Eine Kardiologiepflegerin kam nach Deutschland, weil sie hier auf bessere Arbeitsbedingungen hoffte. Nach einem halben Jahr auf der völlig überlasteten Station gab sie auf. Das Fazit: Ihre fachliche Qualifikation sei nicht gefragt gewesen, für Anteilnahme blieb keine Zeit.

Als Andrea vor ein paar Monaten ihre neue Stelle antrat, war sie voller Motivation. Die Klinikleitung im Krankenhaus hatte sie wegen ihrer besonderen Qualifikation eingestellt: Die Mitte-30-Jährige ist Fachpflegerin für Kardiologie. Solche Spezialisten sind in Deutschland Mangelware. Also machte die Klinik Andrea zur neuen Stationsleiterin in der Herzabteilung einer großen westdeutschen Stadt. Sie stammt aus einem anderen EU-Land und heißt in Wirklichkeit anders.

„Ich hatte vorher ein paar Jahre in Großbritannien gearbeitet“, erzählt sie, „aber das wurde mir zu viel: Wir waren dort mit sechs Pflegern für 24 schwer kranke Patienten zuständig, das war auf Dauer einfach zu heftig.“

Heute muss Andrea beim Gedanken daran bitter lachen. Denn im Vergleich mit dem, was sie im Krankenhaus in der deutschen Großstadt erlebte, war die Situation in Großbritannien Luxus pur, sagt sie. Ihre neue Station hatte 28 Betten – und die waren meistens komplett besetzt.

Waren sie nicht mit Herzpatienten ausgelastet, füllte die Klinikleitung sie mit Patienten aus anderen Stationen auf: Gynäkologie, Neurologie, Urologie. Manchmal wurden aus Platzmangel frisch operierte Kleinkinder über Nacht bei ihnen einquartiert, die eigentlich auf die HNO-Station gehört hätten. Häufig wurden Drogenabhängige gebracht, die einen Zusammenbruch erlitten hatten. Und all das zusätzlich zu den oft demenzkranken alten Herzpatienten, um die sie und ihre Kolleginnen sich kümmern mussten.

Um all diese Kranken zu versorgen, sagt sie, waren jeweils gerade mal zwei examinierte Krankenschwestern pro Schicht eingeteilt. Dazu kamen ein paar Pflegehelfer, Medizinstudenten im Praktikum und junge Leute, die ihr freiwilliges soziales Jahr ableisteten.

Selbst die Vorgabe aber, dass immer mindestens zwei Fachkräfte auf der Station sein mussten, wurde nur selten eingehalten. „Das lag daran, dass zwei Vollzeitstellen nicht besetzt waren. Die Pflegedienstleistung sagte, sie würden keine Leute finden.“

Andrea, die den Dienstplan schreiben musste, jonglierte ständig mit den zu wenigen Kräften. Sobald jemand sich krankmeldete – und das kam häufig vor, weil die Pflegerinnen sich so überlastet fühlten –, war die Station unterbesetzt. „Ich musste mehrmals in der Woche bei der Pflegedienstleitung anrufen und sagen: Wir haben nur eine Fachkraft da, ihr müsst uns jemanden von einer anderen Station schicken. Aber die hatten ja selbst keine Leute.“

Stattdessen seien von ihrer Station häufig die wenigen Fachkräfte noch in andere Abteilungen abgeordnet worden. Sie selbst, als Stationsleiterin, habe genauso viel arbeiten müssen wie alle anderen – und die Leitungsaufgaben dann unbezahlt nach Feierabend erledigen müssen.

Dass die Personaldecke an allen Ecken und Enden zu dünn war, bekamen die Kranken zu spüren. Morgens mussten die Patienten im Schnelldurchgang versorgt werden: „Nur kurz mit dem Waschlappen abwaschen und dann weiter ans nächste Bett. Und die Betten konnten wir nicht jeden Tag beziehen, oft nicht mal jeden zweiten. Das tat mir oft so leid, weil die Leute gerade im Sommer dermaßen die Bettwäsche durchgeschwitzt hatten, darin hätte ich selbst nicht liegen wollen.“

Die Hygiene war das eine. Das Menschliche, das auf der Strecke blieb, das andere. „Man war so gehetzt, man ging automatisch in Abwehrhaltung, wenn einer der älteren Patienten versuchte, ein Gespräch anzufangen. Da hat man die Leute immer gleich abgewürgt und gesagt: Erzählen Sie mir das bitte später? Aber natürlich kam dieses später nie.“

All das, sagt Andrea, sei aber noch harmlos gewesen. Denn immer wieder habe die Unterbesetzung, gepaart mit einer archaischen technischen Ausstattung der Klinik, sogar zu Unsicherheiten bei der Patientenversorgung geführt. Zum Beispiel bei der Medikamentengabe: „Wir haben auf Papier dokumentiert, wer welche Mittel bekommen hat. Oft stand da im Plan nichts. Wenn ich die Kolleginnen gefragt habe, hast du dieses Medikament verabreicht? Dann sagten sie oft: Doch, doch, habe ich. Aber ich konnte mir nicht sicher sein.“

Immer wieder habe es Situationen gegeben, in denen sie selbst als einzige Fachkraft auf der Station war – ihren Posten dann aber verlassen musste. „Ich musste zum Beispiel Patienten mit ihren Betten selbst aus dem OP abholen, das dürfen Hilfskräfte nämlich nicht. Da war die Station dann schon mal 20 Minuten ohne Fachkraft.“

Diese Zeiten, sagt sie, hätten ihr die größten Sorgen gemacht. „Wäre dann nämlich etwas passiert, dann wäre ich auch rechtlich in der Verantwortung gewesen.“ Sie sei deshalb alle paar Tage bei der Pflegedienstleitung gewesen. „Die hat mir jedes Mal gesagt: Wir wissen, dass die Lage schlecht ist, aber im Moment müssen wir einfach damit leben.“

Besonders schlimm sei es in der Nachtschicht gewesen – in der oft auch eine Schwester den Dienst für zwei verrichtete. „Einmal musste ich zu einem demenzkranken Mann, der war aus dem Bett gefallen, war auf dem Boden herumgekrochen, das ganze Zimmer war mit Kot verschmiert. Ich musste dem Mann helfen, alles sauber machen, das hat ewig gedauert – und in der Zeit haben schon vier andere Patienten geklingelt. Aber ich konnte ja nicht weg.“

Ein anderes Mal habe sie eine schwer demenzkranke Frau als Patientin gehabt, die so verwirrt war, dass man sie keine Sekunde habe aus den Augen lassen können. „Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als die Zimmernachbarin – und das war eine junge, drogenabhängige Frau – zu beknien: Passen Sie bitte auf die alte Dame auf. Am Ende der Nacht war die junge Patientin total fertig und sagte: ,Aber ich muss doch auch irgendwann mal schlafen!’“

Zweimal in ihrem halben Jahr auf der Station, sagt Andrea, geschahen Dinge, die sie bis heute nicht verwunden hat: „Beide Male habe ich die Tür zum Patientenzimmer geöffnet, nachdem stundenlang niemand mehr nachschauen war – und die Patientinnen lagen einfach tot im Bett.“ Niemand hatte mitbekommen, dass sie im Sterben lagen. Das lag auch daran, dass es auf der Station keine Überwachungsmonitore gab wie bei ihren früheren Arbeitgebern in anderen Ländern, um die Pulsfrequenz der Schwerstkranken ins Schwesternzimmer zu übertragen.

Es gab noch einen dritten Todesfall in ihrer Zeit auf der Station: Die Patientin, erst Anfang 70, mit schwerer Lungenentzündung und Asthma, lag einfach tot neben dem Bett. „Ich weiß nicht, was mit ihr passiert ist – jedenfalls hat ihre Familie massiv Druck bei uns und der Krankenhausleitung gemacht, das war furchtbar.“ Was aus dem Fall geworden ist, hat sie nie erfahren.

Nach einem halben Jahr gab Andrea auf. „Ich habe einfach nicht gesehen, dass sich die Situation irgendwann bessern würde“, sagt sie. Ihre fachliche Qualifikation, für die sie doch ursprünglich eingestellt wurde, sei überhaupt nicht gefragt gewesen. Auch, weil die Ärzte ihr nichts zugetraut hätten.

Anstatt mit ihr zu besprechen, warum welcher Patient wie behandelt werden sollte, hätten sie ihr nur gesagt: Gib jetzt mal diese Tabletten – aber überhaupt nicht erklärt, warum. „Ich bin Kardiologiepflegerin, aber faktisch habe ich den ganzen Tag mehr oder weniger Leute zur Toilette begleitet“, sagt sie.

Ihr Fazit: „Ich will nie wieder in Deutschland in einem Krankenhaus arbeiten – obwohl ich natürlich hoffe, dass es nicht überall so zugeht wie in dieser Klinik.“