In Deutschland breitet sich eine radikal-islamische Struktur aus. Entstanden ist ein schwer durchschaubares Geflecht aus Vereinen, Firmen und Bildungsstätten. Der Verfassungsschutz rechnet es der Muslimbruderschaft zu.

Vielversprechend schien diese Gründung zu sein, ein west-östlicher Diwan in Dresden: die Sächsische Begegnungsstätte, kurz SBS. Begegnen sollen sich Migranten und Einheimische, ist es doch erklärtes Ziel der Firma SBS, die Integration von Zuwanderern mitzugestalten, ein friedliches Miteinander zu fördern, Brücken zu bauen. Ihre Gründer signalisierten die Bereitschaft, sich vorbehaltslos an die Regeln des demokratischen Rechtsstaats zu halten.

Seit zweieinhalb Jahren steht die Firma in der Rechtsform einer gemeinnützigen und damit steuerbegünstigten Unternehmergesellschaft nun schon im Handelsregister. Sie hat sich prächtig entwickelt und etliche Dependancen aufgebaut.

Nur mit dem Demokratieversprechen ist es so eine Sache – die SBS beschäftigt bereits die Verfassungsschutzämter dreier Bundesländer. In Sachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg rechnen Behörden die SBS, die längst auch außerhalb des Freistaates agiert, zum Netzwerk der Muslimbruderschaft.

Das sei „ein ewig wiederkehrendes Narrativ, das uns nicht im Geringsten interessiert“, heißt es dazu bei der SBS in Dresden. Der Verfassungsschutz hingegen beobachtet die SBS als Teil einer islamistischen Gegenwelt, die Distanz zur Demokratie fördere und westliche Werte ablehne.

Die Achse Muslimbrüder – Türkei erreicht Deutschland

Die Gemeinschaft der Muslimbrüder, die 1928 in Ägypten entstand und als Mutterorganisation des politischen Islam gilt, bereitet den deutschen Sicherheitsbehörden zunehmend Sorgen. Grund dafür ist neben ihrem starken Missionsdrang eine unheilige Allianz: Die in mehr als 70 Staaten vertretenen Muslimbrüder, die heute in Ägypten als Terroristen verfolgt werden, unterstützt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Kräften.

Was dies bedeutet, zeigte sich jüngst in Köln. Anfang Januar organisierten die türkische Religionsbehörde Diyanet und ihr deutscher Ableger Ditib eine internationale Islam-Konferenz in der Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld. Auf dem dreitägigen Konvent mit über 100 Teilnehmern aus 17 Ländern, der den Behörden vorab verheimlicht worden war, traten laut Verfassungsschutz führende Köpfe der Muslimbrüder auf.

Türkischer Staat und Islam, eng verbunden bis nach Köln: Am 29. 09. 2018 spricht der türkische Präsident Erdogan bei der Eröffnung der dortigen Ditib-Zentral-Moschee

Als solcher wird Jasser Auda angesehen, ein Professor ägyptischer Herkunft, der die Ideologie der Brüder weltweit verbreitet. Er ist unter anderem Präsident einer globalen Denkfabrik, des Maqasid Institute, das in Großbritannien, Indonesien, Malaysia und den USA verankert ist. Nach Köln reiste auch Jacob van der Blom.

Der Niederländer, ein Konvertit, lenkt die Geschicke der Rotterdamer Essalam-Moschee, des größten muslimischen Gebetshauses Westeuropas. Ein weiterer Gast war der ägyptischstämmige Theologe Hussein Halawa. Als Generalsekretär steuert er von Dublin aus das einflussreiche Europäische Komitee für Fatwa und Forschung.

Die Kölner Konferenz hatte für Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) etwas Gespenstisches. Dort wurde auf deutschem Boden unter Regie der Türkei – deren Botschafter nahm auch teil und twitterte Bilder – Verfassungsfeinden eine Bühne geboten.

„Dass die Ditib sich offensichtlich nicht klar von der islamistischen Muslimbruderschaft abgrenzt, ist mindestens bedenklich“, sagt Reul. Wenn die Ditib durch ihre Arbeit die türkischstämmige Bevölkerung spalte und den inneren Frieden gefährde, „muss der Verfassungsschutz zwingend tätig werden“.

Einen „deutschen Islam“ will man nicht

Brüskiert wurde auch die Bundesregierung, die mit ihrer Deutschen Islam-Konferenz mehrfach die Hand ausgestreckt hat. Sie wurde ausgeschlagen, wie die Abschlusserklärung zur Kölner Konferenz nahelegt. Darin wird dem Wunsch nach einem „deutschen Islam“, den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kürzlich äußerte, eine Absage erteilt.

Solche Forderungen, heißt es, seien eine „Einschränkung des Islam“. Sie stünden im Widerspruch zu dessen Universalität, da dieser „alle Epochen und Orte zugleich erleuchtet“ und „ein Modell für die ganze Welt“ sein könne. Zum Ausdruck kommt ein religiöser Allmachtsanspruch. Klar ist: Der säkulare Staat soll abgeschafft werden.

Diesem Ziel dienen Gebetshäuser, Bildungszentren und Begegnungsstätten, deren Aufbau etwa SBS-Chef Saad Elgazar vorantreibt. Der promovierte Physiker sagt am Telefon: „Wir haben Flüchtlingen geholfen und nichts Schlechtes gemacht.“ Die Auseinandersetzung mit dem Verfassungsschutz nervt ihn, weitere Zentren seien nicht geplant.

Die Sicherheitsbehörden werfen seiner SBS vor, in der Arbeit mit Muslimen zutiefst demokratiefeindliche Ideen zu vermitteln. Dabei schrecke man nicht davor zurück, „bereits auf Kinder ideologisch einzuwirken“. Die SBS bezeichnet das als „völligen Blödsinn“: Der Verfassungsschutz möge „doch bitte belastbare Indizien für diese krude Behauptung bringen“.

Schwert und Schrift: Die Fahne der Muslimbrüder

Aus Sicht der Behörden gehört es zur Verschleierungsstrategie solcher Islamisten, dass sie jegliche Verbindung zur Muslimbruderschaft leugnen und bei öffentlichen Auftritten verfassungsfeindliche Äußerungen vermeiden. Die Behörden konzedieren, dass die Organisation hierzulande zumindest der Gewalt abgeschworen habe.

Ausgenommen sei allerdings der Erzfeind Israel. Widerstand gegen die „Besatzer“ werde in der Szene als legitim bezeichnet. Mitunter verbreite sie Landkarten von Palästina, auf denen Israel fehlt. In der Öffentlichkeit würden derartige Vorkommnisse jedoch bagatellisiert.

Bloß nicht auffallen: Diese Taktik ist tief verwurzelt in der Muslimbruderschaft. Als sie 1952 in Ägypten verboten wurde, ging sie in den Untergrund. Gebildet wurden unabhängige Zellen, die nur lose über anerkannte Persönlichkeiten verbunden waren. Nicht sichtbar zu sein war überlebenswichtig. Das prägt die Bruderschaft noch immer.

In Deutschland gelten Khaled Hanafy aus Frankfurt am Main und Ibrahim El-Zayat aus Bornheim bei Bonn als Autoritäten. Beide nahmen ebenfalls an der Kölner Islam-Konferenz teil. Der Erste hat sich dem Ausbau von Bildungsstätten verschrieben, der andere wird als heimlicher Finanzminister angesehen. Beide bestreiten, Muslimbrüder zu sein.

Hanafy sagt: „Was die Muslimbruderschaft angeht, so bin ich kein Mitglied und repräsentiere sie nicht, wie von Sicherheitsbehörden behauptet.“

El-Zayat erklärt ganz ähnlich, er sei „weder Mitglied noch wie auch immer gearteter Repräsentant der Muslimbruderschaft“. Er sei stets rechtlich gegen solche Unterstellungen vorgegangen.

Der in Kairo geborene Hanafy, ein theologischer Kopf, gibt sich liberal. Er sagt, er wolle den innermuslimischen Dialog bereichern und setze sich für die Gleichstellung der Frau ein. Hanafy ist Dekan des Europäischen Instituts für Humanwissenschaften im Frankfurter Ostend. Es wurde 2013 gegründet, um islamische Wissenschaften zu lehren. Staatlich anerkannte Abschlüsse kann man nicht erwerben. Ähnliche Institute bestehen in mehreren europäischen Ländern, sie kooperieren in einem Verbund.

Hanafy ist zudem Vorsitzender des Rats der Imame und Gelehrten in Deutschland sowie Mitglied im bereits genannten Europäischen Komitee für Fatwa und Forschung in Dublin. „Aufgrund meiner Expertise ziehen mich viele Einzelpersonen, aber auch muslimische Organisationen in Europa und weltweit in unterschiedlichen theologischen Fragen zurate“, sagt Hanafy. Der unermüdliche Aktivist schaute auch im sächsischen Pirna vorbei, kurz bevor dort die SBS ein Zentrum eröffnete.

Ibrahim El-Zayat, Sohn einer zum Islam übergetretenen Deutschen und eines Ägypters, ist in Marburg aufgewachsen. Als junger Mann engagierte sich der Diplom-Volkswirt erst in der CDU-Studentenorganisation RCDS, später wurde er Bundesvorsitzender der Muslim Studentenvereinigung in Deutschland e.V. Es folgte eine Karriere als Multifunktionär muslimischer Organisationen.

Er erhielt den Spitznamen „Herr der Moscheen“, weil er am Bau oder Kauf von mindestens 100 Gebetsstätten mitwirkte. Seit einigen Jahren ist der vermögende Geschäftsmann, der mit seiner Familie in einem früheren Haus des Schriftstellers Heinrich Böll wohnt, öffentlich nicht mehr so präsent wie früher. Einfluss hat El-Zayat dennoch.

Vor gut zwei Jahren wurde er Geschäftsführer der Firma EDU-Invest mit Sitz in Dortmund. Ihr Zweck ist unter anderem die Förderung der Religion, der Jugend- und Altenhilfe, aber auch „das Halten und Verwalten eigenen Vermögens zur Erzielung von Einnahmen“.

Die Köpfe des Netzwerks bestreiten jede Verbindung

Mittlerweile ist die EDU-Invest eine Dachgesellschaft, die Anteile an Immobilien- und Bauträgerfirmen in Dortmund, Esslingen und Berlin hält. Hier fungiert El-Zayat jeweils ebenso als Geschäftsführer. In der Hauptstadt tritt EDU-Invest überdies als Kommanditistin einer GmbH & Co. KG auf, die mit Grundstücken zu tun hat. Im Bundesanzeiger sucht man vergeblich nach Jahresabschlüssen der EDU-Invest, von der laut Bonitätsauskünften zudem kein offizieller Telefonanschluss bekannt ist.

Hauptgesellschafter von EDU-Invest und damit Profiteur des Konstrukts ist die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG). Genau dieser e.V. soll laut Verfassungsschutzämtern die zentrale Organisation der Muslimbruderschaft sein. Die DMG selbst bestreitet, mit der Muslimbruderschaft verbunden zu sein, und beklagte jüngst, sie werde „zu einem Feind- und Gegenbild der freiheitlichen Demokratie stilisiert“.

Bis vor Kurzem firmierte die DMG unter ihrem Chef Khallad Swaid noch unter anderem Namen, als Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD). Der Verein mit rund 340 Mitgliedern stimmt sich nach eigenen Angaben in seiner Tätigkeit mit mehr als 50 Moscheegemeinden ab.

In Deutschland hat die Muslimbruderschaft laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz, das sich mit ihr schon seit 1970 befasst, insgesamt rund 1000 Anhänger. „Uns ist nicht bekannt, dass es seitdem ein Klageverfahren gegen die Beobachtung durch unser Amt gegeben hat“, erklärte die Behörde auf Anfrage. In ihrem aktuellen Jahresbericht steht, die sunnitische Bewegung wolle hier einen Gottesstaat „mit islamischen Werten“ etablieren.