Ein Gruppenfoto der Attentäter, das ISIS nach den Anschlägen veröffentlichte. In der Mitte steht unvermummt wohl der Hassprediger Zahran Hashim mit einem chinesischen Sturmgewehr Typ 56, im Hintergrund befindet sich mutmaßlich die schwangere Fatima Ibrahim, die Frau eines Attentäters.

Auch Fatima Ibrahim sprengte sich nach Berichten örtlicher Medien samt ihrer Kinder und ihres Ungeborenen in die Luft. Mehr als 250 Tote und 500 Verletzte: Das ist die grausige Bilanz der kombinierten Anschläge auf Gottesdienste und Hotels in Sri Lanka. Kirchgänger, Touristen, Polizisten und Kinder traf es. Ohne Rücksicht, ohne Hemmung. Ein Massaker, wie es lange keines gab: Die Welt hielt den Atem an, in Zorn und in Fassungslosigkeit.

Rache für Christchurch?

Die Terrororganisation ISIS hat sich,mit ungewöhnlich langer Verzögerung, zu den Anschlägen bekannt und Märtyrerfotos der Attentäter veröffentlicht. Im Unterstützerkreis der Terroristen wurde ein Bezug zum Attentat in Christchurch in Neuseeland hergestellt: Die islamistischen Anschläge auf Kirchen seien auch als Rache für das rechtsextremistisch motivierte Massaker in zwei Moscheen zu verstehen. Der Täter von Christchurch hatte in einem langen Pamphlet u. a. christlich-weiße Überlegenheitsfantasien entwickelt.

Dieses Motiv vermutete auch die Regierung in Colombo: Die Anschläge seien von den Attentätern wohl als „Vergeltung“ gedacht, so der stellvertretende Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene. In der ISIS-Propaganda zu Sri Lanka tauchte der Bezug auf das Christchurch-Massaker bislang nicht auf. Auch in einem Video, das die Terroristen beim Treueschwur auf ISIS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi zeigt, ist von Neuseeland keine Rede.

Waren die Anschläge Rache für seine Tat? Rechts-Terrorist Brenton Tarrant hatte in Neuseeland 50 Muslime in Moscheen getötet.

Zwar hatte der ISIS-Sprecher Abu Hassan al-Muhajir in einer Audiobotschaft wenige Tage nach dem Anschlag in Neuseeland allgemein zur Rache aufgerufen. Tatsächlich erscheint es aber wenig glaubwürdig, dass die Planungen für eine solch komplexe Anschlagsserie nur fünf Wochen dauerten. Naheliegender ist wohl, dass die Terrorzelle in Sri Lanka bereits vor dem Massaker in Christchurch an ihrem Anschlagsplan arbeitete.

Kirchen als Ziel

Das dschihadistische Weltbild ist bestimmt von einem Kampf gegen nicht-islamischen „Unglauben“. Der Krieg gegen die „Kreuzfahrernationen“, also den als christlich identifizierten Westen, nimmt eine zentrale Rolle ein. Zudem ist der Angriff auf voll besetzte christliche Gotteshäuser deshalb besonders perfide, weil die Gläubigen im Gottesdienst besonders arg- und wehrlos sind.

In der Ausübung dieses Dschihad gibt es jedoch Unterschiede.

  • Eine Woche nach dem Anschlag in Neuseeland veröffentlichte die Führungsriege von al-Qaida ein Kom­mu­ni­qué, in dem zur Rache für Christchurch aufgerufen wird – aber mit dem expliziten Hinweis, keine Gotteshäuser anzugreifen, da der Islam dies verbiete.
  • Für ISIS hingegen sind Kirchen legitime Ziele. So ermordeten zwei Dschihadisten 2016 in Frankreich den Priester Jacques Hamel in seiner Kirche. Die Zielauswahl in Sri Lanka dürfte zudem unter dem Aspekt erfolgt sein, eine möglichst große Aufmerksamkeit im Westen zu erzeugen.
Blanker Horror: Zwei katholische Nonnen nach dem Anschlag auf eine Kirche in Negombo, Sri Lanka

Die einheimischen Dschihadisten, die das Attentat ausübten, waren zuvor lediglich durch Auseinandersetzungen mit Buddhisten in Erscheinung getreten. Für die ISIS-Führung aber dürfte der reale Dschihad in Sri Lanka weitaus weniger interessant sein: Sie kalkulierte wohl zu Recht, dass Anschläge auf Buddhisten im Westen weniger Aufmerksamkeit hervorgerufen hätten als die Attacken auf Kirchen.

Wie stark ist ISIS?

Dass die tödliche Anschlagsserie ausgerechnet nach der militärischen Niederlage und dem territorialen Zerfall des „Kalifats“ im Irak und Syrien erfolgte, beweist, dass ISIS weiterhin starken Einfluss auf seine regionalen Ableger ausübt. Allein kurz vor und während des Anschlags in Sri Lanka verübten die Mitglieder von ISIS-Regionalgruppen größere Angriffe im Kongo, in Afghanistan, Saudi-Arabien und Syrien, dazu viele kleinere Attacken im Irak.

Für die dschihadistische Szene in Deutschland kommen die Anschläge in Sri Lanka zu einem Zeitpunkt der relativen Orientierungslosigkeit. Durch die militärische Niederlage des „Kalifats“ in Syrien und dem Irak warten viele Sympathisanten der Terrormiliz derzeit ab: Während für einige wohl eine Rückorientierung zu al-Qaida infrage kommt, halten andere noch an ISIS fest.

Durch die tödlichen Anschläge vermittelt ISIS die Botschaft an seine Anhänger, dass mit der Organisation trotz der Gebietsverluste im Kernland weiter zu rechnen ist. Auch erhöhen die Anschläge die Bedrohungslage in Deutschland, weil sie auf hiesige Anhänger der Terrororganisation inspirierend wirken können.

Wo kommt ISIS zurück?

Der geographische Schwerpunkt von ISIS liegt weiterhin im Irak und in Syrien. Die Anschläge der Regionalgruppen sind mehr als nur ein Propagandainstrument; dennoch wird der Fokus des „Islamischen Staates“ weiter auf diesen beiden Ländern im Nahen Osten liegen.

Auch wenn ISIS mittelfristig wohl kaum Bevölkerungszentren wie Mossul wieder unter seine Kontrolle bringen wird: In einigen Landstrichen Syriens und größeren Teilen des Irak unterhält ISIS weiterhin ein starkes Netzwerk. Dass die Führungsriege und vor allem der Anführer al-Baghdadi weiterhin nicht gefasst oder getötet wurden, verdeutlicht, wie gut dieses Unterstützer-Netzwerk immer noch funktioniert.

Und solange die Bedingungen des Aufstiegs der Terrorgruppe nicht beseitigt sind, wird immer die Gefahr bestehen, dass sie durch Unterstützung in Teilen der sunnitischen Bevölkerung auch wieder territoriale Gewinne erzielt: In Syrien hat das Regime von Diktator Assad Millionen vertrieben und Hunderttausende ermordet, im Irak war der sunnitische Bevölkerungsteil häufig Benachteiligungen ausgesetzt.

Zudem hat ISIS seit 2014 große Erfahrungen hinsichtlich Gebietsverwaltungen gesammelt – und vor allem enorme Bargeldsummen eingetrieben, die der Organisation auch im Untergrund zur Verfügung stehen. Auch fehlt es ISIS nicht an Mitgliedern: Denn die Zehntausenden Gefangenen, die in Camps und Gefängnissen der kurdischen YPG-Miliz in Nordsyrien festsitzen, proben bereits den Aufstand.

Im Camp al-Haul kam es Ende März zu mehrstündigen Gefechten zwischen Sicherheitskräften und bewaffneten ISIS-Mitgliedern. Im Gefängnis Derek kam es Anfang April zu einem größeren Aufstand, der erst nach Stunden unter Kontrolle war. Sowohl in al-Haul als auch in Derek sitzen auch deutsche Dschihadisten ein.

Fazit: Im Kampf für ihre islamistische Glaubens-Ideologie kennt ISIS keine Tabus. Dieser Kampf ist noch lange nicht beendet, in ihren Kern-Regionen formiert sich die Terror-Organisation sogar zu neuer Stärke. Und kehrt mit den mörderischen Anschlägen auf Kirchen in Sri Lanka zurück auf die Weltbühne.

Warum ausgerechnet Sri Lanka?

Vor zehn Jahren endete der Bürgerkrieg in Sri Lanka. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Inselstaat wieder beliebt bei Touristen weltweit. Tauchen, Ayurveda, Teeplantagen: Der Reiseführer Lonely Planet wählte das Land zum Ziel des Jahres 2019.

Trotz der gewaltreichen Geschichte erschien die Lage stabil. Besucher schwärmen von der Freundlichkeit der Menschen. Richtig aufgearbeitet wurde der separatistische Kampf der tamilischen Minderheit gegen die Mehrheit der buddhistischen Singhalesen indes nie.

70 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten, zwölf Prozent Hindus, zehn Prozent Muslime, fast acht Prozent Christen. Nach Kriegsende kam es immer wieder zu Übergriffen buddhistischer Extremisten gegen die muslimischen und auch die christlichen Minderheiten.

Ein Polizist betrachtet die verwüstete Kirche St. Sebastian, in der sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hatte. Laut ISIS trug er den Kampfnamen Abu Khalil.

Experten vermuten, dass dies anfangs zur Gründung gewaltbereiter muslimischer Gruppen beigetragen hat. Hinzu kommt der Einfluss dschihadistischer Strömungen. Im Jahr 2015 schlossen sich einige sunnitische Muslime aus Sri Lanka ISIS in Syrien an. Wie viele zurückkehrten, ist unklar. Experten vermuten, dass ISIS die regionalen Konflikte nun für sich nutzte und die Täter anleitete. Zuvor jedenfalls gab es kaum Übergriffe von Muslimen auf Christen.

Wo werden Christen verfolgt?

Feige Anschläge auf Christen gibt es nicht nur in Sri Lanka. In immer mehr Ländern leben Christen gefährlich. Verfolgung heißt neben Gewalt auch Diskriminierung, Benachteiligung oder Schikane. Die Organisation Open Doors erstellt einen Index der Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden. Sri Lanka steht auf Platz 46. Hauptmotive für Verfolgung sind laut Open Doors eine voranschreitende Radikalisierung des Islam, die Zunahme nationalistischer Tendenzen sowie Restriktionen totalitärer Regime.

In Sri Lanka brennen nun Kerzen für getötete Christen – in anderen Ländern fehlt jede Unterstützung

Auf Platz 24: China. Dort müssen Kirchen-Gemeinden die Nationalflagge höher als das Kreuz hängen, Bilder von Jesus sollen durch die von Staatspräsident Xi Jinping ersetzt werden.

In Indien (Platz 10) versucht die Regierung zu verankern, dass nur ein Hindu ein wahrer Inder sein kann. Die Polizei bleibt bei Übergriffen häufig untätig.

In Ägypten (Platz 16) ist zwar jeder zehnte Bürger ein Christ, aber der Staat bietet kaum Schutz.

Ostern 2017 wurde eine Kirche bombardiert, die Zerstörung ähnelt der Situation in Sri Lanka. Noch schlimmer ist es in gescheiterten Staaten wie Somalia (Platz 3) oder Libyen (Platz 4). Sich hier zu seinem Glauben zu bekennen, ist oft lebensgefährlich.

Am gefährlichsten ist es laut Index aber in Nordkorea. Allein der Besitz einer Bibel bringt die gesamte Familie ins Gefangenenlager.