Der harmlose Weltenbummler von heute wundert sich, dass auch andere die Grenzenlosigkeit für sich einfordern. Dabei ist Grenzenlosigkeit eine fatale Ideologie im Dienste des Kapitals.

Modern wollen wir sein, weltoffen, handoffen, herzoffen. Großartig wollen wir sein und selbstbewusst, denn so viele Menschen wollen etwas von uns, so vielen erklären wir die Welt, wie sie uns gefällt. Ohne Ansehen der Person wollen wir urteilen und wollen doch in unserer Persönlichkeit anerkannt werden. Individuen wollen wir sein unter lauter Gleichgesinnten. Kosmopolitisch wollen wir sein und können nicht einmal den Frieden in der Kleingartensiedlung bewahren.

Ökobewusst fordern wir E-Mobilität, deren schlimme Öko- und Sozialbilanz uns nichts angehen. Und natürlich und vor allem sind wir radikal humanistisch in der Ablehnung der Abstammungslehre, der zufolge etwa Deutscher ist, wer von deutschen Eltern zur Welt gebracht wurde. Aber am Erbrecht halten wir eisern fest: „Das Vermögen meines Vaters, meiner Mutter erbe ich, denn ich bin ihr Sohn, ihre Tochter, ich stamme von ihnen ab. Und das ist die Basis der Eigentumsgarantie der Verfassung.“

Was für ein Irrsinn, vertreten auch von denen, die für sich auf höchster Intelligenz und sozialem Bewusstsein bestehen. Ohne zu zögern, verlangen sie, zugleich mit dem Erbrecht das Blutrecht eisern festzuschreiben, um es andererseits als erschreckende Ideologie Ewiggestriger zu denunzieren. Und die Aufklärung über diesen Widersinn bleibt erfolglos selbst bei befreundeten Radikalhumanisten: Alle Befragten, inklusive meines eigenen Bruders, erklärten, die Ableitung des Erbrechts aus der Blutlinie sei etwas völlig anderes als das weltweit jederzeit einforderbare Bürgerrecht für nicht Abstammende.

Ein Oldenburger Professor linkester Gesinnungsbläue zum Beispiel vereinnahmte von einer Erbtante eine Villa in München-Bogenhausen, dem teuersten deutschen Wohngelände. Er war nicht dazu zu bewegen, Buße zu tun für den Gesinnungsverrat durch die Annahme des Erbes. Und die Erklärung für dieses Verhalten gibt das unverwüstliche Unterhaltungslustspiel aus der Nazizeit, „Die Feuerzangenbowle“: „Jetzt stelle mer uns ma janz dumm!“

Das ist wirklich praktikabel für alle, die behaupten, Faschisten seien die anderen, Egoisten seien die anderen, inhuman und unchristlich seien die andern. Warum ist dieser Irrwitz weltweit erfolgreich? Wenn ich mich radikal links nenne, kann mir schlechterdings nicht bürgerliches Besitzstreben vorgehalten werden. Wenn ich mich einen Demokraten nenne, dürfen meine Gegner automatisch nicht als Demokraten gelten. Wenn ich mich als universalsozialistisch bekenne, müssen meine Gegner nationalsozialistisch sein. Wenn ich etwas vertrete, was ich für menschheitlich notwendig halte, sind meine Gegner automatisch diejenigen, denen die Menschheit wurscht ist.

Aber es gibt doch Wunder und Zeichen der Einsichtsfähigkeit. Claus Leggewie, hochrangiger deutscher Intellektueller des einzig gerechtfertigten Menschheitsbewusstseins, der jahrelang gegen alle historischen Fakten das islamische Spanien als Muster für Multikulturalismus pries, verdächtigte jeden, der mit historischen Kenntnissen seine Behauptungen widerlegte, reaktionärer Gesinnung, um das Harmloseste zu sagen.

Selbstaufklärung eines Intellektuellen

Nun aber verkündet er am 30. April: „Zu Recht kritisiert Weitzmann die Haltung ‚arabophiler‘ Intellektueller, die den Dschihadismus … kulturalistisch verharmlosen und übersehen, dass er eine Spielart der identitären Rechten ist: antiegalitär, freiheitsfeindlich und im Bunde mit orientalischen Despoten, die mit Öl- und Gasexporten Milliarden verdienen und Terror sponsern. … Im identitären Antisemitismus erweist sich die Familienähnlichkeit von Islamophobie und Islamismus.“ Eine tolle Karriere der Selbstaufklärung hat Leggewie hinter sich und war somit bis 2017 zu Recht Chef des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI).

Immer schon irritieren mich vornehmlich „aufgeklärte Intellektuelle“ mit ihrer Begeisterung für die Bundesligaspiele. Sie rechtfertigen allesamt ihre ernsthafte Teilnahme an dem Ballgeschiebe zwischen Millionären mit der Aussage: „Geld schießt keine Tore!“ Zugleich aber akzeptieren sie euphorisch die raffinierte Politik der Vereine, den Einkauf neuer Spieler durch exorbitante Ablösesummen und Einkommensgarantien damit zu rechtfertigen, dass gute Spieler eben teuer seien.

Es ist diesen Herren auch mit bestem Zureden nicht die Sinnwidrigkeit ihrer Argumente nahezubringen, denn offenbar sind teure, also gute Spieler die notwendige Voraussetzung für den Spielgewinn, auch wenn nicht immer die teuersten, sondern nur sehr teure Spieler die Tore schießen.

Wenn man auch nur minutenlang den Gedanken zulässt, dass alle Sphären der Ökonomie, des Sozialen, der Politik durch die Arbeit ebensolcher Geistesarbeiter mit der Logik der Dummheit, die evolutionär so erfolgreich war, betrieben werden, dann will man den Herren glauben, dass sie aus lauter Verzweiflung ihre Mission erfüllen, durch äußerste Radikalität dem Spuk möglichst bald ein Ende zu machen.

Aber wie alle radikalen Wahrheitsfanatiker, Aufklärungspathetiker und Menschheitserlöser gehen sie davon aus, vom Ende des Irrsinns nicht selbst betroffen zu werden. Sie stehen auf den Trümmern der Welt, um sich noch einmal selbstgerecht zu bestätigen: „Die Trümmer beweisen, dass wir recht hatten. Das haben wir gewollt.“

„Wir waren grenzenlos glücklich“, verlautbaren junge Paare nach der Heimkehr vom Hochzeitsflug. Man mag es ihnen nicht bestreiten, wird aber skeptisch, wenn die Flugschar der grenzenlos Glücklichen aus dem wörtlichen Verständnis von „grenzenlos“ eine Weltsicht ableitet, die heute die All-inclusive-Generation beflügelt. Man fliegt, wohin man will, obwohl an so gut wie allen Zielen für die von den Fluggesellschaften Beflügelten die Welt völlig gleich aussieht. 08/15, egal ob Unter-, Mittel- oder Oberschichtträume von grenzenloser Welt erfüllt werden.

So war es nicht gemeint

Mit dem unerschütterlichen Glauben an die Macht des Kapitals, alle Grenzen einzureißen, kommen diese harmlos freudigen Weltenbummler nicht auf die Idee, dass die Welt auch durch ebendasselbe Kapital so aussehen könnte, dass sie im Elysium des Konsumerismus einmal von jenen „besucht“ würden, denen dieser exotische Zustand für sich selbst als höchst wünschenswert erscheint.

Der Konsumerismus ist der wesentliche Antrieb für die jetzt beklagte Reisewelle von Einwanderern, die völlig selbstverständlich an dem teilhaben wollen, was man ihnen als höchsten Entwicklungsstand demokratisch verbürgter Rechte ständig als eigene Überlegenheit vorführte und als logische Entwicklungskonsequenz ausgab, wenn nur die gesamte Welt dem Weg des Westens in den permanenten Sundowner folgen würde. Und nun folgen sie dem Aufruf millionen- und abermillionenfach und sind düpiert, dass ihnen statt des „welcome in paradise“ das „back to your own hell“ entgegenschallt, denn so war der Appell zur Konsumfreiheit eben nicht gemeint.

„Weltoffenheit“ heißt die am häufigsten gebrauchte Selbstkennzeichnung der arroganten Überlegenheitskulturen. Dabei gibt es nicht eine einzige Definition dessen, was mit Weltoffenheit gemeint sein kann, ohne dass nicht sofort die kindisch-märchenhafte Widersinnigkeit der Definition sichtbar würde. Die Gesamtbevölkerungen aller Länder der Welt – die paar nicht überzeugbaren Mäuler können wir getrost vergessen – feiern frenetisch unter dem Dirigat der Herren des Kapitals Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Ländermeisterschaften, Regionalmeisterschaften mit Medaillenspiegeln und Aufrechnung der finanziellen Anstrengungen, die es gekostet habe, die Medaillen zu erringen.

Nationalhymnen werden wie Werbe-Singles gespielt, Nationalfarben wie Logos getragen und der grenzenlos inszenierte Jubel über die Siege der Nationen, zu denen man gehört, zahlt sich für die nationalen Politiken, Ökonomien und Gesellschaften in Umsatz- und Wiederwahlgarantien aus. Allwöchentlich finden bis an die Grenze des blutigen Schlachtens Prügelorgien zwischen den Vereinsfans statt, die auch noch von der öffentlichen Hand finanziert werden.

Weltoffenheit als Schrankenlosigkeit

Der Großteil der Kapitalgewalt liegt in Händen von Frauen, die als Witwen per Erbrecht in den Genuss der Anschaffe ihrer Gatten kamen, aber die gleichen Damen und Herren des Verfahrens, die den Nationen-, Länder- und Vereinswettbewerb bis zum Exzess steigern, fordern eine grenzenlose Welt für Kapital und Waren und natürlich für die Menschen, die Koffer voller Geld oder wenigstens gut gefüllte Brieftaschen mit sich tragen.

Weltoffenheit heißt für sie offenbar Schrankenlosigkeit für das eigene Tun, die Welt als Spielfeld und die Menschen als Chargenspieler in der Rolle von Konsumenten, die durch ihr grenzenloses Glück dem Kapitalismus als einziger rundum verpflichtender Religion täglich 24 Stunden lang huldigen.

Die famosen Radikalhumanisten finden sich durch dieses satanische Spiel in ihrer Großartigkeit bestätigt, denn das globale Regime des Kapitals erfüllt ja ihre Forderung nach dem Niederreißen aller Grenzen. Aber auch in diesem Triumph des Edelmenschen sitzt der Selbstwiderspruch, den Karl Marx für so stark hielt, dass er den Kapitalismus erledigen würde.

Selbstwiderspruch

Hier irrte Marx. Denn der Kapitalismus lässt es nicht zu, dass es ein Danach geben kann. Die Probe auf das marxsche Theorem kann niemals erfolgen, weil das Kapital seine Selbstaufhebung nur als Weltuntergang zulassen wird. Und danach gibt es keinen mehr, der auf den Trümmern, wie bisher unsere Programmatiker der Weltharmonie, sagen können wird: „Marx hatte doch recht!“

Was ist der Kern des von Marx konstatierten Selbstwiderspruchs, den er selbst noch nicht gesehen hat? Er liegt in der unabdingbaren Notwendigkeit der Unterscheidung für die Stiftung von Bedeutung. Die Welt der Waschmittel und Schokoriegel wird nur dadurch sinnhaft geordnet und damit rezipierbar, dass es Unterscheidungen zwischen den Mitteln und Riegeln gibt, selbst wenn sie nicht substanziell, sondern nur metaphysisch gemeint sind.

Das Kapital will an die Stelle der Unterscheidung von Diesseits und Jenseits die Unterscheidung von Raider und Twix setzen

Das eine Mittel verspricht „Reinheit“ über alle bloße Sauberkeit hinaus, der andere Riegel verspricht Glückseuphorie im Genuss ohne Kalorienschub, den zu vermeiden konkurrierenden Riegelherstellern nicht gelungen sei. Es gibt eben einen fundamentalen Unterschied zwischen bloß sauber und rein; um das zu erkennen, muss man nicht die theologische Ableitung der Jungfräulichkeit beherrschen.

Und es ist ein unüberbrückbarer Unterschied zwischen Raider und Twix, denn nur Twix heißt Twix und nicht Raider, obwohl das heutige Twix vormals Raider hieß. Auch dazu braucht man keine Grundschule der Philosophie. Jeder Normalbürger weiß, was gespielt wird, und kann sich nicht auf Verführung durch Warenpropaganda berufen.

Keine Grenzen, kein Sinn

Wenn also jeder weiß, dass Bedeutung nur durch Unterscheiden entsteht, jedenfalls für Menschen auf Erden, dann markiert seit alters her die Grenze das Faktum der Unterschiedenheit. Wo es keine Grenzen gibt, gibt es keinen Sinn der Gegebenheiten, keine Bedeutung der Namen von Territorien, von Landschaften, von Gruppen oder Wetterlagen, von Mineralien, Gräsern oder Tieren. Die Aufhebung der Grenzen zu fordern heißt, Bedeutung zu zerstören und damit sinnhafte Orientierung in der Zuordnung zu Koch-, Sprach-, Glaubensgemeinschaften unmöglich werden zu lassen.

Das ist ganz im Sinne der Allmacht des Kapitals, das an die Stelle von links und rechts, von menschlich und göttlich, von diesseits und jenseits, von oben und unten eben die Unterscheidung von Raider und Twix zu setzen beabsichtigt. Auch die Unterscheidung von Minderheiten und Mehrheiten soll aufgehoben werden, weil sich die Minderheiten damit legitimieren, jederzeit zur Mehrheit mit allen Rechten und Potenzialen werden zu können und damit die Spaltung jeder sozialen Formation unumgänglich zu machen.

Klassenunterschiede werden nur noch im Preisniveau von Konsumprodukten zugelassen; Sprachendifferenzierungen werden durch internationale Verhunzungsgemeinschaften des Englischen überboten und geografische Räume zur Lebenswelt der Diaspora für alle geöffnet. Und so erfüllt sich schließlich das Gleichheitsgebot in der gleichen Sinnentleerung und Entwertung der Welt für alle Menschen mit Ausnahme der Masters of the Universe, also von weltweit etwa zweitausend Milliardären: Das ist immerhin ein Fortschritt in der Kulturgeschichte der Menschheit; selbst die Hindus kamen nicht auf so viele Götter, vom Olymp und den mageren Monotheismen ganz zu schweigen.

Entgrenzen heißt also, Bedeutungen und Sinnzusammenhänge ununterscheidbar, unkenntlich zu machen. Das ist die Absicht der fanatischen Entgrenzungsforderer im globalen Maßstab, damit endlich nicht mehr Täter und Opfer, Reiche und Arme, Arbeitende und Parasiten, Linke und Rechte, Fortschritt und Rückschritt unterschieden werden können; damit nicht länger unterschieden werden darf zwischen politisch Verfolgten, die Asylrecht genießen, und den nicht politisch Verfolgten. Wenn aber alle Lebensumstände für politisch erklärt werden und jede Abweichung von westlicher Norm für Verfolgung gehalten wird, genießen alle Menschen der Welt Asyl. Das aber zerstört jeden Sinn des Begriffs Asyl, und alle vom Grundgesetz getroffenen Unterscheidungen sind beliebig aufhebbar.

Andererseits wird von denselben Buchstabengläubigen die strikte Erfüllung des Grundgesetzes gefordert: freie Ausübung des Glaubens, Unantastbarkeit der Menschenwürde oder Verpflichtung auf christliche Grundwerte des Teilens mit jedem, obwohl das Christliche als unzulässige Ideologisierung angeprangert und diskriminiert wird. Es spreche von Er, Sie, Es – aber drei Geschlechter sind wider das Grundrecht auf freie Geschlechtswahl.

In solche latente Selbstzerstörung durch Willkür und das Recht aufs Dummsein treiben uns nicht räuberische Migranten oder Dunkelmänner; es ist unsere Allmachtsarroganz und Selbsterhöhung vor Versagergesellschaften. Es gilt: der Hochmut kommt vor dem Fall. Wir fallen bereits: Europa fällt. Wir haben noch nicht bemerkt, dass Europa ein winziger Wurmfortsatz des Eurasischen Kontinents ist, ein unnützer Blinddarm eines gewaltigen Stücks der realen Welt.

Und vor der Blindheit sollte uns das EU-Parlament schützen? Jawohl, denn wenn wir das nicht glaubten, warum sollten wir denn dann überhaupt wählen? Wir haben keine Wahl, als zu wählen. Wer nicht an Europa glaubt, leugnet die Macht der Wunder. Das aber kann man nicht leugnen, denn es ist ein Wunder, dass wir trotz aller Irrsinnigkeiten immer noch überlebten.