An den Universitäten versuchen selbsternannte Zensoren immer öfter, Andersdenkende zu unterdrücken. Wie soll es unter solchen Voraussetzungen zu einem freien Diskurs kommen?

Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt – und das habe auch Auswirkungen auf die Debatten an Universitäten, hat vor kurzem der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der Kölner Völkerrechtler Bernhard Kempen, gesagt. Staatliche Gängelung, Publikationszensur oder Reiseverbote für Wissenschaftler, all das gibt es in Deutschland nicht. Worauf bezieht sich Kempens Warnung vor wachsender Einschränkung der Meinungsfreiheit ausgerechnet am freiesten Ort der Gesellschaft, an Universitäten also?

Die als Vorbilder gefeierten amerikanischen und britischen Universitäten haben in der jüngsten Vergangenheit nicht selten dem Druck von Minderheiten nachgegeben, die sich gegen freie Meinungsäußerungen Andersdenkender gewehrt haben. Da wurden nicht nur Diskussionen abgesagt, weil beim Thema „Abtreibung“ zu viele Männer auf dem Podium saßen. Es gab auch Warnungen vor der Ovid-Lektüre vor allem für Frauen. Er ist den Gender-Anhängern ein Dorn im Auge. Die Lektüreempfehlung für seine „Metamorphosen“ wird eigens mit einem Warnhinweis versehen: Hier würden Frauen diskriminiert, seelische Verletzungen seien nicht ausgeschlossen. Eine derartige Gebrauchsanleitung zeugt nicht zuletzt von der Unfähigkeit, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Unwillen und Unfähigkeit, sich an anderem, der eigenen Auffassung widersprechendem Denken zu reiben, gibt es zunehmend auch hierzulande. Der Politologe Herfried Münkler und der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski an der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin waren nur zwei der Betroffenen, gegen die eine studentische Minderheit mobil gemacht hatte. Sie wurden diffamiert, bedrängt und bis ins Privatleben verfolgt. In den Vorlesungen saßen Studenten, die sich wie Gesinnungspolizisten benahmen, mitschnitten und filmten, um Ausschnitte später im Internet zu verbreiten.

Eine Minderheit macht mobil

Die Universität musste mit Hilfe eines Sicherheitsdienstes dafür sorgen, dass Lehrveranstaltungen stattfanden. Und warum? Weil die betroffenen Professoren es sich erlaubt hatten, wissenschaftlich zu argumentieren, dabei zu unorthodoxen Erkenntnissen zu gelangen und sich nicht als Knechte einer Political Correctness zu betätigen, deren enge Grenzen von einschlägigen Meinungsaktivisten festgelegt worden waren. Inzwischen hat die breite Mehrheit der Berliner Studenten an der HU längst dagegen aufbegehrt und ihr Recht auf einen freien Diskurs eingefordert.

Zuletzt hat der Gesinnungsterror die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter getroffen, die als Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam“ eine Konferenz zum Thema „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung“ für den 8. Mai an der Goethe-Universität in Frankfurt geplant hat. Schröter ist unerschrocken, sie hat es sich auch „erlaubt“ zu kritisieren, dass die Ditib als Partner für einen islamischen Religionsunterricht akzeptiert wurde.

Für ihre Konferenz hat sie die Gründerin der Frauenzeitschrift „Emma“, Alice Schwarzer, ebenso eingeladen wie die Soziologin Necla Kelek, Vorstandsfrau von „Terre des Femmes“. Die Gegenposition wird von der Autorin und Journalistin Khola Maryam Hübsch vertreten, die das Kopftuchtragen zur Pflicht für Musliminnen erklärt hat. Dina El-Omari von der Universität Münster wird sich dem Kopftuch-Thema theologisch nähern und tritt dafür ein, dass das Kopftuchtragen der freien Entscheidung jeder Muslimin überlassen bleibe.

„Es muss zum Islam geforscht werden“

Diese ausgewogene Rednerliste hat gereicht, um Schröter einem Shitstorm einer anonymen Minderheit auszusetzen, die sie des „antimuslimischen Rassismus“ bezichtigte und ihren Rauswurf forderte. Unter dem Hashtag „#Schroeter_raus“ hielten Studenten Plakate mit einschlägigen Botschaften vor ihr Gesicht. Auf Facebook gab es Hunderte Kommentare, die meisten stützten die Professorin. Die Universitätsleitung erinnerte an die Freiheit des wissenschaftlichen Diskurses und verwahrte sich gegen die Forderung, die Professorin auszuschließen.

Die Feminismusreferentin des Frankfurter Asta, Fatma Keser, distanzierte sich von den Aktivisten, die den Eindruck erweckt hatten, im Namen der gesamten Studentenschaft zu sprechen, und kritisierte, dass sie Islamkritik und Rassismus gleichsetzten. „Es muss zum Islam geforscht werden, und das will diese Hetzkampagne verhindern“, heißt es in der Stellungnahme. Der Asta sei überrascht über die Kritik, weil die Tagung „selbst breitgefächert ist mit Khola Maryam Hübsch und Dr. Dina El-Omari, die ich beispielsweise nicht einladen würde“, so Keser.

Bücher sollen entfernt werden

Diese Aussage trübt die Freude über die Distanzierung der Asta-Vertreterin. Warum würde sie die beiden Damen, die strikter argumentieren, nicht einmal einladen? Lebt die Diskussion bei einer Konferenz nicht davon, dass sie versucht, möglichst unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen? Wer die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter Politologie- und Soziologie-Studenten des vergangenen Sommers an der Goethe-Universität zur Kenntnis nimmt, wird darüber nicht überrascht sein.

Der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Matthias Revers und der Politologe Richard Traunmüller hatten ihre Befragung durchgeführt, weil sie den Eindruck gewonnen hatten, dass es unter den Studenten einen hohen ideologischen und sprachlichen Konformitätsdruck gibt. Die Ausladung des Polizeigewerkschafters Rainer Wendt an der Universität Frankfurt Ende 2017 war einer der Auslöser, die Haltung einiger Studenten genauer kennenzulernen. Auch damals war es Susanne Schröter gewesen, die ihn einlud, dann aber nach dem offenen Brief von 60 Wissenschaftlern der Universität wieder auslud.

In der repräsentativen Befragung der beiden Wissenschaftler hat sich gezeigt, dass ein Drittel bis über die Hälfte der Befragten sich dezidiert dagegen aussprachen, dass Menschen mit kontroversen Standpunkten an der Universität reden dürfen. Bis zu ein Drittel der Befragten war sogar dagegen, dass deren Bücher in der Universitätsbibliothek ausgelegt werden können, und forderte deren Entfernung. Als Themen dienten Revers und Traunmüller Beispiele wie die Unvereinbarkeit von Islam und westlichem Lebensstil, biologische Unterschiede in den Fähigkeiten von Männern und Frauen und die Ablehnung jeglicher Form der Einwanderung.

Wie soll es so noch einen freien Diskurs geben?

Anhand einiger zufällig gewählter Szenarien untersuchten die Forscher auch, ob die befragten Studenten der Meinung waren, dass Kritik, Witze, Beleidigungen oder Drohungen sanktioniert werden sollten, und wovon sie diese Einschätzung abhängig machten. „Dabei zeigte sich, dass insbesondere ethnische und sexuelle Minderheiten als besonders schutzbedürftig angesehen werden“, schreiben die Autoren. Während eine einfache Entschuldigung in zwei Dritteln der Fälle als richtige Folge für einen Normverstoß erachtet werde, stoße auch die Forderung, dass der Betroffene aufgrund seiner Äußerung den Job verlieren solle, in gut einem Drittel der Fälle auf Zuspruch, berichten die Forscher.

Das zeigt, wie eng die Grenzen der freien Meinungsäußerung nicht nur an der Goethe-Universität, der ehemaligen Wirkungsstätte von Horkheimer und Adorno, inzwischen gezogen werden. An die Stelle der argumentativen und sachlichen Auseinandersetzung mit Andersdenkenden sind Totschlagparolen wie der Rassismus-Vorwurf getreten. Wenn nicht einmal mehr an Universitäten das erkenntnisorientierte und an Argumenten geschärfte Streitgespräch möglich ist, sondern die Ausladung und Ausgrenzung an seine Stelle treten, sind weder freie Wissenschaft noch freiheitliche Demokratie möglich. Denn die Universitäten sollten eigentlich Labor für spätere öffentliche Debatten sein. Wenn schon hier die Grenzen des Sagbaren von selbsternannten Zensoren immer enger gezogen werden, wie soll es dann noch einen vernünftigen und freien Diskurs in der Gesellschaft geben?