Über 800 Jahre überstand die Kathedrale von Notre-Dame in Paris die Wirren der Geschichte. Dann brennt das französische Nationaldenkmal lichterloh. Ein Experte erklärt, wie das passieren konnte. Und wie dramatisch so ein Einsatz abläuft.

1163 wurde der Grundstein für die Kathedrale Notre-Dame in Paris gelegt. Die Dimensionen der gotischen Kirche mit ihren beiden majestätischen Türmen sind gewaltig: Die Kathedrale ist 127 Meter lang, 40 Meter breit und bis zu 33 Meter hoch. Was Gläubige und Touristen aus aller Welt bewundern, sind leider auch gute Bedingungen für einen Großbrand.

Wie konnte sich das Feuer in dem französischen Nationaldenkmal so schnell ausbreiten? Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, macht vor allem die Maße des Bauwerks verantwortlich. Der Ingenieur hat Erfahrungen aus über 40 Jahren im Einsatzdienst, in denen er nach eigener Aussage „mit allen Facetten des Feuerwehrlebens“ in Kontakt kam, also vom kleinen und großen Brand bis hin zum Industriefeuer.

TPN: Herr Ziebs, was haben Sie als Feuerwehrmann gedacht, als Sie die Bilder aus Paris sahen?

Hartmut Ziebs: Es gibt bei der Feuerwehr einen Begriff für einen solchen Einsatz: ADS – ach du Scheiße. Man weiß, das Feuer ist riesengroß, der Einsatz dauert lange, fordert alle Ressourcen, geistig wie körperlich. Als Einsatzleiter, aber auch als Feuerwehrmann vor Ort ist man nach so einem Einsatz einfach fix und fertig.

TPN: Vor welchen besonderen Herausforderungen standen die Feuerwehrleute?

Ziebs: Die große Ausdehnung der Kathedrale und ihre extreme Höhe. Die Feuerwehrleute müssen das Wasser auf 30, 40 Meter und höher hinaufbringen. Das nimmt Zeit und Kraft in Anspruch und erfordert auch von der Logistik unheimlich viel.

TPN: Hinzu kommt wahrscheinlich die historische Bausubstanz?

Ziebs: Ja, wir sprechen von den „Gefahren der Einsatzstelle“, das lernt jeder Feuerwehrmann. Hier waren zwei Gefahren besonders wichtig: ein drohender Einsturz von Gebäudeteilen – da muss man aufpassen, dass man nicht selbst mit hinuntergerissen oder begraben wird. Die andere Gefahr ist der Absturz, dass sich urplötzlich Löcher auftun. Das Gewölbe der Kirche ist nicht an allen Stellen zu betreten, in der Regel haben Kirchen Laufgänge im Dachbereich. Die können aber wegbrennen.

TPN: War es eine zusätzliche Schwierigkeit, dass die Kirche in großen Teilen eingerüstet war?

Ziebs: Ich würde sagen: Ja. Den Bildern von gestern Abend nach zu urteilen, war dieses Riesenbaugerüst ebenfalls vom Brand betroffen. Da muss man aufpassen, dass die Statik nicht verloren geht und das Baugerüst obendrein noch einstürzt.

TPN: Wie konnte sich das Feuer so schnell ausbreiten?

Ziebs: Das ist jetzt spekulativ. Hatte es eine sehr lange Vorbrandphase? In der Regel fängt so ein Feuer ja klein an. Vielleicht blieb es ein, zwei Stunden unentdeckt und breitete sich dann rasend schnell aus. Sind dort sehr viele Rauchgase freigesetzt worden? Wenn die sich unter dem noch geschlossenen Dach sammeln, werden sie immer heißer und dann zünden sie durch. Dann kommt es zum schlagartigen Entflammen des Gesamtobjektes.

TPN: Wie muss ich mir das vorstellen?

Ziebs: Die Temperatur steigt exponentiell, wie eine Kurve, die immer steiler wird. Da werden Temperaturen von über 1000 Grad Celsius frei. Die Rauchgase werden so weit erhitzt, dass sie selbst zu einem zündfähigen Gemisch werden, in Brand geraten und andere Baustoffe mitentzünden.

TPN: Wieso setzten die Franzosen keine Löschflugzeuge ein, wie US-Präsident Donald Trump per Twitter vorschlug?

Ziebs: Das war der blödsinnigste Vorschlag, den einer machen konnte. (lacht) Erst einmal müsste man überhaupt das Gebäude treffen. Und dann wirft ein Löschflugzeug auf einer Stelle mehrere Tonnen Wasser ab. Dadurch ginge die Statik des Gebäudes verloren – das heißt, sie führen das herbei, was sie eigentlich vermeiden wollen, nämlich den Einsturz.

TPN: Gibt es jetzt, da das Feuer offiziell gelöscht ist, noch Gefahren für Mensch und Gebäude?

Ziebs: Die Statiker werden jetzt beurteilen müssen, wie einsturzgefährdet das Gebäude ist. Sie kriegen so ein Objekt nicht innerhalb von ein paar Stunden ganz gelöscht, da liegen Holzbauteile und Trümmerteile, die immer noch ein bisschen kokeln. Die Feuerwehrleute werden sicher noch einige Tage damit beschäftigt sein, die letzten Glutnester zu löschen. Da muss man ganz vorsichtig agieren. Man sieht die nicht.

TPN: Die mittelalterliche Bauweise hat das Feuer begünstigt – durch die Holzkonstruktion im Dach und das große, hohe Kirchenschiff. Gibt es auch etwas, das die Kirchenbauer aus Brandschutzsicht richtig gemacht haben?

Ziebs: Ja, das muss man deutlich sagen. Früher gab es keine Statiker, die Leute haben mehr nach Gefühl gearbeitet. Deshalb sind viele Konstruktionsteile aus heutiger Sicht hoffnungslos überdimensioniert. Die Wände sind viel dicker, als man sie heute bauen würde. Die Balken in einem alten Dachstuhl aus dem 12. Jahrhundert sind auch extrem dick. Natürlich brennt das heftig, wenn es denn brennt, aber sie sind so stabil, dass sie viel mehr Krafteinleitung abkönnen als moderne Bauwerke. So ein Objekt ist weniger extrem einsturzgefährdet als ein filigranes, modernes Gebäude. Das ist natürlich ein Riesenvorteil.

TPN: Was zerstört das Feuer zuerst?

Ziebs: Also das Blei in der Dachkonstruktion wird mit Sicherheit mit als Erstes geschmolzen sein, das tropft in heißer Form ab. Das ist eine zusätzliche Gefahr für die Feuerwehrleute, wenn das heiße Blei auf den Helm, die Kleidung oder sogar in den Nacken tropft. Alle anderen Baustoffe werden geschmolzen oder in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Da kann man keine Reihenfolge festlegen.

TPN: Ein Feuerwehrmann wurde tatsächlich durch niederregnendes Blei schwer verletzt. Wie werden Feuerwehrleute auf solche Großbrände vorbereitet?

Ziebs: Es gibt keine Trainings speziell für historische Gebäude, aber es gibt wiederholende Übungen für Großeinsätze. Das ist eine logistische Herausforderung mit viel Personal, die Feuerwehrleute arbeiten unter extremem Zeitdruck mit einer dünnen Informationslage. Das kann man üben und trainieren, damit Feuerwehrleute in der Situation einfach nur noch funktionieren.

TPN: Lässt die Art des Brandes, dass er sich so schnell ausbreitete, Rückschlüsse auf die Brandursache zu?

Ziebs: Da bin ich im Moment vorsichtig, das ist sehr spekulativ. Was man zu diesem Zeitpunkt einzig sagen kann: Es gab kein Gewitter über Paris, Blitzschlag ist also auszuschließen. Alles andere ist Kaffeesatzleserei.

TPN: Was hätte man aus der Fernperspektive besser machen können – vonseiten der Feuerwehr, aber vielleicht auch bei der Prävention?

Ziebs: Die Pariser Feuerwehr ist eine der besten der Welt, die haben aus meiner Sicht alles richtig gemacht. Was die Prävention betrifft – das kann ich nicht beurteilen. Hier in Deutschland gibt es viele Maßnahmen des vorbeugenden Brandschutzes. In Abstimmung mit dem Denkmalschutz hätten wir eine Frühwarnanlage installiert, vielleicht bei Holzbauweise sogar eine Sprinkleranlage.

TPN: Gibt es in Deutschland Gebäude, die ähnlich brennen würden? Was ist mit dem Kölner Dom?

Ziebs: Der Kölner Dom hat eine Stahlkonstruktion im Dachbereich. Das schließt natürlich nicht aus, dass es dort auch brennen kann. Deshalb gibt es Planungen der Kölner Feuerwehr und des Dombaumeisters, auch welche Kunst- und Wertgegenstände wann, wie und wo evakuiert oder abgedeckt werden. Ich gehe davon aus, dass das bei allen deutschen Kathedralen der Fall ist.

TPN: Ganz ehrlich: Wären sie gern an der Löschung beteiligt gewesen?

Ziebs: Ich bin froh, dass ich dort nicht verantwortlich war. Ein solcher Einsatz kann eine Karriere sehr schnell beenden oder befördern. Wenn sie einen Fehler machen, ist es das Ende der Karriere. Wenn sie alles richtig machen, kann es hingegen sein, dass man ihnen nicht nur auf die Schulter klopft. Trotzdem muss man einen solchen Einsatz nicht haben, weder als Einsatzleiter noch als Feuerwehrmann. Das wünscht man sich nicht.