Esel sind für Afrikas Bauern überlebenswichtig. Doch Haut und Fleisch der Nutztiere sind in China begehrt, ein lukrativer Schwarzmarkt ist entstanden. Deutsche Tierschützer berichten von unbeschreiblichem Leid in den Schlachthöfen.

Bislang machten Wilderer vor allem Jagd auf Elefanten, weil die Stoßzähne aus Elfenbein so kostbar sind. Auch Nashörner schießen sie ab, weil das Horn der Tiere auf dem Schwarzmarkt hohe Preise erzielt. Nun aber haben sie es auch auf Esel abgesehen, von denen es in Afrika noch etwa zehn Millionen gibt. Die Tiere wurden auf Viehmärkten lange Zeit zu erschwinglichen Preisen gehandelt und waren für Schmuggler damit völlig uninteressant.

Plötzlich aber ist der illegale Handel sehr lukrativ geworden. Die kriminellen Banden kommen meist nachts und entführen die zutraulichen Haustiere. Oder sie töten die Esel noch vor Ort und ziehen ihnen die Haut ab. Auf die Eselhaut nämlich kommt es vor allem an: Ausgekocht und zu Gelatine verarbeitet, gilt die dunkle, klebrige Masse in der traditionellen chinesischen Medizin als regelrechtes Wundermittel.

Das Produkt wird in China unter dem Namen Ejiao vermarktet. Es verspricht eine schöne Haut, soll gegen Blutarmut, Schwindel und verschiedene Altersbeschwerden helfen – so wie auch dem pulverisierten Horn der Nashörner besondere Heilkräfte nachgesagt werden. Es gilt als Aphrodisiakum und soll sogar gegen Krebs helfen.

Doch während die internationale Staatengemeinschaft sich längst auf Maßnahmen geeinigt hat, um die letzten verbliebenen Nashörner in Afrika zu schützen, und auch der Handel mit Elfenbein – das vor allem zu Schmuckstücken oder kunstvollen Schnitzereien verarbeitet wird – seit 1989 durch das Washingtoner Artenschutzabkommen offiziell verboten ist, findet der Eselklau bislang kaum Beachtung. Das Magazin „The Economist“ titelte bereits: „Eselhaut ist das neue Elfenbein“.

Ohne Esel plötzlich vor dem Nichts

Das vermeintliche Heilmittel aus Eselhaut können sich immer mehr Chinesen leisten. Entsprechend groß ist die Nachfrage. Auch das Fleisch ist begehrt und gilt in China als Delikatesse. Die Folgen dieses Booms bekommen Millionen Kleinbauern selbst in den entlegensten Landstrichen Afrikas zu spüren.

Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft – einem kleinen Tierschutzverein mit Sitz in Berlin, der sich in Schwellen- und Entwicklungsländern besonders auch um Nutztiere kümmert – hat bislang die Fotos von gehäuteten Eselkadavern gesehen, die Bilder aber bleiben ihr vor Augen: „Es ist ein so trauriger Anblick. Und ein dramatischer Verlust für die Besitzer.“

Kadaver von Eseln, denen Wilderer die Haut abgezogen haben

Im Norden Tansanias, wo Kleinbauern leben, die zur Volksgruppe der Massai gehören, hat Wiebke Plasse vor Ort mit Betroffenen gesprochen. So berichtete ihr eine Frau, die im Distrikt Simanjiro mit ihrer Familie in den für die Massai typischen Lehmhütten lebt, dass ihr in nur einer Nacht alle sieben Esel gestohlen worden seien: Plötzlich habe sie vor dem Nichts gestanden. Ihre wichtigste Hilfe sei einfach weg gewesen. Ohne ihre Esel war die Massai-Frau völlig aufgeschmissen und wusste nicht, wie sie ihren Alltag meistern sollte.

Die genügsamen Esel sind sozusagen der „Pick-up“ afrikanischer Kleinbauern: geländegängig, zuverlässig und enorm belastbar. Sie gehören fast mit zur Familie. Die Esel tragen das Gemüse von den Feldern zu den Märkten und schleppen schwere Wasserkanister von den Pumpen und Wasserstellen in die Dörfer. Sie ziehen Karren, auf denen Kinder zur Schule fahren. Esel geben Milch, nur wenn sie alt oder krank und nicht mehr leistungsfähig sind, werden sie geschlachtet.

Tagsüber schuften die Esel als Arbeitstiere; nachts aber streunen sie in der Nähe der Dörfer frei herum, was sie für Wilddiebe zu einer leichten Beute macht. „Da konnten und wollten wir nicht einfach zuschauen“, sagt Wiebke Plasse. Der kleine Tierschutzverein hat den Kampf gegen den Eselklau in Tansania inzwischen zu einer seiner wichtigsten Aufgaben gemacht.

Ursprünglich hatte die Organisation Mitarbeiter nach Tansania geschickt, um lokale Veterinäre im Umgang mit den Eseln zu schulen: Wie Krankheiten am besten behandelt werden und was zu tun ist, damit die Tiere gar nicht erst krank werden. Denn sind die Esel gesund und glücklich, sind es auch die Menschen, heißt es bei den Massai. Doch dann häuften sich die Berichte über Esel, die auf rätselhafte Weise einfach verschwanden. Das war vor knapp zwei Jahren.

Zum Schutz der Esel wurden daraufhin mit deutscher Hilfe mitten in den Dörfern Gehege gebaut – Gatter aus Holzpalisaden oder Maschendraht, die von Rankenpflanzen überwuchert werden und nahezu undurchdringlich sind. Inzwischen wurden auf diese Weise schon mehr als 160 geschützte Areale für mehr als 4000 Esel errichtet.

Die Tiere werden nachts nun eingesperrt. Sie tragen kleine Glöckchen um den Hals, damit Unruhe in der Herde sofort zu hören ist. Knapp 15.000 Euro haben diese Umzäunungen gekostet, in denen die Esel weitgehend sicher sind. In Radiospots wird vor den Wilddieben gewarnt und zu erhöhter Aufmerksamkeit aufgerufen.

Auf afrikanischen Landstraßen gehören Esel zum Straßenbild – wie hier im Südsudan

Aber die Tierschützer wissen natürlich auch, dass mit Gehegen das Problem nicht gelöst, sondern nur verlagert wird. Schon erreichen sie aus weiter entfernt liegenden Dörfern Meldungen über Eseldiebstähle. Denn die Nachfrage nach der Haut der Tiere ist ungebrochen, obwohl die Wirkung von Ejiao nicht bewiesen ist. Allein der Glaube an die Heilkraft erklärt den Erfolg des Produkts.

Im Internet wird eine 250-Gramm-Packung für knapp 160 Euro angeboten. Eine Eselhaut ergibt rund ein Kilogramm Ejiao. Um den stetig wachsenden Markt zu bedienen, müssten heute schon jährlich etwa vier Millionen Esel getötet werden. Weltweit wird der Bestand noch auf 44 Millionen geschätzt. Wächst der Bedarf weiter, könnten die Nutztiere schnell zu einer bedrohten Art werden.

Allein in China, so die Schätzungen, hat sich die Zahl der Esel seit 1990 auf sechs Millionen Tiere nahezu halbiert. Die Regierung in Peking fördert nun den Import von Eselhäuten und hat die Einfuhrzölle gesenkt. Aus aller Welt werden die Häute nun nach China geliefert: Aus Mexiko und Brasilien zum Beispiel, Pakistan hatte als erstes Land überhaupt den Export verboten, will nun aber wieder in das Eselgeschäft einsteigen.

Naheliegend wäre es angesichts der großen Nachfrage, Esel einfach zu züchten. Australien plant solche Eselfarmen – was jedoch nicht so einfach ist. Die Tiere haben eine Tragzeit von mehr als zwölf Monaten. Und sie sind auch nur schwer in größeren Herden zu halten, da Esel untereinander ausgeprägte Antipathien entwickeln.

„Leid der Tiere ist unbeschreiblich“

Mehrere afrikanische Länder haben inzwischen ein Ausfuhrverbot für Esel erlassen, darunter Uganda, Botsuana und auch Tansania. Doch ob diese Verbote die Wilddiebe tatsächlich abschrecken, ist mehr als fraglich. Mit Sorge beobachten die Tierschützer, dass in Kenia, nahe der tansanischen Grenze, chinesische Unternehmer allein vier Schlachthöfe errichtet haben, in denen derzeit jeweils mehr als 200 Esel täglich geschlachtet und verarbeitet werden können.

Auf afrikanischen Landstraßen gehören Esel zum Straßenbild – wie hier im Südsudan

„Das Leid der Tiere in diesen Schlachthöfen ist unbeschreiblich“, sagt Wiebke Plasse. Ein lokaler Partner habe erstmals Zugang zu einer der Anlagen gehabt und schockierende Fotos sowie Videoaufnahmen von der Versorgung und Schlachtung der Tiere gemacht. Die Tierschützer wollen sich nun dafür einsetzen, dass in den Schlachthöfen zumindest gewisse Standards eingehalten werden.

Der entwicklungspolitische Sprecher der Grünenfraktion im Bundestag, Uwe Kekeritz, appelliert an Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), in Kenia die verantwortlichen Ministerien aufzufordern, die Schlachthäuser zu schließen und den Eselexport zu stoppen.

„Wenn wir in Deutschland die Entwicklungszusammenarbeit ernst nehmen und deutsche Steuergelder einsetzen, um die ländliche Entwicklung gerade auch in Ostafrika zu fördern, dann gehört dazu auch der Schutz der Esel“, sagte Kekeritz. Ohne diese vielseitigen Nutztiere könne Entwicklung nicht gelingen.

Traktoren seien keine Alternative, da sie für die meist sehr armen Bauernfamilien viel zu teuer sind. Und selbst die Esel sind oft nicht mehr erschwinglich. Seit die Tiere so gefragt und damit rar geworden sind, hat sich ihr Preis mehr als verdreifacht. Wurde ein Tier gestohlen, kann es nun nicht mehr einfach durch den Kauf eines neuen ersetzt werden.