An Heiligabend kommt die Familie zusammen, um bei einem üppigen Essen die Geburt Christi zu feiern. Es ist das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit. Was aber tun die Menschen in dieser besonderen Nacht, die kein eigenes Dach über dem Kopf haben, keine Lieben?

Christine, 62 Jahre

Christine – genannt „Blümchen“ – weiß noch nicht, wo sie Heiligabend sein wird. Die 62-jährige ist von zu Hause von ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen.

Wo werden Sie Heiligabend verbringen?

„Ich weiß es noch nicht. Ich mag nicht nach Hause, da ist mein Mann, der mich schlägt. Deswegen komme ich hierher – seit zwei Jahren. Ich war auch schon im Frauenhaus. Und immer wieder im Krankenhaus. Komme mir vor, wie eine zusammengeflickte Puppe von Käthe Kruse.“

Was wird es bei Ihnen zu essen geben?

„Da ich nicht weiß, wo ich sein werde, kann ich es nicht sagen. Früher habe ich an Weihnachten immer eine Ente gemacht. Die habe ich mit Honig eingerieben, das schmeckt nicht süß, aber es gibt eine schöne Kruste.“

Wie würde Ihr Wunsch-Weihnachten aussehen?

„Ich würde gerne zur Ruhe kommen. Hätte gerne eine eigene Wohnung. Ein Zimmer würde genügen. Mein eigenes Zuhause. Dazu eine schöne Schokolade. Ich bin sehr vernascht. Darunter haben meine Zähne auch unheimlich gelitten. Und ich wäre gerne mit meinem Sohn Tobias zusammen. Er ist 32 Jahre alt.“

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

„Friede, Geselligkeit, Einigkeit. Dafür steht für mich Weihnachten.“

Wie kam es zu Ihrer Situation?

„Mein Mann war an der TU als Elektrofeinmechaniker, jetzt ist er im Rentenalter und kommt nicht damit zurecht. Er ist mit sich selbst unzufrieden. Vor ein paar Jahren hat er angefangen, mich zusammenzuschlagen. Seitdem bin ich zwischen Straße, Krankenhaus und Frauenhaus unterwegs.“

Anja, 31 Jahre

Anja mit ihrem Hund Pepper. Die Hundedame war ein Geschenk ihres Partners, der vor drei Wochen verstarb .

Wo werden Sie Heiligabend verbringen?

„Bei einem Freund in Kyritz. Er war auch obdachlos, aber lebt jetzt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Das ist ein Ort, wo ich an Heiligabend mit meinem Hund hingehen kann. Aber die meisten Obdachlosen, die ich kenne, werden an diesem Abend in der Bahnhofsmission in der Lehrter Straße sein. Oder in der Einrichtung am Bahnhof Zoo. Dort gibt es Gänsekeule und gespendete Geschenke.“

Was wird es bei Ihnen zu essen geben?

„Mein Freund in Kyritz will eine Gans machen – mit Klößen und Rotkohl. Darauf freue ich mich. Das ist mein Lieblingsessen.“

Wie würde Ihr Wunsch-Weihnachten aussehen?

„Couch, Weihnachtsbaum, Fernseher. Ich habe vor drei Wochen meinen Partner verloren – durch eine Überdosis. Eigentlich will ich niemanden um mich herum haben. Nur ich und mein Hund Pepper. Das wäre mir am liebsten.“

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

„Mir persönlich bedeutet es nichts, aber man merkt, dass die Menschen anders drauf sind – spendabel. Mein Hund hat einen Wintermantel von einer älteren Dame geschenkt bekommen – für 200 Euro. Eine gute Tat im Jahr, dann fühlen sie sich besser. Man bekommt das ganze Essen gar nicht gegessen in diesen Tagen. Den anderen Obdachlosen fehlt die Nähe zur Familie in dieser Zeit.“

Wie kam es zu Ihrer Situation?

„Ich lebe auf der Straße seit ich ein Teenager bin. Meine Mutter starb, mein Vater ist Alkoholiker. Ich kam zu Hause nicht mehr klar. Ich habe seit fast 20 Jahren keinen Kontakt zu meiner Familie. Und das ist gut so.“

Karl, 78 Jahre

Karl will an Heiligabend allein sein

Wo werden Sie Heiligabend verbringen?

„Ich habe mittlerweile eine Wohnung, da werde ich sein.“

Was wird es bei Ihnen zu essen geben?

„Das weiß ich noch nicht. Ich nehme was von der Bahnhofsmission mit.“

Wie würde Ihr Wunsch-Weihnachten aussehen?

„Mir bedeutet das Fest nichts. Und die Menschen interessieren mich auch nicht.“

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

„Nichts! Gar nichts!“

Wie kam es zu Ihrer Situation?

„Ich war immer allein. Ich bin Junggeselle. Mal hatte ich eine Wohnung, dann wieder keine. Ich habe eigentlich immer so gelebt.“

Marco, 27 Jahre

Marco macht sich nicht viel aus Weihnachten. Er ist bei Adoptiveltern aufgewachsen, die das Fest nicht gefeiert haben.

Wo werden Sie Heiligabend verbringen?

„Ich werde in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo sein. Ich bin noch recht neu in Berlin.

Bin erst seit 1. November hier. Vorher lebte ich in Würzburg auf der Straße.“

Was wird es bei Ihnen zu essen geben?

„Ich weiß es nicht. Keine Ahnung, was es geben wird.“

Wie würde Ihr Wunsch-Weihnachten aussehen?

„Ein eigenes Dach über dem Kopf, ein bisschen Gras rauchen, ein Bierchen oder ein Glas Wein. Ein leckeres Essen – Gänse- oder Hähnchenkeule mit Rotkohl, einen schönen Salat dazu. So würde ich mir Weihnachten wünschen.“

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

„Ich hatte nie so ein richtiges Weihnachten und bin auch nicht gläubig. Ich bin bei Adoptiveltern aufgewachsen. Die haben das nicht gefeiert. Daher bedeutet mir das Fest nicht viel, aber man ist schon nachdenklicher in dieser Zeit. Denkt mehr an ein warmes Zuhause.“

Wie kam es zu Ihrer Situation?

„Ich habe seit über 10 Jahren keinen Kontakt zu meinen Adoptiveltern. Ich war nicht lange bei denen, ich kam in ein Heim für Schwererziehbare. Und dann kamen die Drogen. Ich war immer wieder mal im Knast wegen Autodiebstahl oder Einbruch, dann wieder auf der Straße.“

Helga, 69 Jahre

Helga wird Heiligabend in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin verbringen. Da war sie auch schon im letzten Jahr.

Wo werden Sie Heiligabend verbringen?

„Ich werde an der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo sein. Da war ich schon im letzten Jahr, eigentlich jedes Jahr.“

Was wird es bei Ihnen zu essen geben?

„Heiligabend gibt es in der Bahnhofsmission Gänsekeule mit Rotkohl und Petersilienkartoffeln, Früchtequark als Nachtisch, Geschenke und die Tische sind schön dekoriert. Es gibt kein Bier – so wie bei Frank Zander, wie ich gehört habe. Letztes Jahr bekam ich ein Geschenke-Paket aus Lübeck. Da war ein schöner selbstgestrickter Schal drin, eine Mütze, eine Jacke mit Kapuze, Lübecker Marzipan-Herzen, eine Schachtel Zigaretten, ein Kuvert mit 20 Euro und ein Fläschchen Parfüm – Chanel Nr. 5.“

Wie würde Ihr Wunsch-Weihnachten aussehen?

„Ich habe keine Familie. Mein Mann ist schon lange tot. Ein Bruder auch, was mit dem anderen ist, weiß ich nicht. Ich habe zwei Kinder. Die sind beide über 50 Jahre alt. Aber die melden sich nie. Ich wäre an Weihnachten gerne mal mit netten Bekannten zusammen. Eigentlich ist es sch… hier. Manchmal werden die Leute hier aggressiv und dann gehen auch mal Scheiben zu Bruch.“

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

„Es ist eigentlich was Heiliges, aber wenn ich ehrlich bin, könnte es ausfallen. Was habe ich denn davon? Es gibt niemanden. Ich bin seit 17 Jahren auf der Straße – mit Unterbrechung. Habe mal Zwischendurch bei Bekannten gewohnt, aber für umsonst machen die auch nichts, haben dann auch die Hand aufgehalten.“

Wie kam es zu Ihrer Situation?

„Ich war im Gefängnis. Ich habe in der DDR gelebt, habe auf die Fahne gepinkelt und war dafür sechs Jahre im Gefängnis. Dann ging es bergab. Vorher habe ich in der Filmfabrik Wolfen in der Dunkelkammer gearbeitet.“

Mario, 42 Jahre

Mario kommt aus Leipzig, aber lebt seit mittlerweile zwei Jahren in Berlin auf der Straße

Wo werden Sie Heiligabend verbringen?

„Ich werde an der Weihnachtsfeier am Ostbahnhof sein. Die Berliner Tafel veranstaltet das Fest, glaube ich. Ich und meine drei Kumpels werden uns kleine Geschenke machen, wie z. B. eine Tüte Süßigkeiten. Ich liebe Marzipan.“

Was wird es bei Ihnen zu essen geben?

„Die sagten, dass es Gänsekeule mit Rotkraut gibt. Und Kaffee und Kuchen.“

Wie würde Ihr Wunsch-Weihnachten aussehen?

„Es wäre schön, wenn ich zusammen mit meinen Kumpels in der eigenen Wohnung feiern könnte.“

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

„Eigentlich ist es ein Familienfest, aber viele meiner Familie leben nicht mehr. Man denkt in dieser Zeit mehr über die eigenen Wünsche nach.“

Wie kam es zu Ihrer Situation?

„Ich hatte eine Verlobte, die vor zwei Jahren an Krebs starb. Mir wurde die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. Seitdem lebe ich auf der Straße. Eigentlich komme ich aus Leipzig.“