Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi verknüpft als Eigentümer von SS Monza den Fußball mit der Politik – und stellt kuriose Anforderungen an seine Spieler. Tattoos und Bärte sind verboten, Ausländer unerwünscht.

Das Herbstlaub türmt sich in Monzello, ansonsten ist nichts los. Bis eine schwarze Limousine anhält und zwei junge Frauen aussteigen. Lange Haare, lange Mäntel. Das Klacken ihrer Absätze auf den Steintribünen hallt über den Trainingsplatz. Die beiden einzigen Zaungäste, zwei alte Männer, drehen die Köpfe. Selbst Trainer Cristian Brocchi unten auf dem Rasen hebt verwundert den Blick. „Gehört ihr zu einem Spieler?“, fragt einer der Alten schließlich. „Oder hat euch der Silvio geschickt?“

Der Silvio: Auch bei seinen 82 Jahren ist immer noch nicht klar, ob man lachen oder weinen soll über Silvio Berlusconi. Europas Proto-Trump mischt immer noch in der Politik mit, natürlich laufen auch weiter Prozesse, derweil er und seine Bunga-Bunga-Armee gerade cineastisch von Oscarpreisträger Paolo Sorrentino verewigt wurden („Die Verführten“).

Außerdem ist er jetzt also in Monza unterwegs, nicht Formel 1, sondern Fußball: Società Sportiva 1912. Das klingt nach Tradition, ist aber nicht ganz die Kragenweite eines Mannes, der nicht nur viermal Italien und noch länger sein Fernsehen regierte, sondern als Eigentümer des AC Mailand auch fünfmal die Champions League gewann. Nach Milanello, dem mondänen Trainingsgelände der Mailänder, flog er einst mit dem Helikopter ein. In Monzello haben sie noch nie einen Hubschrauber gesehen.

Noch nie erstklassig

Monza ist vielmehr der italienische Verein mit den meisten Saisons in der zweiten Liga (38), der noch nie erstklassig war. „Wir kommen nie in die Serie A, aber hauen trotzdem nicht in den Sack“, pflegten die Fans zu singen. Stolz der Provinz. Als größter Tag der Klubgeschichte darf so mit Fug und Recht der 8. Oktober 1955 gelten: Da avancierte ein Heimspiel von Monza gegen Verona zum ersten Fußball-Match, das jemals live von RAI übertragen wurde. In den wenigen Bars mit Fernsehern an der Piazza sollen ob des neuartigen Spektakels mehr Menschen gewesen sein als im Stadion.

Der Dom von Monza an der zentralen Piazza des Ortes

Fernsehen: Das passt natürlich dann doch schon wieder zu Berlusconi. Vor allem aber liegt Monza gerade mal zehn Kilometer von Mailand, noch näher gar an seiner Residenz in Arcore, und – jetzt wird es romantisch – ist außerdem die Heimatstadt seines ewigen Großwesirs, Adriano Galliani. Der Mann mit der Glatze, der ihm jahrzehntelang die Geschäfte bei Glotze und vor allem Calcio führte, fungiert wieder als „Amministratore“ (Verwalter), seit Berlusconis Holding Fininvest vor zwei Monaten für rund drei Millionen Euro den 100-prozentigen Aktienanteil an der SS Monza 1912 erwarb.

Vor zwei Jahren verkaufte Fininvest die AC für 740 Millionen Euro an die Chinesen (inzwischen gehört sie einem amerikanischen Hedgefonds). Kommt jetzt also „Little Milan“? So darf man es in Monza keinem sagen, auch wenn es sich bei dem vor einem Monat angeheuerten Brocchi ebenfalls um einen Ex-Milanista handelt, als Spieler wie Trainer. Doch erstens dümpelt die AC seit Jahren außerhalb der Champions League herum und gibt daher gerade kein leuchtendes Vorbild ab.

Zweitens gilt eine Phase als Mailänder Satellitenklub in den 90er-Jahren in Monza nicht wirklich als goldene Ära. „Wir haben mit Milan nichts zu tun“, erklärt daher Galliani, der seine Heimatstadt kennt, die sich jahrzehntelang erfolgreich gegen einen Metroanschluss an die lombardische Kapitale wehrte. Galliani gibt selbst zu, als Kind sogar Fan von Juventus Turin gewesen zu sein, um bloß nichts mit Mailand zu tun zu haben. Dass er nun bei der Vorstellung des Projekts ein „sympathisches Milan“ versprach, konnte er nach 21 Jahren dort schnell mit einem kleinen Lächeln als „Freud’schen Versprecher“ entschuldigen.

Keine Tattoos, keine Bärte, keine Ausländer

Mailand oder Monza: Hauptsache Triumphe. Auf die warten jetzt natürlich auch die Fans. Wer Berlusconi hat, der muss unvermeidlich an Großes denken, und so grüßte den neuen Klubeigner beim ersten Heimspiel ein Transparent in der Kurve: „Willkommen Silvio! Wie bei Augustus: Du hast einen Verein aus solidem Ziegel übernommen, nun verwandele ihn in Marmor … Danke für den Traum!“ Die Anspielung bezieht sich auf die städtebauliche Transformation des antiken Roms, die sich der erste Kaiser auf die Fahnen geschrieben hatte. In Italien sind selbst die Ultras geschichtsbeflissen.

Und in der Tat, der „Cavaliere“ (Ritter) hat eine Vision. Natürlich reicht sie weit über Monza hinaus, deswegen legte er sie gleich auf einem Parteitag seiner Forza Italia dar. Wenn nicht ganz bis Augustus, so führt sie doch geradewegs in die Vergangenheit. Monza soll Laboratorium sein auf dem Weg zurück in eine bessere Zeit. Idealerweise auch zu einer mit mehr Wählerstimmen für Berlusconi, dem die rechtspopulistische Lega Nord zuletzt doch arg den Rang abgelaufen hat.

Berlusconi (r.) steht politisch zunehmend im Schatten von Innenminister Matteo Salvini (l.) und dessen Lega-Partei

„Wir denken an eine Mannschaft nur mit Italienern“, tönte er also vor den Parteikollegen. Donnernder Applaus. Danach fasste sich so mancher Zuhörer wohl eher reflexartig an Hinterkopf, Ohren oder Haut, denn der Chef führte weiter aus: „Wir denken an eine Mannschaft, wo alle die Haare in Ordnung haben – es gibt bereits den ersten Friseur in Monza, der versprochen hat, sie ihnen gratis zu schneiden –, wo niemand einen Bart hat – das gehört sich nicht für einen Fußball-Spieler – und wo definitiv keiner ein Tattoo haben darf oder stolz irgendwelche Ohrringe herumträgt.“ Seine Profis sollten sich nach Fouls entschuldigen, dem Schiedsrichter wie „einem Signore“ begegnen, dem Gegner nach Spielende die Hand reichen und auf Autogrammwünsche nicht „irgendetwas Unleserliches kritzeln“, schloss Berlusconi. „Kurz und gut, wir wollen etwas anderes als den momentanen Fußball.“

„Monza ist mein Leben“

So meisterhaft muss man den Kreis zur Politik erst mal schließen, in der Berlusconi derzeit ja auch als Opposition auftritt. Im Mai wurde das nach seiner Verurteilung wegen Steuerbetrugs verhängte Verbot, öffentliche Ämter zu bekleiden, vorzeitig aufgehoben. Er kann jetzt also wieder für alles kandidieren. Zum Beispiel für den Senat, in dem ihm vorerst schon mal Statthalter Galliani den Platz warmhält.

In Monza wiederum ist der alte Weggefährte für den Herzschmerz zuständig. Den Kauf des Klubs nannte Galliani einen „Akt der Liebe“. Der 74-Jährige begann sein Berufsleben einst als Vermesser der Stadtverwaltung und diente dem Klub als Vizepräsident. „Monza ist mein Leben“, sagt er. „Ich habe seine DNA im Blut, seit ich fünf bin, schon weil meine Mutter als Angestellte bei einem Ex-Vereinschef beschäftigt war.“ Auch noch die Mamma! Mehr geht wirklich nicht.

Galliani ist auch derjenige, der über Träume sprechen darf. „Ich träume, dass es in zwei Jahren so weit ist“, sagte er auf die Frage, wann es zu einem Derby Monza – Milan kommen werde. Zwei Jahre braucht es zum Aufstieg aus der Serie C in die Serie A. Wie realistisch das ist? „Träume sind grenzenlos“, sagt Galliani. „Man träumt von Brigitte Bardot, wenn man jung ist. Dann gibt man sich irgendwann zufrieden …“

Galliano mit seiner Gattin Helga Costa

Er selbst zum Beispiel mit der viele Jahrzehnte jüngeren Brasilianerin Helga Costa, der nicht nur die italienische Klatschpresse verblüffende Ähnlichkeiten mit Berlusconis zweiter Frau Veronica Lario attestiert. So bleibt eben irgendwie alles in der Familie, und auch diese Interpretation gibt es natürlich zu der Sache mit Monza: dass sich da zwei alte Herren einfach noch mal ein Spielzeug zulegen wollten, weil sie die großen Zeiten vermissen und es diese Zeiten in der Epoche von Katar, Abu Dhabi und China als Fußball-Investoren für sie nur noch eine Nummer kleiner gibt.

„Wer glaubt, siegt“

Beim ersten Stadionbesuch zur Partie gegen die US Triestina machte sich Berlusconi auf den Weg in die Spielerkabine und erzählte ein bisschen von der großen weiten Welt. Von Milan. „Es gibt ein paar Sätze, die ich meinen Spielern immer gesagt habe. Einer davon ging so: Erinnert euch, dass wer glaubt, kämpft; wer glaubt, überwindet alle Hindernisse; wer glaubt, siegt. Also glaubt, geht raus und gewinnt mit mindestens drei Toren Unterschied!“ Es gab dann ein ziemlich trostloses 1:1.

Nicht dass der Fußball, einst Parabel seines Aufstiegs, noch zu der seines Falls wird. Denn Silvio Berlusconi ist nicht nur in der Serie C gelandet. Es will dort bisher auch überhaupt nicht laufen. Bei seiner Vereinsübernahme hatte Monza alle drei Saisonspiele gewonnen und führte das Klassement an. Seither gewann es eines von zehn Spielen. Es liegt jetzt neun Punkte hinter dem einzigen direkten Aufstiegsrang.

Silvio Berlusconi ist mit der bisherigen Entwicklung von Monza nicht zufrieden

Vor gut einem Monat daher der Trainerwechsel. Dass Marco Zaffaroni in der Vorsaison den Klub zum Aufstieg in die Serie C führte und nun sogleich wie gewünscht auf Berlusconis altes Lieblingssystem mit Viererkette und mindestens zwei Spitzen umstellte, konnte ihn nicht retten. Brocchi wiederum profitiert neben seiner Milan-Vergangenheit auch davon, dass man seine Tattoos unter dem Traineranzug nicht sieht. Auch der für Januar aus Verona anvisierte Mittelfeldspieler Marco Fossati kann sich ja noch die Haare abschneiden und den Bart stutzen, der auf den Fotos seiner letzten Einsätze zu erkennen ist.

Berlusconi bekräftigte auch beim Stadionbesuch: „Man sagt mir: Wenn ihr Jungs ohne Tattoos sucht, werdet ihr keine Spieler finden. Ich glaube, wir werden sie finden.“ Und, so der Mann, der sich nie an Kaladse, Jankulowski und Schewtschenko störte, während sie ihm die Champions League gewannen: „Ich glaube und hoffe, dass Monza eine Ausnahme in diesem Fußball voller fremder, unverständlicher und unaussprechlicher Namen sein wird.“

Berlusconis Zuflüsterer

Wohl ganz gut, dass Galliani auch noch dabei ist. Der Amministratore war immer für ein bisschen Pragmatismus zuständig und hat damit so manchem Trainer den Job gerettet. Nicht umsonst hält er es anders als jede Frau schon ein halbes Leben mit Berlusconi aus: Er wird seltener betrogen und hat öfter das Ohr des „Cavaliere“. Zuletzt soll er hineingeflüstert haben: „Presidente, die guten Jungs taugen dazu, deine Töchter zu heiraten, aber nicht dazu, den Ball laufen zu lassen.“

Es ist eben wie immer bei den beiden: Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Wer spielt als Nächstes Champions League, Milan oder Monza, wurde Galliani bei der Präsentation in heiterer Runde noch gefragt. Da wurde es selbst ihm zu bunt: „Basta, basta, basta!“ Weg war er. Mit einem Grinsen.