Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.

Wir fassen uns jetzt alle an den Händen und sagen: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Nochmal, bitte mit etwas mehr Emphase: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Schon besser. Geht doch! Aber aller guten Dinge sind drei, und wir sind die Guten, also alle im Chor: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Klingt das nicht gut, fühlen wir uns jetzt nicht besser? Tief durchatmen, das Mantra murmeln und los gehts in die Diskussion mit bösen Rundfunkkritikern, die die Welt ins Unheil stürzen und uns „unseren gemeinsamen, freien Rundfunk ARD“ nehmen wollen. Wir wissen es nicht nur besser als die, wir sind besser. Deshalb informieren wir jetzt auch nicht mehr, wir setzen nicht auf Argumente, denn „objektives, faktenbegründetes und rationales Denken gibt es nicht, zumindest nicht in der Form, in der es der Aufklärungsgedanke suggeriert“. Wir reden nur noch moralisch. Wir sind die Moral.

So vorzugehen empfiehlt ein „Framing Manual“ der Linguistin Elisabeth Wehling, das schon 2017 entstand, aber erst jetzt publik wurde (nachzulesen bei netzpolitik.org), den „Mitarbeitenden“ der ARD. Es hämmert ihnen auf 89 Seiten ein, was sie tun sollen, um „Ihre Mitbürger“ dazu zu bringen „den Mehrwert der ARD zu begreifen und sich hinter die Idee eines gemeinsamen, freien Rundfunks ARD zu stellen“. Sie sollen „Frames“ setzen, also durch Sprache Deutungsmuster vorgeben und die Welt so beschreiben, wie sie – angeblich – ist. Und dabei die „Frames“ der anderen zerstören. Im Fall der ARD heißt das, dass man die Begriffe der anderen nicht aufgreifen, sondern ihnen eine eigene Sprachwelt entgegensetzen soll. Dafür hat Elisabeth Wehling grundlegende „Frames“ im Angebot: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“, „Programm“, „Unser gemeinsames Rundfunkkapital“, „Profitwirtschaftliche Sender“ (auch zu ersetzen durch „Profitorientierte/-maximierende Sender“ oder „Medienkapitalistische Heuschrecken“) und schließlich „Eigenfürsorge“.

Linguistin Elisabeth Wehling bei „Markus Lanz“

In diesen Schlagworten soll sich finden, was die ARD wirklich ist: unser aller, „von Bürgern ermöglichtes Rundfunksystem“, das keinen Rundfunk- oder „Zwangsbeitrag“ einzieht, sondern das „Rundfunkkapital der Bürger“ verwaltet, die auf diese Weise „ihren gemeinsamen, freien Rundfunk ermöglichen“. Wir bezahlen keinen Beitrag, sondern eine monatliche „Rundfunkbeteiligung“. Wer sich dem widersetzt, ist kein „Beitragsverweigerer“, sondern stellt „die Verbindlichkeit demokratischer Entscheidungen infrage“. Er verhält sich „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“. Er liegt anderen auf der Tasche, täuscht und betrügt, ist ein „Beitragshinterzieher“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“. Die „Rundfunkbeteiligung“ entrichten wir im Sinne freier „Eigenfürsorge“, „um unserer selbst und unseres Landes willen“ und um uns „vor den Zugriffen und Übergriffen ebenso wie vor der Vernachlässigung durch profitwirtschaftliche oder demokratieferne Medien zu schützen“. Diese sehen den Menschen nur als Konsumenten und begehen „Profitzensur“, wohingegen die ARD sich um das Wohl des Ganzen und aller Menschen sorgt. Wer die ARD kritisiert, sie reformieren oder verkleinern möchte, stellt „das Recht der Bürger an einer umfassenden und gründlichen Rundfunkversorgung in Frage“, was einer „Forderung nach weniger Demokratie, weniger Teilhabe und weniger Fürsorge“ entspricht. Das stellt ein Sakrileg dar, schließlich „handelt sich bei der ARD und den Bürgern nicht um getrennte Entitäten“: „Die ARD ist von uns, mit uns und für uns geschaffen: Und die ARD existiert einzig und allein für uns.“

Durch uns, mit uns, in uns: An dieser Stelle fehlt nur noch das Amen. Und es fehlt nur noch, dass sich die ARD in ihrer real existierenden Form für gottgegeben hält. Weit entfernt ist die Geisteshaltung, mit der hier „Framing“ betrieben wird, von dieser Hybris nicht. Sie ist Irrsinn mit System. Sie entspricht einem totalitären Denken, das die Welt in Gut und Böse, in Freund und Feind teilt, und den kritischen Diskurs durch moralische Beschämung ausschaltet.

Die Ausarbeitung, sagte die ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab, beschreibe keine neue Kommunikationsstrategie, sei keine Sprach- oder Handlungsanweisung, sondern als „Denkanstoß“ für interne Workshops gedacht. Die Aufregung um das Papier funktioniere nur, wenn man den Kontext nicht kenne oder ignoriere. Wir würden sagen, im Gegenteil: Wenn das eine interne Handreichung („Manual“) ist, zeigt das, wie tief sich die ARD eingegraben hat und welche Art Gehirnwäsche dort angesagt ist. Wer so redet, entzieht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem das Verfassungsgericht den Auftrag zur „Grundversorgung“ mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung zuweist, die Grundlage. Er macht aus Bürgern Volksempfänger. Am Ende ihres Traktats macht die Linguistin der ARD Vorschläge für gelungene „moralische Framings“. Unser Favorit lautet: „Wir sind Ihr.“