Der Versandriese Amazon liefert immer mehr seiner Pakete selbst aus. Er verspricht, dass seine Fahrer fair verdienen. Doch ganz glatt läuft es offenbar nicht. Bezahlt wird nämlich oft nur eine bestimmte Arbeitszeit.

Es klingelt an der Haustür, draußen steht ein Paketlieferant, der Motor seines Transporters am Straßenrand läuft. Eine Szene, die sich täglich tausendfach vor deutschen Haustüren abspielt – doch in diesem Fall, in Köln, ist ein Detail anders. Auf dem Transporter steht nicht Hermes oder DHL, sondern „Amazon“.

Der Handelsriese mischt derzeit die Paketbranche auf. Seit 2015 liefert er einen Teil seiner Sendungen über seine Sparte Amazon Logistics selbst aus. Und der Anteil steigt stark: Fast jedes 40. in Deutschland verschickte Paket im Onlinehandel kommt schon von einem Amazon-Boten, schätzt der Bundesverband Paket und Expresslogistik.

Amazon verspricht, dass seine Fahrer fairer vergütet würden als anderswo. Andere Logistiker bezahlen einen Teil ihrer Fahrer pro Paket, was dazu führt, dass diese oft weniger verdienen als die gesetzlich vorgeschriebenen 9,19 Euro pro Stunde. Im Amazon-System dagegen erhalten sie einen festen Stundenlohn: zehn Euro mindestens. Ganz so heile wie der Konzern es beschreibt, ist die Welt der Amazon-Fahrer in der Praxis trotzdem nicht immer.

Hinweise auf Mindestlohnverstöße bei allen Anbietern

Im Februar rückten Beamten der Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls bundesweit zu einer Schwerpunktprüfung in der Paketbranche aus. Sie kontrollierten in mehreren Städten auch die Verteilzentren von Amazon. Die Ergebnisse unterschieden sich nicht unbedingt von jenen bei Hermes, DHL oder GLS.

In Köln, sagt Zoll-Sprecher Jens Ahland, habe man an allen kontrollierten Standorten Hinweise auf Mindestlohnverstöße festgestellt, also auch bei Amazon. Im Münchner Verteilzentrum des Konzerns ergaben sich auch solche Anfangsverdachte.

Das hat offenbar mit der Konstruktion des Geschäftsmodells zu tun. Die Fahrer sind nicht beim Konzern angestellt, sondern bei Subunternehmern. Amazon hat Verträge mit lokalen Paketdiensten geschlossen, diese stellen die Fahrer an. Teilweise geben sie die Aufträge noch einmal an Sub-Sub-Unternehmer weiter.

Amazon teilt auf die Frage, warum es wohl zu den möglichen Verstößen gekommen sei, schriftlich mit, man prüfe „regelmäßig, dass die Partnerfirmen die gesetzlichen Vorgaben einhalten, z. B. Bezahlung des Mindestlohns“. Jeder Fall, in dem Verstöße nachgewiesen würden, werde untersucht, gegebenenfalls würden „erforderliche Maßnahmen“ ergriffen.

In Köln gewährte der Konzern im März einen Blick in sein Verteilzentrum. Es liegt in einem Industriegebiet im Norden der Stadt. Früh morgens rollt eine Kolonne weißer Lieferwagen aufs Gelände. Auf einigen Transportern sind Logos großer Autoverleiher zu erkennen – offenbar Mietwagen, hinter deren Windschutzscheiben Amazon-Zettel gelegt wurden. Die Fahrer warten auf ihren Einsatz, trinken Kaffee aus Thermoskannen.

Im Amazon-Verteilzentrum: Die Tagestouren für die Fahrer werden auf Trolleys vorgepackt, damit die Lieferanten schneller los kommen

Um halb acht Uhr öffnen sich die Tore der Halle, die erste Welle von 40 Transportern fährt vor. Die Fahrer laufen hinein und laden Paket-Trolleys auf, die fertig bepackt sind. Die Fahrer sollen nicht erst sortieren müssen, es soll zügig gehen, die nächsten 40 Autos warten schon.

Die Firma, die in Köln den Amazon-Auftrag hat, heißt D&M Logistik. Was auffällt, sind die Stellenanzeigen, die D&M noch im März auf Jobportalen wie indeed.com schaltete. Darin stand, von neuen Kurierfahrern erwarte man „Opferbereitschaft“. In neueren Stellenanzeigen der Firma taucht die Formulierung nicht mehr auf. Was damit gemeint war, möchte bei D&M auf Anfrage niemand erklären. Es fehle die Zeit für ein Gespräch, erklärt der „Chief Operating Officer“ der Firma mehrmals per E-Mail. Auch Amazon kommentiert es nicht.

Für Kölner Fahrer dauert die Arbeit oft länger

Also muss man die Fahrer selbst fragen – was sich anbietet, wenn sie ohnehin an die Haustür kommen. Mehrere der Fahrer, deren Betriebszugehörigkeit man bei ihren Auslieferungen in Köln an gelben D&M Logistik-Warnwesten erkennt, erzählen in den folgenden Wochen, was mit der „Opferbereitschaft“ gemeint sein könnte. Drei von ihnen sagen übereinstimmend: Zwar bekämen sie von ihrem Arbeitgeber tatsächlich zehn Euro pro Stunde bezahlt, aber eben immer genau für acht Stunden – unabhängig davon, wie lange sie tatsächlich arbeiteten.

„Gerade die neueren Fahrer“, sagt einer von ihnen, „brauchen oft deutlich länger, eher neun Stunden.“ Stimmt das, läge der tatsächliche Stundenlohn bei 8,88 Euro, deutlich unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Das würde erklären, warum der Zoll Anhaltspunkte für Mindestlohnverstöße fand.

Das Problem, erklärt ein Fahrer, liege darin: Amazon nutze eine „optimierte Routenplanung“, eine App, die jeden Tag die beste Route berechne und die den Fahrern auf ihre Handys aufgespielt werde. Die Software jedoch sei aus den USA übernommen worden und basiere auf der dortigen Verkehrsführung – in der vieles gehe, was in Deutschland nicht gehe.

„Die App zeigt mir oft an, ich soll jetzt auf die linke Straßenseite abbiegen und dort halten. Das geht aber auf den Kölner Straßen häufig nicht“, sagt er. „Da sind Mittelstreifen oder Bahnschienen – und das weiß die Software nicht.“ Also müsse man häufig Umwege fahren, U-Turns machen. Das koste viel wertvolle Zeit.

Ein Amazon-Subunternehmer bestätigt, dass es anfänglich diese Probleme mit der Routenplanung gab: Matthias Bunk ist Geschäftsführer der EBD-Gruppe in Essen, die seit zwei Jahren in Düsseldorf für den Konzern Pakete ausliefert. Er sagt: „Amazon ist eben ein global agierendes Unternehmen, das sich den Gegebenheiten jedes Landes erst einmal anpassen muss.“ Seinen Erfahrungen nach bemühe sich Amazon aber, des Problems Herr zu werden. Zum Beispiel bekämen neue Fahrer kürzere Touren zugeteilt.

Amazon ergänzt, man bedenke bei der Berechnung der Routen auch Pausenzeiten, Verkehrszeiten und anderes, weshalb „ein Großteil der Fahrer“ die Auslieferung sogar schneller als berechnet schaffe. Bunk sagt, er habe insgesamt den Eindruck, dass Amazon „tatsächlich an fairer Bezahlung gelegen ist“.

Allerdings: Amazon Logistics wachse gerade, sie brauchen dringend Paketzusteller. Deshalb sei es teilweise schwierig, alle Unternehmen in der Lieferantenkette ständig zu kontrollieren. Also würden „mitunter gegebenenfalls auch Firmen beauftragt, die es nicht so genau nehmen mit den Arbeitsbedingungen – und nach einer Prüfung durch Amazon nicht weiter betraut werden.“

Mit mindestens zwei Subunternehmern besteht den Recherchen zufolge die erst vor wenigen Jahren geschlossene Partnerschaft nicht mehr: mit der Firma Go! Express und Logistics am Standort Berlin und mit DRS Logistik im Ruhrgebiet. Warum nicht, wollen weder Amazon noch die Firmen selbst kommentieren.

Bundesarbeitsminister Heil (SPD) plant derzeit ein Gesetz, das Logistikkonzerne künftig rechtlich in die Pflicht nehmen soll, wenn ihre Subunternehmer keinen Mindestlohn zahlen. Kommt das Gesetz wie geplant bald, könnte es auch Amazon betreffen.