Ein grüner Ministerpräsident maßregelt streikende Klima-Schüler, während die CDU-Kanzlerin zum Weitermachen ermuntert: Die Bewegung „Fridays for Future“ um Greta Thunberg hat wahrlich humoreske Züge.

Eine der besten Komödien über die Mechanismen des politischen Betriebs ist „Wag the Dog“ aus dem Jahr 1997. Es geht um einen amerikanischen Präsidenten, dessen Wiederwahl aufgrund persönlicher Verfehlungen akut gefährdet ist. Getreu dem Motto „Große Krise frisst kleine Krise“ empfehlen ihm seine Berater, sich in einen (wenn auch fiktiven) Krieg gegen ein möglichst unbekanntes Land (in diesem Fall Albanien) verwickeln zu lassen. Tatsächlich wird der militärische Konflikt aufwändig in einem Fernsehstudio inszeniert und an die Medien verfüttert. Und weil die PR-Profis im Weißen Haus natürlich wissen, dass es bei erfolgreichen Polit-Inszenierungen auch ordentlich menscheln muss, reichern sie ihr Schauspiel mit der Story des angeblich hinter den Frontlinien verschollenen Soldaten William Schumann, genannt „Old Shoe“ an. Ein Countrysänger verarbeitet die Legende von „Old Shoe“ in ein rührseliges Lied, prompt wird der Song zum Hit.

„Make the Planet Greta again“

Genau daran musste ich denken, als ich gestern mit dem Motorrad in Berlin unterwegs war und vor mir an der Ampel ein alter Mercedes 280 SE zum Stehen kam. Das Modell stammte aus den späten achtziger Jahren, die Abgaswerte ebenfalls. Aber ein an der Heckklappe angebrachter Aufkleber machte deutlich, dass der Fahrer des Wagens durchaus auf der Höhe der Zeit ist: „Make the Planet Greta again – #ClimateStrike #FridaysForFuture“ stand dort zu lesen. Womit klar sein dürfte, dass die 16 Jahre alte Klimaaktivistin aus Schweden endgültig den Kilimandscharo der Popkultur erklommen hat: Wer es als Umweltschützer auf den Bumper Sticker einer rollenden Dreckschleuder schafft, der kann es allemal mit einem vermissten Infanteristen aufnehmen (bei dem es sich in „Wag the Dog“ tatsächlich um einen unter Psychopharmaka stehenden Ex-Knacki handelt). Eine „Goldene Kamera“ wurde Greta am Wochenende ja bereits in die Hand gedrückt, jetzt fehlt nur noch der passende Song.

Mercedes 280 SE mit Greta-Aufkleber

Natürlich liegt es mir fern, mich über die hehren Absichten einer jungen Frau zu mokieren, zumal der Klimaschutz zweifelsfrei eine wichtige Sache ist. Komödiantische Züge haben vielmehr der Greta-Hype (und zwar nicht nur bei Mercedesfahrern) sowie vor allem die Reaktionen sogenannter Polit-Profis auf dieses Massenphänomen. Da schlägt dann tatsächlich die Realität jede Fiktion, wenn etwa der grüne Ministerpräsident des Automobil-Bundeslandes Baden-Württemberg die streikenden Jugendlichen schulmeisterlich ermahnt, so könne es ja auf Dauer wohl nicht weitergehen. Während die Bundeskanzlerin der angeblichen Rechtsstaatspartei CDU in Berlin praktisch zeitgleich dazu ermuntert, fröhlich weiter dem Unterricht fernzubleiben. Vor 20 Jahren hätten Drehbuchautoren mit einem solch abwegigen Plot von jedem Filmproduzenten allenfalls einen Tritt in den Hintern bekommen. Vor allem, wenn sie ihre Geschichte wie folgt ausgeschmückt hätten:

Die Bundeskanzlerin in unserer deutschen Fassung von „Wag the Dog“ wird von der Greta-Bewegung einigermaßen kalt erwischt und weiß anfangs nicht so recht, wie sie darauf reagieren soll. Ihre Berater rätseln, ob der Hype via Internet womöglich sogar von den Russen gesteuert wird. Tatsächlich äußert sich die Regierungschefin wenig später auf einer Sicherheitskonferenz in München mit entsprechenden Verdächtigungen. Das PR-Team der Kanzlerin erkennt schnell, dass dies ein taktischer Fehler war, denn Greta wächst sich zu einem Massenphänomen aus. Jetzt heißt es nicht nur, zurückzurudern. Die Kanzlerin stellt sich sogar an die Spitze der Bewegung und lobt die Jugend für ihr Engagement. Es sei richtig, „dass ihr uns Dampf macht“, sagte sie etwa bei einer Diskussion mit Schülern eines Berliner Gymnasiums; eine solche Bewegung sei wichtig: „Dass dieses Signal gesetzt wird, da gibt es Sorge, das ist für uns gut“, so die Kanzlerin.

Wenn die Realität die Fiktion überholt

Ein erfahrener Filmproduzent würde den Drehbuchautor an dieser Stelle womöglich fragen, ob das Ganze nicht etwas dick aufgetragen sei – zumal die Figur der Kanzlerin laut dramaturgischer Rückblenden früher sogar selbst Umweltministerin war. Und überhaupt sei es ja sogar im Rahmen einer Komödie völlig unplausibel, dass die Medien eine derartige Inszenierung einfach schlucken würden – Deutschland ist schließlich nicht Amerika! Woraufhin der Autor des Plots sinngemäß antworten würde, politischer Opportunismus könne heutzutage nur noch durch krasse Übertreibungen aufgespießt werden. Und überhaupt sei die Kanzlerin am Ende ja sehr geschickt. Immerhin habe sie, im Gegensatz zum grantelnden Grünen aus Baden-Württemberg, eines begriffen: Proteste gegen die Regierung kriegt man am besten klein, indem man sich als Regierungschefin mit den Demonstranten solidarisiert. Das sei doch, so der Drehbuchautor, Machiavellismus in höchster Vollendung!

Die Komödie wurde leider nie gedreht, weil es am Ende mit der Finanzierung nicht geklappt hat. Dabei wäre schon die erste Szene ein Brüller gewesen: An einer Berliner Ampel hält ein alter Mercedes, die Kamera schwenkt zur Heckklappe. Als sich der Dieselrauch auflöst, ist ein Greta-Aufkleber zu erkennen …