Geht es um die Liebe, sind Menschen einfallsreich. Junge Iraner erzeugen künstliche Staus, um sich ein paar Sekunden nahe zu sein. Dor-Dor nennt sich das verbotene System. Die Polizei greift hart durch. Unser Reporter fuhr eine Nacht mit – und ließ die Kamera laufen.

Freitagabends, wenn letzte Sonnenstrahlen die 33-Bogen-Brücke in Isfahan fluten, steigen junge Iraner ins Auto und suchen nach Liebe. Aus allen Ecken der Zweimillionenstadt im Herzen des Iran kommen sie angefahren, und der Treffpunkt ist der immer gleiche: der lang gezogene Kreisverkehr im Zentrum, ein paar Hundert Meter vom armenischen Friedhof und der Stadtklinik entfernt.

Hier findet statt, was sie auf Farsi „dor-dor“ nennen, frei übersetzt: Kreise drehen. Iranisches Autodating.

Offiziell gibt es in der Islamischen Republik keinen Platz für Datings. Die Sittenwächter unterbinden fast alles, was jungen Menschen Spaß macht. Rap-, Metal- oder Elektromusik: verboten. Alkoholkonsum: verboten. Tanzen im öffentlichen Raum: verboten.

In Isfahan seien selbst die Wasserpfeifen verboten, die er immer abends im Teehaus unter der Bogenbrücke geraucht habe, schreibt der Autor Navid Kermani, Sohn iranischer Eltern, in seinem Buch „Entlang den Gräben“: „Ausgerechnet in Isfahan darf das Leben nicht mehr zehn Prozent verlangsamt sein, konsequent eigentlich, weil es ja auch gar kein Leben mehr ist.“

Wer durch den Iran reist und ein paar Wochen in der Studenten- und Künstlerszene verbringt, merkt bald: Junge Iraner sind Improvisationskünstler, in allen Lebenslagen. Findige Rebellen der Freiheit. Viele verachten die Mullahs in ihrem Land, träumen von Amerika oder Europa und führen im Verborgenen ein westliches Leben.

Es gibt Bierdealer, die ihre Kunden mit Fünfliterkanistern beliefern, heimlich gebraut in Destillerien. Es gibt wilde Elektropartys in der Wüste, fernab der staatlichen Überwachung. Und zumindest in Teheran gibt es bestimmte Kreise, die die Dating-App Tinder nutzen. Mittels VPN-Verbindung und ausländischer Server umgehen sie die staatliche Sperre.

In Städten wie Isfahan, 420 Kilometer von Teheran entfernt, ist Tinder vielen noch nicht einmal ein Begriff. Sie nutzen „dor-dor“, das Autodating. Wer einen Abend mitfährt, versteht das System.

Schritt eins: Beäugen

Kurz nach sieben, es ist stockdunkel. Von beiden Seiten der Kreuzung schießen Autos auf die zweispurige Straße des Kreisverkehrs; wie eine Kartbahn erstreckt er sich über 500 Meter, nur dass es beim „dor-dor“ nicht um Tempo geht, im Gegenteil.

Die Autos, in denen jeweils nur Frauen oder nur Männer sitzen verursachen mit ihren Autos ein so hohes Aufkommen, dass sich ein Stau bildet – ideal zum Ausschauhalten, wer links oder rechts so in den anderen Wagen sitzt. Runde für Runde.

Mit 20 Stundenkilometern lenkt der Zahnmedizinstudent Mohsen den grauen 6er-BMW seines Vaters durch den dichten Verkehr. Eine Hand am Lenkrad, die andere an der Musikanlage. „Majesty“ von Nicki Minaj dröhnt aus den Boxen, amerikanischer Rap.

So funktioniert das Dor-Dor-Autodating

Auf der Rückbank sitzen Soroush und Hessam, zwei Kumpels. Wann immer sie Zeit hätten, kämen sie hierher zum Autodating, sagt der 25-Jährige, fast jeden Freitag. Ihr Ziel: So viele Telefonnummern von Frauen wie möglich ergattern.

„Es gibt eine goldene Regel beim ,dor-dor‘“, sagt Mohsen. „Je besser und teurer dein Auto, desto höher sind deine Erfolgschancen. Mit einem verbeulten Honda Civic kannst du hier nicht aufkreuzen – zumindest nicht als Mann.“

So streng scheinen das nicht alle zu sehen.

Mohsens Wagen passiert nicht nur Luxusautos, sondern auch Männergruppen in schrammigen Polos und Renaults. Die aber sind den drei Jungs sowieso egal, sie halten Ausschau nach Frauen. „Guckt mal, die da links im Citroën“, ruft Soroush und deutet mit einem Kopfnicken hin. „Okay“, sagt Mohsen, „dann versuchen wir es mal.“

Schritt zwei: die Jagd

Die Gefahr – für manche auch der Nervenkitzel – beim iranischen Autodating lauert am Straßenrand. Zur „Dor-dor“-Stoßzeit am Wochenende überwachen Polizisten das Treiben. „Natürlich wissen die genau, was hier abgeht“, sagt Mohsen und zeigt zu dem Mann in weißer Uniform, der hundert Meter entfernt am Kreisverkehr steht.

Manche Polizisten suchten nur nach einer Gelegenheit, um sie zu bestrafen. Einen Kumpel hätten sie vor Monaten auf frischer Tat beim Daten ertappt. Sie hielten seinen Wagen an und machten ihm klar: Entweder du zahlst uns 300 Euro – etwa der Monatslohn eines Handwerkers im Iran –, oder wir nehmen dich mit aufs Revier.

Junge Iranerinnen tragen das gesetzlich vorgeschriebene Kopftuch oft bewusst locker zurückgezogen

Ihr Kumpel hätte gezahlt und durfte gehen. Nicht immer endet es so glimpflich. Vor allem Frauen, die gegen die Kopftuchpflicht verstoßen, müssen mit harten Strafen rechnen.

Mohsen lässt sein Fenster herunter. Geschickt schlängelt er den Wagen in Position, direkt hinter den silbernen Citroën. Dessen Insassen: drei Frauen, deren Kopftücher die braunen Haare nur notdürftig verdecken. Mohsen sagt, auf der nächsten Geraden wolle er es bei der Fahrerin versuchen.

Schon in der Kurve drückt er plötzlich aufs Gas. Fährt bis auf einen Meter auf, drückt zweimal die Lichthupe und schert dann scharf links aus, sodass sein Wagen parallel zum Citroën steht. Jetzt muss es schnell gehen. Nur ein paar Sekunden, nur ein paar Hundert Meter hat Mohsen Zeit, um Kontakt mit der Frau aufzunehmen. Bis zur nächsten Kurve eben.

Schritt drei: der Flirt

Lässig streckt Mohsen seinen Ellenbogen aus dem Fenster, blickt nach rechts zum halb geöffneten Fenster der Fahrerin und ruft: „Hey, bebiiin!“ – übersetzt: „Hey, guck mal zu mir rüber!“ Es passiert: nichts. Die Frau würdigt Mohsen keines Blickes.

Im Stop-and-go vor der Kurve drängt sich jetzt auch noch ein anderes Auto vor ihn. „Verdammt“, ruft der Student. Aber das sei fast immer so zu Beginn: „Iranerinnen wollen erobert werden. Man muss es nur oft genug versuchen.“

Die erste Abfuhr der Frau im silbernen Wagen lässt Mohsen anscheinend völlig kalt. In der nächsten Runde erkämpft er sich den verlorenen Platz hinter dem Citroën zurück.

Das Spiel wiederholt sich: Dicht auffahren, Lichthupe setzen, ausscheren und Blickkontakt zur Frau aufnehmen. Hier seien die Rollen klar verteilt, erklärt Mohsen: Der Mann habe beim „dor-dor“ die Frau zu jagen.

Dieses Mal reagiert die Fahrerin tatsächlich auf sein „bebiin“. Sie lässt ihr Fenster ganz herunter, mustert ihn einen Augenblick, dann wechseln sie ein paar Sätze. Mit einem Grinsen dreht sich Mohsen zu seinen Kumpels auf der Rückbank um und sagt: „Hat geklappt, sie sagt, ich soll ihr folgen.“

Schritt vier: Handynummern tauschen

Als der Citroën am Ende der nächsten Geraden in eine Seitenstraße abbiegt und damit den „Dor-dor“-Kreisverkehr verlässt, fährt Mohsen hinterher. Noch eine Abzweigung, dann hält der Citroën in der Mitte einer Wohnstraße. Die Männerclique parkt dahinter. Das Leben steht um diese Uhrzeit hier still.

Die Fahrerin steigt aus, ihre Freundinnen folgen ihr auf den beleuchteten Gehweg. Als sich die drei jungen Männer nähern, blicken die Frauen von ihren Smartphones auf. Ihre Kopftücher haben sie nun ganz abgenommen. „Ich bin Elham“, sagt die Fahrerin und schaut Mohsen an, „und du?“ Sie stellen sich vor, tauschen Telefonnummern und ihre Profilnamen auf Instagram aus.

Frauen im Tschador auf dem Platz des Imams im historischen Zentrum von Isfahan

Nach ein paar Minuten steigen beide Gruppen wieder in ihre Autos und rollen zurück zum Kreisverkehr.

Für einige der jungen Iraner ist „dor-dor“ nichts weiter als eine Gaudi, eine Abendunterhaltung mit Freunden – und dem gewissen Kitzel. Manche aber suchen wirklich mehr. Nicht selten sollen Beziehungen hier ihren Anfang genommen haben: Im Liebeskarussell des Kreisverkehrs von Isfahan.