Christophe Chalençon ist einer der Anführer der französischen Gelbwesten – und trägt mit seinen maßlosen Statements dazu bei, dass sich die Bewegung zunehmend radikalisiert.

Als die Sendung im italienischen Sender Piazzapulita vorbei war, aber die Mikrofone noch angeschaltet, legte Christophe Chalençon erst richtig los: Ja, er könne sich jederzeit „eine Kugel fangen“, aber dann passiere Folgendes: „Wenn man mich umbringt, dann landet er, Macron, auf der Guillotine.“ Chalençon nahm jetzt Fahrt auf: „Wir sind mehrere“, sagte er drohend und meinte mit „wir“ wohl die Spitzen der Gelbwestenbewegung. „Wenn einem von uns etwas passiert, dann stürmen wir den Élysée, räumen alles ab und holen ihn, seine Frau und seine ganze Clique.“ Man verfüge nämlich über „Paramilitärs, die bereit sind einzugreifen, denn die wollen auch, dass die Regierung fällt“.

„Paramilitärs?“, fragt eine Reporterin ungläubig zurück. „Ja, Paramilitärs“, bestätigt Chalençon. Es handle sich um pensionierte Soldaten, die „gegen die Regierung“ seien. Der Sender La 7 verbreitete die Aufzeichnung via Twitter. Was Chalençon dazu bewog, dem Sender vorzuwerfen, der Mitschnitt sei „ohne sein Wissen“ aufgezeichnet und „aus dem Zusammenhang des Hintergrundgesprächs gerissen“. Auf die Ankündigung des Putschversuchs reagierte der französische Regierungssprecher Christophe Castaner vergleichsweise entspannt. Er teilte den Mitschnitt des Gesprächs selbst per Twitter und fragte, „ist das nun eine italienische Komödie oder nur eine neuerliche Wahnattacke?“

Stammgast in Talkshows

Christophe Chalençon ist in den vergangenen Wochen zu einer der sichtbarsten und umstrittensten Figuren der Gelbwesten geworden. Am 5. Februar beehrte ihn der stellvertretende italienische Rats­präsident Luigi di Maio in der Nähe von Paris mit einem Besuch. Das Treffen des Fünf-Sterne-Politikers mit dem Aktivisten, der den Sturz Macrons fordert, löste eine unerhörte diplomatische Krise aus. Paris zog seinen Botschafter aus Rom ab.

Seither ist Chalençon noch häufiger in Talkshows zu sehen. Neben der Krankenschwester Ingrid Levavasseur, dem Fernfahrer Éric Drouet, dem Inter­net­aktivisten Fly Rider und dem Anwalt François Boulo gehört er zu den Aushängeschildern der Protestbewegung, die offiziell keine Anführer haben will.

Irrlichternde politische Positionierung

Der 52 Jahre alte Schmied aus dem Dörfchen Sault im südfranzösischen Département Vaucluse war von Anfang an bei den Protesten dabei und organisierte die Besetzung von Kreisverkehrsinseln und Mautstationen mit. Der telegene Hüne hatte eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen: Als selbstständiger Handwerker und Vater von drei Kindern verdiene er 1300 Euro netto im Monat. Damit komme er kaum über die Runden. Seine Mutter sei 75 Jahre alt und müsse immer noch arbeiten, weil die Rente nicht reiche. In seinem zwischen Lavendelfeldern gelegenen 1300-Ein­wohner-Dorf sterbe das kleine Gewerbe aus. Zum nächsten Zahnarzt müsse er 40 Kilometer fahren. „Macrons Benzinsteuer war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion gebracht hat“, sagt Chalençon und spricht damit vielen Gelbwesten aus der Seele.

Doch Chalençon ist auch deshalb repräsentativ für die disparate Bewegung, weil seine politische Positionierung milde formuliert irrlichternd ist. Sein deftiger provenzalischer Akzent lässt ihn bodenständig wirken, doch seine Empörung ist zügellos, sein Demokratieverständnis fragil. Der Mann, der heute mit einer Militärregierung liebäugelt, hat 2017 noch Macron gewählt und jenen Präsidenten, dem er jetzt mit der Guillotine droht, auf Facebook gefeiert. Dort hat Chalençon zudem über Jahre diverse Beiträge gepostet, die mit „islamkritisch“ zurückhaltend umschrieben wären.

Die extremen Ränder nicht unter Kontrolle

Im Fernsehen auf homophobe und eher islamunfreundliche Äußerungen angesprochen, druckst Chalençon, man habe wohl seinen Account gehackt. Auch im beruflichen Umfeld des Schmieds gibt es einige, die mit seinem Aufstieg zum aufrechten Helden der Résistance Mühe haben. Frühere Geschäftspartner werfen ihm in im Netz kursierenden Videos vor, sie geprellt zu haben. Die Schulden stottere jetzt ausgerechnet Chalençons Mutter ab. Außerdem, behauptet ein Kritiker, lasse der Schmied aus der Provence zu Billiglöhnen in Tunesien schmieden.

Anfang Februar erklärte Chalençon seinen Austritt aus der Liste RIC (Ralliement d’initiative citoyenne), mit der einige der Gelbwesten an den Europawahlen teilnehmen wollten, und verkündete die Gründung seiner eigenen Bewegung namens MAC (Mouvement alternatif ­citoyen). Diese alternative Bürgerbewegung solle Menschen „von extrem links bis extrem rechts“ vereinen. Er selbst, so der Schmied, diene als „Sicherung“. Kurzschlussgefahr besteht trotzdem.
Die Gilets Jaunes stehen an einem Wendepunkt. Die Bewegung scheint im Begriff zu sein, die Kontrolle über ihre extremen Ränder zu verlieren. Mit seinem ungezügelten Zorn ist der Schmied Christophe Chalençon daran nicht unschuldig.