Paare, die sich über Jahre einander immer weniger zugewendet haben, kommen oft zu unserem Autor. Alle Aufmerksamkeit richtet sich bei ihnen auf das Negative der Beziehung. Dabei wäre etwas anderes viel klüger.

Im letzten Teil dieser Serie ging es um Kontaktangebote (bids) in der Partnerschaft und um ihr Scheitern. Heute schauen wir mal, was passiert, wenn so ein Paar in die Beratung kommt. Paare, die sich über Jahre einander immer weniger zugewendet haben, kommen oft in eine Paarberatung. Sie bitten um einen Termin und sind sich einig: „Mit unserer Kommunikation stimmt etwas nicht!“

Ich habe diesen Satz aus dem Mund von Hunderten von Paaren gehört. Und nicht nur ich. Auch meine Kolleginnen und Kollegen hören ihn nahezu täglich. Ich habe keinen Zweifel, dass es genau das ist, was den Paaren auffällt. Ihre Gespräche werden schnell hitzig. Einer greift den anderen an. Der andere schlägt umgehend zurück. Jeder fühlt sich missverstanden. „Aber so habe ich das doch gar nicht gemeint!“

Warum das Ganze, könnte man da fragen. Ja, warum das Ganze? Weil zu wenig Kontakt einsam macht. Gemeinsam einsam. Diese Einsamkeit macht Menschen schwierig. Es sind ja nicht nur die Kontaktangebote, die bids, die zunehmend ins Leere laufen. Alle Formen der Zuwendung zum anderen werden in diesen Partnerschaften seltener. Sie nehmen sich weniger Zeit füreinander. Sie reduzieren das Maß an Energie, das sie für den anderen aufwenden – die Aufmerksamkeit. Zeit und Aufmerksamkeit sind unsere wichtigsten Ressourcen. Jeden Tag entschieden wir aufs Neue, wofür wir sie einsetzen. Ob für die Partnerschaft – oder lieber für etwas anderes.

In diesen Partnerschaften mangelt es nach einigen Jahren an manchem. Es fehlt:

  • das gute Wort
  • die liebevolle Umarmung
  • der zärtliche Kuss zum Abschied am Morgen und zum Wiedersehen am Abend
  • der anerkennende Blick
  • das gute Gespräch
  • die leidenschaftliche Sexualität
  • der Kuss zur guten Nacht
  • das abendliche Aneinanderkuscheln
  • das neugierige Gespräch über den Tag

Deshalb bitte ich Paare, die zu mir in die Beratung kommen, sich Gedanken um ihre Plussäule zu machen. Auf meiner Flipchart sieht das dann so aus:

Links ist das Minus zu sehen. Dieses Minus „lieben“ Paare sehr in ihren Gesprächen miteinander und in der Beratung. Das Minus, das ist alles, was schiefläuft zwischen den beiden. Das böse Wort. Das heftige Wort. Der Streit. Die lautstark zugeworfene Tür. Das alles passiert auf der linken Seite. Dort, wo die Minussäule ist.

Ich habe gesagt, dass Paare die linke Seite „lieben“. Das ist natürlich nicht ganz richtig. Paare sind von ihren Streitereien ja nicht etwa begeistert. Aber sie richten ihre Aufmerksamkeit liebend gerne auf das, was schiefläuft. Wenn sie in der Beratung erscheinen, dann wollen Sie unbedingt, dass ich mich vor allem um dieses Minus kümmere. Sie wollen über ihre Probleme reden. So, wie sie es miteinander schon seit Jahren machen. Erfolglos.

Aufmerksamkeit auf das Negative

Diese „Liebe“ von Paaren für die Minus-Säule mache ich in der Beratung manchmal auch noch durch Pfeile deutlich. Alle Pfeile, alle Aufmerksamkeit, richtet sich auf das Negative in der Beziehung. So wie im Bild oben.

Ist das wirklich sinnvoll? Nein. Ist es nicht. Deshalb wenden wir uns jetzt der rechten Seite zu. Dort steht die Plussäule. Sie soll die linke Seite ausgleichen. Auf ein Teil Minus müssen fünf Teile Plus kommen – dann ist die Beziehung glücklich und stabil. Das ist ein anderes Ergebnis der Forschung von John Gottman.

Wie viele Zuwendung zum anderen gibt es noch? Diese Frage interessiert mich ganz besonders. Es ist die Kernfrage. Sich zu lieben bedeutet, füreinander da zu sein. Das leuchtet manchen Paaren nicht unmittelbar ein. Warum sollen sie füreinander da sein? Sie lieben sich doch – muss das nicht reichen?

Die meisten Paare aber überzeugt die Grafik und auch das in ihr dargestellte Verhältnis von eins zu fünf für die negativen und die positiven Erlebnisse mit dem anderen. Sie wünschen sich mehr Zuwendung und mehr Anerkennung.

Sie haben möglicherweise gar kein „Kommunikationsproblem“. Sie leiden vielmehr – beide – unter einem Mangel. Ihre Kontaktangebote (bids) werden zu selten erwidert. Ihre Bedürfnisse werden zu selten erfüllt. Und sie erleben zu selten Anerkennung und Wertschätzung. John Gottman drückt diesen Gedanken in seiner ganz eigenen Weise aus und wählt im englischen die beiden Begriffe attachment und intimacy:

In Beziehungen geht es um die kleinen Momente

Erkenntnis Nummer sieben: In guten Partnerschaften sind beide Partner täglich füreinander da. Sie wenden sich gerne einander zu. Das ist keine Frage von Kommunikationsfähigkeiten. Sondern von Aufmerksamkeit für den anderen und seine Gefühle und Bedürfnisse.
Ein Wort an die Männer

Anerkennung. Wertschätzung. Respekt. Das ist es, was wir in einer Partnerschaft suchen. Und wann hat Ihre Partnerin das mehr verdient, als wenn Sie sich um die Beziehung verdient gemacht hat. Hier kommt noch einmal zur Erinnerung die Grafik aus dem vergangenen Artikel, aus der hervorgeht, wer sich in einer Beziehung im Punkt, auf Kontaktangebote einzugehen, in der Regel konstruktiver verhält – es sind die Frauen:

Er irrt – sie nicht

Rund um den Globus, in allen Kulturen der Welt, sind es Frauen, die den Karren der Ehe wieder flottmachen, wenn er mal nicht mehr gut läuft. Und ebenso selbstverständlich sind es Männer, die ebenso ratlos wie hilflos dabei zuschauen, wie der Wagen schwer beschädigt oder mit einem kaputten Vorderrad liegen bleibt. Was soll man da auch tun!

Erkenntnis Nummer acht: Frauen verhalten sich in Partnerschaften in der Regel konstruktiver. Sie leidet unter mangelnder Zuwendung. Er denkt, eine gute Liebe brauchte das nicht. Das ist der Klassiker in der Paardynamik. Er irrt. Sie nicht.

Sich Tag für Tag um eine Beziehung zu kümmern, das ist anstrengend genug. Was Frauen manchmal richtig mürbe macht, ist die mangelnde Wertschätzung von Männern für das, was sie da leisten. Helfen da Kommunikationsregeln? Ich zweifele daran. In meinen Augen hilft da etwas ganz anderes, etwas, was sehr viel mit der Plus-Säule zu tun hat.

Da hilft nur Anerkennung. Wertschätzung. Respekt. Jeden Tag. Seien Sie also dankbar – für das, was Sie bekommen. Und Dankbarkeit – aber das ist schon wieder ein neues Thema.