Pappe statt Porzellan, Kerosin statt Kohle, Verteilung statt Wertschöpfung: Die ideologischen Fehler der Millennials sind zu gravierend, als dass ihnen Zivilisation und Natur überlassen werden dürfen.

Das Greisenalter ist ein Tyrann, der bei Todesstrafe alle Freuden der Jugend verbietet, sagte La Rochefoucauld einmal so schön, aber das ist schon ein paar Jahrhunderte her, und heute, ja heute, da ist die Verbotskultur eher jung und ziemlich anfällig für despotische Züge. Daher habe ich überlegt, ob ich nicht statt eines normalen Beitrags einen Aufruf an andere Besitzer von schnellen Autos verfassen sollte: Nämlich dergestalt, dass wir am Freitag nach Kiel fahren, schwänzenden Schülern den Demonstrationsweg blockieren und skandieren: „Wir sind hier, unsere Motoren sind laut, weil ihr Bratzen das Kerosin raushaut! Nach Arizona flog euer Chef, der Jakob Blasel: Ihr selbst seid der Umwelt größter Schlamassel!“ Oder „Ho-Ho-Ho Chi Min, keine Reise mehr mit Kerosin! Stalin, Mao und Pol Pot: Moralisch seid ihr voll bankrott!“ Hintergrund meines gerechten Anliegens ist der Umstand, dass bei „Hart aber fair“ mit Jakob Blasel aus Kiel ein „Umweltaktivist“ für Schulstreiks in Erscheinung trat, der 1. Funktionär bei der Grünen Jugend ist und 2. vor dem Auftritt seine Social-Media-Spuren nicht aufgeräumt hat: Es kam heraus, dass er 2017 in Arizona weilte, und der umweltschädigende Flug hin und zurück ließe eine Spritztour im SLK nach Kiel zur Züchtigung seiner Anhänger als lässliche Kleinsünde erscheinen.

Ich könnte ihn dann auch ablichten und sein Gesicht – so wie das seine Freunde mit Wirtschaftsminister Altmaier machen – in ein Bild montieren, sagen wir, vor eine brennende Ölquelle, und daneben aufführen, wie sehr er mit seinen nur 18 Jahren schon die Erde belastet hat. Im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ gibt Blasel zwar an, er habe sich verändert und würde jetzt auf Flugreisen verzichten. Sein eigener Protest gegen die Abholzung des Hambacher Forstes kam jedoch nicht aus einem Baumhaus, sondern aus dem Kolosseum. In einer Stadt namens Rom. Das liegt – ich nehme meinen Bildungsauftrag gegenüber Hochschulgereiften in Berlin noch ernst – in Italien. Und rund 1800 Kilometer südlich von Kiel. Es gibt Leute, die nach Italien radeln, der Verfasser dieser Zeilen gehört dazu. Bei Blasel glaube ich das nicht.

Ich habe also allen Grund, empört zu sein, und wenn die einen schwänzen, werde ich mit meinen Freunden vom Motorsportclub Wuidsau-Oberland in Kiel meine Wut über die Doppelmoral der nachwachsenden Generation zum Ausdruck bringen dürfen, die, wie stets in der Weltgeschichte, nicht besser als die vorhergehende, sondern nur in einigen Nuancen anders schlecht ist. Diese Nuancen nennt man gemeinhin später Geschichte, aber noch ist es nicht so weit, und ganz ehrlich, mich ärgert das. Denn ich gehöre nun mal zu denen, für die ein gelungener Winterurlaub nicht mit dem Flug nach Thailand beginnt, sondern mit einem Aufstieg über die tief verschneite Neureuth zum Berggasthof, den schweren, alten Supersport-Rodel hinter mir herziehend. Kurz zuvor war ich noch in Berlin und sah die Massen der eingeflogenen jungen Partytouristen: Das Umweltinteresse der rot-rot-grün regierten Stadt könnte sich dort auch mal melden und darauf hinweisen, dass Flugbenzin endlich besteuert werden sollte, damit die Anreise wenigstens halbwegs umweltschonend mit der Bahn oder einem gut besetzten Dieselautomobil erfolgt. Stattdessen erwartet man dort den Umstieg auf das E-Auto, das bei uns im Bergwinter wegen der schwachen Akkus lebensgefährlich ist. Und niemand demonstriert vor dem Starbucks. Da sitzt dann das internationale Jungvolk und trinkt Tee.

Ich habe das in Berlin zum 1. Mal in meinem Leben auch gemacht, und das hier ist das Ergebnis. Was immer man auf dem Tisch sieht: Es ist Müll. Der Teebeutel: Müll, der getrennt werden müsste. Die Plastikverpackung, in die der Teebeutel eingeschweisst wurde: Müll. Der plastifizierte Becher: Müll. Der Schnabeltassenaufsatz aus Plastik, den all die unterwegs nuckelnden Coffee2go-und-Becher-liegen-lass-Jungumweltschweine für den einmaligen Einsatz offensichtlich verlangen, weil ihre asozialen Eltern ihnen nicht beigebracht haben, dass man sich zum Essen und Trinken hinsetzt: Müll. Der bedruckte Karton um den Müllbecher, der darumgelegt wird, weil sich die Erfindung des sogenannten Henkels – bewährt seit dem Neolithikum – in Abfall nicht umsetzen lässt: ebenfalls Müll. Auf dem Hitzeisolierungsring steht: „Caution: Very hot.“ Wir haben es mit einer angeblich einmal Rente zahlenden Generation zu tun, für die man einen Hitzehinweis auf schlecht isolierende Pappe schreiben muss, weil sie aus Wegwerfbechern nuckeln will. In einer rot-rot-grün regierten Stadt. Bei mir auf der Neureuth herrscht ein überknallschwarzer Freie-Wähler-Bürgermeister. Dort gibt es hitzeisolierendes Glas, das tausendmal verwendet werden kann. Noch Jahrhunderte, wenn es nicht zerbricht. Und es hat einen Henkel.

Ich glaube nicht, dass eine Wegwerfgeneration, die einen Hitzehinweis auf dem Becher benötigt, einmal etwas tun wird, das meine Rente zahlen könnte: Sie zahlt Starbucks-Filialen, deren Umsätze sich von 2007 bis 2017 in Deutschland auf rund 140 Millionen Euro verdoppelt haben. Rente ist eine soziale Idee aus der Zeit von Otto Schott, der das hitzebeständige Glas erfunden und durch fest angestellte, erfahrene Mitarbeiter zu einem deutschen Markenartikel mit Weltruf gemacht hat. Rente setzt eine Erwirtschaftung durch Wertschöpfung voraus: Ein Volk produziert einen Überschuss, der denjenigen zugutekommt, die nicht mehr produktiv sein können. Die Generation Zerstörung hat einen Juso-Bezirk Hannover, aus dem einmal der knorrige Kanzler Gerhard Schröder kam, übernommen. Im Vorstand sind dort heute nur noch Studenten, von Verteilungsfächern wie Gender, Politikwissenschaften, VWL, Jura und Soziologie. Sie haben eine Denkfabrik Feminismus, einen Standpunkt Antinationalismus und einen Schwerpunkt 200 Jahre Marx. Und sie haben auch so einen minderwertigen Plastikbecher, und auf dem steht: „Mein Vaterland interessiert mich nicht die Bohne.“

Wenn die SPD verstehen will, warum sie als Arbeiterpartei nicht mehr ernst genommen und von vielen früheren Wählern als Raubstaatspartei verachtet wird: Die Jusos Hannover geben eine echte, offene und unverstellte Antwort. Sie lehnen Nation und die daraus entstehende Gesellschaft ab, sie wollen Umverteilung zugunsten der Genderideologie, und sie hängen Karl Marx nach, während sie aus Ausbeutungsprozessen in früheren Kolonien stammenden Kaffee aus umweltschädlichen Plastikbechern nuckeln, die eine dumme Parole tragen. Möglicherweise haben die Großeltern dieses akademischen Nachwuchses noch Winterling und Hutschenreuther Stück für Stück über die Nachkaufgarantie erstanden, bis sie dann ein Service hatten, das von bescheidenem Wohlstand sprach. Ich selbst komme aus einer sicher nicht armen Familie, aber ich habe noch gelernt, dass man an Wochentagen in der Küche die Senfgläser anstelle jenes geschliffenen Glases nimmt, das bewahrt werden soll. Schließlich war es teuer, und jemand musste dafür arbeiten, das Geld kam nicht aus dem Fördertopf des Familienministeriums. Die Jusos werden staatlich kofinanziert und verschenken ihre Wegwerfartikel, damit ihre Parole in die Öffentlichkeit gelangt. Dass es in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit der gleiche Offenbarungseid ist, den auch Greta Thunbergs PR-Leute leisteten, als sie die Aktivistin inmitten von Plastik-Einwegverpackungen beim Frühstück ablichteten, verstehen sie vermutlich gar nicht. Der Wegwerfbecher, das musste ich gestern erfahren, als ich die Sendebenachrichtigung einer britischen Silberkanne abrief, ist inzwischen Teil der Werbeikonografie für den neuen, mobilen Lebensstil.

Archäologisch ist das bemerkenswert, denn Kulturen drücken sich normalerweise durch keramische Leitfunde aus: Scherben überdauern seit der Erfindung des Brennvorgangs im Boden. Die Befunde der letzten 400 Jahre zeigen eine immense Ausweitung des materiellen Wohlstands: Um 1600 hat man allenfalls seltene Fayencen neben billiger Irdenware in den Abfallgruben und nur in Ausnahmen etwas Porzellan, bevor es im 18. Jahrhundert etwas häufiger wird. Im 19. Jahrhundert dominiert das weiße Gold bereits, im 20. Jahrhundert ist der frühere, unerschwingliche Luxus das Massengebrauchsgut, bis es dann im frühen 21. Jahrhundert einbricht: Mit Millennials der Generation Zivilisationsbruch, die aus Wegwerfbechern nuckeln und es richtig finden, wenn arbeitslose Rumänen in die großen Städte ziehen, um auf schrottreifen Rädern den Wohlstandskindern Essen in Storyporverpackungen und Alufolie zu liefern, das sie im Internet auf in China produzierten Handys bestellt haben. In der Wartezeit beschweren sie sich, dass sie zu schlecht bezahlt werden und das Geld vorne und hinten nicht reicht, bevor sie dann, gebeugt über den Müll, mit der Plastikgabel den Schlonz in den Mund schieben, während nebenbei Netflix im Dauerbetrieb läuft. Archäologisch vergleichbar ist das allenfalls mit dem Untergang des Römischen Reiches in den Barbarenstürmen, in deren Folge die Terra Sigilata in unseren Breiten völlig verschwindet.

Mein Tee, wenn ich das anmerken darf, benötigt lediglich heißes Wasser aus der Leitung und hinterlässt als Schmutz nur biologisch wertvollen Kompost. Ich benutze sündenreich entstandene Blutsilberkannen des britischen Kolonialismus, und beim Porzellan ist sicher auch das ein oder andere Stück dabei, das unterschiedslos in Weimarer Republik, Drittem Reich und Bundesrepublik geschätzt wurde. Die Entstehungskosten waren fraglos hoch, aber allein mein Teesieb, so schwarz es auch sein mag, leistet mir seit über zehn Jahren treue Dienste. Mein Teehaus ist nur 300 Meter entfernt, dorthin gehe ich zu Fuß, und die Besitzerin füllt mir den Assam und Ceylon in die mitgebrachte, alte Verpackung. Der einzige Besuch bei Starbucks in meinem Leben hat mehr Müll produziert als wochenlanges Teetrinken bei mir zu Hause. Dabei saß ich in einem weichen Sessel statt auf einer engen Bank, und die Kanne steht auf einem Mahagonitisch, dessen Holz vor 200 Jahren geschlagen wurde. Ich wurde über diese anerzogene, echte Nachhaltigkeit so alt, dass ich nicht einsehe, mir meine restlichen Jahrzehnte auf dieser Welt von der Generation Vielflug, Hambi-Protest-aus-Rom und Interessiert-mich-nicht-die-Bohne ruinieren zu lassen. Diese Schmutzfinken bestrafen sich zwar selbst, weil der von ihnen produzierte Müll letztlich in jenen Fischen landet, die unter Mord am sinnlosen Beifang dann zu ihrem Sushi verarbeitet werden – Sushiveganismus ist einer der modernen Trends dieser Generation. Aber wenn die große Müllschleife erst bei ihnen in den Eingeweiden wirkt, bin ich selbst zu alt, um die gerechte Strafe noch lang mit erhobenem Zeigefinger zu goutieren. Außerdem stören mich die Kondensstreifen ihrer Flugzeuge massiv beim Fotografieren meiner Bergwelt. Die Generation Wir-sind-mehr schafft es unterdessen, Menschen über Porzellanbenutzung abzuwerten:

Das meine ich mit den in Nuancen anderen Fehlern der immer gleichen, menschlichen Überheblichkeit. Ein Konglomerat aus Medien, PR, Leuten mit zu viel Zeit und ohne echte Arbeit spinnt sich ein Weltbild zusammen, in dem Kohle verboten werden muss und der Verbrennungsmotor zu verschwinden hat. Und gleichzeitig redet niemand über eine Steuer auf Kerosin für ihre Flüge und über den Umstand, dass auch Flugzeugturbinen Verbrennungsmotoren sind. Selbst Plastikbecher mit antinationalen Slogans werden nicht nach Deutschland gerudert, auch wenn der Belegungsgrad deutscher Gefängnisse nach der Einladungspolitik der letzten Jahre momentan die Wiedereinführung der Galeere als Freiluftoption zur Haftverbüßung neu verhandelbar machen würde. Nebenbei, so eine Ruderbank könnte auch der Generation Zerstörung erklären, wie die Welt aussähe, wenn man ihre umweltpolitischen Vorstellungen wirklich in aller Konsequenz umsetzt, und Beständigkeit und Disziplin mit einer festgeschmiedeten Kette durchsetzt. Kiel würde sich als Hafenstadt für solche Expeditionen in die Klimaneutralität ohne CO2-Ablasshandel sehr empfehlen, und vielleicht macht sich die Jugend dort demnächst auch ohne meine demonstrierende Beihilfe einmal Gedanken, ob das nahe Dänemark nicht auch schon als Ziel ausreicht. Oder halt eine Radtour durch unsere schöne Nation Deutschland! Dort gibt es in der Provinz viel zu entdecken, was diese Leute gar nicht mehr kennen dürften.

Tischdecken zum Beispiel, auf die wir die Untertassen unserer Tassen stellen, die dort einen echten Henkel haben, wo andere ihren Pappmüll mit Hitzewarnung verwenden. Oder, wie Archäologen das zu nennen pflegen, Zivilisation.