Burnout, Depressionen, Panikanfälle: Jeder sechste Student in Deutschland leidet an einer psychischen Erkrankung. Je länger das Studium dauert, desto mehr wächst das Risiko. Woran liegt das? Und was können Betroffene tun?

Besonders schlimm war es in der Bibliothek, kurz vor Abgabe der Bachelorarbeit. Als Jan Schneider* vorm Laptop saß und seine Gedanken kreisten: „Alle um mich herum sind so produktiv, nur mir fällt wieder nichts ein. Das Pensum, das ich mir für heute gesetzt habe, werde ich nie schaffen.“

Der Student war es gewohnt, lästige Aufgaben aufzuschieben. Doch die Schreibblockaden und Grübelattacken, mit denen er am Ende seines naturwissenschaftlichen Studiums zu kämpfen hatte, waren neu – und sie machten ihm Angst. Es ging so weit, dass er Panikanfälle bekam. „Bei mir hat sich das als Zittern geäußert, ich hab mich in mein Bett verkrochen und ganz klein gemacht.“

Heute, drei Jahre später, steht der 24-Jährige vor seinem dritten Semester als Masterstudent. Er hat die Bachelorprüfung bestanden, Praktika gemacht, sich an einer neuen Universität eingeschrieben. Und er war in therapeutischer Behandlung – wegen seiner Depression.

Rund eine halbe Million Studierende betroffen

Vielen Studenten in Deutschland geht es schlecht. Laut der „Studie zur Gesundheit Studierender in Deutschland“, die vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), der Freien Universität Berlin und der Techniker Krankenkasse (TK) verfasst wurde, haben Studenten im Vergleich zu Gleichaltrigen deutlich häufiger physische und psychische Beschwerden. 25 Prozent gaben an, stark unter Stress zu stehen; ebenfalls ein Viertel klagte über sehr große Erschöpfung – der häufigste Indikator für einen Burn-out.

Jeweils rund ein Sechstel zeigten Symptome einer Depression oder einer generalisierten Angststörung. Laut Arztreport der Krankenkasse Barmer ist jeder sechste Student psychisch krank, also rund eine halbe Million junge Menschen. Je älter die Studenten sind, umso mehr steigt die Gefahr, dass sie an einer Depression erkranken. Bei jungen Menschen, die nicht studieren, sinkt das Risiko einer psychischen Erkrankung mit dem Alter.

Bereits 2015 stand in einem TK-Report, dass ältere Studenten das höchste Stresslevel haben und deutlich mehr Antidepressiva einnehmen. Offenbar werden sie mit der Zeit anfälliger für Überforderung und Selbstzweifel. Jan Schneider sagt, er habe vor seiner Immatrikulation nie Probleme gehabt: Abi mit 17, Bewerbung am Karlsruher Institut für Technologie, „alles in einem Lauf“. Warum werden Studenten wie er an der Uni krank? Und was lässt sich dagegen tun?

Wenn die Probleme im Alltag immer mehr Raum einnehmen

Besuch bei Kai Ehlers im Betonklotz des Studentenhauses in Berlin-Charlottenburg. Sein Büro liegt am Ende eines langen Flurs: warme Farben, Grünpflanzen, tiefe Sessel. Ein gemütliches Zimmer, aber viele hier bemerken das vermutlich nicht. Wer einen Termin vereinbart, ist oft mit den Kräften am Ende. Ehlers ist seit 2016 Bereichsleiter der Psychologisch-Psychotherapeutischen Beratung des Studierendenwerks Berlin.

Knapp 2000 Studenten haben hier im vergangenen Jahr Hilfe gesucht. Die meisten litten an Selbstwertproblemen, gefolgt von depressiven Symptomen. Fragt man ihn nach den typischen Fällen, sagt er: „Die gibt es nicht.“ Vor ihm sitzen Menschen mit den unterschiedlichsten Problemen: von der Studentin, die Heimweh nach Bayern hat, bis zum Flüchtling, der wie ein normaler Kommilitone behandelt werden möchte.

Das allein macht noch keine Depression aus. Die meisten Menschen müssen sich nach einem Umzug einleben. Und die meisten wünschen sich, angenommen zu werden, wie sie sind. Gefährlich wird es, wenn diese Probleme so viel Raum einnehmen, dass für anderes immer weniger Platz bleibt. Wenn die Studenten über Monate kaum noch schlafen und sich tagsüber nicht konzentrieren können. Wenn sie das Gefühl haben, einfachsten Aufgaben nicht gewachsen zu sein. Wenn sie sich immer mehr zurückziehen, weder einkaufen noch duschen. Viele, sagt Ehlers, gerieten in eine „Ist doch alles egal“-Stimmung: ein Zustand der Lähmung, den sie aus eigener Kraft nicht mehr überwinden können.

Laut DZHW-Studie sind vor allem Sprach- und Kulturwissenschaftler psychisch belastet. Ehlers sagt, bei ihm säßen auch Physik-, Jura- oder Kunststudenten. Viele Studenten kämen in der Prüfungszeit zu ihm, besonders vor den Abschlüssen. „Bis dahin funktioniert noch das Binge-Learning, das sture Bimsen für die Klausuren“, sagt er. „Aber bei der Bachelor- oder Masterarbeit merken viele Studenten dann: Auswendiglernen bringt jetzt nichts mehr.“

„Zum ersten Mal wurde Scheitern eine Möglichkeit“

Auch Jan Schneider wurde kurz vor dem Abschluss klar, dass er nie gelernt hatte, eine Arbeit systematisch anzugehen. Das Schreiben geriet zur Qual – und mit jedem Tag stieg die Versagensangst: „Zum ersten Mal wurde Scheitern für mich eine Möglichkeit“, sagt er. Dabei hatte sich der Druck schon im Studium angestaut: Schneiders Uni-Tage waren lang, die Semesterferien mit Praktikum und Lernen verplant. Zudem haderte er mit seinem Studiengang: „Damals hatte ich aber nicht das Selbstbewusstsein, mich dem System zu wiederzusetzen.“

Redet man mit Experten über die psychische Belastung von Studenten, kommen sie auf das Bologna-System zu sprechen. So heißt die europaweite Reform der Studiengänge, die eine Vereinheitlichung der Abschlüsse zum Ziel hatte. Tatsächlich, kritisieren viele, leiden Studenten seither unter überfrachteten Studienordnungen. Das DZHW stellt aufgrund des „straffen“ Systems Zeit- und Leistungsdruck sowie Angst vor Überforderung fest. Für ein selbstbestimmtes Studium und Seminarbesuche aus Lust am Lernen bleibt kaum Platz.

Auch Schneider vermisste den Blick „über den Tellerrand hinaus“. Sein Studium zu verlängern war aber keine Option: Nur ein Semester mehr, dann hätte er die Regelstudienzeit überschritten – und kein BaföG mehr erhalten. Noch größer als der finanzielle war der psychische Druck: „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich meinen Bachelor nicht geschafft hätte“, sagt er. „Das wäre ein großes Nichts gewesen.“ Er gab die Arbeit auf den letzten Drücker ab. Auf seinem Bachelorzeugnis steht die Note 2,1.

Der „sozial vorgeschriebene Perfektionismus“ nimmt zu

Kai Ehlers sagt, in seinem Büro säßen ständig Studenten, die am eigenen Leistungsanspruch fast kaputtgingen. Weil sie sich weder Pausen noch Fehler zugestehen und Erfolge an denen ihrer Kommilitonen messen. Psychologen aus England haben herausgefunden, dass dieser „sozial vorgeschriebene Perfektionismus“ unter Studenten in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen hat: Der Druck, den Ansprüchen der Familie, der Professoren oder der künftigen Arbeitgeber zu genügen, ist um ein Drittel gestiegen.

In Deutschland fürchtet laut einer Umfrage der TK jeder vierte Student, nach dem Abschluss keinen Job zu finden. Die Zukunftsangst sei ein weiterer Grund dafür, warum auch ältere Studenten depressionsgefährdet seien, sagt Ehlers. Dahinter steht oft die Sorge, zu langsam zu sein. Wer mit Anfang 30 in den Seminaren zwischen 25-Jährigen sitze, habe zwar meist gute Gründe: die Pflege der Eltern, eigene Kinder, der 20-Stunden-Job, um die Miete zahlen können. „Trotzdem gilt leider unter den Studierenden häufig: Wer länger braucht, hat’s nicht drauf.“

Diese Belastungen machen krank. In Deutschland wurde allein im Jahr 2015 bei 32.600 Studenten erstmals eine Depression diagnostiziert. Der Bedarf an Hilfe ist groß – doch die fehlt in der Regel. An den Universitäten gibt es oft nur einen oder zwei Psychologen, die nur eine einzige Beratungsstunde anbieten können. Auch aus diesem Grund gibt es die „Nightlines“: Ein Zuhör- und Informationstelefon von Studenten für Studenten mit mittlerweile 17 Büros in Universitätsstädten von Aachen bis Zürich.

„Es bräuchte mehr Verständnis für Probleme von Studenten“

Die ehrenamtlichen, im aktiven Zuhören geschulten Mitarbeiter wollen Hilfesuchenden eine niedrigschwellige Anlaufstelle bieten. Gerade dann, wenn diese zuvor noch nicht von psychischen Störungen betroffen waren: „Für diese Menschen ist es oft einfacher, erst einmal hier anzurufen, bevor sie professionelle Unterstützung suchen“, sagt Valentin Klein.

Der 24-Jährige arbeitet im Leipziger „Nightline“-Team und kennt das Versorgungsproblem aus erster Hand. Denn oft erzählen ihm die Anrufer nicht nur von Liebeskummer oder Prüfungsstress, sondern auch von überlasteten Beratungsstellen und langen Wartelisten. „Es bräuchte definitiv mehr Therapeuten und ein besseres Wissen um und Verständnis für die Probleme der Studierenden“, sagt Klein.

Zumal ein Behandlungsplatz nicht automatisch bedeute, dass die richtige Therapie angewendet werde – oder dass das Verhältnis zum Therapeuten stimme. Er kenne Fälle, in denen Studenten aus lauter Verzweiflung ihre Behandlung fortsetzten, obwohl es zwischenmenschlich überhaupt nicht funktionierte.

Mittelgradige und schwere Depressionen sind häufig

Laut Barmer-Report wurden 45 Prozent der depressiven jungen Erwachsenen im Jahr 2017 nicht behandelt. Auch Schneider versuchte es zunächst ohne Therapie. Er zog in eine neue Stadt und schrieb sich für einen Masterstudiengang ein. Der Wechsel tat ihm gut.

Doch dann wurde er einer Pflichtveranstaltung zugeteilt, die ihm überhaupt nicht lag. Plötzlich kam alles wieder hoch: der Frust über die Fremdbestimmung, die Konkurrenz unter den Kommilitonen, die Versagensangst, die Schreibblockaden. Statt an seiner Hausarbeit zu sitzen, sortierte er stundenlang die Dateien auf seinem Notebook. Dann verbrachte er die Tage mit Fernsehserien.

Die Barmer listet die Depressionsdiagnosen der Studenten mit Schweregrad auf. Den größten Anteil nehmen mittelgradige und schwere Depressionen ein. „Mittelgradig“ heißt: Der Patient hat große Schwierigkeiten, alltägliche Aktivitäten fortzusetzen – Dinge wie arbeiten gehen, Freunde treffen, abwaschen. „Schwer“ bedeutet: Verlust des Selbstwertgefühls, Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld, Suizidgedanken und -handlungen. Psychotherapeut Ehlers sagt: „Es kommt vor, dass Studierende akut selbstmordgefährdet sind, und nicht so selten.“ Wenn gar nichts mehr geht, rät er seinen Klienten mitunter zu einem Klinikaufenthalt.

Manche Patienten lehnen eine psychosomatische Diagnose ab

Es gibt sogar Häuser, die sich auf die Behandlung von Studenten spezialisiert haben, etwa die Heiligenfeld-Kliniken in Bad Kissingen und Berlin. Der Berliner Chefarzt Sven Steffes-Holländer sagt, die Nachfrage sei „recht groß“, derzeit vor allem bei Medizin-, Psychologie-, BWL- und Jura-Studenten.

Dabei sagen die wenigsten Patienten, die zu ihm kommen, von sich aus: Ich bin depressiv. Vielmehr klagen sie über Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Prüfungsängste. Von anderen Anzeichen erfährt der Chefarzt oft erst auf Nachfrage; etwa, dass jemand nur noch im Bett liegt oder seine Post nicht mehr öffnet.

Zu groß seien bei vielen die Scham und die Angst vor Stigmatisierung. Einige weigerten sich gar, eine psychosomatische Diagnose anzuerkennen: „Diese Patienten wollen lieber an eine körperliche Ursache glauben – etwa an eine Schilddrüsenunterfunktion.“

Handyverbot gegen den ständigen Vergleichsdruck

Eine stationäre Therapie dauert sechs bis acht Wochen. In dieser Zeit durchlaufen die Patienten ein achtsamkeitsbasiertes Programm mit kreativ- und erlebnisorientiertem Schwerpunkt: Tanz, Kunst oder Musik. Studenten seien gewöhnt, Fakten aufzunehmen und zu verarbeiten, sagt Steffes-Holländer. In der Therapie lernten sie, wieder zu spüren, was ihnen gut tue und was nicht – und sie erlebten Gemeinschaft ohne Wettbewerb.

Denn das ständige Bewerten und Vergleichen findet nicht nur auf dem Campus statt, sondern setzt sich in den sozialen Netzwerken fort und schürt dort Minderwertigkeitsgefühle quasi rund um die Uhr. In der Berliner Klinik sind Handys in den Gemeinschaftsräumen deshalb verboten.

Zu Steffes-Holländers Arbeit zählt es auch, die Studenten wieder auf ihren Alltag vorzubereiten – und ihnen zu erklären, wie sie besser durch die Uni kommen. Es sind dieselben „resilienzfördernden Methoden“, zu denen Ehlers rät: viel schlafen, unter Leute gehen, sich ordentlich ernähren und ausreichend bewegen.

Wichtig ist es außerdem, nicht wieder in katastrophisierendes Denken zu verfallen – also in einen Strudel aus negativen Gedanken zu geraten, sagt Steffes-Holländer. „Es hilft schon, sich klarzumachen: Schön, wenn ich die Prüfung bestehe. Aber selbst wenn nicht, hört das Leben nicht auf.“

„Sie können alles haben – aber nicht gleichzeitig“

Auch Jan Schneider hat auf diese Weise aus seiner Krise gefunden. Nach zwei Monaten Suche konnte er eine Kurzzeittherapie beginnen. Darin ging es nicht nur um sein Selbstbild, sondern auch um seine Zukunftspläne: „Ich sollte mir bewusst werden, was ich überhaupt möchte. Im Studium – und im Leben.“

Auch im Büro von Kai Ehlers sollen die Studenten von außen auf sich schauen und eine Perspektive entwickeln. Was ist mir wichtig? Der Master mit 25? Viele Auslandspraktika? Die Familie? Ehlers sagt in solchen Fällen: „Sie können alles haben – aber nicht gleichzeitig.“

Jan Schneider hat nach seiner Therapie zwei Module seines Masterstudiums erfolgreich abgeschlossen. Noch immer fürchtet er ab und an, den Ansprüchen nicht zu genügen; noch immer gibt es Situationen, in denen er sich Kommilitonen unterlegen fühlt. Aber diese Momente sind nicht mehr übermächtig.

Im Februar beginnt sein Auslandssemester in Amsterdam: mit neuen Leuten, neuem Lernstoff, neuen Herausforderungen. Jan Schneider sagt, er freue sich darauf.