Mit der „Initiative Säkularer Islam“ wollen prominente Islamkritiker wie Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek und Ahmad Mansour die Religion mit der liberalen Demokratie verträglicher machen. Das Anliegen ist aller Ehren wert, enthält aber einen entscheidenden Denkfehler.

Dunkel war’s, der Mond schien helle, heißt die erste Zeile eines der bekanntesten deutschen Scherzgedichte. Sein Witz liegt darin, widersprüchliche Aussagen aneinanderzureihen, sogenannte Oxymora. Redner verwenden sie gerne, denn man kann effektvoll mit ihnen formulieren: „beredtes Schweigen“, „stummer Schrei“.

Doch Rhetorik ist das eine, und Logik ist das andere. Schließlich gibt es keinen stummen Schrei, genauso wenig wie es schwarze Schimmel gibt. Vieles, was sich gut anhört, scheitert an der Realität. Und zu diesen selbstwidersprüchlichen Dingen gehört, so bedauerlich das sein mag, die Idee eines „säkularen Islam“. Das hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern mit dem Wesen von Religion. Es gibt keine säkulare Religion.
Kann so eine Alternative zum politischen Islam aussehen?

Insofern gibt der Name der „Initiative Säkularer Islam“, die sich Mitte der Woche in Berlin vorstellte, Rätsel auf. Dabei ist das Anliegen der Initiatoren, darunter die Anwältin Seyran Ates, der Politologe Hamed Abdel-Samad, die Soziologin Necla Kelek und der Psychologe Ahmad Mansour, mehr als berechtigt. Denn natürlich gibt es Menschen aus muslimischen Ländern, die Agnostiker oder Liberale sind. Aber sind solche
Menschen säkulare Muslime?

Richtig ist auch, dass es eine alternative Stimme zu den großen Islamverbänden braucht, da diese ohnehin nur einen geringen Teil der hier lebenden Muslime repräsentieren und zudem häufig einem politischen Islam nahestehen. Aber ist die Alternative zu einem politischen Islam tatsächlich ein säkularer Islam?

Keine Frage: Die Motive von Ates, Mansour und Co sind redlich und der Versuch, den Islam mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie verträglich zu machen, aller Ehren wert. Dennoch bleibt ein nicht geringes Problem. Was soll eigentlich ein säkularer Islam sein? Schließen sich Säkularismus und Transzendenz nicht aus?

Säkulare Religion ist Staatsreligion

Gerade aus monotheistischer Sicht liegt es nah, Welt und Religion, Diesseits und Jenseits radikal voneinander zu trennen. Dann gibt es zwei Reiche. Das eine ist das Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist, sondern inwendig in jedem Gläubigen, mithin privat. Und nach außen gibt es die res publica, die öffentliche Sache. Beide haben keine Schnittmenge: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“ (Matthäus 21,22).

Doch selbst im christlichen Kulturkreis verstanden sich Staaten immer wieder als explizit christlich. Es ist einfach zu verlockend, die öffentliche Ordnung als Ausdruck eines angeblichen Willen Gottes zu sehen und den eigenen Staat als dessen Werkzeug. Wer Religion jedoch zu einem Instrument macht, um weltliche Fragen zu lösen, der transzendiert nicht nur den Staat, der säkularisiert eben auch die Religion.

Es ist daher ein fataler Irrtum, davon auszugehen, säkulare Religion sei politisch neutral oder gar Ausdruck eines aufgeklärten Bewusstseins. Sie ist es nicht. Säkulare Religion, das ist verweltlichte Staatsreligion. Säkulare Religion, das ist der Iran Khomeinis oder das wahhabitische Saudi Arabien. Säkular wird Religion immer dann, wenn sie versucht, weltliche Dinge zu regeln und das weltliche Leben zu ordnen. Es gibt keine säkularere Religion als in einer Theokratie. Daher ist die Vorstellung eines säkularen Islam irreführend. Liberale Gesellschaften brauchen keine säkularen Religionen, sondern solche, die sich allein auf Fragen der Spiritualität und Transzendenz beziehen.

Auch eine Liberalisierung ist eine Politisierung

Geradezu selbstwidersprüchlich und gefährlich ist jedoch die Vorstellung, man könnte sich eine Religion nach weltlichen Vorstellungen basteln. Jemand, der so denkt, und sei es in bester Absicht, verfährt nicht anders als religiöse Fundamentalisten, nur unter anderen Vorzeichen. Das macht die Sache aber nur peripher besser. Denn Politisierung der Religion bleibt Politisierung der Religion. Und auch eine Liberalisierung im Namen westlicher Werte ist natürlich eine Politisierung. Damit aber bekommt die Debatte einen ideologischen Kontext, der dem eigentlichen Anliegen mehr schadet als nützt.

Hinter dem Konzept eines säkularen Islam steht offensichtlich die Idee eines Kulturislam, analog zum Kulturprotestantismus oder Kulturkatholizismus. Eine solche Kulturreligiosität ist selbstverständlich nicht ohne Säkularisierung zu haben. Doch das Ergebnis einer Säkularisierung ist nicht die säkulare Religion, sondern die private. Das ist ein erheblicher Unterschied. Und Privatreligiosität lässt sich nicht von außen verordnen, politisch schon mal gar nicht. Die „Initiative säkularer Islam“ ist wichtig, um der nichtislamischen Mehrheitsbevölkerung zu signalisieren, dass nicht alle Migranten aus muslimischen Ländern frömmelnde Muslime sind. In die eigene Community werden sie kaum wirken.