Zwei Kommunikationswissenschaftlerinnen haben untersucht, wie sich das Klima im Stuttgarter Landtag verändert hat, seit die AfD dort vertreten ist. Das Ergebnis ist eindeutig.

Die alles in allem 20 Abgeordneten der AfD im Landtag von Baden-Württemberg dürften nicht unter einem Mangel an Aufmerksamkeit leiden. Allein im Parlament werden sie von 123 konkurrierenden Abgeordneten beobachtet, beurteilt, kommentiert – von der medialen Begleitung nicht zu reden. Sie sind allerdings wohl noch nie so gründlich analysiert worden wie von Catharina Vögele und Claudia Thoms, zwei Kommunikationswissenschaftlerinnen der Universität Hohenheim in Stuttgart. Beide wollten wissen, ob und wie sich das Klima im Landtag verändert hat, seit die AfD im Jahr 2016 den Sprung ins Parlament geschafft hat. Um mit einem zentralen Ergebnis anzufangen: Es hat sich deutlich verändert – und zwar nicht zum Guten.

Die Datengrundlage dieser Studie – eines jener Beispiele für spannende Forschung an deutschen Hochschulen – war stabil. Denn Parlamentsstenographen protokollieren detailliert, was sich in Landtagen tut. In den Plenarprotokollen sind auch jene menschlichen Regungen festgehalten, die viel über das Miteinander der Landespolitiker und Fraktionen aussagen: klassische Zwischenrufe und sogenannte „andere Zwischenreaktionen“, also Beifall, Heiterkeit oder Lachen. Während Heiterkeit als wohlwollend gilt, steht Lachen für hämisches oder abfälliges Lachen, mithin für ein Stilmittel, um politische Gegner aus dem Takt zu bringen oder zu diskreditieren. Das Ganze diente den Wissenschaftlerinnen als eine Art Barometer für die politische Atmosphäre im Parlament.

Catharina Vögele und Claudia Thoms nutzten eine Statistik-Software, um alle Plenarprotokolle der vergangenen Legislaturperiode – damals war die AfD noch nicht im Landtag – und die ersten 68 Protokolle der aktuellen Legislaturperiode zu analysieren. Hinzu kam eine manuelle Inhaltsanalyse von jeweils zehn Debatten der vergangenen und aktuellen Legislaturperiode. Allein hier nahmen sich die beiden knapp 2000 wortwörtlich protokollierte Zwischenrufe vor.

Alle Protokolle zusammen belegen, dass es im Stuttgarter Landtag inzwischen eine regelrechte „Frontenbildung zwischen der AfD und den anderen Fraktionen“ gibt. Eine so starke Abgrenzung sei neu. Um sie zu zementieren, benutzten beide Seiten allerdings unterschiedliche Mittel. Die anderen Fraktionen setzten vor allem auf Isolation: Während sie sich durchaus auch untereinander Beifall spenden und somit Allianzen dokumentieren, klatschen bei Rednern der AfD immer dieselben: nämlich ausschließlich Abgeordnete der AfD. Auch Heiterkeit, also Wohlwollen, wird der AfD von außen so gut wie nie zuteil. Und Zwischenrufe aus ihren Reihen – die meisten drehen sich nach Auswertung der Protokolle erwartbar um die Themen Migration und Integration – werden meistens ignoriert. Die Fraktion ist in einem Maße isoliert, das in Stuttgart bislang nicht üblich war.

Und sie reagiert auf ihre Weise. „Auffällig ist, dass gegen die AfD mit Abstand am häufigsten das Mittel des hämischen und abfälligen Lachens eingesetzt wird, um die Redner lächerlich zu machen“, sagt Catharina Vögele. Außerdem kritisiere man die AfD in Zwischenrufen durch die anderen Fraktionen stärker als diese sich gegenseitig.