Das Austrittsdatum der Briten ist mal wieder nach hinten verlagert worden. Das zeigt, dass die Verhinderung eines chaotischen Brexits Priorität hat.

Eine Verlängerung kommt selten allein: Zum zweiten Mal hat die EU-27 den britischen Austritt verschoben – dieses Mal gleich um ein halbes Jahr. Die Staatengemeinschaft ist offenbar entschlossen, das im Zweifel auch ein drittes Mal zu tun. Die Verhinderung eines chaotischen Brexits habe für Deutschland höchste Priorität, stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel klar.

Der französische Präsident stellte sich in der langen Gipfelnacht zum Donnerstag zwar zunächst quer. Doch auch Emmanuel Macron dürfte am Ende immer davor zurückschrecken, die Verantwortung für einen Chaos-Brexit zu übernehmen – zumal der sich auch auf die Wirtschaft seines eigenen Landes nur negativ auswirken kann.

Wenn sich die politische Lage in London bis zum Herbst nicht ändere, werde man im Oktober erneut „beraten“, was mit dem Brexit zu tun sei, verkündete Merkel in Brüssel. Da klang die Möglichkeit eines dritten Aufschubs schon deutlich durch.

Diese Entwicklung ist deshalb bemerkenswert, weil die EU-27 den Briten bisher immer wieder mit dem ungeordneten Austritt gedroht hatte. Die Hoffnung, die Tories damit zur Raison zu bringen und zu einer Ratifizierung des Austrittsabkommens zu bewegen hat sich jedoch nicht erfüllt. Deshalb hat die EU-27 nun den Abschied vom No-Deal-Szenario eingeleitet. Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft dieses EU-Gipfels.

Die neue Taktik – Verlängerungen ohne Ende – könnte sich in Großbritannien als deutlich wirkungsvoller erweisen. Schließlich hatten die Nationalpopulisten im rechten Tory-Flügel vor dem ungeordneten Brexit gar keine Angst. Im Gegenteil: Sie sehnten ihn regelrecht herbei. Nun müssen Boris Johnson, Jacob Rees-Mogg und ihre Freunde sich darauf einstellen, dass Großbritannien womöglich noch sehr lange EU-Mitglied bleiben wird – aus ihrer Sicht ein echtes Horrorszenario.

Obendrein droht den Tories bei der Europawahl eine dramatische Niederlage. Anders als bei dem Referendum vor drei Jahren werden europafreundlich eingestellte konservative Briten sich dieses Mal an der Wahl beteiligen. Dass sie die Tories für ihre Entscheidungsunfähigkeit belohnen, darf bezweifelt werden. Die unverbesserlichen Brexit-Hardliner in der rechten Wählerschaft könnten sich ebenfalls von den Tories abwenden und zur EU-feindlichen Ukip überlaufen.

Vielleicht markiert dieser EU-Gipfel einen Wendepunkt im Brexit-Drama. Möglicherweise hat die Anti-EU-Bewegung im Vereinigten Königreich ihren Zenit überschritten. Falls es so sein sollte, ist das auch Premierministerin Theresa May zu verdanken. Ihr Gesprächsangebot an die Labour-Partei ist ein in der britischen Demokratie höchst ungewöhnlicher Schritt: May hat das Land endlich über die Partei gestellt.