Deutsche Passagiere echauffieren sich lustvoll über die Verspätungen der Bahn. Die Bahn hingegen bleibt stets höflich, entschuldigt sich und übernimmt Verantwortung, auch wenn sie mal nicht die Schuld trifft. Vielleicht ist die Bahn besser als wir.

Letztens auf dem Bahnhof in Potsdam, morgens um halb acht. Der Regionalzug nach Berlin steht abfahrtbereit am Bahnsteig, die Pendler sind bereits eingestiegen, gleich werden sich die Türen schließen – da stürzt ein letzter Fahrgast herbei und drängt sich mit knapper Not in den Zug. Der Lokführer, der die Szene beobachtet hat, sagt mit vorwurfsvoller Stimme über Lautsprecher, sodass es in allen Waggons zu hören ist: „Pünktlich kommen ist für Sie am Morgen wohl auch schwer, wa?“

Aus diesem Rüffel spricht Genugtuung: Ausnahmsweise ist nicht der Zug unpünktlich, sondern ein Passagier! Die gequälte Seele des Lokführers verschafft sich Luft, endlich einmal kann er zurückschlagen, und in seinem Eifer tut er’s über Lautsprecher! Wer hätte nicht Verständnis dafür? Jeder von uns kennt die 15-köpfige Rentnergruppe mit Fahrrädern, die seelenruhig, mit maximaler Umständlichkeit einen Zug besteigt.

Bahnhass = Selbsthass?

Wie viele Verspätungen gehen auf das Konto dieser zu Recht gefürchteten Gruppen? Die Zahlen müssen gewaltig sein. Und diese fatalen Rentner sitzen, nachdem sie endlich eingestiegen sind, wohlgemut zwischen ihren Rädern und lästern über die Unpünktlichkeit der Bahn. Zeigt sich darin nicht die ganze Schizophrenie des deutschen Bahnhasses? Ist dieser nicht in Wahrheit ein Selbsthass?

Jedes Land hat die Bahn, die es verdient. Irgendetwas kann nicht mit uns stimmen, wenn wir eine solche Bahn haben. Du und ich – wir sind wie sie. Die unpünktlichen Züge, die defekten Klimaanlagen, die blockierenden Türen: In all dem liegt der kaum verschlüsselte Wink, dass es auch mit uns nicht mehr weit her ist. Was haben wir denn überhaupt noch, womit wir die Welt beeindrucken können? Längst schwimmen wir im Mainstream der globalisierten Mittelmäßigkeit, unser berühmtes Dichten und Denken, jede deutsche Besonderheit ist dahin, hat sich im Einheitsbrei des Westens aufgelöst, und wenn nun auch noch unsere Technik versagt, dies bisschen Organisation, Effizienz …

Die Bahn ist besser als wir

So hält uns die Bahn zur Bescheidenheit an, versetzt dem auftrumpfenden deutschen Wesen, das schon oft so viel Unheil angerichtet hat, einen wohltätigen Dämpfer. Selbst die kürzeste Zugreise belehrt uns darüber, dass die deutschen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wer weiß, vielleicht wären wir ohne die Bahn längst in einen nationalistischen Taumel verfallen, außer Rand und Band, Europa und der ganzen zivilisierten Welt ein Schrecken! Das Ausland kennt diese psychologischen Zusammenhänge genau. So schrieben türkische Zeitungen bei der Eröffnung des Großflughafens Istanbul, dass die Deutschen die Türken um einen solchen Flughafen „beneideten“. Sie hätten hinzufügen können: „So wie sie uns auch um unsere pünktlichen Züge beneiden.“ Das wäre der K.-o.-Schlag gewesen.

Kann es sein, dass die Bahn sogar – besser ist als wir? Man denke an die makellose Höflichkeit, mit der sie sich immer wieder für ihr Zuspätkommen entschuldigt. Durchsagen wie „Grund für die Verzögerung ist eine Verspätung aus vorangegangener Fahrt“ sind ein Muster an Zartheit und Diskretion. Nie käme es der Bahn in den Sinn zu sagen: „Grund ist eine umständlich zugestiegene Rentnergruppe.“ Stets übernimmt sie die Verantwortung für die Taten anderer und beweist damit eine Noblesse, wie es sie in diesem Land, in dem alle gegen alle kämpfen, jeder schlecht über jeden redet, sonst gar nicht mehr gibt. Hut ab! Die Bahn hat nicht das Land, das sie verdient.