Psychologe Ahmad Mansour übt Kritik an der defizitären Integration von Muslimen. Bei seinen Gegnern vermisst er die grundlegende Fähigkeit zum demokratischen Diskurs. Erst kürzlich etwa bei einem Seminar der Deutschen Journalistenschule.

Kurz vor dem Sommer forderte der Geschäftsführer des Kulturrats ein Jahr Pause für Talkshows im deutschen Fernsehen. Begründung: die Themenwahl sei einseitig, zu viel Islam. Dunja Ramadan sprang ihm zur Seite mit einem Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“: „Es ist kein Wunder, dass die Angst vor dem Islam so hoch ist, wenn gefühlt jeden zweiten Abend über ‚den‘ Islam diskutiert wird.“

Das ist eine befremdliche Logik: Steigt denn tatsächlich die Angst vor einem Thema mit dessen Präsenz in der Öffentlichkeit? Gibt es jetzt mehr Angst vor Dieselautos, weil viel über sie berichtet wurde? Und würde sich das Dieselproblem lösen lassen, wenn darüber geschwiegen wird? Wohl kaum.

Was beide, der Kulturrat und die Kommentatorin, bei ihrem Wunsch, den Islam aus der öffentlichen Debatte auszuklammern, außer Acht lassen, ist die Realität. Zu ihr gehören die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre: die zunehmende Radikalisierung junger Leute, deren Ablehnung von Demokratie, deren Gleichgültigkeit gegenüber Attentaten des politischen, neotraditionalistischen Islam.

All das hat dazu geführt, dass Tausende junger Menschen aus Europa in den „heiligen Krieg“ zogen oder ziehen wollten, für den IS oder den Salafismus.

Teil dieses Szenarios sind auch die Debatten über den türkischen Moscheenverband Ditib, der weitgehend aus Erdogans Ankara finanziert und gesteuert wird. Und in denselben Kontext gehören antisemitische Angriffe auf Juden aus Parallelgesellschaften in Europa, in Deutschland, Frankreich und anderen Staaten.

Mit diesen Ereignissen kommen viele Bürgerinnen und Bürger nicht allein durch die Nachrichten in Berührung, sondern oft auch in ihrem Alltag. Diffuse Ängste sind oft die Folge und schaffen mitunter eine rechte Gegenradikalisierung.

Es geht mir darum, diese Polarisierungen im Dialog zu lockern, denn nur durch offene Aussprache entstehen Antworten, Lösungen und Konzepte. Damit diese sich im demokratischen Diskurs entwickeln können, dürfen all diese Themen nicht tabuisiert oder relativiert werden. Sonst überlassen wir die Deutungshoheit den Rechtsradikalen und ihrem Schwarz-Weiß-Denken, das von Unterwanderung, Lügenpresse und Islamisierung fabuliert.

Die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit stehen im demokratischen Rechtsstaat über religiösen Konzepten, das Grundgesetz über heiligen Büchern. Die fragilen Demokratien der Gegenwart müssen gegen Ansprüche von radikalen Rändern aller Art verteidigt werden und geschützt.

Worüber berichtet wird, das darf nicht politisch bestimmt werden, sondern auf der Grundlage des Grundgesetzes, sachlich, faktisch klar und ausgewogen. So muss ich als Kritiker islamistischer Strömungen akzeptieren, dass Leute nicht einverstanden sind und Gegenargumente vorbringen – solange die Kritik sachlich und ohne Bedrohung auftaucht.

Ebenso müssen meine Kritiker es jedoch akzeptieren, dass ich anderer Auffassung bin. Das ist demokratischer Diskurs. Spreche ich etwa von der Bringschuld der Migranten bei der Integration, dann äußere ich eine legitime Meinung. Und ich bin bereit dazu, sie argumentativ, auch im verbalen Streit, zu verteidigen. Ich weise warnend hin auf Verbindungen zwischen autoritativem und patriarchalem Verständnis des Islam, der dem Islamismus zugrunde liegt.

Basis meiner Warnung ist die Expertise, die ich aus dem Kontakt mit Radikalisierten gewinne, mit inhaftierten Gefährdern, mit Jugendlichen in vielen Institutionen, und nicht zuletzt durch die Lektüre Tausender von Posts, Blogs, Chats in sozialen Netzwerken, in denen auf Arabisch oder auf Deutsch gegen Demokratie gehetzt und zu Radikalisierung aufgerufen wird. Dass dies auch im Kontext mit manchen Moscheevereinen hierzulande geschieht, betrachte ich als Hindernis für die Integration muslimisch geprägter Teile der Gesellschaft. Es bereitet mir Sorge.

Dabei sind es nicht allein erschreckende Ereignisse wie die Übergriffe auf feiernde Frauen in der Kölner Silvesternacht vor zwei Jahren, die ich als Produkt frauenverachtender kultureller und zum Teil auch religiöser Prägungen erkenne.

Ich übe aktiv und proaktiv grundsätzliche Kritik an der defizitären Integrationspolitik im Land wie auch in Europa. Und Positionen wie meine sind legitimer Teil des Diskurses. Sie bringen die Debatte weiter als die Verweigerung der Thematik bei denen, die muslimischen Kritikern wie mir „Islamfeindlichkeit“ oder sogar „Rassismus“ vorwerfen.

Was ich mir wünsche? Die Demokratiefähigkeit der politischen Gegner! Ich wünsche mir deren Bereitschaft, sich sachlich, argumentativ und reflektiert mit unseren Themen und Fragen auseinanderzusetzen. Dass wir einander zuhören, das wünsche ich mir.

Ich liebe die Freiheit des Wortes und der Debatte – Freiheit für mich wie für alle anderen. Darin liegt die Chance wie die Schönheit der Demokratie: Meinungsfreiheit. Doch sie scheint derzeit zerbrechlicher zu werden. Sprachtabus, ja Denktabus scheinen stärker zu werden.

So irritiert es mich sehr, was Studierende der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München Kollegen von mir berichtet haben. Demnach hat die DJS den Verein „The Muslim Story“ mit einem Seminar zur Islamberichterstattung in Deutschland beauftragt.

Der Verein setzt sich nach eigenen Aussagen dafür ein, dass „positive Geschichten“ über den Islam „erzählt“ werden. Er will Redaktionen „von Experten erlösen, die keine sind“, und fordert die Journalisten auf, damit aufzuhören, Probleme zu „islamisieren“.

In diesem Seminar an der DJS wurde offenbar vor drei Kritikern namentlich gewarnt: vor Hamed Abdel Samad, Constantin Schreiber und mir. Der Verein, so sagten die Studierenden, habe uns beschuldigt, die Gesellschaft durch unsere kritische Auseinandersetzung mit dem Islam spalten zu wollen und Imame der Verfolgung auszusetzen. Deshalb sollten Journalisten uns meiden.

Die Leiterin der DJS, Henriette Löwisch, wurde von dieser Causa in Kenntnis gesetzt und um Klärung gebeten. Es gab bis heute nur allgemeine Äußerungen der Schule, die verlautete, unsere Namen seien lediglich in der Diskussion mit den Studierenden gefallen, nicht im Vortrag des Vereins. Zufriedenstellend ist diese Reaktion nicht.

Dass bestimmte Gruppen an einer journalistischen Lehreinrichtung diskreditierend über einzelne Personen referieren, die anderer Ansicht sind als sie, ist generell hochproblematisch. Ausgebildet werden sollen doch demokratisch und kritisch denkende Journalisten.

Lädt man also solche Gruppen ein, wäre es im Sinn journalistischer Ausgewogenheit, auch Leute aus der anderen Fraktion der Debatte einzuladen. Eine Diskussion wäre klasse! Daraus könnten angehende Redaktionsmitarbeiter lernen, da könnten produktiv Funken fliegen, und daraus kann vertiefte Reflexion entstehen – ganz gleich, ob es um uns geht, wie in diesem Fall, oder um andere Kontroversen.

Nun, die „Muslim Story“ hat die Vorwürfe in der kolportierten Variante bestritten und ich möchte daran glauben, dass es anders war. Zugleich reiche ich, ebenso wie die anderen hier Betroffenen, der DJS die Hand. Wir sind bereit für Diskussionen, für sachliche Auseinandersetzung, für demokratischen Streit – auch mit den Vertretern des Vereins.

Wir würden uns darüber freuen, wir hoffen, dass alle Beteiligten, auch wir, davon lernen könnten. Und wir würden doch damit allesamt beitragen zu dieser demokratischen Gesellschaft, die uns die Tore gerade zu solchen Räumen der Debatte öffnet! Nur: Wir müssen zusammen durch diese Tore durchgehen wollen. Ich jedenfalls bin bereit.

Der Autor, 42, ist ein deutsch-israelisch-palästinensischer Psychologe. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft. Gerade nahm er an der von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) geleiteten Deutschen Islam-Konferenz teil. Mansour wird von Beamten des LKA bewacht, da er wie andere Islam-Kritiker Todesdrohungen erhält. Vor Kurzem von ihm erschienen: „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“.