Nach den Terrorangriffen der vergangenen Jahre ist Frankreich verunsichert. Die Kathedrale Notre-Dame de Paris wird jetzt für viele Europäer zum Symbol ihrer kulturellen Identität – und deren Verteidigung.

Notre-Dame ist tot, es lebe Notre-Dame! Mit diesem traditionellen Königsgruß aus der französischen Geschichte – und mit einem tiefen Aufatmen nach ungläubigem Kopfschütteln – lässt sich die Brandkatastrophe in der berühmtesten aller Kathedralen zusammenfassen. Die Bilder, vor allem die Luftaufnahmen des lodernden und verglühenden Dachstuhls, ließen das Ende von Notre-Dame beinahe zur Gewissheit werden.

Doch das grandiose Bauwerk, das Präsident Macron prompt zum „Epizentrum unseres Lebens“ erklärte, erwies sich als unfassbar robust. Notre-Dame hielt stand. Und wenn die Schäden auch beträchtlich sind, so wächst aus der Katastrophe auch Hoffnung, dass unsere Kultur wichtiger ist und stolzer, als viele von uns je erwartet hätten.

Wie lässt es sich erklären, dass ausgerechnet die metropolitanen Pariser mit ihrem unfrommen, lustvollen Lebensstil sich in einer Frühlingsnacht um eine alte brennende Kirche scharen, um gemeinsam zu weinen, zu singen, zu beten? Augenscheinlich ist Notre-Dame, stellvertretend für andere gloriose Zeugnisse unserer Historie, sehr viel mehr als ein altes Gemäuer, vor dem allenfalls Durchreisende schnell mal ein Selfie machen.

In der Nacht des Feuers und mit Brandgeruch in der Nase wurde auch den säkularsten Republikanern und spöttischsten Atheisten bewusst, warum der Aufklärer Victor Hugo diese Kirche einst zum Symbol des alten Frankreich auserkoren hatte: Notre-Dame, dieser Quasimodo aus Stein, hatte in über 800 Jahren alles erlebt.

1792 hatte man die Schätze eingeschmolzen und die Heiligenfiguren geköpft, die Kirche hatte als „Tempel der Vernunft“ gedient, musste dann als Krönungstempel des Umstürzlers Napoleon herhalten, war um 1850 in kitschigem Mittelalterstil aufgehübscht worden; die Preußen hatten Paris zweimal, die Nazis einmal erobert, Tausende Blitze hatten den spitzen Gewölben und fragilen Fensterfronten ebenso wenig anhaben können wie die Orkane der letzten Jahrtausendwende. Aufklärung und Wissenschaft hatten längst das christliche Weltbild umgestürzt, Industrie und Kolonialismus hatten Paris in eine Weltmetropole mit Metro und Wolkenkratzern, mit Migranten aus aller Welt und Digitalbanken verwandelt.

Doch alle, die täglich noch so hektisch über eine zentrale Seinebrücke eilten, konnten aus dem Augenwinkel beruhigt feststellen: Notre-Dame ist immer noch da. Nun klafft da ein Loch, wo früher der berühmte Vierungsturm in den Himmel stach.

In dieser verhängnisvollen Nacht des 15. April 2019 merkten nicht nur die Menschen in Paris, sondern in aller Welt, dass eine solche Kirche nicht nur aus Steinen und Balken erbaut ist, sondern aus Europas alter Geschichte und dem puren Willen zahlloser Europäer: aus den Gebeten von Generationen von Verzweifelten und Hoffenden, die hier um ihre Nächsten getrauert, sich Liebe bis zum Tod geschworen, ihre Kinder der Welt überantwortet oder als Pilger und Touristen gestaunt hatten. Diese Kirche war durch Liebe und Opfermut entstanden, was viele erst wieder spürten, als das Produkt tausendjährigen Zusammenhalts für immer zu verschwinden drohte.

Dieses unterschwellige Wissen um unsere Kultur als kollektives Band war es, was Notre-Dame, als es einmal brannte, spontan zum „Herzen Europas“ verwandelte. Wundersamerweise war es genau dieser Wille, ihrem Gemeinwesen ein Herz und eine ewige Form zu geben, welcher die gotischen Baumeister vor bald 900 Jahren beseelt hatte. Und zwar rund um Paris!

Chiffre der Kathedralgotik

Statt einer romanischen Jenseitsburg mit dicken Mauern und Scharten sollte nur noch der schwerelose, von Glasfenstern mystisch durchleuchtete Raum die Gläubigen mit dem Himmelreich vertraut machen. Gott wird Licht – das war die revolutionäre Botschaft, die der Abt Suger von Saint-Denis um 1130 zusammen mit genialen Maurern und Ingenieuren erdachte und verwirklichte.

Keine andere Bauform wurde so sehr zur Chiffre des Abendlands wie die Gotik der Île-de-France. Und keine andere Kirche wurde so sehr zur Chiffre dieser Kathedralgotik wie Notre-Dame, weil dieser Bau alle Errungenschaften des Landes vereinte und dann gemeinsam mit Paris zur Weltgeltung aufstieg. Von Hugos romantischem Glöcknerroman über Hollywoodfilme und Musicals bis zum hochgotischen Maßwerkfenster auf dem 20-Euro-Schein – unbewusst assoziieren Menschen weltweit Gotik und Neogotik mit dem alten Europa.

Deshalb wurde plötzlich auf Hunderten Millionen von Handybildschirmen aus einem rauchenden alten Steinhaufen mit unlesbarer Ikonografie der Kraftraum einer postmodernen Globalkultur, um den Menschen in Australien und Japan bangten, um den die Queen ebenso zu trauern begann wie der König von Saudi-Arabien und dem sogar der Antiabendländer Donald Trump in gewohnter Rabiatheit (aber diesmal aus gutem Willen) per Löschflugzeug den endgültigen Garaus gemacht hätte.

Hinzu kam in jener Nacht des Bangens die quälende Unsicherheit einer nach etlichen Terroranschlägen schwer erschütterten Nation. Hatten nicht auch die Attentäter des 11. September zuerst eine Kathedrale, die Straßburger, im Visier gehabt? Gibt es nicht gerade in Frankreich immer mehr Attacken auf christliche Kirchen, auch und gerade von moslemischen Fanatikern? All das ist wahr.

Und so hatten es Verschwörungstheoretiker leicht, die behaupteten, der Brand von Notre-Dame sei eine fundamentalistische Frontalattacke auf das christliche Frankreich. Und das obwohl die ersten Analysen bereits auf einen technischen Defekt hindeuteten.

Es ist wohl so: Mit der Furcht wächst auch die Hysterie. Allein, die Angst um unsere Lebensweise, unsere Werte und Kultur rückte bald die überraschende Einsicht in den Fokus, dass nach der Antike mit den Kirchen unsere hiesige Zivilisation wieder begann. Dass deshalb in diesen Mauern ein Teil unserer Seele wohnt. Und dass es bei ihrem Erhalt nicht um Glauben und Konfessionen geht, sondern um sehr viel mehr: unsere Identität.

Fensterrosen aus dem 13. Jahrhundert

Einen schnellen Wiederaufbau der versehrten Kathedrale begreifen nun viele Menschen als trotzige Kampfansage. Wir stehen zu unserer Kultur, gerade wenn es um ihre Prunkstücke geht. Die Venezianer haben in der Lagune ihr Opernhaus „La Fenice“ wiederaufgebaut, „wo es war, wie es war“, gerade weil die Baumafia es abgefackelt hatte. Die vom Erdbeben verwüstete Kathedrale von Assisi wird wieder zusammengesetzt, bis in Millionen Freskenstückchen, die Restaurateure und Computermodelle mühsam aneinanderfügen. So gerät ein Unglück für ein Gemeinwesen zum Barometer der Lebenskraft desselben Gemeinwesens, oder wie Hölderlin treffend formulierte: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Anders lassen sich die immensen Großspenden – die ersten 100 Millionen der Unternehmerfamilie Pinault kamen, als das Feuer noch loderte – und die zahlreichen kleinen Sammelaktionen gar nicht erklären.

Umso tröstlicher trudelten dann auch gute Nachrichten ein: Die Baumeister der Gotik hatten zwar die Statik mit Strebepfeilern und hauchdünnen Glasfronten schwindelerregend strapaziert, doch ihre Genialität obsiegte über die Elemente, weil sie ihren eigentlichen Bauherrn, die Ewigkeit, im Blick hatten. Nicht einmal die bleiernen Stege der überirdisch schönen Fensterrosen, die seit dem 13. Jahrhundert den Innenraum in ein schwebendes Blau tauchen, waren geschmolzen, weil die Glut nach oben abzog.

Einzig dieser Verlust wäre wirklich unfass- und unrestaurierbar gewesen. Dass Notre-Dame die Summe der Kathedralbaukunst ist, ansonsten aber keineswegs die kunsthistorisch wertvollste Kirche ihrer Art – mit ein paar Tagen Distanz ist diese nüchterne Einschätzung wieder erlaubt. Chartres’ Fensterzyklus ist großartiger, Amiens ist größer, die Gewölbe von Beauvais atemberaubender und die Königsgräber von Saint-Denis sind vollends der Schatz der ganzen Nation. Sogar wer die vom Brand verschonten Fassadenskulpturen von Notre-Dame bewundern möchte, geht besser ins Pariser Musée Cluny, wo die Originale ausgestellt werden, die einst vergraben den Vandalismus der Revolutionäre überlebten.

Sogar die hochverehrten Reliquien wie eine Dornenkrone und der Waffenrock des Heiligen Ludwig konnten gerettet werden; die imposante Orgel des Meisters Cavaillé-Coll wurde wie das tönende Geläut im Nordturm allenfalls verschmutzt. Selbst der Wetterhahn vom herabgestürzten Vierungsturm der 1860er-Jahre streckte plötzlich wieder seinen zerbeulten Kopf aus den schwelenden Balkentrümmern.

Und sogar die drei Bienenstöcke haben auf dem Dach der Sakristei überlebt. Ein Wunder? Hier von himmlischem Eingreifen zu sprechen, statt lieber die wackere Pariser Feuerwehr zu loben, sollten sich alle Gläubigen vorher gut überlegen: Wieso sollte eine höhere Macht notdürftig aus Trümmern retten, was sie vorher entfachen ließ?

Macron, gewohnt zupackend

Die eher praktische und lebensfrohe Mentalität der Pariser Bevölkerung wird sich mit solchen Spekulationen nicht aufhalten. Nun geht der Blick nach vorne. Gewohnt zupackend hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als Eigner der Baulichkeit – Kirchen gehören im säkularen Frankreich dem Staat – die Wiedereröffnung in fünf Jahren angekündigt. Das ist kein unrealistischer Plan, versetzt Ingenieure, Restaurateure, Kunsthistoriker gleichwohl in unnütze Eile. Warum nicht mit einem neuartigen Dachstuhl aus Leichtmetall experimentieren? Warum nicht Brandschutz und Sprinkler einbauen? Weshalb nicht den überkandidelten Vierungsturm des französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der den herrlich kompakten Bau nur verschandelte, nicht ganz weglassen?

All diese Entscheidungen brauchen Zeit und Gelassenheit. Ansonsten gilt die erleichternde Erkenntnis, dass es viel schlimmer hätte kommen können. Man ist noch einmal davongekommen. Wenn bald der Schutt beseitigt, die immense Schmauchspur gereinigt und unter einem Notdach die Außenmauern erst einmal stabilisiert sind, kann das Kirchendach gemütlich wieder eingedeckt werden.

Also: Durchatmen! Es hatte auf den Feuerbildern ausgesehen, als wäre dieser Symbolbau tatsächlich verloren. Doch das ohnehin unterschätzte Mittelalter war wieder einmal stärker als die hysterische Diesseits-Furcht des Digitalzeitalters. Allen am Handybildschirm Verzweifelten sei versichert, Notre-Dame wird fast ohne Verluste wieder sein, was es immer war: eine Säule unserer so einzigartigen, so kostbaren, so schützenswerten Kultur. Wir dürfen – passend zum Osterfest – getrost an die Auferstehung glauben.