Viele Ultraorthodoxe in Israel wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wen sie zu wählen haben. Das schwächt religiöse Parteien – und stärkt rechte Bewegungen wie Netanjahus Likud.

Asbestunim Süd, ein Stadtteil im Tel Aviver Vorort Lod, ist ein typisches Wohnviertel ultraorthodoxer Juden. Ein kleiner Kiosk an der Stadtausfahrt bietet Autofahrern an, schnell noch Gebetsriemen zum Morgengebet anzulegen, bevor sie die religiöse Enklave verlassen. Straßenplakate verkünden, wann der Sabbath beginnt. In den Korridoren der vierstöckigen Wohnhäuser parken Dutzende Kinderwagen. Die Treppenhäuser sind mit Bildern von Rabbinern geschmückt.

Asbestunim Süd ist aber dennoch keine Hochburg der ultraorthodoxen Parteien der Rabbiner, die dank ihrer besonderen Rolle als Königsmacher in Israels Politik seit 40 Jahren überproportional großen Einfluss genießen. Der 24 Jahre alte Israeli Krispine etwa sieht mit seinen Schläfenlocken und der großen schwarzen Kippa auf dem Kopf wie ein typischer Anhänger dieser Rabbis aus. Ist er aber nicht: „Ich bin Mitglied der Arbeiterpartei“, sagt der Werbefachmann stolz. „Solange wir im Krieg leben, wird hier nichts besser werden. Und nur die Arbeiterpartei will ein Abkommen mit unseren arabischen Nachbarn. Die Rabbiner bekommen meine Stimme nicht.“

Krispines Ungehorsam liegt durchaus im Trend: Einst strömten Israels ultraorthodoxe Juden auf Geheiß der Rabbiner in Massen zu den Wahllokalen, um dort ausschließlich für religiöse Parteien zu stimmen. Das verlieh den Rabbis viel Macht. Israels mächtigste Politiker schmeichelten ihnen, um deren Segen zu bekommen. Ohne sie konnten sie keine Koalition bilden.

Die Macht der Geistlichen wuchs mit ihrem Anteil an der Bevölkerung, da ihre Anhänger mehr Kinder bekommen als jede andere Gruppe der Gesellschaft – im Durchschnitt 6,9 pro Haushalt. Einst eine kleine Minderheit, die zur Staatsgründung Israels nur wenige Tausend Mitglieder zählte, stellen Ultraorthodoxe heute mindestens 17 Prozent der Bevölkerung. Doch bei diesen Wahlen ist alles anders: Laut Meinungsumfragen wird nur rund die Hälfte von ihnen für die Rabbinerparteien stimmen. Hinter den Kulissen findet nämlich eine stille Revolution statt, die Israels Rabbiner langfristig entmachtet.

Dabei genossen sie in den vergangenen vier Jahren als Teil von Benjamin Netanjahus Regierung enormen Einfluss, rangen dem Premier bedeutende Zugeständnisse ab. Sie annullierten das Wehrdienstgesetz, das Netanjahu einst selbst durchgesetzt hatte. Es hätte Ultraorthodoxe zum Wehrdienst gezwungen. Thoraschüler, die nicht arbeiten wollen, erhalten auch wieder Sozialhilfe.

Das Budget des Religionsministeriums wurde verdoppelt, das für Religionsunterricht für Jugendliche stieg um 550 Prozent. Ein Platz in der nächsten Koalition scheint den Rabbinern sicher. Netanjahu bezeichnet sie als „natürliche Partner“. Auch sein Rivale Benny Gantz erklärte, dass er mit den religiösen Parteien koalieren will. Das sieht nicht nach Machtverlust aus.

Dennoch sind die Rabbiner besorgt. „Zu Recht“, sagt Avigail Heilbronn, eine 30 Jahre alte, ultraorthodoxe PR-Expertin. Zum ersten Mal in der Geschichte investieren religiöse Parteien Hunderttausende Euro in digitale Wahlkampfplattformen. Abgeordnete tingeln auf Werbetour durchs Land. Das hat es so noch nie gegeben.

„Die Bibel enthält keine Anweisungen für Wahlen“

„Früher gaben die Rabbiner einfach Weisung“, so Heilbronn. Das wirke nun aber nicht mehr. Sie selbst jedenfalls wird für keine religiöse Partei stimmen: „Ich mache mir meine eigenen Gedanken. Die Bibel enthält keine Anweisungen für Wahlen.“

Solche Unabhängigkeit ist unter Ultraorthodoxen ein Tabubruch. Sie nennen sich selbst „Haredim“ – die vor Gott zittern. Seit Staatsgründung vertrauten sie auf ihre Rabbiner, auch in der Politik. Das ist Vergangenheit: „Vorige Generationen von Haredim lebten in Gettos, kannten nur ihre Parteien und die Plakate der Rabbiner“, sagt Heilbronn, junge Haredim haben nun Zugang zum Internet. „Dort lernen wir über die weite Welt, lesen andere Ideen“, sagt Heilbronn, die ihre erste E-Mail las, als sie 20 Jahre alt war.

Die Informationsflut habe den Status der Rabbiner demontiert. „In WhatsApp-Gruppen sah ich Filme, die zeigen, wie Rabbiner Entscheidungen fällen. Das ist nicht so heilig, wie ich mir das früher vorstellte.“ Heute kritisiert sie die Führung der Haredim offen. „Die Zeit der großen Rabbiner, denen alle gehorchten, ist vorbei“, urteilt Avraham Dov Grinboim, Redakteur der ultraorthodoxen Wochenzeitung „Haderech“.

Der Tod der großen Anführer hat die Haredim in eine Identitätskrise gestürzt. Sie suchen nach neuen Idealen. Dazu gehört auch nicht mehr die Armut, die Rabbiner predigen. Einer der einflussreichsten Rabbiner lebte bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren in einer winzigen Zweizimmerwohnung. Sein Mobiliar hatte er sich aus Obstkisten selbst zusammengezimmert.

Werbefachmann Krispine sitzt indes auf einer modischen Couch in der renovierten Wohnung seiner Eltern. Die weiße Küche ist frisch gekachelt, die heiligen Schriften stehen in einer riesigen, nagelneuen Vitrine aus Mahagoni: „Keiner will mehr armer Thorastudent sein“, sagt Krispine.

„Armut ist kein Ideal mehr. Ich finde es unverantwortlich, Menschen zu Armut zu erziehen“, sagt Heilbronn. „Es ist kein Verbrechen, ab und zu mal Urlaub zu machen oder sich etwas zu kaufen. Ich finde es indes kriminell, wenn man einen Lebenswandel hat, der es einem nicht einmal ermöglicht, eine Zahnbehandlung für die eigenen Kinder zu bezahlen.“ Wer mehr Bildung will, gibt nicht den Rabbis seine Stimme. Die wollen in ultraorthodoxen Schulen Thora statt Englisch, Mathematik oder Informatik unterrichten.

Nur zehn Prozent von Krispines Klassenkameraden blieben Haredim. Viele gingen zur Armee, um einen Beruf zu lernen. „Und wer einmal die große Welt gesehen hat, kehrt oft nicht mehr zurück“, sagt Krispine. Tausende Haredim legten jedes Jahr ihren Glauben ab und würden säkular.

Haredim werden den Rabbinern auch aus ideologischen Gründen untreu: „Politik wird ihnen immer wichtiger. Sie befürworten die Idee von Groß-Israel“, sagt Srulik, ein Haredi in der Arbeiterpartei. Srulik will seinen Nachnamen nicht publik machen. Dass er für territoriale Zugeständnisse an die Palästinenser eintritt, sei „in den Augen meiner Freunde weitaus schlimmer als der Umstand, dass ich bisexuell bin“.

Diese Haltung machen sich nationalistische Parteien zunutze. „Netanjahu spricht die Haredim direkt an, über die Köpfe der Rabbiner hinweg. Sie sehen ihn als Mini-Messias, weil er der ganzen Welt in den Vereinten Nationen die Stirn bietet und die Siedlungen bewahrt“, sagt Srulik.

Laut Umfragen werden religiöse Parteien nur zwölf Mandate erhalten, das entspricht weniger als der Hälfte ihres Bevölkerungsanteils. Viele werden Netanjahu wählen, sagt Redakteur Grinboim. Israelisch, modern, wohlhabend und rechts zu sein ist vielen inzwischen wichtiger als ihre Religion.