Die Anklage gegen einen US-Beteiligungsmanager in Russland sorgt für Entrüstung unter Unternehmern und Anlegern. Die Affäre ist politisch aufgeladen.

Es war ein Donnerwetter, das Wladimir Putin Mitte dieser Woche von sich gab: Es sei an der Zeit, dass nicht mehr ständig Unternehmer in U-Haft genommen würden, wetterte der russische Staatschef bei seiner Rede zur Lage der Nation.

Fast die Hälfte aller gegen Unternehmer eingeleiteten Verfahren werde eingestellt, weil sie unzureichend begründet würden. Dies schade der Wirtschaft enorm, so Putin.

Während sich der Präsident rhetorisch als Vorkämpfer für die Freiheit des Unternehmertums präsentierte, ließ er einen Namen gänzlich unerwähnt: Michael Calvey. Der US-Staatsbürger und Beteiligungsmanager war nur wenige Tage zuvor wegen Betrugsvorwürfen verhaftet worden – und hat damit Schockwellen unter den wenigen Auslandsinvestoren ausgelöst, die es sich noch trauen, in Russland Geschäfte zu machen.

Dem Gründer der Moskauer Private-Equity-Gesellschaft Baring Vostok wird vorgeworfen, Gelder einer zu Baring gehörenden Bank veruntreut zu haben.

Am Donnerstag erhob das russische Ermittlungskomitee offiziell Anklage gegen Calvey. Der 51 Jahre alte Investor bestreitet die Vorwürfe, sieht sich als Opfer eines Streits mit zwei politisch gut verdrahteten Minderheitsaktionären der Bank.

Der Fall schockiert die russische Wirtschaftsgemeinde und droht das ohnehin extrem schlechte Investitionsklima weiter zu verschlechtern. Schon 2018 waren die ausländischen Direktinvestitionen nach Russland laut der Zentralbank von 27 Milliarden Dollar auf 1,9 Milliarden Dollar eingebrochen. Investoren, Geschäftsleute und Lobbyverbände fordern die Freilassung von Calvey.

„Mike Calvey war einer der loyalsten Ausländer in Russland gegenüber dem Regime Putins“, sagte William Browder, Gründer der Fondsgesellschaft Hermitage Capital Management und einer der schärfsten Kritiker Putins. „Er war stolz darauf, dass er ein regimefreundlicher Amerikaner war, der seinen Status dazu nutzen kann, um Geschäfte zu machen und keine Probleme zu kriegen. Die Tatsache, dass sie sich entschlossen haben, ihm nachzustellen, zeigt, dass absolut niemand in Russland sicher ist.“

Einer der letzten ausländischen Beteiligungsmanager

Calvey war einer der letzten ausländischen Beteiligungsmanager, die noch in Russland Geschäfte machten. Große US-Beteiligungsfonds wie Blackstone und TPG haben ihre Russlandexpansion nach der Besetzung der Krim und den folgenden Sanktionen des Westens längst aufgegeben.

Die Affäre zeigt, wie gleichgültig den Sicherheitsorganen in Moskau das Investitionsklima im Land ist. Calvey hat sich im Disput um die Bank mit Oligarchen angelegt, die laut Moskauer Juristen beste Beziehungen zu führenden Geheimdienstlern haben. „Sonst wäre Calvey nie so schnell in U-Haft gelandet, nur wenige Tage nach einer Anzeige gegen Baring Vostok“, sagte ein in Russland tätiger Rechtsexperte.

Calvey ist schon seit 1994 als Investor in Russland tätig, hat unter anderem in die Internetriesen Yandex und Ozon, in den Medienkonzern STS Media oder die Tinkoff Bank investiert. Vor ein paar Jahren stieg er bei der Retailbank „Wostotschny“ ein, die später mit der auf Corporate Banking spezialisierten Uniastrum Bank von Artjom Awetisjan fusionierte.

Damit begannen die Probleme: Awetisjan und Calvey warfen sich gegenseitig Betrug vor. Baring Vostok hat deshalb 2018 in London Klage eingereicht. Dann stellte auch noch die Zentralbank Probleme mit Unternehmenskrediten fest und ordnete die Rekapitalisierung der Bank an. Daraufhin ging Awetisjan in die Gegenoffensive.

Sein Vorwurf: Calvey soll die Wostotschny Bank überredet haben, eine Beteiligung an der Luxemburger Financial Technology Group zu einem überhöhten Preis zu übernehmen. Der angebliche Schaden: 2,5 Milliarden Rubel – 33 Millionen Euro. Ziemlich genau die Summe, die Awetisjan braucht, um seinen Anteil an der Bank nach der Rekapitalisierung zu halten.

Das Ermittlungskomitee, eine Art russisches FBI, hat die Anschuldigungen fast wörtlich übernommen. Wegen Betrugs in großem Umfang drohen Calvey und weiteren BV-Managern bis zu zehn Jahre Haft. „Wir haben immer in Übereinstimmung mit dem Gesetz gehandelt und glauben, dass die Gerichte das bestätigen“, weist Baring Vostok die Vorwürfe zurück. Die Rechtmäßigkeit der U-Haft müsse geprüft werden.

„Der Fall Calvey zeigt, dass nur diejenigen bleiben können, die verbunden sind mit bestimmten Leuten“, sagte der renommierte Ökonom Wladislaw Inosemzew unter Verweis auf frühere Fälle. Am Ende würden „alle Fremden“ aus wichtigen Wirtschaftssektoren verdrängt und diese in die Hände von Staatskonzernen übertragen, umschreibt Inosemzew die Hintergründe.

Unterstützung von früheren Geschäftspartnern

Unterstützung bekommt Calvey von früheren Geschäftspartnern: Yandex-Chef Arkadi Wolosch sagte, Manager des Fonds „waren stets ein Standard für Anständigkeit und Rechtsstaatlichkeit“. Der für das Anlocken großer Auslandsinvestoren zuständige Chef des Russian Direct Investment Fund, Kirill Dmitrijew, verlangte am Donnerstag Calveys Freilassung. Der Fall erschwert offenbar inzwischen schon Russlands Suche nach Auslandinvestoren.

Die Assoziation des Europäischen Business, ein Unternehmerverband in Russland, warnte vor „ernsthaften Folgen für das Investitionsklima und die Attraktivität Russlands bei ausländischen Direktinvestitionen“. Auch die deutsche Wirtschaft zeigt sich betroffen. Der Fall Calvey verschlechtere die Rechtssicherheit – um die es ohnehin schon nicht allzu gut bestellt gewesen sei – neuerlich und erheblich, sagten mehrere Wirtschaftsvertreter bei der Russlandkonferenz des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Berlin.

Russlands Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin hingegen sagte am Rande der Tagung, dass er auf „eine maximal objektive und gerechte Entscheidung“ im Calvey-Fall hoffe. Dieser sei keine politische Frage, „sondern eine für unser Rechtssystem“, spielte er das Thema herunter.

Die verunsicherten ausländischen Investoren mögen diese Worte hören – glauben werden sie sie wohl kaum.