Die Frauenquote gilt vielen als Wunderwaffe für Gleichberechtigung. Das ist grundfalsch, schreibt hier ein selbst ernannter alter, weißer Mann. Faktisch schade das Instrument Frauen und stelle einen Rückfall in üble patriarchalische Denkmuster dar.

Ich bin gegen die Frauenquote. Weil es (1.) kein Problem gibt, das sie lösen kann, sie (2.) in alte patriarchalische Denkmuster zurückfällt, (3.) Frauen faktisch schadet, (4.) nicht funktioniert und (5.) die Gesellschaft spaltet.

Zudem wirft sie ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Verfasstheit unseres öffentlichen Diskurses. Das will ich im Folgenden erläutern. Dabei wende ich mich vor allem an jene, die nicht so denken wie ich. Sie müssten allerdings zunächst über einen Schatten springen: dass hier ein alter weißer Mann schreibt. Denn in dieser Debatte geht es ja meist nicht darum, was jemand sagt, sondern wer.

Also: Wie heißt das Problem, für das die Quote die Lösung sein soll? Nun, zunächst steht nicht gerade der Untergang Deutschlands vor der Tür. Deshalb verlegen sich die Quotenbefürworter auf Ungerechtigkeiten. So seien Frauen hervorragend ausgebildet, aber in vielen gesellschaftlichen Bereichen unterrepräsentiert. In der Tat, die Differenzen sind zum Teil irritierend, sie vergrößern sich gar. Aber was bedeuten sie?

Mangelnde Repräsentanz in einem gesellschaftlichen Bereich ist nicht gleichbedeutend mit Unterdrückung. Sonst müssten wir ja auch über eine Männerquote in den Kitas nachdenken, über eine Frauenquote bei der Müllabfuhr und wieder eine Männerquote in Altersheimen – weil Männer durchschnittlich 5,5 Jahre früher sterben als Frauen. Und wir sind nicht mehr in den 70ern. Frauen sind schon lange keine Opfer einer männlich definierten „Glasdecke“ mehr.

Wenn man sich ansieht, wie in den gesellschaftlich attraktiven Bereichen (und um die geht es ja) seit vielen Jahren und mit zum Teil unglaublichen Summen Frauen ge- und befördert werden, dann bleibt nur ein Schluss: Die meisten Frauen wollen nicht in Machtpositionen. Ihnen ist anderes wichtiger. Sie verfolgen zumeist konsequent ihre persönliche Lebensplanung. Davor die Augen zu verschließen wäre respektlos. Frauen haben heute historisch vorbildlose Chancen. Und die, die wollen, nutzen sie auch.

Aber werden Frauen für die gleiche Arbeit nicht schlechter bezahlt als Männer? Jeder Praktiker weiß, dass es „gleiche Arbeit“ in einem strengen Sinne nicht gibt; man kann immer Ungleichheit rechtfertigen. Das ignorieren nur die Promotoren von Transparenzgesetzen, die vermutlich noch nie ein Unternehmen von innen gesehen haben. Interessanterweise überwiegen unter jenen, die nach den bisherigen Erfahrungen das Gesetz nutzen, die Männer.

Mittlerweile fuchtelt man aber nicht mehr mit horrenden Naiv-Statistiken herum, sondern beobachtet einen „nicht erklärbaren“ Einkommensunterschied zwischen zwei und sechs Prozent. Das liegt in der Nähe statistischer Unschärfe. Zudem bestehen bei genauerer Betrachtung die wesentlichen Unterschiede nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Männern und Müttern.

Aber selbst wenn es hier (immer noch) eine Gerechtigkeitslücke gäbe – sind zwei bis sechs Prozent wirklich ein Problem, das nach Lösung schreit? Haben wir da gesamtgesellschaftlich nicht ganz andere Probleme, denen man sich dringend zuwenden sollte? Wir sehen hier geradezu ein Paradebeispiel für das Geschäftsmodell der Politik (wie der Unternehmensberatungen): Ich habe die Lösung – wo ist das Problem! Das ist mein Argument: Die Frauenquote ist eine Lösung, für die es kein relevantes Problem mehr gibt.

Wenden wir uns (2.) den versteckten Botschaften zu, die in der Frauenquote eingelagert sind. Oberflächlich wirkt die Frauenquote als Männerdiskriminierung. Das ist zwar Revanchismus, aber wäre vielleicht zu verschmerzen. Tiefer lotend aber diskriminiert sie Frauen. Sie ist ein Rückfall in patriarchalische Denkmuster: Frauen sind zu schwach, um den gesellschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft zu schaffen. Kann das jemand ernsthaft behaupten, ohne Frauen abzuwerten?

Deshalb ist jüngeren Frauen die Quote peinlich. Ältere, schon erfolgreich aufgestiegene Managerinnen sind genervt und lassen die Anrufe der Headhunter abwimmeln – sie wissen, dass die Avancen vorrangig ihrem Frausein gelten. Man könnte meinen, die Frauenquote sei der Übertrick der Solidargemeinschaft barmherziger Brüder, Frauen niemals als echte Wettbewerber anerkennen zu müssen.

Aber die Frauen-Verniedlichung geht weiter: Frauen seien Opfer gesellschaftlicher Rollenmuster. Sie wüssten gar nicht, worauf sie verzichteten, man müsse sie „sensibilisieren“, sie bräuchten Vorbilder. Die herablassende Bevormundung dieser Denkfigur scheint kaum jemanden zu empören. Dabei ist das reiner Erziehungsjargon. So etwas kann nur sagen, wer Frauen infantilisieren will. Patriarchalischer geht es nicht.

In der Praxis ist unübersehbar, dass (3.) die Quote den Frauen faktisch schadet. Den ohne Quote Aufgestiegenen verweigert sie die Anerkennung. Und die durch die Quote Geförderten werden das Kainsmal der „Quotenfrau“ nicht los. Das ist der Grund, weshalb zum Beispiel ein Beratungsunternehmen wie Deloitte sich generell von der Frauenförderung verabschiedet hat: Die geförderten Frauen wurden einfach im Arbeitsalltag nicht glücklich. An ihnen hing der Geruch der Illegitimität: Geschlecht statt Leistung. Im Jahre 2016 haben in Deutschland gleich reihenweise Frauen ihre Topjobs verloren („Gefallene Engel“); man hatte sie einfach zu schnell in Positionen gehievt, denen sie nicht gewachsen waren.

Und die Quote funktioniert nicht. Wenn wir uns (4.) schlicht die Konsequenzen bisheriger Quotenerfahrungen anschauen, dann ist das Ergebnis ernüchternd. Im Silicon Valley haben alle Unternehmen Quoten – die Frauenrepräsentanz ist rückläufig. Viele Unternehmen incentivieren Manager mit Boni zur Erreichung von Quoten, machen die Frauenförderung zum wichtigen Kriterium ihrer Leistungsbeurteilung – vergeblich.

Schauen wir nach Norwegen, wo seit 2008 Frauen 40 Prozent der Aufsichtsratssitze besetzen. Die 400 quotenbestimmten Aufsichtsratssitze teilen sich gegenwärtig etwa 70 Frauen. Das sind durchschnittlich fast sechs Sitze pro Frau („Goldröcke“). Im operativen Management liegt der Frauenanteil jedoch noch immer unter 20 Prozent. Und auch die Zahl weiblicher Vorstände stieg nicht an – trotz flächendeckender Krippen, langer Vaterschaftsurlaube, flexibler Arbeitgeber und moderner Rollenmodelle. Der erhoffte „Trickle-down“-Effekt blieb aus.

Komme ich (5.) zu meinen größten Bedenken, die sich mit der Frauenquote verbinden. Die Frauenquote betrachtet die Frau nicht als Individuum, nicht als einzelne, besondere Person, sondern als Gruppenwesen. Das spaltet. Es spaltet die Unternehmen als Kooperationsarena: Mann und Frau arbeiten nicht mehr zusammen mit Blick auf die Lebensqualität von Kunden, also von Menschen außerhalb des Unternehmens. Sondern man betrachtet sich zunehmend als Repräsentant eines Förderungs- oder Benachteiligungskollektivs.

Es spaltet die Gesellschaft, die, ähnlich der Verwechslung zwischen grammatikalischem Geschlecht (Genus) und biologischem Geschlecht (Sexus), nicht mehr das Gemeinsame betont, sondern das Trennende. Das große Wir wird in kleine Wirs unterschiedlichster Selbstbestätigungsmilieus verschoben, die aufgrund vermeintlicher Handicaps Ansprüche an die Restgesellschaft stellen.

Haben wir nicht schon genug Spaltung, Gereiztheit, Polarisierung? Jagt nicht die Frauenquote als Beispiel einer breitbeinigen, faktenignoranten Basta-Politik die Wähler in die Arme der Extremen? Die Frauenquote ist ein Beispiel für jene Haltung, die gute Absichten hat, aber blind ist für die Konsequenzen. Oder gelten in trumpscher Manier nur noch Bauchgefühl und gute Absichten?

Stellt sich die Frage, warum dennoch an der Forderung nach der Quote festgehalten wird. Dafür kenne ich mehrere Gründe: So wird nicht sauber unterschieden zwischen Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Gleichheit. Da springt man munter hin und her und bedient sich je nach Lust und Laune.

Zudem brauchen Medien Probleme und Skandale, um über sie berichten zu können. Trends, detaillierte und vertiefende Analysen haben gegen Zahlendramen und Behauptungsdespotismen keine Chance.

Und: Man will den Frauen gar nicht helfen. Vor allem die Politik beutet lediglich die Frauen aus, um Aufmerksamkeitsgewinne einzustreichen. Mit Langzeitwirkung: Es untergräbt unser natürliches Gefühl für Menschen, denen man wirklich helfen muss.

Ach ja, das hätte ich fast vergessen: Wenn es um mein privates Geld ginge, würde ich vorrangig Mütter ab 45 zu Führungskräften machen. Unschlagbar! Aber das geht den Staat nichts an.