Der angekündigte Abzug der US-Truppen droht Nordsyrien zu destabilisieren. Das Gerangel der regionalen Mächte um die selbstverwaltete Zone hat schon begonnen. Jeder Schritt kann einen Krieg provozieren.

Schon einen Tag nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, die amerikanischen Truppen aus Nordsyrien abzuziehen, flogen die Mitarbeiter des Außenministeriums zurück in die Heimat. Das US-Militär soll ebenfalls möglichst schnell die Koffer packen.

Zwar werden die Truppen noch ein paar Monate bleiben, so lange, bis die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) besiegt ist. „Der Präsident versteht die Notwendigkeit, die Arbeit zu Ende zu bringen“, erklärte der republikanische Senator Lindsey Graham am Sonntag nach einem zweistündigen Gespräch mit dem Präsidenten in Washington. Er gehe davon aus, dass Trump entschlossen ist, den IS vor dem Truppenabzug „vollständig“ zu besiegen.

Doch allein die Aussicht auf den baldigen Abzug der auf insgesamt 4000 Mann geschätzten US-Elitetruppen rückt die Region ins Zentrum der Interessen der regionalen Mächte. Trumps Entscheidung bringt den Mittleren Osten gefährlich ins Wanken, nachdem das Machtgefüge über zwei Jahre relativ stabil geblieben war.

Das Assad-Regime, die Türkei, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten – alle wollen ein möglichst großes Stück vom Kuchen abhaben. Schließlich umfasst das Gebiet im Norden des Landes, das vom Euphrat bis an die irakische Grenze reicht, etwa ein Drittel Syriens. Es ist eine Kornkammer des Landes, reich an Erdöl und Erdgas.

Zudem hat Nordsyrien geostrategische Bedeutung durch seine Grenzen zum Irak und zur Türkei. Diese Ziele verfolgen die regionalen Mächte:

Syrien

Für das syrische Regime ist der im Bürgerkrieg erlittene Verlust Nordsyriens schmerzhaft. Ihm fehlen die Einnahmen aus den fossilen Rohstoffen. Zudem ist die Gegend eine von insgesamt zwei verbliebenen Hochburgen der Opposition. Der syrische Präsident Baschar al-Assad kündigte bereits im Juni an, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Nordsyrien zurückerobert werde. „Falls sie nicht aufgeben, müssen wir Gewalt anwenden“, sagte Assad. „Das ist die einzige Lösung, um die Kontrolle über unser Land zu erlangen.“

Mithilfe der verbündeten Weltmacht Russland sitzt Assad so fest im Sattel wie nie zuvor im Laufe des siebenjährigen Bürgerkriegs. Im Sommer dieses Jahres fanden in Damaskus zwei Treffen mit Vertretern der Selbstverwaltung Nordsyriens statt. Die Verhandlungen am grünen Tisch verliefen jedoch ergebnislos. Denn die nordsyrischen Vertreter beharren auf einem autonomen Status innerhalb eines zukünftigen Syriens.

Für das syrische Regime wäre der Abzug der Amerikaner eine willkommene Gelegenheit, mit der widerspenstigen Demokratie in Nordsyrien aufzuräumen. Zurzeit aber kommt die syrische Armee der Selbstverwaltung zu Hilfe, um eine angekündigte Invasion der Türkei zu verhindern. Das Regime entsandte Soldaten westlich und nördlich der Stadt Manbidsch. Dort, entlang der türkischen Grenze, soll die syrische Armee als Puffer und Abschreckung fungieren.

Der Einsatz des Regimes ist jedoch nicht uneigennützig. Als Gegenleistung winkt Damaskus die prestigeträchtige Wiederaufnahme in die Arabische Liga. Syrien war 2011 aufgrund des brutalen Vorgehens gegen die friedlichen Proteste im Land die Mitgliedschaft aberkannt worden.

Golfstaaten

Es sind ausgerechnet die Golfstaaten unter Führung Saudi-Arabiens, die die Wiederaufnahme Syriens in die Arabische Liga vorantreiben. Dabei war es das saudische Königreich, das neben Bahrain und Katar über Jahre hinweg den Krieg der syrischen Rebellenmilizen gegen Assad finanzierte. Milliardenbeträge gaben die Golfländer dafür aus.

Jetzt sollen aus den Feinden Freunde werden. Den sunnitischen Golfstaaten geht es in Syrien heute darum, die Vormachtstellung des schiitischen Iran so weit wie möglich zu minimieren. Der Iran ist neben Russland der zweite wichtige Verbündete des Regimes und besitzt weitreichenden Einfluss. Von Teheran führt über Damaskus die Nachschubroute für die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon. Sie wird für den Kampf gegen Israel aufgerüstet.

Die reichen Golfstaaten haben gegenüber Assad angedeutet, auch beim Wiederaufbau des zerstörten Landes hilfreich sein zu können. 350 Milliarden Euro sind dafür veranschlagt, was Syrien allein nie aufbringen kann.

Und dann ist da noch Nordsyrien. Saudi-Arabien steht in gutem Einvernehmen mit der Selbstverwaltung und hat dort Soldaten stationiert. Diese trainieren seit einem Jahr Kämpfer arabischer Stämme aus Nordsyrien und rüsten sie mit Waffen aus. Mit dem Abzug des US-Militärs will Riad die Zahl der Truppen erhöhen und auch mit Kontingenten anderer Mitgliedstaaten der Arabischen Liga auffüllen.

Der saudische König Salman benutzt Nordsyrien als Druckmittel gegenüber dem Assad-Regime, aber auch gegenüber der Türkei. Ankara ist ein Unterstützer der radikalen Muslimbruderschaft und Verbündeter von Katar. Das winzige Emirat steht seit über einem Jahr unter einer von Saudi-Arabien angeführten Blockade.

Türkei

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan scheint der Weg für eine Invasion Nordsyriens frei zu sein. Er will mit allen Mitteln die kurdische YPG-Miliz ausschalten, die mit den USA und anderen Gruppen gegen den Islamischen Staat kämpft. Ankara stuft die syrische YPG als Terrorgruppe ein, da sie Kontakte zur verbotenen türkischen PKK hat.

Obwohl Erdogan den Einmarsch verschoben hat, stehen türkische Soldaten und 15.000 verbündete syrische Rebellen weiter in Alarmbereitschaft an der Grenze zu Nordsyrien.

Doch leichtes Spiel wird Erdogan nicht haben, nachdem die syrische Armee als Puffer an die Grenze gerückt ist und auch Saudi-Arabien Druck macht. Doch der türkische Präsident kann kaum klein beigeben. Zu großspurig hat er seine Offensive auf Nordsyrien angekündigt. Der „Kampf gegen den kurdischen Terror“ ist Teil der türkischen Staatsräson.

Wird Erdogan eine Konfrontation mit dem syrischen Regime und damit auch Russland riskieren? Ankara könnte die syrischen Rebellen über die Grenze schicken und behaupten, sie wären nicht mehr zu kontrollieren. Oder versucht das türkische Militär, nur das Hinterland zu bombardieren? In jedem Fall ist Erdogan in Zugzwang, um innenpolitisch nicht sein Gesicht zu verlieren.

Jeder Schritt kann einen Krieg provozieren.

Nordsyrien

Auf den ersten Blick klingt es verheißungsvoll, was sich die Selbstverwaltung in Nordsyrien vorgenommen hat: Basisdemokratie und Selbstverwaltung, in der alle Ethnien ein Recht auf ihre Kultur und Sprache haben und Frauen gleichberechtigt sind. Doch noch gibt es Probleme zwischen Arabern, Kurden und Assyrern. Aber Nordsyrien ist ein politisches Projekt, das wegweisend für Syrien und auch für den gesamten Mittleren Osten sein könnte.

Zuerst war es der IS, der es zerstören wollte. Die Terrormiliz ist nun fast besiegt, aber Washington lässt seinen Partner alleine mit den Bedrohungen der regionalen Mächte zurück. Der Schutz der Weltmacht, auf den Nordsyrien so vertraute, ist damit weg. Ohne neue Verbündete ist die Selbstverwaltung zum Untergang verurteilt. Im Kriegsfall könnten Hunderttausende von Menschen in die Flucht getrieben werden. Darunter wären auch die letzten Christen, die nicht, wie so viele andere bereits, nach Europa und in die USA geflohen sind.

US-Militärfahrzeuge im nordsyrischen Manbidsch. Präsident Donald Trump hat den Abzug seiner Truppen angekündigt

Die Selbstverwaltung hofft auf Hilfe aus Europa, insbesondere aus Frankreich. Aber aus Paris kommen keine verbindlichen Zusagen. Es hieß lediglich, dass Frankreich den Kampf gegen den IS fortsetzen werde. In der niederländischen Regierung wurden vor ein paar Tagen Forderungen nach einer Truppenentsendung in das Gebiet laut. Doch darüber müsste das Parlament entscheiden, und dann könnte es längst zu spät sein.

Die Türkei kann jeden Tag ihre Offensive beginnen. Auch Damaskus könnte damit beginnen, Nordsyrien zu erobern. Im Interesse des Westens kann eine Stärkung Assads nicht sein. „Wir verstehen Amerika und Europa nicht“, bekommt man in Nordsyrien immer wieder zu hören. „Wir führen den Kampf gegen den IS im Namen der Welt und versuchen zudem, Demokratie zu verwirklichen. Warum finden wir keinen dauerhaften und zuverlässigen Partner in Europa?“