Elektroautos sollen das Klima retten. Doch für deren Akkus müssen Tonnen von Lithium abgebaut werden. In Südamerika wächst nun Widerstand gegen die Folgen der globalen Verkehrswende.

Der Schatz der argentinischen Puna liegt in fußballfeldgroßen Wasserbecken. Symmetrisch sind die türkisfarbenen Pools auf einer Hochebene zwischen zwei Bergketten angeordnet. Unter der sengenden Hitze der Höhensonne fällt der darin befindliche weiße Schleim langsam zu einer kreideartigen Masse aus. Das feinkörnige weiße Pulver wirkt unscheinbar. Doch Lithiumkarbonat ist „weißes Gold“, einer der begehrtesten Rohstoffe der Welt.

Salar de Olaroz in der Provinz Jujuy ist eine solche „Goldgrube“. Hier befindet sich eine der größten Minen für Li­thiumabbau in Argentinien, gelegen in der Salzebene im Nordwesten des Landes auf knapp 4000 Metern Höhe. Die Luft hier hat wenig Sauerstoff, kräftige Böen wehen zwischen den nackten Gebirgskämmen. In dieser Einöde lagern Hunderttausende Tonnen Lithium im Untergrund – gelöst in Salzschlacke. Das sogenannte „Lithiumdreieck“ an der Ländergrenze zwischen Chile, Bolivien und Argentinien birgt laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe bis zu 70 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen.

Goldgräberstimmung um das Lithium

Aus der Ferne betrachtet, sehen die weißen Salzflächen aus wie Schneefelder. Friedlich stelzen wilde Vikunjas – eine Kamelart – über die Salzkrusten. Kleine Lamagruppen mit neonfarbenen Wollfäden im Fell grasen an den Berghängen, an denen meterhohe Kakteen wachsen. Eine nahezu unberührte Landschaft – kahl und surreal. Nur einige Dörfer der Kolla, eine der letzten indigenen Gemeinschaften in der Andenregion, befinden sich in der Berglandschaft mit ihren bunten Felsformationen. Ausgerechnet hier liegt die Zukunft der globalen Verkehrswende – und ein Milliardengeschäft. Der Markt ist jung und vielversprechend, und viele wittern das schnelle Geld. Auch die deutschen Autobauer, zuvorderst VW, sichern sich den Zugriff aufs Lithium. Doch Umweltstandards bei der Förderung fehlen, sodass Tiere, Natur und Zehntausende Menschen gefährdet sind. Dabei könnten Unternehmen und Regierungen weltweit längst schonende Alternativen nutzen.

Die Goldgräberstimmung um das begehrte Lithium aber scheint stärker. Es besitzt Speichereigenschaften wie kein anderes Element: Seine hohe Wärmekapazität und geringe Dichte eignen sich ausgezeichnet, um Energie zu speichern. Brauchte man bisher für Lithium-Ionen-Akkus, etwa in Smart­phones oder Laptops, nur wenige Gramm des Leichtmetalls, müssen für Strombatterien von Elektroautos oder Lastkraftwagen mit acht bis vierzig Kilogramm etwa 10 000 Mal so viel des kostbaren Rohstoffs verbaut werden. Und der wachsende Elektroautomarkt in China, den USA und Europa verlangt jedes Jahr mehr.

Verlockender Zukunftsmarkt

Für abgasfreie Städte stellen Regierungen weltweit auf Elektroautos um – Länder wie China, die Niederlande, Island, Israel und Indien haben ehrgeizige Fristen gesetzt: In elf Jahren sollen dort keine Verbrenner-Neuwagen mehr zugelassen werden; in Norwegen schon ab 2025. Damit Deutschland die Klimaschutzziele bis 2030 erreichen könne, brauche es „einen radikalen Wandel zu Elektromobilität oder Wasserstoff oder ganz andere Dinge“, sagte Kanzlerin Angela Merkel kürzlich. Die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (Irena) rechnet damit, dass 2050 weltweit eine Milliarde E-Autos unterwegs sein werden.

Wer auf Lithiumabbau setzt, scheint derzeit also alles richtig zu machen. Noch herrscht kein Mangel, die meisten Vorkommen sind unangetastet. Seit 2016 haben sich die Fördermengen weltweit aber mehr als verdoppelt, mitgestiegen sind die Preise. Die aktuell jährlich rund 70 000 geförderten Tonnen Lithium sollen bis 2030 auf 240 000 Tonnen pro Jahr ansteigen – bis 2050 sogar auf mehr als eine Million, schätzt eine aktuelle Kurzstudie des Öko-Instituts. Kein Wunder, investieren Zulieferer und Bergbauunternehmen. Der Zukunftsmarkt bietet aktuell Preismargen von 8000 Dollar pro Tonne. Ohne Lithium keine Energiewende und kein Ausstieg aus klimaschädlichen Energieträgern wie Öl und Kohle, wie es das UN-Weltklimaabkommen bis 2050 vorsieht.

Punas Natur wird umgegraben

Nieves Guitian weiß nichts über den Klimawandel. Und auch nicht, dass die 195 Staaten der Erde aus den fossilen Energien aussteigen wollen. Was sie weiß ist, dass nordamerikanische und japanische Unternehmen nach Jujuy kommen und ihr bisheriges Leben zerstören. Nieves Guitians Familie gehört zu den indigenen Kolla-Gemeinden, die rund um die Lithiumminen in einfachen Dörfern leben. In ihrer Gemeinde Huancar gibt es eine Art Imbiss mit zwei Tischen, wo Lamaschnitzel mit Kartoffelbrei serviert wird. Es gibt einen Marktplatz und eine Kirche. Die Einwohner leben in kleinen Häusern aus rötlichen Lehmziegeln, es gibt weder einen Supermarkt noch eine Bushaltestelle oder eine Krankenstation.

Durch das sonnengebräunte Gesicht von Nieves Guitian ziehen sich tiefe Falten. Die Lamahirtin lebt seit mehr als 70 Jahren in der argentinischen Puna. In fleckigem Rock und buntem Kittel steht sie schüchtern im Windschatten eines Schuppens und zeigt auf die andere Seite der flachen Hochebene. Dort flimmert das schwarze Dach der Lithiumfabrik in der Sonne. Sie gehört Nieves Guitians neuen Nachbarn: dem Konsortium Sales de Jujuy. „Mit den Unternehmen kamen die großen Maschinen. Sie graben die gesamte Landschaft um, vertreiben die Tiere und zerstören ihre Wasserstellen“, erzählt die Bäuerin. Früher besaß sie 230 Lamas, heute sind es nur noch 150. „Die Lamakitze werden mit Krankheiten geboren und verenden nach ein paar Monaten“, sagt sie.

Während Nieves Guitian spricht, knistert sie mit einer Tüte, in der sie Kokablätter aufbewahrt – die legen sich die Bergbewohner in die Mundkuhle ans Zahnfleisch, um den Sauerstoffmangel wettzumachen. Sie führt uns über ihre Hazienda: Überall hat Sales de Jujuy Erddämme aufgeschüttet, damit die schweren Baumaschinen zu den Bohrlöchern gelangen. Die ehemaligen Tiertränken sind verschüttet oder kontaminiert. Die Kolla-Frau ist mit ihren Erfahrungen nicht allein. Auch andere Dorfbewohner berichten von Lärm, Staub und ausgetrockneten Brunnen. Sie fürchten, die Bergbauunternehmen würden die Schätze der Puna ausgraben und sie mit den Folgen allein lassen: Umweltprobleme und daraus resultierende soziale Konflikte.

Gefahr für indigene Berggemeinden

Für den Hydrologen Marcelo Sticco ist die Gegend um Olaroz schon verloren. Er arbeitet für die Universität Buenos Aires, forscht seit Jahren zu den Folgen der Lithiumförderung in Argentinien. Er ist kein Umweltaktivist. Aber was hier in der Puna passiert, macht den 55-jährigen Wissenschaftler wütend. „Die Unternehmen zerstören sehenden Auges die natürlichen Barrieren zwischen Salz- und Süßwasser und kontaminieren das Wasser, das Mensch und Tier hier brauchen.“ Fördergebiete, wie die der Olaroz-Mine, seien aride Regionen, in denen es unterdurchschnittlich regnet. Vom wenigen Regen würden nur rund 5 Prozent in die Erde sickern und Süßwasseraquifere anreichern. Diese unterirdischen Reservoire hätten sich über Jahrtausende hinweg gebildet. „Salz- und Süßwasser existieren in einem fragilen natürlichen Gleichgewicht. Durch die Lithiumgewinnung sinkt der natürliche Wasserspiegel ab, und dadurch mischt sich das Salz- mit dem Süßwasser“, sagt der Wissenschaftler.

Seine These: „Diese Kontamination ist irreversibel, denn durch die aktuell genutzte Technologie verliert die Region unwiederbringlich ihre Trinkwasserreserven.“ Nicht nur die einzigartigen Ökosysteme könnten so kollabieren, Zehntausende Menschen – meist indigene Berggemeinden – könnten ihre Heimat verlieren. „Das Gebiet ist ein staatliches Naturreservat, und die Vernichtung der Trinkwasserreserven wird hier alles zerstören – das verstößt klar gegen argentinisches Recht“, sagt der Hydrologe. Allein um die Salzmasse aus dem Untergrund zu fördern, benötigen die Firmen nach eigenen Angaben bis zu 80 000 Liter Frischwasser pro Stunde. Anschließend wird die Lake in die großen Becken gepumpt, wo sie verdunstet. In den schneefeldartigen Salzwüsten schaufeln Bagger immer mehr solcher „Swimmingpools“.

Die Politiker lassen sich das Geschäft nicht verderben

„Diese Technologie ist eine unglaubliche Verschwendung. Dabei proklamieren die Unternehmen sogar, dass die Art der Lithiumgewinnung am ökologischsten ist, weil sie auf Verdunstung basiert“, schimpft Sticco. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern schrieb er Briefe an Unternehmen und Ministerien, hielt Vorträge und warnt seit Jahren vor einem Exodus aus der Region. Kaum jemand hörte auf ihn und seine Kollegen. Zum „Lithiumtisch“, einem hochrangigen Treffen mit dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri im März 2018, waren sie gar nicht erst eingeladen.

Die Politiker wollen sich das lohnende Lithiumgeschäft nicht verderben lassen. Dabei findet der Hauptanteil der Wertschöpfung nicht mal in den Rohstoff liefernden Ländern statt, sondern in den verarbeitenden Industrienationen des globalen Nordens. Ein Sprecher der ansässigen Lokalregierung in San Salvador de Jujuy sagt, zur Versalzung des Grundwassers gebe es „noch nicht genügend Studien“ – aber man sei dabei, die Folgen zu untersuchen. Auch die argentinische Zentralregierung sieht im Lithiumboom den wirtschaftlichen Segen. Das Land steckt in der Krise. Präsident Macri brüstet sich gern mit ausländischen Investoren, vor allem aus den USA, Kanada, Australien und China. Allein in den nächsten vier Jahren wolle man 100 000 Tonnen Lithium in der Puna-Region fördern, kündigte er an.

Das fragwürdige Unternehmen Orocobre

Dass die Süßwasseraquifere leer laufen und versalzen, erwähnen die Firmen in ihren Umweltberichten nicht. Der kanadische Bergbaukonzern Lithium America, der seine Bohrlöcher gleich neben denen von Sales de Jujuy hat, teilt auf Anfrage mit, man höre von Wasserproblemen zum ersten Mal. Lithium America liefert an den deutschen Autohersteller BMW. Während das Unternehmen aus Bayern nur Lithiumabnehmer ist, fördert der japanische Autohersteller Toyota es selbst. Mit der Presse will Toyota darüber aber nicht sprechen. VW verkündete nun eine Absichtserklärung mit dem chinesischen Lithiumlieferanten Ganfeng, der ebenfalls in Argentien abbaut. Den Bedarf an Lithium gelte es, „frühzeitig abzusichern“, sagte VW-Beschaffungsvorstand Stefan Sommer „Langfristige Vereinbarungen, wie wir sie nun für den wichtigsten Rohstoff Lithium mit Ganfeng getroffen haben, kommt deshalb eine entscheidende strategische Bedeutung für die Umsetzung unserer E-Offensive zu.“ Von Umweltstandards ist in der Mitteilung keine Rede.

Das australische Unternehmen Orocobre, auf dessen Fabrik die Lamahirtin Nieves Guitian von ihrer Hazienda aus blickt, stellte erst im Februar seinen äußerst erfolgreichen Halbjahresbericht vor. Orocobre-Manager Martín Pérez de Solay schwärmte in der Pressekonferenz: „Das war wieder ein sehr starkes Halbjahr mit Einnahmen von 63 Millionen Dollar.“ Die Aktionäre dürften mit dem Nettogewinn von 24 Millionen Dollar zufrieden sein. Weder eine Betriebsbesichtigung noch ein Interview aber sind möglich. Ein Orocobre-Sprecher schreibt, man unterstütze die Gemeinden rund um die Fabriken, bilde die Leute aus und pflege sehr enge Beziehungen zu ihnen. Auf Fragen zum Wasser- oder Staubproblem antwortet er nicht. Dabei verhängte sogar das lithiumfreundliche Bergbauministerium 2016 in Jujuy Millionenstrafen gegen Orocobre, wegen nicht eingehaltener Umweltstandards und überfälliger Umweltberichte. Das Unternehmen bestreitet die Verstöße. Das Ministerium erklärt, die Strafzahlungen seien bis heute nicht beglichen – mehr Informationen könne man aber nicht geben. Man sehe keinen Anlass zur Besorgnis: Die Bergbauarbeiten würden mit „unerschütterlichem Respekt für die indigenen Gemeinschaften“ und durch „Dialog, Transparenz in der Verwaltung und Stärkung der Infrastruktur“ durchgeführt.

Deutschland als nächste Abnehmer für Lithium?

In Deutschland fragt bislang kaum einer, woher das Lithium stammt. Im Gegensatz zu Mineralien wie Kobalt, die ebenfalls zur Batteriefertigung benötigt werden, gilt Lithium als unverfänglich. Die größte Sorge von Autoindustrie und Regierung ist, beim rasanten Wachstum der neuen Märkte außen vor zu bleiben. Während Tesla in den USA und japanische und chinesische Konzerne schon seit Jahren am Verbrenner-Exit arbeiten, hinkt die Autonation trotz aktueller Milliardeninvestitionen hinterher.

Immerhin, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat erkannt: Eine Zukunft für erneuerbaren Strom und Verkehr ohne Batterien ist nicht zu haben. „Wir erleben im Augenblick, dass der Bedarf an mobilen und stationären Stromspeichern rasant wächst. Batterieproduktion wird ein wesentlicher Teil der industriellen Wertschöpfungskette weltweit“, sagte er auf der Vernetzungskonferenz Elektromobilität vor wenigen Monaten. Eine deutsche Batteriefabrik soll her – damit Deutschland nicht abhängig von Importen wird und Arbeitsplätze erhalten bleiben. Mit einer Milliarde Euro Steuergeld will die deutsche Regierung das unterstützen. Mehrere Bundesländer haben Interesse. Sollte die Fabrik kommen, könnte Deutschland der nächste globale Großabnehmer für Lithium werden. Welche Rolle die Umweltstandards in den Herkunftsländern spielen, ist offen.

Die Quelle liegt in Südamerika

Die Schattenseiten der Lithiumförderung früh erkannt hat Matthias Buchert vom Freiburger Öko-Institut. Für die Denkfabrik Agora Verkehrswende erstellte er Prognosen darüber, welche Rohstoffe die Industrie für die Umstellung auf alternative Antriebe braucht. Auch Buchert ist für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Aber er sagt ebenso: „Die Automobilindustrie ist hier in der Verantwortung.“ Autogiganten wie VW, BMW, Toyota oder Daimler hätten die Nachfragemacht, um Standards bei der Lithiumproduktion einzufordern. „Aber das ist bisher nicht passiert.“ Während über Kobalt in Wirtschaft und Politik schon heftig diskutiert würde, seien die negativen Auswirkungen der Lithiumproduktion noch relativ unbekannt, sagt der Ressourcenexperte. Buchert über das Wettrennen um die Lithiumproduktion: „Man findet ständig neue Vorkommen. Selbst europäische Länder wie Portugal fangen nun an, ihre Lithiumressourcen zu entdecken.“ Auch im sächsischen Zinnwald sollen mehr als 100 000 Tonnen Lithium lagern. Ob sich die Förderung aber lohnt, ist unklar.

Die rentablen Vorkommen liegen in Südamerika. Während Lithium in Europa und Australien aufwendig aus dem Erz gekratzt werden muss, sind die Salzbecken in Argentinien, Bolivien und Chile ökonomischer: Wenig Energieeinsatz und Humankapital bedeuten große Gewinne. Doch die Verdunstungstechnologie führt auch in Chile zu gesellschaftlichen Problemen. Dort protestiert das Volk der Atacameños gegen den massiven Wasserverbrauch. Experten und Anwohner klagen über sinkende Grundwasserspiegel und ausgetrocknete Lagunen. Lithiumminen haben stets ein Dilemma: Die Salzwüsten liegen naturgemäß in regenarmen Gebieten, für den Abbau braucht es große Mengen Frischwasser. Weiterer Nachteil: Diese Art des Lithium­abbaus dauert eine – ökonomisch gesehen – halbe Ewigkeit: Bis zur kompletten Verdunstung muss die Salzschlacke monatelang, mitunter bis zu zwei Jahren in den Becken bleiben. Angesichts des Nachfragebooms könnte das bald Wettbewerbsnachteile bedeuten.

Nachhaltige Lithiumförderung

Dabei gibt es Alternativen. Das kanadische Unternehmen MGX Minerals stellte 2018 eine Technologie vor, bei der Lithium mittels Nanotechnologie direkt aus der Flüssigkeit extrahiert und das Restwasser zurück in den Untergrund gepumpt wird. So kommt es nicht zum Absinken des Wasserspiegels, die Süßwasserspeicher bleiben erhalten. Auch argentinische Wissenschaftler arbeiten an einer elektrolytischen Trennung des Lithiums vom Restwasser. Die Ansätze sind noch im Teststadium, aber nicht einmal in den Investitionsberichten der Unternehmen tauchen sie bislang auf.

Die Firmen in der argentinischen Puna zeigten kein Interesse an nachhaltiger Lithiumförderung, sagt der Hydrologe aus Buenos Aires, Marcelo Sticco, der sich für die indigenen Gemeinden einsetzt. „Mir geht es nicht darum, die Nutzung von Ressourcen zu verhindern. Die Unternehmen sollten aber sauber arbeiten und nicht nur auf den schnellen Profit schauen – denn das kann tödliche Folgen für das Leben in der Puna haben.“

Neben dem Unijob schreibt Sticco hydrologische Gutachten für Ölkonzerne. In manchen Fällen würde etwa die umstrittene Fracking-Technologie – die in der Öl- und Gasförderung angewandt wird – großen Schaden anrichten, an anderen Standorten sei diese aber völlig ungefährlich. „Es kommt immer auf die geologische Formation und die Grundwasserflüsse an – diese natürlichen Bedingungen müssen eben gut geprüft werden.“ Er ist überzeugt, dass auch Lithium nachhaltig gefördert werden kann. „Wir brauchen das Lithium für die Energiewende – aber wir müssen auch darauf achten, wie es gefördert wird.“

Was passiert mit den Rohstoffen?

In Bolivien will demnächst das baden-württembergische Unternehmen ACI Systems Alemania (ACISA) Lithium abbauen. In der Region herrschen ähnliche Bedingungen wie in Argentinien, auch hier ist das Wasser knapp. Man kündigte im November an, Lithium zusammen mit dem bolivianischen Staatskonzern YLB gewinnen zu wollen. Ein Sprecher von ACISA antwortete schriftlich, die Gewinnung sei 100-prozentig nachhaltig, da es sich in Bolivien um eine sogenannte „Restsole“ aus dem Salzabbau handle. Dank neuer Technologie werde zudem Wasser zurückgewonnen: „Die herkömmlichen Probleme sind uns bekannt, und nicht zuletzt deshalb haben wir nach einem Verfahren gesucht, mit dem wir den Wasserhaushalt entlasten“, sagt Wolfgang Schmutz, Geschäftsführer von ACISA. Aber auch das ist zunächst nur ein guter Vorsatz. Vor 2022 fängt das Unternehmen nicht mit der Förderung an. Bei den Mengen an Lithium, die der internationale Automarkt in den nächsten zehn Jahren braucht, dürften solche Projekte im wahrsten Sinne eher Tropfen auf heiße Steine bleiben.

Eine weitere Frage, die künftig beantwortet werden muss: Was passiert mit den wertvollen Rohstoffen, wenn Batterien ihr Lebensende erreichen? Nach acht bis zehn Jahren sind die Akkus von Elektroautos altersschwach und müssen ausgetauscht werden. Schon heute sind mehr als 5,6 Millionen Elektroautos unterwegs – ebenso viele Batterien und Tonnen von Lithium, die bald auf Schrotthalden landen könnten. Forscher suchen Lösungen – noch sind die Rückgewinnungsversuche im Teststadium: Das europäische Wissenschaftsprojekt Si-DRIVE erforscht, wie man altersschwache Batterien zusammenlegen und ihnen als stationäre Speicher zu einem zweiten Leben verhelfen könnte.

Recycling ist keine Lösung

Einer, der bereits heute hohe Recyclingquoten erreicht, ist Christian Hanisch. Der Ingenieur bastelt mit seiner Braunschweiger Firma Duesenfeld schon seit Jahren an der Wiederverwertung sämtlicher Batteriebestandteile. „Wir können derzeit 85 Prozent der Materialien stofflich wiederverwerten – Tendenz bei uns stark steigend“, sagt der Ingenieur. Auch Lithium könne man komplett wiederverwenden, sodass die Industrie es wieder als Primärrohstoff nutzen könne. Laut Hanisch ist das Verfahren bereits marktfähig – derzeit könne das Unternehmen schon 3000 Tonnen Rohstoffe pro Jahr zurückgewinnen.

Selbst wenn solche Verfahren zum Mainstream werden, dürfte das die Nachfrage nach Lithium kaum bremsen, warnt Nachhaltigkeitsforscher Matthias Buchert vom Öko-Institut. „Auch wenn wir in ein paar Jahren großflächig recyceln, wird das die Nachfrage nach Rohstoffen durch den enormen Zuwachs der weltweiten Elektroautoflotte kaum auffangen.“ Denn man müsse erst abwarten, bis die erste Generation der Stromautos „leer gefahren“ sei – gleichzeitig würden immer mehr neue Autos verkauft.

Auch Recycling löst also nicht die Probleme der Puna-Bewohner. Hunderte Kolla haben den Li­thiumfirmen nun den Kampf angesagt: An einem sonnigen Tag im März treffen sich ihre Vertreter in Tusquillas. Der 200-Seelen-Ort liegt rund 40 Minuten Fahrzeit von der Li­thiumfabrik Olaroz entfernt. Er gehört zur Nachbarsalzwüste Salinas Grandes. Nach Tusquillas führt eine hucklige Schotterstraße. Rechts steile Hänge, an denen Lamagruppen grasen, links liegt die Salzwüste wie ein weißes Tuch auf der Hochebene. Die Li­thiumgegner treffen sich im Gemeindehaus gleich neben der winzigen Kirche, vor der zwei riesige Kakteen wachsen. Auch hier gibt es weder Gaststätten noch Läden.

Die Gemeinden trauen den Unternehmen nicht

Die Anwohner der Lithiummine Olaroz haben schon einen Lizenzvertrag mit der Firma unterschrieben. Die Anwohner von Salinas Grandes hingegen haben die Lithiumfirma zum Feind erklärt. Das Verhältnis zwischen Unternehmen, Politik und Gemeinden ist zerrüttet. Niemand würde hier etwas unterschreiben. Mit Straßenblockaden, Demonstrationen und einer Klage vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte in Washington kämpfen die Anwohner für einen Genehmigungsstopp – unterstützt von Umweltorganisationen und Amnesty International. Vor wenigen Wochen verhinderten sie durch zivilen Ungehorsam sogar Testbohrungen eines kanadischen Unternehmens.

„Wir waren zuerst unzufrieden damit, dass man uns nicht fragte. Es gab keine offizielle Konsultation der Gemeinden, die nach internationalem Recht vorgeschrieben ist“, sagt der Sprecher der 33 Gemeinden von Salinas Grandes, Clemente Flores. „Das Einzige, was wir wissen, ist: Der Staat will Batterien. Aber wir essen keine Batterien. Wir essen das, was wir hier anbauen.“ Vor acht Jahren haben die Gemeinden den Hydrologen aus Buenos Aires, Marcelo Sticco, zum ersten Mal mit Gutachten über Lithium und Wasserreserven beauftragt. Sie trauten den Berichten der Unternehmen nicht. Nun ist Sticco wieder zu Besuch. Eine halbe Stunde lang hören die Kolla den Vortrag über die Folgen des Lithiumabbaus. Ob die Förderung der Nachbarn auch ihre Süßwasserreserven gefährden könnte, fragt eine Frau mit einem runden Hut. Nein, erklärt Sticco, beide Becken und ihre Wasseradern seien nicht miteinander verbunden. Immer mehr Hände gehen nach oben. Der Hydrologe antwortet geduldig auf alle Fragen: „Die Leute haben großen Gesprächsbedarf.“

Die Kolla werden übergangen

Die Kolla fühlen sich betrogen und übergangen. „Den Unternehmen und dem Staat sind unsere Gemeinschaften völlig egal. Sie wollen einfach so viel Li­thium aus dem Boden holen wie möglich“, sagt ihr Sprecher Clemente Flores. „Aber das werden wir nicht zulassen, schließlich geht es für uns um alles.“ Sie wollen nicht die Dummen sein, wie in Olaroz.

Der Gouverneur von Jujuy hat für den Prostest der Kollas wenig übrig. Stattdessen beharrt er darauf, dass der Lithiumabbau die Zukunft der Region sei. Wer Fortschritt nicht wolle, müsse auch die Mobiltelefone zurückgeben, sagte er unlängst der Lokalpresse. Darüber kann Kolla-Anführer Clemente Flores nur lachen. „Wir haben in unseren Dörfern noch nicht mal Empfang!“ Bis vor kurzem habe es auch keine Autos gegeben, die meisten Einheimischen würden zu Fuß laufen. Elektroautos kenne man nur von Fotos. Seine Botschaft an Europa: „Ihr glaubt, damit könnt ihr die Menschheit retten – aber der Abbau von Lithium wird unsere Gemeinden und unsere Landschaft umbringen.“