Yasmina Khadra hat für die algerische Armee gegen Islamisten gekämpft. Er schrieb zwei Bücher. Glaubt er, dass Attentate wie das in Straßburg zu verhindern sind?

Er saß in seiner Pariser Wohnung, als gegen zweiundzwanzig Uhr die ersten Bilder vom Blutbad auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg über die Sender liefen. „Nichts, nichts Besonderes“ habe er dabei empfunden, erzählt der algerische Schriftsteller Yasmina Khadra am Morgen danach am Telefon: „Ich kenne den Terrorismus seit dreißig Jahren.“

Khadra ist nicht einfach abgebrüht, er hat resigniert. Und sich aus Anlass des jüngsten Attentats wieder einmal die ewige Frage gestellt: „Hat man wirklich zu verstehen versucht, wie die Terroristen funktionieren?“ Für sich selbst – und eigentlich auch für die ganze Welt – hat er diese Frage in seinen Büchern und mit seinen Erfahrungen längst beantwortet. „Der Dschihadist kann nicht mehr selbständig denken. Er ist ein Verrückter, der in einem mörderischen Wahn lebt. Er ist von sich selbst angeekelt, denn er will ja sterben. Seine Träume sind tot. Jetzt will er die Träume der anderen auslöschen und ihr Fest stören“, sagt er.

Bevor Yasmina Khadra, der eigentlich Mohammed Moulessehoul heißt und Jahrgang 1955 ist, Schriftsteller wurde, war er in der algerischen Armee. Der Vater hatte gegen die Franzosen gekämpft, der Sohn sollte Offizier werden und musste die Militärakademie besuchen. Acht Jahre diente Khadra im Krieg gegen den Terrorismus der Islamischen Heilsfront und geriet mehrmals in Lebensgefahr: „Wir hatten es mit unseren Neffen und Nachbarn als Feinden zu tun. Ich habe den Terrorismus bekämpft, Freunde begraben, die Mütter toter Kinder getröstet – und überlebt.“

Mit seinem Roman „L’Attentat“ (deutsch: „Die Attentäterin“) wurde er im Jahr 2005 weltberühmt. Das Buch handelt von einem Notarzt, der in Israel zu einem Massaker gerufen wird und erkennen muss, dass es sich bei der Selbstmordattentäterin um seine eigene Frau handelt. Vor ein paar Jahren wollte Yasmina Khadra algerischer Präsident werden. Nach seinem Roman „La Dernière Nuit du Raïs“ (2015), der die letzten Nächte des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi ausleuchtet und in dem Khadra sich in das Hirn des Diktators versetzt, kündigte er an, dass er nicht mehr über den Terrorismus schreiben wolle.

Er hat sich nicht an den Vorsatz gehalten. Im Herbst erschien in Frankreich sein neuer Roman „Khalil“. In ihm geht es um einen Terroristen gleichen Namens, der in Paris ein Blutbad anrichten will – geschrieben ist er in der ersten Person. „Ich kenne die Dschihadisten besser als jeder andere auf dieser Welt“, sagt der Autor. Nur deswegen habe er das Risiko eingehen können: „Auch Tyrannen, Neonazis und Terroristen sind Menschen. Leider ist der Mensch zum Foltern, Lügen, Verraten fähig. Zur Menschheit gehört die Barbarei. Wir dürfen das, was wir nicht hören und sehen wollen, nicht verdrängen.“ Khalil wurde in Molenbeek geboren. An seinem Beispiel zeigt Khadra, wie Radikalisierung erfolgt. Er sagt: „Ich möchte, dass dieses Buch in den Schulen gelesen wird.“

Geschrieben habe er es aus „Protest gegen die Schriftsteller, Philosophen, Politiker, die den Islam als Gefahr darstellen“. Ihren Diskurs hält er für gefährlicher als den Dschihadismus. „Die Terroristen kann man entwaffnen, aber die Reden gegen den Islam führen zu Spannungen in der Gesellschaft und könnten einen Bürgerkrieg auslösen.“ Ihn hat Khadra in Algerien erlebt: 15.000 tote Soldaten, 200.000 ermordete Zivilisten, eine Million Witwen, Waisen, Verletzte.

„Unsere Opfer“, sagte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in seiner ersten Reaktion auf das Attentat, das als „Schießerei“ verniedlicht wird. „Es sind auch unsere Täter“, fügt der Schriftsteller Khadra hinzu. Ihn entsetzt die Naivität der Politik: „Nur mit der Polizei und der Armee kann es nicht gelingen. In Algerien bekämpften wir den Terrorismus auch mit den Mitteln der psychologischen, kulturellen, religiösen Kriegsführung. Das hat dazu geführt, dass sich viele Terroristen ergeben haben. Wir müssen mit dem Kampf in der Schule beginnen, überall muss er geführt werden. Und weil man dazu nicht fähig ist, werden die Flüchtlinge zu Sündenböcken gemacht. Das ist eine Flucht nach vorn – um es im Vokabular der Kriegsführung zu sagen: eine Desertion – Fahnenflucht.“

Der Schriftsteller versteht seine Romane durchaus als Waffen in diesem Kampf gegen die Radikalisierung. Über die literarische und politische Qualität von „Khalil“, für den es noch keinen deutschen Verlag gibt, ließ „L’Express“ zwei Kritiker streiten. Der „Figaro“ bescheinigt ihm „öffentliche Nützlichkeit“. Das gilt nach dem ersten Attentat seit seiner Veröffentlichung erst recht. Khadra sagt nur: „Ich habe meine Arbeit gemacht.“