Drei verschiedene verbundene Schriften werden an deutschen Schulen gelehrt. Die „einfache“ sei die schlechteste. Professor Wolfgang Steinig über die katastrophalen Handschriftenkonzepte, die man Schülern zumutet.

Wolfgang Steinig ist Professor für Didaktik der deutschen Sprache. Mit drei weiteren Schreibexpertinnen fordert er in einer Petition, alle deutschen Schüler die in der DDR entwickelte Schulausgangschrift zu lehren. Sämtliche übrigen Schreibschriften seien problematisch, wie Analysen von Schülerschriften zeigen. Im Interview erklärt Wolfgang Steinig, warum so viele Schülerinnen und Schüler Probleme mit ihrer Handschrift haben und wie sie sich lösen lassen.

TPN: Brauchen wir heutzutage überhaupt noch eine Handschrift?

Wolfgang Steinig: Ja, wir brauchen eine Handschrift zu hundert Prozent! Wir können uns ja nicht völlig abhängig machen von der Elektronik. Denken Sie an eine Hochzeitsfeier, da liegt ein Buch aus, in das sich alle eintragen sollen, möglichst auch mit einer ansehnlichen Schrift. Würde man hier nicht mit der Hand schreiben können, wäre das peinlich. Menschen freuen sich über Handgeschriebenes, man sieht, dass sich jemand angestrengt hat, die Persönlichkeit wird auf eine besondere Art sichtbar, denn jeder hat eine unverwechselbare Handschrift. Sie ist unser persönlicher Handabdruck, der einmalig ist. Wir setzen in unserer Gesellschaft sehr stark auf Individualität, auf Eigenständigkeit und Persönlichkeit. Und Persönlichkeit kommt durch die Handschrift zum Ausdruck. Menschen kaufen nach wie vor teure Füllfederhalter und kostbares Briefpapier.

TPN: Und warum unbedingt eine verbundene Schrift? Genügt im Zeitalter der Digitalisierung keine Druckschrift?

Wolfgang Steinig: Wissenschaftliche Studien belegen, dass Schüler besser schreiben, wenn sie von Anfang an eine verbundene Handschrift lernen. In Quebec wurde 2012 eine Studie mit 715 Schülerinnen und Schülern zwischen sieben und acht Jahren durchgeführt. Man testete drei Varianten. Zum einen die in Deutschland übliche: Kinder lernten zuerst eine Druckschrift und ab der zweiten Klasse eine verbundene Handschrift. Bei der zweiten Methode lernten die Kinder nur eine Druckschrift und bei der dritten Methode lernten die Kinder von Beginn an nur eine verbundene Handschrift. Überprüft wurden Schreibgeschwindigkeit, Rechtschreibung und Textproduktion.

Wolfgang Steinig

TPN: Was ergab die Studie?

Wolfgang Steinig: Die in Deutschland übliche Variante, also zuerst Druckschrift, anschließend Schreibschrift, schnitt am schlechtesten ab, das betraf vor allem die Rechtschreibung. Die dritte Variante, also Schreibschrift von Anfang an, führte zu den besten Ergebnissen. Das liegt wohl an den Verbindungslinien zwischen den Buchstaben, die im visuellen und motorischen Gedächtnis gespeichert werden und so dem Schreiber Sicherheit geben. Nicht nur die Orthographie, auch die Grammatik verbesserten sich. Wenn eine Schrift rasch und flüssig aus der Hand geht, kann man sich stärker darauf konzentrieren, was man schreiben möchte. Wenn man beim Schreiben immer wieder an Stellen kommt, die den Schreibfluss stören, wie es bei der Vereinfachten Ausgangsschrift mit ihren eigentümlichen Verbindungslinien ständig zu beobachten ist, wird man verunsichert. Satzbau und Stil leiden darunter.

TPN: Ist es deshalb auch problematisch, dass Kinder erst eine Druckschrift und dann eine verbundene Handschrift lernen?

Wolfgang Steinig: Es ist vor allem deshalb problematisch, weil sie zwei vollkommen unterschiedliche Schriften lernen müssen. Wenn sie bereits nach einem Jahr umlernen müssen, wird der Lernprozess nachhaltig gestört. Beim verbundenen Schreiben prägen sich die Abfolgen der Buchstaben über ihre Verbindungen visuell als auch motorisch ein. Wenn man aber zuerst eine Druckschrift lernt, in der es keine Verbindungen zwischen den Buchstaben gibt, lassen sich die Abfolgemuster der Buchstaben schlecht einprägen. Zudem verwirrt das Umlernen die Kinder. Sie können die Lust am Schreiben verlieren, weil sie nicht einsehen, noch eine weitere Schrift zu lernen zu müssen.

TPN: In Ihrer Petition fordern Sie die Abschaffung der Vereinfachten Ausgangsschrift, warum?

Wolfgang Steinig: Die Buchstaben der Vereinfachten Ausgangsschrift werden nicht von der Grundlinie aus geschrieben, sie hängen stattdessen an der Mittellinie wie an einer Wäscheleine. Diese Linie fällt aber ab der vierten Klasse weg. Danach gibt es nur noch eine Linie, die aber keine sichere Orientierung für diese Schrift bietet, sie fängt dann oft an zu mäandrieren. Zudem sind die mechanisch auszuführenden Verbindungsstriche problematisch, da es für manche Buchstaben keine einfachen Anbindungen gibt, vor allem nicht für das e, den häufigsten Buchstaben. Der Schreibfluss kommt deshalb oft ins Stocken, die Kinder werden irritiert und richten ihre Aufmerksamkeit auf ihre Schrift, anstatt sich auf ihre Gedanken, den Satzbau und die Rechtschreibung zu konzentrieren. Die Bezeichnung „Vereinfachte Ausgangsschrift“ suggeriert, dass diese Schrift besonders einfach wäre, aber das ist ein Trugschluss. Die vermeintlich wissenschaftliche Untersuchung, mit der der Erfinder dieser Schrift, Heinrich Grünewald, die Vorzüge seiner Schrift belegen wollte, war extrem fehlerhaft.

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TPN: Die Lateinische Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift sind sich sehr ähnlich. Warum präferieren Sie letztere?

Wolfgang Steinig: Besonders die Großbuchstaben der Lateinischen Ausgangsschrift sind schwierig zu schreiben, da sie viele Schleifen, Richtungswechsel und Deckstriche verlangen. Sie wurden in der Schulausgangsschrift stark vereinfacht; dadurch wirkt diese Schrift schlanker und moderner.

TPN: Mal der Blick aus einer anderen Perspektive. Ist auch Zeitmangel ein Problem beim Erlernen einer Handschrift?

Wolfgang Steinig: Alleine dass die Schüler erst eine Druckschrift lernen um dann etwa ein Jahr später zur Schreibschrift zu wechseln, raubt unglaublich viel Zeit. Das ganze erste Schuljahr geht für den Erwerb einer eigenen Handschrift verloren. Anstatt nach der Einschulung Druckbuchstaben abzumalen, sollten Kinder vielmehr mit Schwungübungen ihre Feinmotorik verbessern. Aber das gilt heute als langweilig, dafür ist keine Zeit vorgesehen.

TPN: Viele Menschen behaupten, man könne Kindern heutzutage keine verbundene Handschrift mehr zumuten, auf Grund von mangelhafter Feinmotorik. Was sagen Sie zu diesen Behauptungen?

Wolfgang Steinig: Feinmotorik fällt nicht vom Himmel. Es gibt Kinder die schon mit drei Jahren malen können, weil sie von ihren Eltern dazu angeregt werden. Für Kinder, die im Elternhaus keine Buntstifte und Papier bekommen, sollten im Kindergarten besonders gefördert werden, um feinmotorische Defizite vor Schulbeginn ausgleichen zu können. Das Argument einer mangelnden Feinmotorik wäre dann hinfällig. Menschen haben sich ja nicht in der letzten Generation genetisch verändert. Sie haben die gleichen Fähigkeiten wie unsere Großeltern, wenn sie denn gefördert werden.

TPN: Kann die Petition fruchten?

Wolfgang Steinig: An Schulen grundsätzlich etwas zu ändern ist ein Bohren ganz dicker Bretter. Wir haben es mit 16 Bundesländern zu tun, jedes Bundesland hat eine etwas andere Regelung. In vier Bundesländern darf die Vereinfachte Ausgangsschrift zum Glück nicht mehr verwendet werden. In den großen Flächenländern im Westen ist sie aber immer noch die verbreitetste Schrift, mit fatalen Folgen für die Handschrift der Kinder. Unsere Petition ist ein Versuch, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Es wäre das Beste, man könnte sich in ganz Deutschland auf die Schulausgangsschrift einigen. Dann gäbe es auch keine Probleme beim Wechsel des Bundeslandes.

TPN: Ihre Argumente sind zum Abschluss auf einen Blick also welche?

Wolfgang Steinig: Zunächst geht es mir darum, zu erkennen, dass eine verbundene Handschrift von Anfang methodisch am sinnvollsten ist, wie in der Quebec-Studie gezeigt werden konnte.

Im zweiten Schritt stellt sich dann die Frage, welche der drei verfügbaren verbundenen Schriften sollte man nehmen: die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift oder die Schulausgangsschrift? Die Vereinfachte Ausgangsschrift sollte als denkbar schlechteste Varianten verboten werden. Die Lateinische Ausgangsschrift ist mit ihren vielen Schleifen und Richtungswechseln zu aufwändig und irgendwie aus der Zeit gefallen. Übrig bleibt schließlich die Schulausgangsschrift als die zurzeit beste Schrift für unsere Kinder.