In Deutschland sind die Eliten nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die großen Herausforderungen der Politik bleiben derweil liegen.

Worüber redet die deutsche Kulturelite? Zum Beispiel darüber, ob sich Knaben am Fasching noch als Indianer verkleiden dürfen. Aus einer Hamburger Kita drang die Kunde: Nein, das dürfen sie nicht, denn die Maskierung verletze die Würde der Erstbewohner des amerikanischen Kontinents. Überdies seien Indianerkostüme als Aneignung einer fremden Kultur zu betrachten, typisch für „alte weiße Männer“ – Faschings-Kids als alte weiße Männer? Ja, auch das gibt’s in der verhexten deutschen Wahrnehmungswelt.

Als weiteres Beispiel elitärer Aufgeregtheit lässt sich die Agitation für sprachliche Präsenz des Weiblichen anführen: Frauenfreundliche Formulierungen sind Feminismuspflicht, beispielsweise „Bürger*innen“. Ferner fordern die Genderideologinnen Toiletten für Transsexuelle, worüber sich jeder Witz verbietet, wie die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer erfahren musste.

Aber das alles ist bei Weitem nicht alles: Zur völligen Ratlosigkeit darüber, was eigentlich noch ungestraft gesagt werden darf, zählt die Smalltalkfrage nach der Herkunft eines Gesprächspartners, seit je kniggekonformer Ausdruck höflicher Zuwendung, neuerdings jedoch ein verpönter Affront, weil er die Herabsetzung des Befragten zum Nichtdeutschen bedeute. Ja, die Kulturelite ist in Aufruhr: Auf den Theaterbühnen und in den Hörsälen gilt zu verteidigen, was bisher selbstverständlich war: die Diskurshoheit der Akademiker-Avantgarde. Wobei der Begriff „Diskurs“ signalisiert, worum es geht: um eine Diskussion in elitärer Besetzung.

Das Geschwätz vom „Narrativ“

Die abgehobene Sphäre gebietet Sprachdistinktion. Da purzeln Wörter, die kein(e) Fabrikarbeiter*in versteht: Provenienz, Restitution, gerne auch Resilienz, um nur die aktuellsten Begriffe zu nennen, die übersetzt in der Tat banal klingen: Herkunft, Rückgabe, Widerstandskraft. Doch so profan deutsch ist der „Dialog auf Augenhöhe“ keinesfalls zu führen. Als Dialogpartner ist ja auch nicht der normale Steuerzahler vorgesehen, der die erlesenen Aktivitäten seiner Avantgarde alimentiert.

Zum Elitegeschwätz gehört der Elitebegriff, der alles nivelliert: das Narrativ. Alles nur noch Erzählung. Sogar das Grundgesetz. Seit 1949 garantiert es Freiheit und Gleichheit des Individuums – des Einzelnen. Soeben wird dieses Grundgesetz umerzählt: Fürderhin soll es die Gleichheit von Gruppen garantieren, zunächst durch ein „Paritätsgesetz“, das den Frauen in Parlamenten die Hälfte der Sitze sichert.

Die Moral verdrängt die Politik

Die Werte der westlichen Zivilisation – nur noch ein Narrativ? Die Errungenschaften der Aufklärung – nur noch eine Erzählung? Die Verfassungsartikel als Geschichten aus Tausendundeiner Nacht? Das Panorama deutscher Befindlichkeit ist leider nicht zum Lachen. Weil in Deutschland der Ernst der Welt seine Heimstatt hat – wenn nicht gar die Moral der Geschichte. Moral auf jeden Fall ist die politische Währung der Zeit. Der Berliner Tagesspiegel konstatiert: „Die enge Verzahnung von Politik und Moral war einst ein eher konservatives Charakteristikum. Heute findet sie sich überwiegend im linken Spektrum.“

Das ist nett gesagt. In Wahrheit verdrängt die Moral die Politik. Deutschland, die vielleicht drittwichtigste Nation des Globus nach den USA und China, hat keine Kanzlerantwort auf die Europa-Ideen des französischen Präsidenten. Überhaupt fehlt ein deutsches Europa-Projekt. Deutschland thront in Europas Mitte – mit sich selbst beschäftigt.

Im Osten dräut trotzig, geschichtsmächtig und von Europa verstoßen Russland. In Mitteleuropa ringen die Nachbarn mit ihren Vergangenheiten und bangen angesichts russischer Rabulistik um ihre Sicherheit. Im Süden sind bis zu 30 Prozent der Jugendlichen arbeitslos und viele bereits hoffnungslos. Im Westen wartet ungeduldig ein jugendlicher Präsident auf den Schulterschluss mit der deutschen Nation zum Wohle Europas.

Was würde Willy Brandt tun?

Die Europäische Union als Schutzraum von Demokratie und Rechtsstaat, als letztes Refugium eines sozial verpflichteten Kapitalismus: für die Kanzlerin weder Projekt noch Priorität. Paul Collier, Wirtschaftswissenschaftler und Zeitdiagnostiker, eröffnet sein Buch „Sozialer Kapitalismus“ mit den Sätzen: „Tiefe Risse bedrohen den Zusammenhalt in unseren Gesellschaften. Bei den Menschen lösen sie neue Ängste und neue Wut aus, in der Politik entfachen sie neue Leidenschaften.“

Wie hätte Willy Brandt aus solchen Zeitläuften heraus Politik gestaltet? Die moralversessene Hautevolee verlustiert sich
mit Petitessen: zum Beispiel damit, ob Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer auf der Geburtstagsfeier seines alten Freundes und politischen Wirrkopfs Matthias Mattusek zugegen sein durfte, obwohl dort auch Gäste aus der rechten Ecke am Champagner nippten. Berlins Tagesspiegel fand zum Zustand der deutschen politischen Kultur folgende Formel: Es sei „das Politische hypermoralisch – und das Moralische hyperpolitisch“.

Auf den Hund gekommen

Frank-Walter Steinmeier forderte in seiner Weihnachtsansprache 2018 die Bürgerinnen und Bürger auf: „Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, mit dem Sie sonst kein Wort gewechselt hätten.“ Der weise Rat aus dem Schloss Bellevue ist schwer zu befolgen in einem elitär geschlossenen Milieu, das sogar das Private an hypermoralischen und hyperpolitischen Kriterien misst. Der Spiegel, Gewährsmagazin für alles, was schief­läuft, und sei es beim Spiegel selbst, erörterte jüngst, „warum so viele Menschen im Alltag die Nerven verlieren und ausrasten“. Der Titel lautete: „Tierisch wütend“. Das Bild dazu: ein zähnefletschender Dackel. Ist Deutschland auf den Hund gekommen?