Hirnforscher haben spanische Strafgefangene mit Strom behandelt, um die Gewalttäter weniger aggressiv zu machen. Nach Protesten in den Medien wurden die Versuche ausgesetzt. Zu Recht?

Was hält einen wutentbrannten Menschen davon ab, dem Gegenüber die Nase zu zertrümmern? Es ist ein bestimmter Bereich der Großhirnrinde, sagen Neurobiologen. Ein etwas oberhalb der Stirn gelegenes Areal, bestens vernetzt mit älteren, archaischen Hirnregionen, lässt uns in der Rage innehalten und erst mal Luft holen. Aus dem triebgesteuerten Wüterich macht das Stirnhirn einen vernünftigen und umgänglichen Zeitgenossen. Das klappt allerdings nicht immer zuverlässig. Menschen mit Fehlfunktionen im präfrontalen Cortex sehen rot und rasten aus. Mitunter landen sie deswegen im Gefängnis.

So jedenfalls lautet die Theorie von Neurobiologen wie Andrès Molero-Chamizo, der an der Universität in Huelva in Spanien forscht. Untermauern möchte der Wissenschaftler die These mit Versuchen, bei denen er durch eine Stimulation des Stirnhirns die Aggressionen von Straftätern dämpft. Wegen ethischer Bedenken wurde ihm nun von Regierungsseite die Fortsetzung seiner Experimente vorerst untersagt. Der Fall hat eine Debatte ausgelöst: Kann man wirklich von Freiwilligkeit sprechen, wenn Strafgefangene sich mit einem derartigen Experiment einverstanden erklären?

Molero-Chamizo setzt für seine Experimente die transkranielle Gleichstromstimulation ein. In der Praxis bedeutet das: Seine Doktorandin Raquel Riquel klebt Elektroden an die Köpfe von verurteilten Gewaltverbrechern, legt einen Schalter um und schickt Strom durch das Gehirn der Häftlinge. Anschließend stellt sie den Gefangenen eine Reihe von Fragen, etwa ob sie sich zuweilen fühlten „wie ein Pulverfass, das jeden Augenblick explodieren kann“.

Proband mit Elektroden

Zunächst schien alles kein Problem. Wie in Deutschland gibt es in Spanien Ethikkommissionen. Ohne Einwände genehmigte eine solche Kommission das Experiment, für das sich 41 Insassen in den Gefängnissen von Córdoba und Huelva in Südspanien freiwillig gemeldet hatten. Anfang des Jahres veröffentlichte Molero-Chamizo erste Ergebnisse. Darin bestätigte sich seine Hypothese: Nach der Behandlung äußerten sich die Häftlinge weniger feindselig und hitzköpfig als zuvor; besonders ausgeprägt war der Effekt bei den Mördern. Dagegen fand man bei der Vergleichsgruppe, also den Probanden, denen nur zum Schein Elektroden angesetzt worden waren, keine solche Wirkung.

In diesem Monat wollte Molero-Chamizo seine Versuche mit einer etwas anderen Form der Stimulation fortsetzen. Dann aber berichteten spanische Zeitungen über den Fall – und Molero-Chamizo musste den Versuch abbrechen.

Der Wissenschaftler wurde aufgefordert, Unterlagen einzureichen, und ist zu einem Treffen mit der spanischen Strafvollzugsverwaltung aufgefordert worden. Die im letzten Jahr an die Macht gekommene sozialistische Regierung will seinen Fall neu prüfen. Der Neurobiologe vermutet politische Gründe und klagt über eine unfaire Berichterstattung: „Zum Teil wurde behauptet, wir würden etwas Ähnliches wie Elektrokrampftherapie einsetzen.“

Gefangene, die mit Stromstößen durchs Gehirn gefügig gemacht werden – ein Stoff für Albträume. Sofort sind sie da, die hässlichen Bilder. Zwangsbehandlungen in der frühen Zeit der Psychiatrie. Der leere Blick von Jack Nicholson, der in „Einer flog übers Kuckucksnest“ reglos an die Decke starrt, lobotomiert wegen Aufsässigkeit.

Von solchen Gruselszenarien ist das spanische Experiment allerdings weit entfernt. Der für 20 Minuten angelegte Strom beträgt gerade mal 1,5 mA, zu spüren ist allenfalls ein leichtes Kribbeln. „Das Verfahren ist schmerzfrei“, sagt Michael Nitsche von der Universität Göttingen, der am ersten Teil der Studie beteiligt war.

Der Psychologe erforscht schon länger die Impulskontrolle durch Gleichstromstimulation. Zusammen mit Forschern der Universität Zürich ließ er die Probanden „Ultimatum“ spielen: Dabei erhält ein Teilnehmer eine bestimmte Summe Geld und soll einen Anteil seiner Wahl einem zweiten Spieler anbieten. Akzeptiert der andere, bekommen beide Spieler das Geld; lehnt der andere ab, gehen beide leer aus. Bei dem Experiment zeigte sich, dass die Spieler bei angeregtem präfrontalen Cortex auch geringere Summen annahmen, die sie ohne die Stimulation als unfair abgelehnt hätten. Das kann man so interpretieren, dass die Probanden sich rationaler und kooperativer verhielten, weniger ihrem Ärger über einen geizigen Mitspieler freien Lauf ließen.

„Die Effekte halten unter diesen Bedingungen nur ein oder zwei Stunden an“, sagt Michael Nitsche. Länger andauernde Persönlichkeitsveränderung sind aber durchaus vorstellbar und letztlich auch Ziel der Versuche. Bei Versuchen mit Depressiven behandelt man die Patienten dafür bereits über Tage hinweg.

Es mag auf den ersten Blick grob und barbarisch erscheinen, psychische Vorgänge mit elektrischem Strom verändern zu wollen. Bei genauerer Betrachtung wird das Verfahren aber plausibler. Jede Nervenzelle steht von Natur aus unter elektrischer Spannung, die sich durch die Interaktion mit anderen Nervenzellen umkehren kann – auf diese Weise entstehen Nervensignale.

Stimuliert man ein Hirnareal mit leichtem Gleichstrom, verändert man das elektrische Potenzial der Nervenzellen, die dadurch leichter erregbar werden. Es lassen sich damit keineswegs gezielt bestimmte Nervenzellen ansprechen oder gar neue Gedanken einpflanzen. Vielmehr verstärkt man durch die Stimulation Netzwerke von Nervenzellen, die ohnehin für bestimmte Aufgaben aktiv werden. Je nach stimuliertem Hirnareal kann man unterschiedliche Effekte auslösen. Sogar die Fähigkeit für kreative Einfälle lässt sich auf diese Weise fördern.

Doch darf man derartige Versuche auch an Strafgefangenen durchführen? „Ein bisschen gewundert habe ich mich schon, dass ein solcher Versuch in Spanien genehmigt wurde“, sagt Henning Rosenau, Rechtswissenschaftler an Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Experte für Medizinrecht. „In Deutschland wären solche Experimente nicht erlaubt. Strafgefangene dürfen bei uns grundsätzlich nicht als Probanden für medizinische Studien eingesetzt werden, da man sich nicht sicher sein kann, ob die Teilnahme innerhalb einer Strafanstalt wirklich freiwillig ist.“ Grundlage für diese Einschätzung seien die gesetzlichen Regelungen im Arzneimittelgesetz und die „Deklaration von Helsinki“ des Weltärztebundes. Darin wird auf besonders schutzbedürftige Gruppen hingewiesen. Zu diesen gehören laut Rosenau auch Gefängnisinsassen.

„Bei der Arbeit handelt es sich um kein medizinisches Experiment, und die Studie steht im Einklang mit der Deklaration von Helsinki“, wehrt sich Studienleiter Molero-Chamizo. „Die spanische Gesetzgebung verbietet keine Versuche mit Gefangenen, die Arbeit wurde von der vorherigen Regierung ausdrücklich genehmigt.“ Schließlich hätten Gefangene ja genau wie die sonstige Bevölkerung auch ein Recht darauf, von experimenteller Forschung zu profitieren.

Aber wird man gewalttätigen Menschen wirklich einmal mit Hirnstimulation helfen können? Noch handelt es sich um einen Pilotversuch. Ob die Probanden, die sich selbst als weniger gewalttätig einschätzen, auch seltener zuschlagen, muss sich erst zeigen. Weder Molero-Chamizo noch Michael Nitsche haben sich je mit einem der Verbrecher unterhalten.

Wie beurteilen Praktiker den Ansatz? Der Psychotherapeut und Dozent Horia Fabini, der viele Jahre an der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel Gewaltverbrecher behandelt und begutachtet hat, begrüßt die Versuche der Spanier. Die Therapeuten bräuchten dringend bessere Methoden zur Behandlung gewalttätiger Menschen, sagt Fabini. Eine Stimulation des präfrontalen Cortex könnte seiner Meinung nach einer bestimmten Gruppe gewalttätiger Menschen helfen.

Grundsätzlich unterscheiden Psychologen zwischen zwei Formen, der heißen und der kalten Aggression. Bei heißer Aggression wird ein Mensch aus einem Impuls heraus verbal oder körperlich gewalttätig. Oft handelt es sich unbewusst um eine Angstreaktion – der Betreffende fühlt sich in die Defensive gedrängt und erlebt die Welt als Bedrohung. Kalt aggressive Menschen dagegen agieren planvoll und überlegt, suchen gezielt nach Stimulierung und Genugtuung. Das kann in Sadismus oder sexueller Gewalt münden, oft geht es aber um materielle Ziele. Von einer Stimulation des Stirnhirns könnten laut Fabini wahrscheinlich die heiß Aggressiven profitieren, die aus blinder Wut heraus gewalttätig werden.

Bislang versucht man, solchen Menschen durch eine Psychotherapie zu helfen. „Die Psychotherapie hilft auch, doch es handelt sich um einen sehr aufwendigen Prozess, der oft mit großer seelischer Belastung verbunden ist.“

Zudem erfordert eine Psychotherapie, die auf Verhaltensänderung abzielt, viel Disziplin, Vertrauen und Selbstreflexion, und genau daran mangelt es vielen Straftätern. „Den Therapeuten empfinden sie oft als Bedrohung, und das auch zu Recht – die Einschätzung des Therapeuten hat vor Gericht große Bedeutung, wenn es zum Beispiel um eine Risikoprognose zur Sicherungsverwahrung geht“, sagt Fabini.

Dass Strafgefangene grundsätzlich keine freien Entscheidungen treffen können, glaubt der Psychologe nicht. „Bietet man Sexualstraftätern eine medikamentöse Triebdämpfung an, dann verweigern das sehr viele, obwohl sie dadurch erhebliche Vorteile hätten – durch die reduzierte Gefährlichkeit kämen dann Lockerungsmaßnahmen oder sogar Entlassungen auf Bewährung infrage.“ Auch wenn die spanischen Häftlinge sich von ihrer Teilnahme eine beschleunigte Entlassung versprochen haben sollten, hält Fabini eine solche Motivation für nicht problematisch. „Jeder will so schnell wie möglich aus dem Gefängnis, das ist ganz normal.“

Unter den Tausenden von Häftlingen in den beiden spanischen Gefängnissen haben sich nur 41 zur Teilnahme zu dem Experiment bereit erklärt. Die Doktorandin Raquel Riquel hat während des Experiments kein Wort mit ihren Gefangenen gewechselt, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Am Ende aber, sagt Molero-Chamizo, hätten sich einige der Häftlinge bei ihr für ihre Arbeit bedankt.