Die Deutschen sind stolz auf den Überschuss in ihrer Außenbilanz. Großen Anteil daran hat der Euro. Aber ist Deutschland wirklich der große Profiteur mit seinen notorischen Überschüssen, wie behauptet wird? Verbessert diese Bilanz unseren Lebensstandard?

Es ist nur eine abstrakte Zahl, für die sich keiner etwas kaufen kann. Aber sie wirkt wie eine Bestätigung für die eigene Kraft und Herrlichkeit: der alljährliche, beträchtliche Überschuss im Handel mit anderen Ländern und der daraus abgeleitete Titel eines „Exportweltmeisters“.

Das satte Plus im Außenhandel scheint Zeugnis davon abzulegen, wie hoch die Erzeugnisse „Made in Germany“ in aller Welt geschätzt werden, wie gut Deutschland sich im globalen Wettbewerb behauptet.

Zwar steht bei den Dienstleistungen ein Minuszeichen im internationalen Geschäft. Aber dieses Defizit ist weit geringer als der Überschuss im Warenverkehr. Und so weist die deutsche Leistungsbilanz (also die Kombination von Handels- und Dienstleistungsbilanz) ein dickes Plus auf, zuletzt (2018) von 260 Milliarden Euro.

Ein Überschuss, das weiß man von der Bilanz eines Unternehmens, ist immer etwas Schönes. Die Firma beschert den Eigentümern einen Gewinn.

Doch so einfach ist es mit der Außenbilanz eines Landes nicht – was sich schon an der Reaktion seiner Handelspartner zeigt: Nicht nur US-Präsident Donald Trump empört sich regelmäßig über die deutschen Überschüsse. Auch die EU-Kommission und europäische Länder tadeln Deutschland, weil es angeblich anderen Ländern Arbeitsplätze stiehlt und ihnen die Zahlungsbilanz verunstaltet.

Aber ist Deutschland wirklich der große Profiteur mit seinen notorischen Überschüssen, wie behauptet wird? Verbessert diese Bilanz unseren Lebensstandard?

Wirtschaftlicher Gleichschritt in Europa bleibt aus

Es gibt mehrere Gründe, warum unsere Volkswirtschaft regelmäßig mit solchen Ergebnissen abschließt. Unbestreitbar, und da besteht durchaus Grund zum Stolz, sind die hiesigen Unternehmen im Welthandel sehr erfolgreich. Eine Rolle spielt auch der Import. Die Deutschen kaufen vergleichsweise wenig ausländische Erzeugnisse, sowohl Konsumartikel als auch Investitionsgüter. Ökonomen verweisen in diesem Zusammenhang gern auf die ausgeprägte Neigung der Deutschen zur Vorsorge: Sie sparen relativ viel.

Gewichtiger als diese Ursachen erscheint mir aber ein anderer Faktor: der Euro und sein Wechselkurs. Und dies gleich in doppelter Hinsicht – im Handel mit den europäischen Partnern und dem Rest der Welt.

Mit den 18 anderen Staaten des Währungsverbunds gibt es keinen Wechselkurs mehr, alles wird in Euro abgerechnet. Das ist schön für die Unternehmen, weil der gesamte Devisenbürokratismus entfällt. Und vor allem, weil kein Risiko eines ständig schwankenden Wechselkurses zu beachten ist und Kalkulationssicherheit besteht.

Das aber ist nur die betriebswirtschaftliche Sicht. Die volkswirtschaftliche fällt ganz anders aus. Wenn sich die Wirtschaftsräume im Euro-System unterschiedlich entwickeln, ein Land zu teuer wird oder zu billig, dann erfolgt kein Ausgleich mehr durch Veränderung des Wechselkurses.

Als der Euro gegründet wurde, hofften seine Vordenker, dass die Volkswirtschaften Europas sich immer mehr im Gleichschritt bewegen würden. Wenn sich zu große Unterschiede herausbildeten, müsste eben intern auf- oder abgewertet werden. Soll heißen: dass vor allem die Arbeitskosten in den einzelnen Ländern angepasst würden – nach oben in den Ländern, die zu billig anbieten, nach unten in jenen Ländern, die zu teuer geworden sind.

Doch das ist nicht geschehen. Die Leistungsunterschiede sind immer größer geworden. Vor allem die zwischen Deutschland und den Euro-Südstaaten wie Italien, Frankreich oder Griechenland: Gegenüber all diesen Ländern hätte Deutschland, besäße es noch die Mark, aufwerten – oder diese Länder hätten abwerten müssen.

Für die Unternehmen hierzulande ist das natürlich ein Geschenk, eine Art Dauersubvention. Auch für die Beschäftigung. Deutschlands Jobwunder der vergangenen Jahre ist nicht nur durch die Hartz-Reformen ausgelöst worden, sondern auch durch den Umstand, dass unsere Unternehmen ihre Produkte vergleichsweise preisgünstig anbieten können. Umgekehrt allerdings führt dieses Missverhältnis zu weniger Beschäftigung in jenen Ländern, die im Vergleich zu teuer verkaufen.

Doch das ist nicht alles. Auch im Warenhandel mit Ländern außerhalb der Euro-Zone sind Deutschlands Unternehmen mit dem Euro-Wechselkurs im Vorteil. Aus deutscher Sicht ist der Euro gegenüber dem Dollar, dem Yen und anderen Währungen deutlich zu niedrig bewertet. Vor allem deswegen, weil sich im Verbund der Euro-Volkswirtschaften nicht nur die starken Nordländer, sondern auch viele schwächere Südländer befinden. Und weil die Euro-Notenbank mit ihrer Politik des billigen Geldes den Kontinent mit Euros überschwemmt hat.

Der niedrige Wechselkurs begünstigt die deutsche Exportindustrie, weil sie vergleichsweise preiswert verkaufen kann. Und er schwächt die Wareneinfuhr, weil die ausländischen Produkte teurer sind, als sie nach einer Aufwertung wären.

Was lernen wir aus diesem Einmaleins der Außenwirtschaftslehre? Trifft es zu, was viele Politiker und auch manche Ökonomen behaupten: dass Deutschland der größte Gewinner des Euros ist?

Europa zerfällt ökonomisch

Was die Jobs anbelangt, ist dies zweifellos der Fall. Doch wenn es um das entscheidende Kriterium geht, ob nämlich der Wohlstand des Landes gemehrt wird, sieht die Bilanz höchst unerfreulich aus. Die Unterbewertung der Währung macht Deutschland nicht reicher, sondern ärmer. Die Deutschen zahlen mehr für importierte Güter, als es bei einer höher bewerteten Währung der Fall wäre. Auch Urlaubsreisen sind teurer, als sie sein müssten.

Deutschland reicht derzeit gut sieben Prozent dessen, was das Land jährlich erwirtschaftet, ans Ausland weiter. Dafür erhält es natürlich einen Gegenwert. Jeder Überschuss erhöht das jetzt schon rekordhohe deutsche Auslandsvermögen. Deutschland baut so immer höhere Forderungen gegenüber anderen Volkswirtschaften auf, vor allem auch finanzschwachen – ohne irgendwelche Gewissheit, ob die Gläubiger jemals zahlen.

Das Geld, das Deutschland auf diese Weise seinen Handelspartnern zur Verfügung stellt, fehlt im Inland. Es könnte hier für private Investitionen ausgegeben werden, aber auch zum Ausbau der Infrastruktur, also der Straßen oder der Schienenwege. Ökonomen nennen so was eine „Fehlallokation des Bruttosozialprodukts“.

Aussicht auf Besserung besteht nicht, auch wenn sich im Ausland immer mehr Widerstand aufbaut. Deutschlands Wirtschaft hat sich gut eingerichtet in diesem angenehmen Wettbewerbsumfeld. Keine politische Instanz kann die Tarifpartner in Deutschland zu höheren Lohnabschlüssen zwingen, die zu einer deutlichen Verteuerung der Exporte führen würde. Und niemand kann Gewerkschaften und Unternehmen in den Partnerländern dazu bringen, auf Lohnerhöhungen zu verzichten oder gar Lohnsenkungen hinzunehmen.

Der deutsche Überschuss ist zwar seit 2015 von damals 8,9 Prozent des Sozialprodukts auf zuletzt 7,4 Prozent gesunken. Ein positiver Trend, aber ob er anhält, erscheint mir sehr zweifelhaft.

Europa wächst derzeit ökonomisch nicht weiter zusammen, sondern zerfällt noch mehr. Überall erhalten rechts- oder linksextreme Parteien Zulauf – Parteien, die ausschließlich nationale Lösungen für die Probleme ihrer Länder im Programm haben.

Ganz vorn dabei das EU-Gründungsland Italien mit seiner populistischen Regierung, aber auch Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron unter dem Druck der Gelbwesten von seinem Reformprogramm Abschied nehmen muss. Statt auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ steuert der Kontinent auf ein „Europa der Vaterländer“ zu, wie es einst schon Charles de Gaulle favorisierte.

Der Euro, so haben viele einmal gehofft (auch ich), würde Europa weiter einen. Das gemeinsame Geld würde helfen, einen einheitlichen, im Gleichschritt vorankommenden Wirtschaftsraum zu schaffen. Derzeit jedoch sieht es so aus, als seien die Fliehkräfte stärker und würden immer noch größer – vielleicht auch wegen des Euros.

Das schadet allen. Nicht zuletzt auch Deutschland, dem Land mit den vermeintlich so segensreichen Überschüssen.