Führende Intellektuelle Frankreichs erklären, wie es zum Aufstand der Gelbwesten und den anschließenden Krawallen kam und was sie nun befürchten. Sie sind sicher, dass sie einem historischen Umbruch beiwohnen, der sich nicht nur auf Frankreich beschränkt.

Um Worte sind Frankreichs Intellektuelle nie verlegen. Sie sind darin geübt zu analysieren, zu appellieren, sich einzumischen. Auch der Aufstand der Gelbwesten hat ihnen nicht die Sprache verschlagen. Doch egal mit wem man spricht in diesen Tagen in Paris, alle sind erschüttert oder mindestens ernsthaft besorgt um die Demokratie in Frankreich. Einig sind sich die Denker vor allem in einer Bewertung: Wir wohnen einem historischen Umbruch bei, der sich keineswegs nur auf Frankreich beschränkt.

Bernard-Henri Lévy, Philosoph: „Gelbwesten sind am Zuge“

„Die Gelbwesten befinden sich an einer Weggabelung. Entweder sie nehmen sich die Zeit, um sich zu organisieren. Dann würden sie den Weg gehen, den letztlich auch die République en Marche gegangen ist, die im Rückblick wie ihr früher Zwilling aussieht. Die zwei Flügel dieses neuen politischen Körpers, rechts und links, der aus den Trümmern der alten Welt entsteht, beginnen einen Dialog oder ein Kräftemessen, das in einer echten Bestandsaufnahme des teuren Lebens und der Armut mündet.

So auf die Höhe ihres eigenen Ereignisses gehisst, könnte die Bewegung vielleicht sogar eine Seite der Geschichte Frankreichs schreiben. Oder sie haben diese Kühnheit nicht, ihnen reicht die Freude, die es scheinbar bringt, im Fernsehen gesehen, aber nicht gehört zu werden. Sie geben sich der süßen Trunkenheit hin, zu beobachten, wie alle Eminenzen und Experten, die das ‚Frankreich von oben‘ zählt, ihnen aus der Hand fressen. Von der nihilistischen Höhenangst ergriffen, ziehen sie es vor, zu zerstören statt zu reformieren. Verwüstung und Chaos zu säen, statt das Leben der Bescheidenen und Verletzlichen zu verbessern. Und lassen so das Gelb der Westen durch das Schwarz der Vermummten verdüstern.

Wenn sie akzeptieren, dass der Hass, diese triste Leidenschaft, über die Brüderlichkeit siegt, dann werden sie auf die dunkle Seite der Nacht fallen – diese Vorhölle oder diese Müllhalde der Geschichte, wo sie die anderen Gelben wiedertreffen werden, die des aufrührerischen Pierre Biétry, der den ‚Gelben Sozialismus‘ predigte, ein Vorläufer des Faschismus, und der vor 1914 seine Stunde des Ruhmes und der Schande hatte.

Es bleibt nur die Wahl zwischen demokratischer Erneuerung oder den rechtsextremen Ligen der Vergangenheit. Der Gefallen daran, die Welt zu reparieren, oder dieser rotbraune Hauch, den einige von uns um die Bewegung herum gerochen haben, seit ihrem ersten Gebrabbel, der aber dann ihr charakteristischer Atem würde. Die Gelbwesten sind jetzt am Zuge. Sie müssen jetzt die Initiative ergreifen: Es ist an ihnen Ja zu sagen, wenn sie wirklich Republikaner sind, laut, stark und unmissverständlich.“

Danielle Tartakowsky, Historikerin: „Bewegung ist Symptom des Zerfalls“

„Der Zerfall des Sozialstaates gepaart mit der Krise der Demokratie hat eine soziale Bewegung ausgelöst, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Sie ist neu erstens durch ihre Entstehungsweise: spontan und über die sozialen Netzwerke. Zweitens aufgrund ihrer Soziologie, drittens durch den Wunsch, das Territorium der anderen zu erobern, bei den Reichen in Paris zu demonstrieren. Vor allem aber ist die Bewegung Ausdruck eines Missverhältnisses zwischen politischem Angebot und politischer Nachfrage.

Sie ist Symptom des Zerfalls der politischen Rahmenbedingungen, die unsere Demokratie bislang ausgemacht haben. Wir sind Zeugen der ersten Bewegung einer neuen politischen Ära. Die Gelbwesten sind die Antwort auf Macrons ‚weder rechts noch links‘. In beiden Fällen geht es darum, dass die Zivilgesellschaft die Herrschenden verjagt. Wir nennen das ‚Degagismus‘. Aber es stehen sich zwei Zivilgesellschaften gegenüber: eine gut ausgebildete, optimistische, die Macron gewählt hat, und die der Gelben Westen, die durch die Globalisierung geschwächt oder am Rand liegen gelassen wurde. Es ist eine sehr beängstigende Situation.

Umfragen zeigen, dass ein gutes Drittel der Franzosen die Demokratie nicht mehr für das beste denkbare politische System hält. Laut einer anderen Umfrage hält ein knappes Drittel Gewalt für legitim. Die Geschichte liefert uns leider keinen Hinweis darauf, wie wir aus dieser Krise wieder rauskommen.“

Pierre Rosanvallon, Historiker: „Gewalt ist verführerisch“

„Soziale Revolten kann man so wenig vorhersehen wie Vulkanausbrüche. Mit einer solchen Revolte haben wir es zu tun, nicht mit einer Revolution. Denn eine Revolution ist eine gelungene Revolte, die eine Perspektive eröffnet. Die gibt es nicht, weil die Bewegung so radikal ist wie verschwommen. Die Gelbwesten verweigern jegliche konstruktive Debatte. Populistisch an dieser Bewegung ist, dass sie die soziale Leidenschaft anstachelt und die soziale Vernunft erstickt.

Es wird gern behauptet, Frankreich habe eine solche Tradition der Gewalt. Ich würde eher sagen, es gibt eine Tradition des fehlendes Kompromisses, des Autismus der Macht. Die Regierung befindet sich in Schockstarre. Sie hat weder das Ausmaß der Bewegung noch ihren Charakter erkannt und macht sich keinen Begriff von der Radikalität der Gemäßigten, wie François Furet das auf die Französische Revolution bezogen genannt hat.

Genau das erleben wir nun wieder: die Radikalität der Gemäßigten. Neben den Schlägertrupps haben wir es hier mit Neulingen zu tun, mit Bürgern, die nie in ihrem Leben demonstriert haben und plötzlich auf die Straße gehen. Wer anfangs nur sympathisiert hat, schlägt am Ende zu. Gewalt ist verführerisch. Sie ist Handlungsersatz. Aber wer alles oder nichts will, und zwar sofort, der bekommt gar nichts. Deshalb gibt es keine Lösung des Konflikts. Die einzige Option ist die Repression. In einer Demokratie geht das nicht.“

Bruno Amable, Ökonom: „Bewegung ist mehr als ein Protest gegen Benzinsteuer“

„Emmanuel Macron wurde mit relativ schwacher Unterstützung gewählt. Die Bürger stimmten mehr gegen Marine Le Pen als für Macrons radikales Programm neoliberaler Reformen. Aufgrund der Besonderheiten des französischen Systems verfügt er über eine absolute Mehrheit im Parlament, deshalb kann er ohne die geringsten Zugeständnisse regieren. Seine gesellschaftliche Basis, der bürgerliche Block, besteht aus den oberen Schichten der Bevölkerung.

Macrons Wirtschaftspolitik ist vollständig darauf ausgerichtet, die Anforderungen seiner sozialen Basis zu erfüllen, etwa die Abschaffung der Vermögensteuer. Für die Gelbwesten stehen darum die schwindende Kaufkraft und die sich verschlechternden Lebensbedingungen vieler Franzosen im Zentrum. Die Bewegung ist weit mehr als nur ein Protest gegen die Benzinsteuer. Sie drückt das Streben nach Gleichheit und die Kritik an sozialer Ungerechtigkeit aus.“