Die öffentlich-rechtlichen Sender bespaßen ihr Publikum mit einer Parade aus Komikern, Witzeerzählern, Hofnarren und ein paar politischen Kabarettisten. Subversive Kraft sucht man vergebens, moralischer Populismus triumphiert.

Claus von Wagner, neben Max Uthoff gastgebender Klinikchef der ZDF-„Anstalt“, erachtete es unlängst beim Blick auf den Zustand seiner Zunft als dringend geboten, an die Definition seiner Kunstsparte zu erinnern. „Kabarett“, sagte er, „ist das Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang eines informierten Zuschauers.“ Und fügte hinzu: „Doch was macht man, wenn über wesentliche Belange nicht, falsch oder manipulativ berichtet wird?“

In normalen Zeiten sind Journalisten dafür zuständig, Journalismus zu betreiben, während sich die Kabarettisten um das Kunsthandwerk der satirischen Nachrichtenbearbeitung kümmern. Doch wir leben nicht in normalen Zeiten. Die Ära Merkel hat die Republik umfassend sediert und sie in einen Dämmerzustand aus Opportunismus, Diskursverschleppung und Paralyse versetzt. Aus diesem Grund müssen politische Künstler sich nicht nur durch das Blabla der politischen Macht kämpfen, sondern parallel auch noch die journalistischen Defizite der loyalen Leitmedien aufarbeiten. Das kostet Nerven und unendlich viel Zeit, also auch Sendezeit. Und so greifen die „Anstalts“-Macher immer wieder zum Trick der antiquierten Grundschulschautafel, um den Zuschauern auf diesem Weg die grundlegenden Fakten des jeweiligen Themas zu vermitteln.

Trotz dieser Widrigkeiten schafft man es in jeder Folge, Facetten aus dem rotierenden Irrsinn unseres Absurdistans herauszugreifen, das Rad anzuhalten und die Dunkelstellen mit detektivischer, respektloser und im besten Sinne unterhaltsamer Präzision zu erhellen. In den fünf Jahren nahm man sich Themen wie Steuergerechtigkeit, Sexismus, Rechtsextreme oder Automobilindustrie vor und kümmerte sich um Griechenland wie auch des Öfteren um die westliche Wertemilitanz in Libyen, Syrien und der Ukraine.

Vorbild Dieter Hildebrandt

Man legt hohes Tempo an den Tag, intellektuelle Schärfe, eine lockere Mischung aus Kalauern, Parodie, Klartext und radikaler Opposition zum politisch-medialen Konventionellen, oft auch in Form der Medien. Und die reagieren nicht immer wohlgesonnen. Mal erkennt man die Autoren als Putin-Trolle und antiamerikanische Aufwiegler oder straft das ganze Format als arroganten Agitprop und neomarxistisches Bauerntheater ab. Max Uthoff sieht die Sache ziemlich nüchtern: „Wir versuchen, so gut es geht, Missstände oder vom System produzierte Widersprüche und Ungerechtigkeiten offenzulegen. Und nutzen die Chance innerhalb des Mainstreammediums ZDF, klare Gegenpositionen zu formulieren und Zweifel zu multiplizieren. So schwach unsere Wirkung in letzter Konsequenz auch sein mag, so wichtig ist es uns, diese Form einer Gegenkultur unbeirrt und unbeugsam durchzuziehen.“

Bruno Jonas und Dieter Hildebrandt im Studio der Sendung „Scheibenwischer“: Klagen und Zensur galten Hildebrandt als Ritterschlag

Dieter Hildebrandt war der Meinung, dass Kabarettisten bei Preisen und Ehrungen misstrauisch sein sollten, weil damit die Gefahr droht, in den Rang von Staatshumoristen zu geraten, quasi als Beamte des genehmen Hofnarrentums. Als wahre Ritterschläge galten dem Pointen-Homer dagegen Klagen und Zensur. Nachdem Uthoff & Wagner 2014 die Namen einiger prominenter außenpolitischer Experten als Mitglieder Nato-freundlicher Elitenetzwerke auf ihr Whiteboard gepappt hatten, ging die empörte Zeit mit einer solchen Klage gegen das ZDF vor, nebst einstweiliger Verfügung und Entfernung der Folge aus der Mediathek. Im Januar 2017 wies der Bundesgerichtshof das juristische Ansinnen mit der Begründung zurück, dass eine „satirische Darstellung auch Ungenauigkeiten enthalten darf“

Keine Skrupel, sich selbst mit Preisen zu überhäufen

Solche Böcke hatte das Establishment schon lange nicht mehr geschossen. Da muss man schon zurück ins Jahr 1975, in dem die Mainzer eine Folge von Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ aus dem eigenen Programm hievten, weil er die Abtreibungsdebatte thematisierte, und 1977 das noch einmal so handhabten – diesmal wegen zu geringer Distanzierung vom Terrorismus. Als im Mai 1986 der BR-Fernsehdirektor Helmut Oeller wegen eines harmlosen Sondermüllgags eine Folge des „Scheibenwischer“ im bayerischen Sendegebiet verhinderte, machte folgender Witz die Runde: „Was ist der Unterschied zwischen der DDR und Bayern? In der DDR konnte man den ‚Scheibenwischer‘ sehen.“

Die aktuellen Stars – ja, genau so nennen die sich – der Kabarettszene indessen haben keinerlei Skrupel, sich gegenseitig bei den unzähligen TV-Inzuchtevents vor blinkenden Sponsorenvorhängen mit Statuen und Pokalen zu versorgen. Nuhr an Kebekus und Kebekus an Nuhr und Appelt an Altinger und Olaf an Oliver und Lizzy an Sissy und Lachen, Winken, Kusshand, Fünfer, bis zum nächsten Mal. Da weder Ovid, Freud noch Sloterdijk ein zuverlässiges Gütesiegel für Humor geschaffen haben, bleibt uns als einziges Maß nur das lapidare: Wer die Leute zum Lachen bringt, hat recht.

Moralisch hochstehende Empörungsdienstleister

Was also am Ende gut, dumm, peinlich, anarchisch, geschmacklos oder grandios ist, bleibt fürs Erste jedem selbst überlassen. Wenden wir uns lieber der Situation zu, dass wir es seit einiger Zeit mit einer stetig anwachsenden Gruppe von Männern und Frauen zu tun haben, die einen Hang zur humorigen Weltendeutung in sich verspüren und das seltene Glück haben, dass ihnen die öffentlich-rechtlichen Anstalten die sonst so hart umkämpften Sendeplätze zur Verfügung stellen, und zwar auch dann, wenn es sich um hochgradige Dilettanten und Fremdschamerzeuger handelt.

Der bayerische Kabarettist Helmut Schleich äußert dazu die folgende Vermutung: „Ich denke, dass viele dieser neuen Kleinkünstler gerade im TV die Chance sehen, relativ schnell groß rauszukommen. Da wird schnell taxiert, wie es in diesem Job um Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten bestellt ist.

2016 wurde Dieter Nuhr als „Bester Komiker“ mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet

Und weil das zurzeit eben gut aussieht, steigt da sicher die Bereitschaft, gewisse Aussagen und Inhalte – sagen wir es mal höflich – zu optimieren. Für die Sender ist die Rechnung ganz einfach: viel Quote für sehr wenig Geld.“ Sein Münchner Kollege Bruno Jonas fügt hinzu: „Es gibt ja in diesem Land zurzeit ein großes Bedürfnis nach Empörung. Und nicht wenige Kollegen gefallen sich mächtig in der Rolle eines moralisch hochstehenden Empörungsdienstleisters. Ich bezeichne dieses paradoxe Auftreten, also die Pose aus maximaler Anklage und minimalster Konsequenz, als einen moralischen Populismus.“ Die neue deutsche „Witzischkeit“, um Hape Kerkeling zu paraphrasieren, hat ihre ganz engen Grenzen und kennt tatsächlich kein Pardon.

Das Elend des Dieter-Nuhr-Kabarett

Bei der ARD, deren Politsegment seit Jahren permanenten Vorwürfen ausgesetzt ist und kaum noch dem Rechtfertigungsmodus entkommt, stand am Jahresende 2018 eine Woche der Gerechtigkeit auf dem Programm. Da ließen sich natürlich auch die Haus- und Hofkomiker nicht lumpen, und so wurde dieser Studiosermon mit wahren Ovationen beklatscht: „Wir haben in unserem Land ein ziemlich gutes, sicher nicht perfektes Gleichgewicht aus Freiheit und Gerechtigkeit, vielleicht die beste Mischung, die es jemals auf der Welt gab. Aber der Wille, sich als Opfer zu fühlen, ist einfach gigantisch bei uns. Und das hat nichts mit mangelnder Gerechtigkeit zu tun, sondern mit der Unfähigkeit, das Erreichte wertzuschätzen. Danke. Gute Nacht.“ Diese vorweihnachtliche Botschaft stammte weder von der Pfarrerstochter Angela Merkel noch von der Bütt eines Bedford-Strohm, sondern aus der Feder des Humorhohepriesters des Ersten, des Ex-Lehrers Dieter Nuhr, den Henning Venske von der Lach und Schieß einmal als „neoliberalen Mittelstandshumoristen“ bezeichnete.

Auch äußerlich schon erinnert der irgendwie sinnlos-beschwingt tänzelnde Conférencier mit dem halbgefrorenen Dackelblick an den beturnschuhten Bruder von Steffen Seibert. Die Marke Nuhr ist eine seltsam konturlose Gestalt, eine Mischung aus ein wenig Disko-Türsteher, einem auch bei Lehrern beliebten Klassenclown, einem durchreisenden Jahrmarktjakob und einer sprechenden Parkuhr. Und Nuhr ist alles, nur kein plausibler Manager, weder von Satire noch von deren Gipfel. Nun muss politisches Kabarett nicht zwanghaft mit der tristen Realität einer Neuköllner Sozialdoku konkurrieren, doch ihr Kerngeschäft besteht nun mal in Aufklärung, Erkenntnisgewinn und einer antiautoritären Komik. Kabarett ist ein Impuls für Schwache und Abgehängte und ein Tritt in den Hintern für präpotente Dummheit.

Kabarett für die Massen

In diesem Sinne bot das Thema Gerechtigkeit ein großartiges Spielfeld: Wohnungsnot, Millionen prekärer Jobs, Migration, Altersarmut, Bildungszerfall, krankes Gesundheitswesen, Energiedebakel, Cum-Ex und den alltäglichen Irrsinn dieser Bananen-Groko. Stattdessen johlten Nuhrs Claqueure über den doofen Kommunismus, über doofe Falschpinkler, doofe Arbeitslose, von Neid zerfressene Zukurzgekommene, Bucklige, Zahnlose, Zwerge, doofe Altachtundsechziger, frustrierte Populisten und doofe Kinder von doofen Eltern. Das Leben, so Nuhr, sei nun mal ungerecht, und ein Topmodel will eben nun mal mit keinem Krüppel ins Bett und nicht jeder kann Millionär werden, auch weil große Leistungen viel Disziplin, Entbehrungen und Glück brauchen, und es sei ja wohl zum Totlachen, wenn jeder Vollidiot erwarte, auf der Sänfte durchs Leben getragen zu werden.

Ohne konkreten Nuhr-Bezug äußert Helmut Schleich sein Unbehagen angesichts dieser Art von Satire: „Kabarett für die breite Masse zu machen, bedeutet in unserer Konkurrenzgesellschaft, den Verlierern mitzuteilen, dass sie nun mal an ihrem Los selber schuld sind. Gelacht wird deswegen so laut, weil jeder im Saal davon ausgeht, dass es ihn noch nicht ereilt hat. Ein Kabarett solcher Machart kalkuliert diese Wirkung auch ganz bewusst ein und ist in letzter Konsequenz sogar demokratiezersetzend und das pure Gegenteil der eigentlichen Zielsetzung.“ Etwas Kante zeigt Nuhr immerhin beim Thema der muslimischen Machokultur und dem paradoxen Mitleidshumanismus der grünen Welcomer*innen: „Während auf islamische Märtyrer 72 Jungfrauen im Himmel schmachten, wartet auf die Frauen nur der eigene Ehemann.“

„Radikale Opposition betreiben“

Ein kurzer Blick zurück: In der oftmals verklärten Blütezeit des politischen Kabaretts, großzügig bemessen zwischen 1960 und 1985, dienten sich seine Protagonisten als fahrender Wanderzirkus der SPD an. Man war sich einig im Engagement gegen Franz Josef Strauß, Krieg, Atom, Amigo-Filz und US-Imperialismus. Die meisten Polithumoristen halten mit masochistischem Genuss dieser halluzinierten Mehrheit links von der Mitte bis heute die Treue. Ab Mitte der Achtziger hatten aber Dutzende von RTL & SAT-Karnevalisten die Bühnen gekapert und es dem ohnehin vom Dotcom & Yuppie-Elan verwirrten Publikum schwer gemacht, in dem Joker-Chaos aus Harald Schmidt, Stefan Raab, Dieter Hallervorden, Mario Barth, Volker Pispers, Hella von Sinnen, Sigi Zimmerschied und Konsorten noch halbwegs sortenreine Kabarettisten auszumachen. Auch die Motivationslagen und Intentionen der Entertainer in jener Epoche der x-Beliebigkeit ließen sich kaum noch erschließen.

Als Kompass galt ein barocker Buddha namens Ottfried Fischer, der nahezu jeden Vertreter der gesamtdeutschen Humorarbeit in seinem BR-„Schlachthof“ bewirtete und wie kein Zweiter befugt ist, die Gebote der Berufsethik in Stein zu meißeln: „Sich von Parteien frei machen. Unbeirrt Mahnen und Warnen. Dem Streben nach positiver Weltveränderung verpflichtet bleiben. Die eigene Fantasie und Kraft der Ideen benutzen. Speerspitze sein gegen die herrschende Macht. Radikale Opposition betreiben. Debatten und Diskurs anfeuern. Die Menschen aufklären und inspirieren und dies attraktiv, modern und kunstvoll. Komisch sein, mutig, schlagfertig, tiefgründig, Grenzen überschreiten und auch mal Schmerzen bereiten.“

Die Sprachröhre der Open-Border-Weltidee

Wenn es jemandem gelingt, richtig Schmerzen zu bereiten, dann ist es die deutsche Pussy-Riot-Filiale von Caroline Kebekus. Die hochdekorierte, ständig ausverkaufte, schonungslose, stimmgewaltige und provokativ-miniberockte rheinische Frohnatur ist im wahrsten Sinne die Sprachröhre der rot-grünen Open-Border-Weltidee. Früh schon ging sie auf Nummer sicher, leckte im Nonnenkostüm ein Kruzifix ab und reimte: „Er ist meine Bank, nur für ihn zieh ich blank.“ Als sie munter weiterslamte – „Bei Gott geht der Punk ab, weil nur er den Funk hat; Jesus ist der Shit, und wer das nicht glaubt, der kackt ab“ –, intervenierte die Bischofskonferenz beim WDR, worauf sich der Sender und seine angestellte Aktivistin damit schmücken dürfen, als knallharter, hemmungsloser, antiklerikaler Tabuknacker gegen rechts anzukämpfen.

Carolin Kebekus beim Comedypreis 2018: „Früh schon ging sie auf Nummer sicher“

Den ARD-Fernsehräten gilt die verhaltensauffällige Künstlerin als Erotikum, um die Jugend wieder an die matte Scheibe zu holen. Zudem entspricht alles, was Frau Kebekus in ihrer juvenilen Wut von sich kreischt, mehr oder weniger punktgenau dem Stammtisch-„Framing“ des regierenden Tugendregimes: AfD – zum Kotzen. Alte weiße notgeile Männer – ebenso. Erdogan, Orbán, Putin und vor allem Trump – die können sich auf was gefasst machen, wenn Kita-Caro zum Florett greift: „Ein 15-jähriger pubertierender Junge, gefangen im Körper eines 70-jährigen orangefarbenen Mannes“.

Und auch in Sachen Brexit-Briten klebt das It-Girl fest am Leim des Mainstreams zwischen Kanzleramt und dessen grün-rotem Schattenpersonal: „Euer Land hat Scheißfraß, und die Männer haben Titten. Niemand braucht auf Malle vollgesoffene Briten.“ Natürlich röhrt und rockt Carolin bei jeder Fair-Trade-Gelegenheit gegen Hetze, Ausgrenzung und Rassismus, immer ganz schön bunt, offen, frei, frech und irre laut. „Das Herstellen der Komik ist schwere Arbeit. Es ist Quälerei. Das sind nicht Einfälle, mit denen man spielen kann wie mit Bällen. Da kommt es auf Rhythmus und Genauigkeit an.“ Das wiederum sagt nicht Kebekus. So sprach Loriot.

Kabarett wurde auf Linie gebracht

Links sein stand und steht für die klassischen Werte: Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Pazifismus, Aufklärung, Solidarität, Freiheit aller Menschen und Zivilcourage. Dieses Geschäft im kabarettistischen Sinne betreiben derzeit noch die Macher der „Anstalt“, Pelzig und Priol. Schramm und Pispers haben sich ins Youtube-Archiv verabschiedet. Die restlichen „linken“ Satiriker sind durch die beiden Fußfesseln der Migrationsfrage und der Russlandparanoia moralisch ans Kanzleramt angekettet. Das mag, außer der bereits erwähnten Demutspose gegenüber rot-grünem Haltungskitsch, erklären, wieso auf Realitätskontakt verzichtet wird. Das Verspotten der immer gleichen Schießbudenfiguren kompensiert mühsam das feige Abducken bei den Themen Euro und Brüsselzirkus, den ungeklärten Fällen von NSU und Amri, der importierten Kriminalität, dem expansiven Nato-Treiben und vor allem dem medialen Desaster in dieser durch und durch formatierten Republik.

Der vom „Scheibenwischer“ bekannte Bruno Jonas ist eine der wenigen Kabarettgrößen ohne Kollisionsscheu mit dem grünen Wellnessmilieu: „Ich sehe die Grünen auf dem Weg zur neuen Religionsgemeinschaft, hochstilisiert zu den Heiligen der Letzten Tage, für die wir irgendwann Kirchensteuer zahlen müssen. Deren Dogmen, alle diese nicht mehr hinterfragbaren Wahrheiten, ihre apokalyptischen Versprechen und das warnende Geraune schreien doch nach satirischer Bearbeitung.“ Damit verursacht er bei seinen angestammten Fans ziemliche Irritationen. „Wer den linken Laufstall überschreitet, wird als Abtrünniger behandelt. Logische Argumente spielen dabei keine Rolle. Humor, Selbstironie und Querdenken sind im linksgrünen Bereich nicht erwünscht. Wenn ich mir das in Ruhe betrachte, stelle ich fest, dass das politische Kabarett nach und nach auf Linie gebracht wurde.“

Oliver Welke und die „Heute Show“

Noch ratloser reagieren die Zuschauer, wenn Jonas so loslegt: „Also, der Islam gehört zu Deutschland? Wir erinnern uns ja alle an jenen unglücklichen Bundespräsidenten Wulff, als er diesen populistischen Satz vom Blatt las. Genauso populistisch sage ich Ihnen: Der Islam gehört nicht zu Deutschland! Und der Islam gehört ja auch nicht zu Deutschland! Wer oder was ist denn dieser Islam? Da gibt es Sunniten, Schiiten, Aleviten, Wahhabiten, es gibt deutsche Salafisten, die Muslimbruderschaft, versprengte IS-Kämpfer, dann die Al-Nusra- Befreiungsfront und den angeblich aufgeklärten Islam. Und die sollen alle zu Deutschland gehören? Nein. Wissen Sie, wer zu Deutschland gehört? Friedliebende Muslime, die sich ans Grundgesetz und die Grundrechte gebunden fühlen.“ Klatschen? Kaum. Eher Staunen und ratlose Blickwanderungen im Studio. „Ja, ja, ich weiß, wer den Islam kritisiert, ist islamophob. Ich bin vor über 43 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, hab nie aufgehört, sie zu kritisieren, aber noch nie hat mich deswegen einer katholophob genannt. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, oder?“

Moderator Oliver Welke: „Bubenhumor im Pausenhof einer Waldorfschule“

Der Deutschen liebste Kabarettsendung ist ein abgekupfertes US-Format und heißt „Heute-Show“. Sie folgt am Freitagabend dem eher unfreiwillig satirischen „Heute-Journal“ – und greift auf dessen Stilmittel zurück: das Verlesen von Nachrichten, das Verwenden von textstützenden Bildtafeln, das Zuschalten von Außenreportern und die Bewirtung von Experten. Von formaler Kreativität befreit, kann sich das vielköpfige Autorenteam darauf konzentrieren, die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen auf Pannen, Abweichungen oder witzige Versprecher abzuklopfen. Das führt zwangsläufig zu großer Belustigung bei dem besinnungslos euphorisierten Studiopublikum. Die kollektive Hocherregung erfasst nun auch Anchorman Oliver Welke, der seine Freude angesichts der deftigen Zoten, toxischen Wortspiele und Mickey-Mouse-Cartoons nur mit großer Mühe verbergen kann, ständig gluckst und immer wieder indigniert den Kopf schütteln muss, wenn man der Kanzlerin wieder ordentlich eins ausgewischt hat.

Braver Bubenhumor im Rahmen des Erlaubten

Natürlich ist das frech, keck und lustig, hat auch seinen Reiz wie eine gewisse Berechtigung und verärgert mitunter sogar ungelenke Parlamentarier, die sich für ein Drehverbot unter der Glaskuppel starkmachen. Letztlich gleicht der Klamauk dem Bubenhumor im Pausenhof einer Waldorfschule, wo man sich die Füße im Rahmen des Erlaubten vertritt. Helmut Schleich beurteilt diese Art von Stammtischhumor so: „Es kommt natürlich sehr gut an, wenn der TV-Kabarettist mehr oder weniger die Leitartikel der sogenannten Qualitätsmedien paraphrasiert und das Ganze sogar noch als Haltung verkaufen kann. Mit der politischen Macht scharf und pointiert ins Gericht zu gehen und diese Erkenntnisse in echtes Entertainment zu verwandeln, verlangt indessen profunde Recherche und ist ungleich aufwendiger, als über irgendwelche Bedrohungen durch ,Nazis‘ zu schwadronieren und sich damit billige Ovationen zu verschaffen. Leider ist es aber auch so, dass der normale Kabarettbesucher mittlerweile gar keine echten Irritationen mehr erwartet.“

Folgerichtig bedienen Welke & Friends die üblichen Ressentiments und erweisen sich als Handwerker der leichten Muse, wo höchstens mal ein gekreuzigter Osterhase für Ärger sorgt oder ein parodierter Stotterer aus den Reihen der AfD. In Schulternähe zu vielen Leitmedien werden die Partei und deren Wähler in jeder Folge zu Nazis, Hetzern und Rassisten erklärt. Danach ist die „handverlesene Arschgeigentruppe“ des Trump-Kabinetts an der Reihe, gefolgt vom Krimaggressor Putin und Fassbombenmörder Assad, und dann schließt sich der Bogen mit populistischen Wirrköpfen, die mit Brüssel ihre Probleme haben, den Dieselabgasen oder dem Welcome-Movement. Vom Mut und Geist eines Hildebrandt, von der wahrhaftigen Anarchie eines Schramm oder der erhellenden Kraft eines Pispers ist hier weit und breit nichts zu verspüren. In logischer Folge dessen begründete die Jury die Übergabe des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an die Macher: „Aufklärung mit Genuss in Zeiten des Politikverdrusses und des Misstrauens gegenüber herkömmlicher Berichterstattung.“

Hohe Kunst mit „Haltung“

Wie staatlich geprüfter Humor heute funktioniert, präsentierte Oliver Welke am 23. November 2018, als er mit feierlichem Pathos den Geist des Kanzleramts veredelte: „Es ist unfassbar, was über diesen UN-Migrationspakt gelogen wird. Dabei geht es doch um menschenwürdige Standards für Länder, die Migranten aufnehmen. 85 Prozent von denen leben in Entwicklungsländern, und dies unter schlimmsten Bedingungen. Und wenn wir daran nichts ändern, dann kommen die eben zu uns. Ganz einfach.“ Das eigentliche Tragikomische an diesem Hofkomödiantentum besteht in der schleichenden Umwertung des Kanons, die dazu noch freiwillig angedient wird.

Als Jan Böhmermann den türkischen Präsidenten Erdogan beschimpfte, wurde die Causa zur Staatsangelegenheit

Noch paradoxer als die Tatsache, dass wir heute ein Kabarett von oben nach unten vorfinden, ist die Heuchelei, mit der uns das hypermoralische Gehabe als Haltung verkauft wird, eine Tugend, mit der wir Mut, Würde und Risikobereitschaft assoziieren sollen. Doch hinter dem hoch gehandelten Modebegriff „Haltung“ ist mühelos seine eigentliche Bedeutung wahrzunehmen: der blinde Gehorsam wilhelminischer Kasernenhöfe, Kompanie stillgestanden! Haltung einnehmen! Augen rechts! Das Gewehr über! Rührt euch!

Eine solche hohe Kunst mit Haltung entdeckten unter anderen Welke, Hallervorden wie auch Springer-Chef Mathias Döpfner beim Cheflyriker des ZDF, Jan Böhmermann, als der dem türkischen Präsidenten vorhielt, dass er übel rieche, Mädchen schlage, geschlechtlich mit Ziegen verkehre, Kinderpornos schaue, eine „dumme Sau“ mit „Schrumpelklöten“ sei und zudem „schwul, pervers, verlaust und zoophil“ und an Gangbangpartys teilnehme, „bis der Schwanz beim Pinkeln brennt“. Die halbe Nation hatte damals ihre Liebe zur Dichtkunst entdeckt, und auch ein Großteil unserer politisch-medialen Elite entzückte sich an den Spottversen. Es wäre spannend, sich auszumalen, wie ein Robert Habeck oder Norbert Röttgen als Betroffene auf solchen Heidenspaß reagiert hätten.

Keine Feindschaft mehr für „die da oben“

Während bei ARD und ZDF wohlbegründete Programmbeschwerden die Archive bis unter die Decke auffüllen, sind Kabarettsendungen wie die „Anstalt“ dazu angehalten, für jede Folge und jede kritische Bemerkung eine Website mit seitenlangen Belegen und Faktenchecks zu betreiben. In normalen Zeiten sind satirische Zuspitzungen und Verdrehungen nicht nur durch die künstlerische Freiheit gedeckt, sondern gehören zum grundlegenden Jobprofil. Aber wir leben in keinen normalen Zeiten.

Bruno Jonas macht immer wieder die Erfahrung, dass sich betreuende Redakteure im Dienste einer proporzgerechten Fernsehtauglichkeit einmischen und zu Kontroverses gerne abmildern, auch um so den viel benutzten „Beifall von der falschen Seite“ zu vermeiden. Warum die „Anstalt“ bislang nur einmal aneckte, regt Max Uthoff zur Nachdenklichkeit an: „Dass wir nicht zensiert werden, kann man auf vielfache Weise interpretieren: Entweder das System ist so sattelfest, dass Kritik die Mächtigen nicht mehr groß juckt. Oder wir sind so zahm, dass ,die da oben‘ keine echte Feindschaft erkennen.“