Die letzten Kämpfer des IS sind in Nordostsyrien eingekesselt. Aber der Sieg bedeutet noch lange nicht das Ende des IS-Terrors. Unser Reporter war als einziger westlicher Journalist an der Front in Baghuz Fawqani an den Ufern des Euphrats.

Ein schweres Abwehrgeschütz sowjetischer Bauart schießt dröhnend in einen Palmenhain am Ufer des Euphrats. Kurz darauf schlagen mehrere Raketen amerikanischer Kampfflugzeuge innerhalb von Sekundenbruchteilen ein. Weißgraue Rauchpilze steigen in den blauen Himmel. Danach folgen Salven von Kalaschnikows.

„Wahrscheinlich versuchen IS-Kämpfer auszubrechen“, sagt Kommandeur Hauwro Adey. „Aber das ist unmöglich.“ Der 21-Jährige gibt an diesem Frontabschnitt der Stadt Baghuz Fawqani die Befehle. „Der IS ist hoffnungslos umzingelt und es gibt kein Entkommen“, sagt der junge Kommandant und rückt seine schwarze Baseballkappe zurecht. „Wir warten noch darauf, bis die letzten Zivilisten rauskommen, und das ist nur noch eine Frage von Tagen.“

Er kann sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Auch die anderen Soldaten auf dem Dach einer zum Frontposten umfunktionierten Villa können ihre Vorfreude über den bevorstehenden Sieg über die Extremisten nicht zurückhalten. Sie scherzen ausgelassen, obwohl der IS ihre erst vor zwei Tagen eingenommene Stellung jederzeit wieder angreifen kann. Aber die Schüsse in unmittelbarer Nähe lassen die Männer in ihren verdreckten Uniformen unbeeindruckt.

Adey und seine Soldaten gehören zum christlichen Teil der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), einer multiethnischen Militärallianz, in der auch kurdische und arabische Einheiten kämpfen. Im Oktober starteten die SDF mit Unterstützung der USA die Offensive auf das letzte Territorium des IS entlang des Euphrats in Nordostsyrien.

Hauro Adey ist der Kommandant und erst 21 Jahre alt

Vier Monate lang leisteten die Dschihadisten erbitterten Widerstand. Nun sind die letzten 500 Kämpfer, von denen die meisten aus dem Ausland kommen, auf knapp einem Quadratkilometer in Barguz Fawqani eingekesselt. Damit ist der Untergang des Kalifats besiegelt, das der IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi 2014 ausgerufen und das sich über weite Teile Syriens und des Iraks erstreckt hatte.

„Unsere Truppen könnten mit Sicherheit in wenigen Tagen das restliche IS-Gebiet in Barguz Fawqani einnehmen“, behauptet SDF-Sprecher Kino Gabriel in seinem Büro im 300 Kilometer entfernten Kamischli. „Aber wir wollen unsere Soldaten und das Leben der Zivilisten nicht gefährden“, erklärt der 28-Jährige. Man werde einige Tage oder, wenn notwendig, auch noch zwei Wochen warten, bis die IS-Kämpfer aufgeben.

„Es sind zwei Gruppen“, so Gabriel. „Zum einen die Terroristen, die bis zum bitteren Ende kämpfen und rücksichtslos versuchen werden, möglichst viele mit sich in den Tod zu reißen.“ Und dann gebe es nach seinen Informationen noch einen Teil, der seine Familien retten will. „Mal sehen, wie sie sich entscheiden.“

Ein Kämpfer untersucht vorsichtig den Eingang eines Tunnel, der von IS-Dschihadisten ausgehoben wurde

Rund 20.000 Menschen sind in den vergangenen beiden Wochen bereits geflüchtet. Aber noch immer befinden sich schätzungsweise 1500 bis 2000 Zivilisten in der Hand des IS. Die meisten davon seien Frauen und Kinder, wie Gabriel berichtet. Man habe keine Eile und wolle ein unnötiges Blutvergießen vermeiden. „Wir haben ja schon gesiegt“, sagt der über zwei Meter große, wuchtige Mann.

Der christliche SDF-Sprecher weiß, dass der IS mit der territorialen Niederlage aber noch lange nicht geschlagen ist. „Wir beobachten das doch im Irak – da wurde 2017 der Sieg über den IS verkündet, und heute verübt die Terrororganisation überall Anschläge.“ Das wolle man in Syrien mit allen Mitteln verhindern.

„Es gibt bereits immer wieder kleinere Attacken auf Fahrzeuge und Checkpoints der SDF“, erzählt Gabriel, der sein Zahnarztstudium in Aleppo mit dem Ausbruch der syrischen Revolution 2011 an den Nagel hängte. „Unsere internen Sicherheitsdienste arbeiten mit allen Kräften und enttarnen fast täglich neue IS-Schläferzellen.“

Patroullienfahrt nahe der Front, vorbei an Ruinen: Die meisten Dörfer und Städte entlang des Euphrat sind zerstört

Der SDF-Sprecher ist fest überzeugt, dass der Guerilla-Krieg der Extremisten in Nordsyrien zu verhindern ist. Und das, obwohl US-Präsident Donald Trump im Dezember überraschend den Abzug der amerikanischen Truppen aus Nordsyrien beschlossen hat. Das sei zwar kontraproduktiv im Kampf gegen den Terror, so Gabriel. „Aber wir kooperieren weiterhin mit den USA und anderen Ländern der internationalen Anti-IS-Koalition.“

Weitere Komplikationen drohen durch die Türkei. Ankara hat mehrfach eine Invasion in Nordsyrien angekündigt, um dort die verhasste Kurdenmiliz YPG zu eliminieren. „Eine Militäroperation der Türkei gefährdet die Sicherheit der mittlerweile über 4000 IS-Gefangenen in unseren Haftanstalten“, befürchtet Gabriel: „Die islamistischen Milizen, die mit der Türkei zusammenarbeiten, könnten die Inhaftierten befreien.“

Auch könnte eine Rakete versehentlich ein Internierungslager treffen, was zur Flucht Hunderter gefährlicher Terroristen führen könnte. Das wäre ein Desaster für Nordsyrien, aber auch für den Westen, warnt Gabriel. „Sie könnten bei uns und in Europa Anschläge begehen.“

Auf der Fahrt durch das erst kürzlich befreite IS-Herrschaftsgebiet in Nordostsyrien sieht man auf erschreckende Weise, wie viel Zerstörung, Leiden und Elend die Terrororganisation über Syrien gebracht hat. Die Dörfer und Städte, die sich entlang des Euphrats schier endlos aneinanderreihen, sind meist nur noch Ruinen. Ein Chaos aus umgekippten Strommasten, kaputten Wassertanks, zerbrochenen Möbeln, Klimaanlagen, verbrannten Autos und Lastwagen. Dächer und Wände von Häusern sind komplett eingestürzt.

Soldaten patrollieren an der Front Barghouz

In den unzähligen, oft bis zu 20 Meter großen Bombenkratern in den Straßen liegen die Reste der mit Sprengstoff gefüllten Selbstmordfahrzeuge, für die der IS so berüchtigt war. Das Getreide auf den Felder der fruchtbaren Region ist ausgetrocknet und wird von Gras überwuchert.

In Hadschin, einem der Orte, den die Terrormiliz am härtesten verteidigt hat, bietet sich ein Bild der Zerstörung, wie man es selbst im Krieg selten zu sehen bekommt. Fast jedes Haus ist schwer beschädigt. Trotzdem sind viele der Bewohner bereits zurückgekehrt. Sie leben in den Ruinen und haben sogar Geschäfte eingerichtet.

Mohammed ist einer davon. Der ehemalige Apotheker verkauft am Straßenrand gemeinsam mit seinen Töchtern Süßigkeiten und Softdrinks. „Mir bleibt nichts anderes übrig“, sagt der 37-Jährige. „Mein Haus und die Apotheke stehen nicht mehr.“ Mohammed ist vor dem IS nach Kuwait geflüchtet, wo sein Vater arbeitet.

„Obwohl alles zerstört ist, musste ich in meine Heimat zurückkommen“, sagt Mohammed und lacht. Angst vor IS-Schläferzellen habe er nicht: „Ach was, den IS gibt es nicht mehr. Sehen Sie sich hier nur die Zerstörung an, niemand will, dass die Terroristen zurückkommen.“ Mohammed hofft, dass sein Vater aus Kuwait Geld für den Wiederaufbau des Familienhauses schickt. „Dann kann ich an die Zukunft denken und heiraten.“

Der ehemalige Apotheker Mohammed verkauft mit seinen Töchtern am Wegesrand in Hajin Süßigkeiten und Softdrinks

Bei aller Zerstörung und allen Problemen gibt das bevorstehende Ende des IS den Menschen wieder Hoffnung. Auch der christliche Kommandant Adey macht bereits Pläne. „Ich möchte zwar beim Militär bleiben, aber ich denke ernsthaft über Heirat nach, wenn der Krieg zu Ende ist“, sagt er auf dem Dach des Frontpostens in Barghuz Fawqani.

Noch ist es allerdings nicht soweit. Im Garten zeigt einer seiner Männer einen Tunnel, den IS-Kämpfer gegraben haben, um unbemerkt ins Nachbarhaus zu kommen. „Die gibt es überall“, erklärt Adey. „Aber genützt hat es ihnen nichts.“

Die Soldaten finden oft Plastiksprenstoff mit einer Zündvorrichtung, die der IS zurückgelassen hat oder der als Sprengfalle installiert wurde

In einer Ecke des Gartens liegt noch Plastiksprengstoff mit einer Zündvorrichtung. „Vorsicht, man weiß nie“, warnt Adey. Bei der Eroberung der Stellung vor zwei Tagen sind drei seiner Soldaten in eine Sprengfalle gelaufen. Ein Heckenschütze habe ihre Gruppe beschossen, worauf sie Deckung in einem Haus suchten, in dem die Bombe versteckt war. „Gott sei Dank sind sie nur leicht verletzt“, fügt er erleichtert hinzu.

Bei der nächtlichen Rückkehr in das SDF-Hauptquartier in Barghuz Fawqani brennt dort ein großes Feuer im Hof. Ein Soldat kippt Diesel in die Flammen, um die dicken Baumstämme am Brennen zu halten. Die Wärme tut gut, denn die Temperatur sinkt nachts auf fünf Grad.

Kämpfer von allen Gruppen der SDF sitzen nebeneinander ums Feuer: Christen, Araber und Kurden. Es wird viel gelacht. Auch hier ist die Stimmung ausgelassen bis euphorisch. Kaum einer kann es abwarten, bis der IS besiegt und der Krieg zu Ende ist.