Ein No-Deal-Brexit würde sehr teuer. Doch die EU beharrt auf einer harten Haltung. Ökonomen meinen, Brüssel solle den Briten entgegenkommen.

Angesichts der krachenden Ablehnung des Brexit-Abkommens durch das britische Parlament ist die Wahrscheinlichkeit eines Austritts ohne Abkommen gestiegen. Viele Wirtschaftsvertreter und Ökonomen sind darüber hoch besorgt. Der Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte: „Ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten muss vermieden werden.“ Er forderte beide Seiten – sowohl London als auch die EU – dazu auf, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Sie müssten das Abkommen „so modifizieren, dass es für beide Seiten akzeptabel ist“. Alles andere wäre ein „nicht akzeptables Politikversagen“.

Der Ifo-Handelsforscher Gabriel Felbermayr zeigte Verständnis für die Ablehnung des Brexit-Deals durch das Unterhaus am Dienstagabend. „Das Nein der britischen Abgeordneten zum Trennungsabkommen ist absolut nachvollziehbar, weil es das Vereinigte Königreich auf den Status einer Handelskolonie herabstufen würde“, sagte Felbermayr, der designierter Chef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel ist. In Großbritannien werde die Regelung mit dem sogenannten Backstop von vielen so empfunden, dass das Land zu einem „Vasallen“ werde.

„Nicht auf das Äußerste ankommen lassen“

Felbermayr warnte Brüssel vor einer zu starren Haltung. „Man muss jetzt fragen: Was können wir den Briten anbieten, damit sie sich nicht dagegen entscheiden? Was könnte die Stimmung noch drehen? Wir sollten es nicht auf das Äußerste ankommen lassen.“ Der Ökonom warb dafür, den Briten, falls sie in der Zollunion verblieben, Mitspracherechte einzuräumen.

Außerdem müsse sich die EU-Seite von dem „Dogma“ verabschieden, dass alle vier „Grundfreiheiten“ untrennbar zusammengehörten, dass also mit freiem Handel zwingend auch freie Migration in der EU verbunden sein müsse. Man solle den Briten zugestehen, dass sie die Migration begrenzen wollen, und gleichzeitig den Handel offen halten. „Ich fürchte aber, dass die Brüsseler Maschinerie – also EU-Rat und Kommission – nicht flexibel genug ist, um eine solche Lösung anzubieten“, sagte Felbermayr.

Zweite Brexit-Abstimmung?

Der scheidende Chef des Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, regte eine Wiederholung des Brexit-Votums an. Dafür gibt es aber nach Ansicht von britischen Fachleuten hohe Hürden. Eine zweite Volksabstimmung gilt als eher unwahrscheinlich.

Snower rief am Mittwoch Brüssel zu mehr Entgegenkommen auf. „Die Entscheidung des britischen Parlamentes ist tragisch, denn sie macht einen ‚No-Deal‘ hochwahrscheinlich. Wenn Brüssel jetzt Bereitschaft zeigt, bei künftigen Verhandlungen über die Beziehungen zu Großbritannien ein Abkommen nur über den Güterhandel zu schließen, und London insbesondere bei der Personenfreizügigkeit freie Hand behält, könnte Theresa May in drei Tagen vielleicht doch noch einen Scheidungsvertrag durch das Parlament bekommen“, hoffte Snower.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die Wahrscheinlichkeit eines ungeregelten Brexits am 29. März 2019 dagegen nicht substanziell erhöht. „Ich erwarte, dass ein wirtschaftliches Chaos verhindert wird, zum Beispiel durch Einzelabkommen für eine Übergangsphase“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher.

Ein zweites Referendum, und somit ein Verbleib in der EU, sei sogar ein Stück wahrscheinlicher geworden, meinte er. Sollte es zum „harten Brexit” kommen, werde die deutsche Wirtschaft zwar getroffen, aber nicht übermäßig hart und nicht dauerhaft. „Deutsche Unternehmen haben immer wieder gezeigt, dass sie flexibel und schnell auf Schocks reagieren können“, betonte Fratzscher.

12.000 Lastwagen

Deutsche Wirtschaftsverbände reagierten am Mittwoch dennoch hochbesorgt auf das Abstimmungsergebnis des britischen Parlaments. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben, befürchtet chaotische Verhältnisse. Die Verbindung zwischen Großbritannien und Europa sei wirtschaftlich so eng, dass eine Grenze eigentlich nicht funktioniere.

Er verwies am Mittwoch im SWR darauf, dass etwa 10.000 bis 12.000 Lastwagen derzeit täglich durch Dover fahren: „Man muss sich mal vorstellen, jeder Lkw wird eine Viertelstunde, 20 Minuten, eine halbe Stunde kontrolliert, das kann man sich nicht mehr vorstellen. Das sind Dimensionen, die sind nicht händelbar.“ Deutsche Unternehmen fingen mit Blick auf ein solches Szenario an, Material und Ersatzteile zu horten, so Wansleben.

Rezession droht

Laut Außenhandelspräsident Holger Bingmann ist die Zeit vor dem für Ende März vorgesehenen Ausstiegsdatum jedoch zu knapp, um sich in erforderlicher Weise auf einen harten Brexit vorzubereiten: „Ein ungeordnetes Ausscheiden des Vereinigten Königreichs riskiert ein bilaterales Außenhandelsvolumen Deutschlands von über 175 Milliarden Euro – an Ein- und Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen. Es droht eine unmittelbar durchschlagende Rezession in der britischen Wirtschaft, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen würde“, so der Chef des Branchenverbands BGA.

Die Deutsche Bank erwartet nach einer groben Schätzung, dass ein chaotischer Brexit das hiesige Wachstum um etwa einen halben Prozentpunkt in diesem Jahr drücken würde. Viel größer wären die Verwerfungen indes in Großbritannien. Laut der Bank of England könnte dort eine Rezession drohen, die tiefer und länger wäre als die Rezession aufgrund der Finanzkrise vor zehn Jahren.