Der bei einer Polizeiintervention getötete Terrorist steht für eine entwurzelte Einwanderergeneration, die in den Parallelgesellschaften der Vorstädte von klein auf mit Gewalt aufwuchs.

Für den Philosophen Alain Finkielkraut könnte der Fall des mutmaßlichen Attentäters von Straßburg, Chérif Chekatt, eine späte intellektuelle Bestätigung darstellen. Nach den Banlieue-Unruhen im Spätherbst 2005 hatte Finkielkraut als einer der ersten davor gewarnt, dass in den Sozialbausiedlungen an den Rändern der Großstädte eine Einwanderergeneration heranwachse, die vom Hass auf Frankreich geleitet werde. Sie wolle sich nicht integrieren, sondern sei auf Zerstörung aus. Damals löste Finkielkraut große Entrüstung aus, auch weil er offen die „ethnisch-religiöse Dimension“ des Aufstands ansprach. Inzwischen überwiegt die Lesart, dass junge Männer wie Chérif Chekatt das Ergebnis einer jahrelangen Politik des Wegschauens sind. Bereits 2004 war der alarmierende Sammelband von Lehrern über die „verlorenen Gebiete der Republik“ veröffentlicht worden.

Die Banlieue-Unruhen, die auch Straßburg erfasst hatten, erlebte Chérif Chekatt als Heranwachsender. Nacht um Nacht brannten Mülleimer und Autos aus, lieferten sich die Jugendlichen Straßenschlachten mit den Polizeikräften. Es war die Zeit, als in vielen Kinos der Film „Der Hass“ von Mathieu Kassovitz wieder gezeigt wurde, um den Gewaltausbruch in den Vorstädten zu verstehen. „Wenn Feuerwehrleute angegriffen, das Auto des Nachbarn in Brand gesteckt, die Geschäfte, Schulen und Sporthallen des eigenen Wohnviertels angezündet werden, dann lässt sich das schlecht mit den Denkmustern des traditionellen Klassenkampfes analysieren“, schrieb damals der Soziologe Jean-Pierre Le Goff. Die Ereignisse in der Banlieue seien weniger auf Armut und Misere zurückzuführen als auf Entwurzelung und auf eine Identität, die in Auflösung begriffen sei. Diese entwurzelte Jugend habe man geradezu in die Arme der Salafisten und anderer islamischer Eiferer getrieben, aus Hilflosigkeit angesichts der zerrütteten Verhältnisse in vielen Einwandererfamilien.

Den „Brüdern“ gelang es, zumindest oberflächlich wieder Ruhe einkehren zu lassen. Chérif war damals 16 Jahre alt und hatte gerade die Schule abgebrochen – ohne Abschluss. Seine Lehrer waren an dem gewalttätigen Jungen schier verzweifelt. Einer seiner ehemaligen Lehrer sagte im Regionalsender France 3, alle sechs Kinder der Familie Chekatt seien „problematisch“ gewesen. Chérif soll zu plötzlichen Gewaltausbrüchen geneigt haben.

Im Alter von 13 Jahren musste er zum ersten Mal vor den Jugendrichter. Insgesamt 67 Mal, erläuterte der ermittelnde Staatsanwalt Rémy Heitz, sei er aktenkundig straffällig geworden. Insgesamt 27 Mal wurde er in Frankreich, in Deutschland und in der Schweiz rechtskräftig verurteilt. In den Hochhäusern seiner Kindheit war soziale Durchmischung ein Fremdwort. Dort wohnten fast ausschließlich Familien aus dem Maghreb.

Poster von Bin Ladin an der Zellenwand

Chekatts Familie fiel den Sozialarbeitern frühzeitig auf. Der Vater, der 1947 in Marokko geborene Abdelkrim Chekatt, galt als gewalttätig. Ein Strafverfahren wegen Gewalt in der Ehe wurde 2012 eingestellt. Die Mutter hatte sich geweigert, Beweise zu erhärten. Sie wird als diskret und eingeschüchtert beschrieben und soll bis heute nur gebrochen Französisch sprechen. Chérif Chekatt wuchs mit fünf Geschwistern und sechs Halbgeschwistern auf, die aus unterschiedlichen Beziehungen seines Vaters hervorgingen. Die Familie war bei Polizei und Justiz einschlägig bekannt. „Le Monde“ schrieb, unter Straßburger Pflichtverteidigern kursierte der Scherz: „Hast du schon einen Chekatt verteidigt? Sorge Dich nicht, dem wirst Du nicht entkommen“.

Vier von Chérifs Brüdern haben als Wiederholungstäter ein langes Vorstrafenregister. Zwei der Brüder werden seit Dienstagnacht in Polizeigewahrsam verhört, ebenso wie der Vater und die Mutter. Nach einem dritten, ebenfalls radikalisierten Bruder, Samy Chekatt, wird gefahndet. Vieles deutet darauf hin, dass Chérif sich über den Islam aus den zerrütteten Verhältnissen zu retten versuchte. Seit dem 16. Lebensjahr schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, meldete sich arbeitslos und versuchte sich Geld über Einbrüche und Diebstähle zu verschaffen.

Trostlos: In diesem Haus in Straßburg wohnte der Attentäter

Als er 2008 im Alter von 19 Jahren zum ersten Mal in Haft musste, pinnte er ein Poster von Usama Bin Ladin an die Zellenwand. 2010 bei seinem zweiten Gefängnisaufenthalt notierten die Vollzugsbeamten, dass er Mithäftlinge zum Islam zu bekehren versuchte und islamistische Reden hielt. Seine Informationsquelle sei das Internet gewesen, in Moscheen wurde er nicht beobachtet. Er sei Mitglied einer kriminellen Bande, die „mit der Republik gebrochen“ und im Salafismus eine Parallelwelt geschaffen habe, heißt es in seiner Akte. Seine Verachtung für die staatlichen Institutionen brachte er etwa bei Terminen bei der Familienkasse in Straßburg zum Ausdruck. Obwohl die Familie Chekatt hohe Kindergeld- und Wohnbeihilfen von der Familienkasse bezog, ist aktenkundig, dass Chérif Chekatt Mitarbeiter beschimpfte und sie bedrohte.

Vom Schulversager zum Terroristen

Dennoch haben die Ermittler es nicht vermocht, ihm konkrete Anschlagspläne nachzuweisen. Obwohl er seit 2016 unter geheimdienstlicher Beobachtung stand, ließ sich ein strafrechtlich relevanter Verdacht nicht erhärten. So soll es eine List der Ermittler gewesen sein, dass sie die Hausdurchsuchung wegen eines Erpressungsdelikts anordneten. Doch als die Beamten am Dienstagmorgen vor seiner Straßburger Wohnung standen, war Chekatt bereits nicht mehr auffindbar.

Chekatts Werdegang vom Schulversager über eine kriminelle Laufbahn hin zum islamistischen Terrorismus erinnert an Mohamed Merah. Wie sich später herausstellte, wuchs der Terrorist in Toulouse in einer von Hass auf Frankreich geprägten Familie auf. Merah hatte im März 2012 in Toulouse drei Soldaten, drei jüdische Kinder und einen Lehrer erschossen. Merahs Anschlag stand am Anfang der neuen Terrorwelle, die von Franzosen der zweiten und dritten Einwanderergeneration ausgeht.

Spätestens seit dem Protestmarsch der Kinder der nordafrikanischen Einwanderer (beurs) vor 35 Jahren haben die Banlieues immer wieder von staatlichen Programmen profitiert. Milliarden Euro sind in den Wohnungsbau, in Umschulungs- und Arbeitsbeschaffungsprogramme sowie in Vereinsarbeit wie Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung, Frauengruppen oder Sportaktivitäten geflossen. Es hat fast keine Regierung gegeben, die nicht einen neuen „Marshall-Plan“ für die Banlieue auflegte. Dennoch hat sich die Situation nicht wirklich verbessert, wie Innenminister Gérard Collomb in seiner Abschiedsrede kürzlich warnte. „Rauschgifthändler und radikale Islamisten haben den Platz der Republik eingenommen“, sagte er Anfang Oktober mit Blick auf die Banlieue. „Heute leben wir noch Seite an Seite, aber morgen könnte es zu einem Gegeneinander kommen“, mahnte der frühere Sozialist.

Die Le Monde-Journalisten Gérard Davet und Fabrice Lhomme beschreiben in ihrem jüngsten Buch „Inch’allah“, wie etwa im Département Seine-Saint-Denis eine muslimische Gegengesellschaft entstanden ist, die das französische Gesellschaftsmodell vehement ablehnt. „Ja, die Islamisierung in Seine-Saint-Denis schreitet voran“, schreiben die Journalisten. Sie zitieren die eigens für die Chancengleichheit eingesetzte Präfektin Fadela Benrabia: „Wenn man morgens seine Kinder zur Schule bringt, was sieht man da? Man kommt am Kebab-Imbiss vorbei, der geschlossen ist, weil der Inhaber festgenommen wurde, dann folgt der erste, der zweite, der dritte Halal-Metzgerladen, die islamische Buchhandlung und die Islam-Style-Boutique, die Nikabs verkauft. Was bewirkt das? Normen. Ganze Viertel sind inzwischen halal.“