Deutschland ist tief gespalten. Meinungen werden zu wahnhaften Überzeugungen, Kompromisse gelten als Niederlage. Psychotherapeut Holger Richter wirft einen diagnostischen Blick auf unsere Gesellschaft – und sieht Züge einer Psychose.

Als ich mich im Herbst 2015 als Dozent mit Studenten im Umland Berlins befand, entdeckte einer der Seminarteilnehmer meine Zahnbürste, die an den Borsten schwarz-rot-gold gefleckt war. Einer meiner Söhne hatte sie mir zur Fußballweltmeisterschaft 2014 geschenkt. Jener Weltmeisterschaft, bis zu der Deutschland noch recht eins mit sich zu sein schien, ohne falsche Überlegenheit 7:1 Brasilien besiegte und dann später auch den Cup gewann.

Der Student fragte, da er wusste, dass ich aus Dresden kam, warum ich eine „Nazi-Zahnbürste“ hätte.

Ich kann mich an meine Reaktion nicht mehr erinnern, aber ich habe nie vergessen, wie eine schwarz-rot-goldene Zahnbürste die Frage „Nazi oder nicht“ stellen konnte.

Unser Land ist tief gespalten. In Dresden kann man wie in einem Brennglas die Auswirkungen dieser Spaltung beobachten. Aus psychologischer Sicht entstehen Spaltungen, wenn eine unerträgliche psychische Realität ausgehalten werden soll.

Der liebevolle Großvater, der auch ein Kriegsverbrecher war. Ein Land, das so viel Gutes hervorgebracht hat und unsägliche Verbrechen beging. Spaltungen resultieren aus einer Mischung aus Schuld und Trauma, aus Opfer- und Tätersein. Vielleicht hilft ein diagnostischer Blick, um nicht immer weiter selbst zur Spaltung beizutragen.

Deutschland war seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gespalten, am augenfälligsten in den 28 Jahren der Mauer mit den wechselseitigen Zuschreibungen des Bösen nach Ost und West. Die deutsche Einheit sollte das heilen, aber wir sehen diese Zuschreibungen noch immer. Schuld und Trauma des Nationalsozialismus und der Umgang in den Folgejahren in Ost und West spalten noch immer.

So wurde eine Dialog-Gesprächsrunde des Vereins „Brücken schaffen“ in Dresden-Hellerau aus verschiedenen Parteien mit Frauke Petry abgesagt, weil es Morddrohungen der extremen Linken gegen die grüne Initiatorin gab. Gesprächsrunden bleiben, ähnlich wie Internetdiskussionen, seltsam in Selbstgesprächen hängen, in welchen jeder nur echokammerartig die eigenen Positionen wiederholt.

Es kommt zu doppelter Buchführung: Unterschiedliche, auch juristische Maßstäbe von Gut und Böse werden an die verschiedenen Seiten angelegt. Es gibt „gute“ und „schlechte“ Angst, „gute“ Gewalt und „schlechte“. Es kommt zu Realitätsverleugnungen.

So werden Aussagen der einen Seite zu Migration nach kanadischem Modell, zu Umweltschutz und Gleichberechtigung oder im Verhältnis zu Israel nicht wahrgenommen; Bereicherung durch Migration, gelungene Integration, Vorteile der offenen Grenzen auf der anderen Seite auch nicht.

Es bilden sich, je länger nicht miteinander, sondern übereinander gesprochen wird, wahnhafte Überzeugungen, die keiner empirischen Überprüfung mehr zugänglich sind. Es stehe fest, dass die eine Seite die Fortsetzung der Nationalsozialisten sei, so die extreme Linke. Auch wenn es Anstrengungen zur Regelung der ungeordneten Migration gibt, geschähe eine „Umvolkung“, ist die extreme Rechte überzeugt.

Es kommt zu Projektionen: Der eigene gewalt- und machtvolle Anteil wird in den jeweils anderen verlagert. So wird aufseiten der Dresdner Montagsdemonstranten alles Übel in „den Migranten“ projiziert, aufseiten des linken Diskurses wird überall „der Nazi“ gesucht, eben auch in Zahnbürsten.

Schmerzhafte Kompromisse zwischen zwei Bedürfnissen

Aus dieser Projektion der eigenen Machtanteile werden dann im Namen der Toleranz Menschen aus Restaurants und Fußballstadien ausgeschlossen, ohne dass sie konkret etwas Intolerables taten.

Aus diesen Bestimmungsstücken: doppelte Buchführung, Realitätsverleugnung, wahnhafte Überzeugung und Projektion, kommt man zur Diagnose eines psychotischen Mechanismus, der sich fundamental von neurotischen Vorgängen unterscheidet. Die Neurose bildet schmerzhafte Kompromisse zwischen zwei Bedürfnissen. Die Psychose nicht mehr, sie spaltet sie auf.

Die Psychose ist ein Abwehrmechanismus gegen unerträgliche Schuld oder Bedrohung der Identität. Beides, Schuld und Identitätsbedrohung, finden wir als die zentralen Themen in der heutigen deutschen Spaltungsdebatte.

Eine Psychose hat eine gewaltvolle Radikalität in sich, weil sie die Wahnidee von der Wahrheit hat. Dann müssen Menschen mit der falschen Gesinnung den Arbeitsplatz verlieren, Ungläubige getötet werden, Muslime dämonisiert werden. Wahnhaft Überzeugte töten auch im Namen der psychotischen Wahrheit.

Psychotiker haben recht, auch gegen alle Fakten. Dieses Rechthaben muss durchgesetzt werden. Kompromisse, Koalitionen mit der jeweils anderen Seite erscheinen als Niederlage. Sie sind humorlos. Sie reflektieren den eigenen Anteil am Geschehen nicht, es ist der Einsicht nicht mehr zugänglich.

Psychose sieht die Realität nicht, differenziert nicht mehr, stellt nicht mehr infrage. Sie lässt alternative Informationen links (oder rechts) liegen und wertet immer im Sinn der eigenen Standpunkte. Die Psychose verwechselt das Ding mit seiner Bedeutung, sieht hinter den Dingen ganze Konzepte, die nicht mehr falsifizierbar sind. Die Psychose weiß es besser. Das Urteil steht a priori fest. Kommunikation läuft so aneinander vorbei, wird verweigert und dient nur noch als Selbstbestätigungsprozess.

Der derzeitige deutsche Spaltungsprozess kann und muss aufgehalten werden, damit nicht noch Schlimmeres geschieht. Man braucht dazu einen Raum, in dem die Beschuldigungen aufhören, in dem jemand da ist, der bei einem steht, der nicht verurteilt.

Ein Beispiel für ein solches Reden ist die Diskussion der Journalisten Gniffke und Frey mit AfD-Vertretern und Bürgern in Dresden im Herbst 2018. Eine gewährende Kommunikation, in der man Angst, Scham und auch Wut äußern darf, ist zwingende Voraussetzung. Ein zentrales Element dabei ist das empathische Zeigen, dass man die Motive des Gegenübers verstanden hat.

Ich kann als Mensch grundsätzlich Angst, Wut und Schuld verstehen. Das Darstellen von Standpunkten und die Argumentation müssen sanktionsfrei sein. Die Zuschreibung zu Kategorien muss aufhören. Es soll beschrieben werden, was getan wurde, nicht, was meine Kategorie ist. Wertende Worte („Aufmarsch“) in Beschreibungen sollten weggelassen werden.

Keine voreiligen Wertungen vornehmen

Wenn einer sagt, er habe Angst, seine Tochter nachts in eine bestimmte Gegend zu lassen, sollte nicht sofort über „Rassismus“, sondern über seine Angst gesprochen werden, sonst endet Kommunikation. Wenn jemand Angst hat, dass Menschen ausgegrenzt werden und er so schuldig werden könne, sollte er nicht gleich „linker Gutmensch“ genannt werden.

Erst nach Sammlung vieler Fakten sollten Wertungen vorgenommen werden, möglichst unter Einbeziehung von gegensätzlichen Informationen.

Die Begriffe müssen in Anti-Spaltungs-Gesprächen geklärt werden: Was ist mit links und rechts gemeint? Bedeutet es gleich kommunistische Diktatur oder Konzentrationslager? Oder eher sozial und konservativ? Um die derzeitige Spaltungskommunikation zu unterbrechen, müssen zunächst die Augen von der Gegenseite abgewendet werden.

Selbstreflexionsfragen, die Einsicht und Heilung voranbringen können, lauten: Wie siehst du den anderen? Kannst du deine Hypothesen überprüfen? Gibt es widerstreitende Fakten? Kannst du dein Urteil differenzieren? Wendest du selbst unlautere Machtmittel an (die du den anderen vorwirfst)? Kann sich der (nationalistische oder moralische) Größenwahn selbstkritisch hinterfragen, ist er keiner. Bleibt er unerbittlich, droht die komplette Psychose und Gewalt gegen Menschen im Namen der höheren Sache.

Der Eigenanteil am Spaltungsgeschehen, der sich über andere erhebt, kann heißen: Ja, ich möchte Macht. Ja, ich will den anderen abwerten. Ja, ich will für mich andere Rechte als für den anderen. Ja, ich will die guten Motive des anderen nicht sehen. Ja, ich will moralisch der Beste und Größte sein. Ja, ich habe die Wahrheit. Punkt. Ende der Diskussion.

Dialog ohne Angst vor Sanktionen

Dies an sich zu sehen ist häufig erheblich schambesetzt und erfordert einen sicheren Raum. Nur in der Akzeptanz und nicht in der Abspaltung können jene Motive verändert werden. Dazu braucht es gewährende Moderatoren, die sich der eigenen Meinungen enthalten und nur auf den Kommunikationsprozess schauen.

Keine Talkshows mehr, keine polarisierenden Fragen. Moderatoren sollten immer nur auf die Kommunikationsform rekurrieren und diese wieder weg von der Spaltungskommunikation bringen.

Es geht um gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung, auf gleiche Rechte bei der Deutungs- und Argumentationsdarstellung, einen Dialog ohne Angst vor Sanktionen. Dazu müssen gleiche Rederechte und -zeiten eingeräumt werden, die Adjektive vor den Parteinennungen müssen aufhören.

Es braucht Mut, sich mit vermeintlich „falschen“ Meinungen auseinanderzusetzen, Bücher der jeweils anderen Seite zu lesen und zu argumentieren, Rednern der anderen Seite ein Forum zu bieten.

Es wäre eine Sternstunde deutscher innerer Versöhnung, wenn ein Pegida-Mann zu einer grünen Aktivistin sagte: „Ich habe verstanden, dass du möchtest, dass es verschiedene Kulturen in Deutschland gibt, nicht nur die eine, denn du fürchtest, die Deutschen könnten sich wieder über andere erheben.“

Und die Grüne antwortete: „Und ich habe verstanden, dass du Angst hast, dass deine Identität verloren geht, dass dir, wenn du zu viele ausländische Geschäfte siehst, dein Heimatgefühl verloren geht und du Angst vor Gewalt und Kriminalität hast. Und dass du dich von der bisherigen Politik nicht ernst genommen fühlst.“

So etwas ist weit und breit nicht zu erkennen. Wenn schon Zahnbürsten zu Wegscheiden werden, ist Vorsicht geboten.