inneren nachgeordnet ist und eigentlich ein eigenes Gebäude hat, das aber gerade saniert wird, weswegen man an diesem Abend umgezogen ist in diesen „wunderschönen Raum“, wie Özdemir sagt, und das ist einer der Momente, in denen man Deutschland wirklich lieb hat, und damit ist man ja auch schon mitten im Thema. Deutschland hat man lieb, weil man mit einem Schuss Demokratie-Pathos denkt, wie schön es ist, dass es eine Bundeszentrale für politische Bildung gibt, dass diese Behörde einen Bildungsauftrag hat, und dieser Bildungsauftrag besteht unter anderem darin, solche Veranstaltungen zu organisieren wie diese hier, die den schön-sperrigen Titel „Ländlicher Raum – Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land“ trägt. Und da kommen tatsächlich Leute hin und informieren sich. Mitten im Thema ist man, weil es heute Abend unter anderem ums Sanieren geht, darum, wie man Dörfer wieder lebendig machen kann.

Es diskutieren: Frau Christine Wenzel, Oberbürgermeisterin des Dorfes Quetzdölsdorf, eine Mittfünfzigerin mit pinkem Pullover und interessanter Biographie – sie ist im Jahr 2005 mit ihrer Familie aus Berlin weg und hinein in dieses Dorf mit dem fantastischen Namen gezogen, in dem es, wie sie später erzählt, noch nicht mal mehr einen Bäcker gibt. Herr Benjamin Schaarwächter vom Hof Prädikow, einem gemeinschaftlichen Projekt einiger Großstädter, die einen alten Gutshof in Brandenburg saniert haben. Außerdem: Herr Ministerialrat Brockhaus vom Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft, dessen Haupt-Line an diesem Abend eine Abwandlung des Satzes „Das liegt nicht in der Verantwortung des Bundes“ ist. Aber der Reihe nach.

Der Grund, dass hier überhaupt über die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land“ diskutiert wird, ist natürlich folgender: die Frage nach dem Wohnen ist das zentrale Thema unserer Zeit. Der Raum, gerade der ländliche, ist längst zu einer Metapher für die Art des Weltzugangs der in ihm lebenden Menschen geworden, sei es, wenn man über die autobahnblockierenden Gelbwesten in den verödeten französischen Provinzen spricht, sei es, dass man an die – natürlich im Rustbelt siedelnden – deplorables denkt, denen man Trumps Wahlerfolg anhängt. Und auch in Deutschland ist der Topos von den Abgehängten präsent, sobald wir über Teile Ostdeutschlands sprechen. Aber ist das so? Oder gibt es Hoffnung? Ist es vielleicht, wie häufig bei zu einfachen Narrativen, so, dass man sie einfach nur ein bisschen drehen muss und schon entsteht eine segensreiche Dynamik? Ist vielleicht das Land mit den Dörfern als regionalen „Hubs“ der Zukunftsgenerator par excellence? Wie kann man die bäckerlosen Dörfer wieder lebendig werden lassen? Eigentlich, sagt Cornelius Adebahr, der Moderator, mache man heute Abend natürlich alles falsch, weil man hier, an diesem äußerst urbanen Ort, über die Dörfer spreche, statt in die Dörfer hineinzugehen. Aber man lernt doch trotzdem einiges.

Tante Emma-Laden neu gedacht

Den Eingangsvortrag hält Dr. Tobias Federwisch vom „Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung“. Er forscht zum Thema „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“. Das klingt zwar wie ein Uni-Reader für Urbanistikstudenten, ist aber interessant: Federwisch erinnert daran, dass Innovation nicht bedeute, etwas ganz Neues zu erfinden, sondern bekannte Lösungskonzepte auf neue Art und Weise zu kombinieren. Das heiße beispielsweise, dass ein Dorfladen dann innovativ werden könne, wenn man ihn mit moderneren Funktionen kombiniere – etwa, indem man Menschen mit Behinderung dort arbeiten lasse. Außerdem brauche es „intrinsisch motivierte, gerade zu missionsgetriebene Charaktere“, um ein Dorf wieder lebendig zu machen. Federwisch zeigt auf der Leinwand eine Folie, die aussieht wie die graphische Illustration der vermuteten Kommunikationsprozesse einer Alien-Zivilisation (viele Spiralen und etwas, das aussieht wie eine Herzfrequenz). „Mir geht es um den visuellen Eindruck, den sie hier bekommen“, sagt er, und dass man nicht alles verstehen müsse. Im Kern geht es um bestimmte Impulse, die in Kraft treten müssen, damit sich eine Erneuerungsdynamik entwickelt.

Erster Erkenntnisgewinn dieses Abends, basal, aber wichtig: Es gibt nicht „das“ Dorf, es ist natürlich etwas ganz anderes, wenn man im Münsterland wohnt als in Brandenburg. Zweite Erkenntnis: das riesengroße, eigentlich unfassbar große Problem dieses Landes ist seine versagende Infrastruktur. Man kommt nirgendwohin, kommt nicht weg, man kommt vor allem nicht dahin, wo die Kultur ist, und wenn man ein bisschen Glück hat, kommt die Kultur zu einem. Am Ende erhebt sich ein Mann aus dem Publikum und schildert die mühsame Anreise, die er aus einem Dorf hat hinter sich bringen müssen, um zur Veranstaltung zu kommen.

Adebahr erwähnt, dass die abendtitelgebende „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ ja im Grundgesetz verankert sei. Ministerialrat Brockhaus, der in seiner fast thomasmannhaften Namensautorität prädestiniert scheint, die Rolle des Bösen zu übernehmen, sagt zunächst, anlässlich des miserablen Internets, dass es auf dem Land gibt: „Glasfaser muss kommen, da müssen wir gar nicht mehr diskutieren.“ Und dann: „Zumindest 4G braucht man in der Fläche.“ Es sei unzumutbar, wenn der Handwerker seine Pläne im nächsten Internetcafé hochladen müsse. Dann weist er aber darauf hin, dass das mit der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse so nicht stimme, es handle sich dabei um Rahmenrecht, dessen Umsetzung Sache der Länder sei.

Frau Wenzel wirft irgendwann ermunternd ein, dass Quetzdölsdorf (das übrigens in Sachsen-Anhalt liegt) immerhin keine Einwohner verloren habe, es seien 400 gewesen als sie Mitte der Nullerjahre hingezogen ist, es seien in etwa noch genau so viel. Und es seien drei Kinder geboren worden.

Vertikale Farmen?

Scharwächter, der mit seinen Freunden auf dem alten Gutshof lebt und dort auch Seminare und Übernachtungsmöglichkeiten anbietet, steuert bei, dass das Land eine Möglichkeit biete, Lebensmittel zu produzieren, die die Stadt nie bieten könne, auch wegen der Möglichkeit, das Saatgut der Sonne zu exponieren. Davor hatte ein Herr aus dem Publikum darauf hingewiesen, dass spätestens im Jahr 2030 über 70 Prozent der Bevölkerung in Städten leben würden und man dort auch vertikale Farmen betreiben könnte, an denen derzeit intensiv geforscht werde.

Am Ende werden noch drei Projekte vorgestellt, die Antworten auf das Mobilitätsproblem darstellen: „Bruno der Bus“, eine Mischung aus Party-, Schul- und Shuttlebus wurde von einer Gruppe Buckower Freunde ins Leben gerufen und fährt die Leute jetzt dahin, wo sie gerade hinwollen. Es gibt ein Kino-Projekt, mit dem die Leute da Kino-Vorführungen veranstalten können, wo sie Lust haben, und ein Projekt für Medienvielfalt. Die ganz große Lösung ist vielleicht noch nicht dabei, aber wie war das mit der Innovationen und den bekannten Lösungskonzepten? Und außerdem, sagt der grimmige Brockhaus, sei es mit der Gleichwertigkeit sowieso nicht so leicht – wer den Nationalpark auf der einen Seite habe, könne sich nicht die Staatsoper auf der anderen wünschen. Aber ein Bäcker wäre ja vielleicht doch ganz nett?