Der wachsende Antisemitismus in Frankreich hat seine Quellen in der Kolonialzeit. Die Missverständnisse von damals setzen sich heute in der multikulturellen Identitätspolitik fort.

Alexis de Tocqueville, von dessen Demokratie-Buch sich Amerikaner bis heute ihr eigenes Land erklären lassen, berichtete in den 1840er Jahren auch über Algerien, das Frankreich sich damals mit äußerster Gewalt als Kolonie aneignete. Tocqueville gab dabei zeittypische Urteile ab, die ihn als Vater des Liberalismus dauerhaft hätten kompromittieren können. Denn er befürwortete die Kolonisierung mit Schwert und Pflug, um „unwissenden Rassen“ im Lichte der Französischen Revolution und der Ägypten-Expedition Napoleons I. Aufklärung, Fortschritt und universale Normen zu bringen. Nur eine Minderheit islamischer Gelehrter nahm diese Avance auf und strebte eine „arabische Aufklärung“ an. Die meisten erblickten im westlichen Einfluss eine tödliche Gefahr.

Eine kühne Aktualisierung dieses historischen Kapitels legt der französische Schriftsteller Marc Weitzmann in seinem eben erschienenen Buch „Hate. The Rising Tide of Anti-Semitism in France (and What It Means for Us)“ vor, in dem er die Ursprünge des in Frankreich wieder mächtig aufflammenden Judenhasses und der multikulturellen Identitätspolitik ins Algerien des neunzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt.

Vorausgegangen war 1791 die Emanzipation der Juden zu gleichberechtigten Staatsbürgern, ein Akt, der die Gettos im restlichen Europa öffnete. 1870 wurden mit dem Crémieux-Dekret auch 35 000 algerische Juden zu Citoyens erklärt. Doch damit war das Gros der weißen Siedler, die sich weite Teile des fruchtbaren Landes ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung angeeignet hatten, ganz und gar nicht einverstanden. Ausgerechnet in der Ära des Bürgerkönigs Louis Philippe, der die Parole hemmungsloser Selbstbereicherung ausgegeben hatte, wurde die Figur des Juden zum Symbol einer bedrohlichen Modernisierung und eines vaterlandslosen Kosmopolitismus – für solche „Missgeburten“ habe man die Kolonie erobert, krakeelte ein Hinterbänkler in der Nationalversammlung. Die bösartige Wut kulminierte in der Dreyfus-Affäre und führte am Ende zur Aufhebung des Crémieux-Dekrets durch das Vichy-Regime, das Zigtausende Juden in die Gaskammern auslieferte.

Der Traum vom arabischen Königtum

Der andere historische Strang hat einen komplizierteren Verlauf. Er beginnt mit einer schwärmerischen Verehrung der Araber und des Islams bei Anhängern des Grafen Henri de Saint-Simon, der einen utopischen Sozialismus propagierte. Seine Adepten malten sich den Orient als „authentischen“ Gegenentwurf zu einer kalten, utilitären und gewaltsamen Moderne aus und wollten Vernunft und Religion neu vermählen. Zwei von ihnen, der wie ein Messias verehrte Père Enfantin und dessen Schüler Thomas Urbain, ein farbiger Abkömmling einer Sklavenfamilie in Guyana, bereisten den noch unter osmanischer Herrschaft stehenden Nahen Osten, konvertierten zum Islam und ehelichten minderjährige Muslima.

Enfantin propagierte früh den Bau des Suezkanals, Urbain diente General Bugeaud, dem grausamen Eroberer Algeriens, als Dolmetscher. Als „Arabophile“ widersprachen sie jedoch der rabiaten Assimilationspolitik der weißen Siedler in Algerien. Urbain wollte vielmehr als Gotterwählter die „muselmanischen Rassen“ führen. Das verband er mit einer üblen Schmähung der Juden, in denen er Verfechter eines nihilistischen Materialismus sah. Diese „Parias“, befürchtete er, könnten Frankreich von der angestrebten Liaison mit der arabisch-islamischen Welt abhalten.

Urbain, der sich in seiner Begeisterung den zweiten Vornamen Ismaÿl zulegte und selbst den unverminderten Sklavenhandel in Nordafrika tolerierte, avancierte bald zum Berater des ebenso arabophilen Napoleon III., der sich 1852 an die Macht geputscht hatte und das Imperium seines Onkels Bonaparte nun als ein „arabisches Königtum“ fortträumte. Dass die Muslime dabei in einen goldenen Käfig eingeschlossen wurden, war das paradoxe Resultat des „Personalstatuts“ von 1865, das die religiöse und kulturelle Eigenart der Indigenen zwar anerkannte, sie aber zu Bürgern zweiter Klasse degradierte. Hier kann man in der Tat Quellen der Identitätspolitik im zwanzigsten Jahrhundert sehen, die ja eine Rassenhierarchie ablehnt, aber die Völker horizontal (und im Effekt nicht minder rassistisch) unmittelbar zu ihrem Gott anordnet, auf dass sie sich nicht assimilieren und vermischen. Von republikanischer Egalité war da ebenso wenig die Rede wie von Brüderlichkeit und Solidarität.

Das Ende der arabophilen Episode

Konservative Muslime nahmen das hin, weil ihnen die Unterwerfung unter den Code Civil Privilegien wie Polygamie, die einfache Scheidung durch das Verstoßen der Gattin, das patriarchale Erbrecht und den Sklavenhandel genommen hätte. Erst 1947 hob Charles de Gaulle das diskriminierende Statut auf. Frauen blieb jedoch die rechtliche Gleichstellung weiter verwehrt, weil das als unislamisch galt. Die Vierte Republik hatte den Französinnen das Wahlrecht übrigens auch erst 1944 verliehen.

Mit der Abdankung Napoleons III. 1870 ging die arabophile Episode zu Ende, der man immerhin zugutehalten kann, dass die französische Armee die „Eingeborenen“ vor dem egoistischen Zugriff der Siedler zu schützen suchte. Wie Alexis de Tocqueville befasste sich auch Karl Marx mit Algerien, wohin er sich 1882 zu „Gesundheits-Wiederherstellungsmanövern“ (Paul Lafargue) begeben hatte. „Den Kopf voller Afrika und Araber“, registrierte er, wie Stammesgesellschaften mit Gemeineigentum pulverisiert werden und dennoch den Sprung in den entwickelten Kapitalismus verpassen.

Echte Freundschaften

Marc Weitzmann, der für sein neues Buch keine eigene Forschung betrieben hat, kommt gelegentlich zu holzschnitthaften Schlüssen. Beispielsweise ignoriert er die vielschichtige Arbeit der 1833 eingeführten „Bureaux arabes“, die einen Kontrapunkt zum ausbeuterischen Kolonialismus der Siedler bildeten. Auch unter den Siedlern gab es durchaus echte Freunde von Juden und Arabern.

Der so araber- wie judenfeindliche Siedlungskolonialismus raubte den arabischen „Sujets“ dann weiteres Land und errichtete die weiße Parallelgesellschaft der Pieds-noirs am anderen Ufer des Mittelmeers. Der antikoloniale Befreiungskrieg führte 1962 zur Vertreibung der Siedler sowie zur Gründung einer arabisch-islamischen Republik, die sich schroff gegen den westlichen Liberalismus und gegen Israel stellte. Auch die in Algerien lebenden Juden wurden fast vollständig vertrieben. Das „dritte Exil“ nannte der aus einer jüdisch-algerischen Familie stammende Historiker Benjamin Stora diesen dritten Akt, dem der Judenhass der Siedler und die Judenverfolgung durch das Vichy-Regime vorausgegangen waren.

Die fragwürdige Verbindung von Antisemitismus und Identitätspolitik setzt sich bis heute fort. Weitzmann führt die Verbohrtheit des von den Kindern und Enkeln algerischer Migranten radikalisierten Judenhasses vor. „Jüdischer Kosmopolitismus“ war sowohl ein Antrieb bei den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt als auch bei den ungeheuerlichen Morden an Holocaust-Überlebenden. Und nicht zuletzt geht die Schmähung der 2017 verstorbenen jüdischen Politikerin und Holocaust-Überlebenden Simone Weil durch Anhänger der „Gelbwesten“ auf dieses Motiv zurück.

Zu Recht kritisiert Weitzmann die Haltung „arabophiler“ Intellektueller, die den Dschihadismus, von dem sich Algerien nach traumatischen Erfahrungen gerade zu befreien sucht, kulturalistisch verharmlosen und übersehen, dass er eine Spielart der identitären Rechten ist: antiegalitär, freiheitsfeindlich und im Bunde mit orientalischen Despoten, die mit Öl- und Gasexporten Milliarden verdienen und Terror sponsern. Dass Juden nicht nach Frankreich gehören, ist gängige Münze auch im Front (heute Rassemblement) National, den der Algerien-Kämpfer Jean-Marie Le Pen 1965 im Milieu radikaler Siedler gründete. Im identitären Antisemitismus erweist sich die Familienähnlichkeit von Islamophobie und Islamismus.