Franziska ist 35 Jahre alt und lebt in einer Wohngruppe für obdachlose Frauen. Ihr Weg dahin war geprägt von Drogen und Wohnungsprostitution. Sie ist keine Ausnahme. Die Zahl der Frauen ohne feste Bleibe ist zuletzt deutlich angestiegen.

Es riecht nach Kaffee, Geschirr klappert, Brötchen werden geschmiert. Wer von außen in die frisch renovierten Räume der ehemaligen Apotheke in Berlin-Wedding schaut, sieht eine lange Tafel, an der Frauen sitzen und frühstücken. Eine gesellige Runde würde man meinen. Doch der erste Eindruck täuscht. Diese Frauen haben Hunger. Die Teller sind vollbepackt, kaum jemand spricht.

Bei Evas Haltestelle bekommen wohnungslose Frauen etwas zu Essen und Trinken, sie können ihre Wäsche waschen, sich beraten lassen oder einfach nur schlafen. Ein Hilfsangebot, das künftig mehr denn je gebraucht wird.

Aus der Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe für Deutschland geht hervor: Waren in den 90er-Jahren noch 15 Prozent der Obdachlosen weiblich, ist die Zahl 2016 auf 27 Prozent gestiegen – das sind 100.000 Frauen. Auch wenn es keine offiziellen Zahlen für Berlin gibt, sollen es nach Schätzungen etwa 2500 Frauen sein.

Eine von ihnen ist Franziska. Der Nagellack auf ihren Fingern ist an vielen Stellen abgeplatzt. Sie stellt die Tasse auf den Tisch und faltet ihre Hände. „Ich habe viel erlebt“, erzählt die Frau in sportlicher Kleidung, die sich später noch etwas mehr öffnen wird. „Aber seit zwei Jahren bin ich clean.“ Sie lächelt. Der Stolz ist ihr anzumerken. Geschafft habe sie das mithilfe eines Psychologen. Damit ist Franziska keine Ausnahme.

„Psychische Probleme sind bei obdachlosen Frauen sehr häufig“, weiß Claudia Peiter. Die 46-Jährige leitet seit acht Jahren die katholische Tageseinrichtung für obdachlose Frauen und ist froh, Psychologin Jovita de Carvalho mit im Team zu haben. De Carvalho will den Frauen helfen. Zu einem Gespräch zwingen können sie niemanden, nur anbieten und da sein. „Die Frauen sehen mich hier eigentlich immer irgendwo – beim Frühstück oder in der Küche. So ergeben sich Gespräche.“ Oft sei es schwer, Vertrauen aufzubauen. „Sie haben in der Vergangenheit zu viel durchgemacht. Sie wollen damit nicht erneut in die Konfrontation gehen.“

Die Tagesstätte bietet von Oktober bis April 22 Schlafplätze an

Gelingt es der Psychologin doch, eine Bindung aufzubauen, sei besonders von einem Problem immer wieder zuhören: Gewalt. Wie viele Frauen diese erfahren haben, lässt sich schwer beziffern, denn die wenigsten erstatten Anzeige. Schätzungen gehen aber davon aus, dass neun von zehn Frauen betroffen sind. „Es ist ein Teufelskreis. Viele sind schon während einer Beziehung Opfer von Übergriffen, suchen sich aber erst sehr spät Hilfe.“ Nach einer Trennung, oft zusätzlich von Freunden und Familie isoliert, sei es auf der Straße ähnlich hart. „Frauen bleiben oft allein“, resümiert de Carvalho.

Das bestätigt auch Leiterin Peiter. Sie kennt meist nur einen Teil der Biografie der Frauen, denn niemand muss hier etwas preisgeben. Das Büro der Sozialarbeiterin liegt direkt am Eingang, ihre Tür ist fast immer geöffnet. Sie kennt weitere Gründe für eine fehlende Bleibe. „Die meisten Frauen sind von Altersarmut betroffen. Entweder weil der Partner gestorben ist und eine Rente nicht mehr zum Leben reicht oder weil sie ihren Job verloren haben.“

Peiter fürchtet: „Altersarmut bei Frauen wird als Grund für Wohnungs- und Obdachlosigkeit in den nächsten Jahren zunehmen.“ Und das weitgehend unbemerkt. Obdachlose Frauen sind im Stadtbild kaum zu erkennen. „Sie achten auf ihr Äußeres und halten sich gerne in Einkaufszentren auf, wo es warm ist“, erklärt Peiter die Gründe. Die Scham sei groß, Hilfe anzunehmen. Viele würden erst bei Freunden übernachten oder Wohnungsprostitution betreiben, also für einen Schlafplatz im Trockenen mit ihrem Körper bezahlen.

Das hat auch Franziska gemacht. Ihre blonden Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden, über der Oberlippe glänzt ein kleines Piercing. „Männer nutzen einen nur aus“, fasst sie die Zeit rückblickend zusammen, ihr Lächeln ist verschwunden. „Sie sind die eigentliche Gefahr für uns Frauen auf der Straße.“ Momentan lebt Franziska in einer Wohngruppe speziell für Frauen ohne feste Bleibe. „Eigene vier Wände wären toll, aber die WG ist okay. Der Zusammenhalt ist wichtig.“

Wie wichtig dieser ist, merkt man auch hier am Frühstückstisch, als Barbara erzählt, wie ihr die Fahrkartenkontrolleure den Sozialpass abgenommen haben. Gefälscht soll er gewesen sein, erzählt die ältere Frau, die ihre grüne Steppjacke auch während des Frühstücks nicht auszieht. Sogar die Polizei hätten sie gerufen.

Ein gedeckter Tisch – hier treffen sich wohnungs- und obdachlose Frauen

Frauen, die bisher nur auf das Essen konzentriert waren, mischen sich ein. „Ja, es ist ungerecht.“ „Berlin ist wie eine Cowboystadt“, sagt eine andere. „Deutschland ein Rechtsstaat? Davon merke ich nichts.“ An der Tafel entsteht für einen Moment ein Wir-Gefühl. Eine Sache, die die Frauen neben der Wohnungslosigkeit eint.

Ansonsten überwiegen die Unterschiede: Die Frauen hier sind zwischen 20 und 70 Jahre alt. Ihnen allen möchte Claudia Peiter helfen. Nicht immer gelingt das. Denn eine gradlinige Erfolgsgeschichte gibt es nicht. „Für die eine ist es die eigene Wohnung, für eine andere ist es das Annehmen psychologischer Hilfe“, sagt die zweifache Mutter.

Am Frühstückstisch wird es unruhig. Eine der Frauen stellt eine Kiste auf den Tisch. Darin sind Blumentöpfe mit Schornsteinfegern und Weihnachtsmänner aus Schokolade. Es ist Januar und eigentlich nicht mehr die Zeit dafür, doch die Frauen stört das nicht. „Es gab auch schon mal Überraschungseier“, erinnert sich die Leiterin zurück.

Die Frauen freuen sich über die Spende der Berliner Tafel, greifen zu und verteilen. Gestärkt und mit etwas Proviant in den Taschen brechen einige auf. Unter ihnen ist auch Franziska. Im Gegensatz zu ihr wissen nicht alle, wo sie in der folgenden Nacht schlafen werden. Aber sie wissen, dass sie am nächsten Morgen wieder hierherkommen können – für eine heiße Dusche, ein paar Stunden im Warmen oder einen Wir-Moment.