Der Bestseller des gebürtigen Irakers Abbas Khider entwirft ein vereinfachtes „Deutsch für alle“. Vorbilder dafür gab es schon 1916. Nur bedeuteten leichte Sprache und Inklusion damals Imperialismus, Eroberung und Kolonisation.

Im Jahre 1916 versuchte Deutschland, den Ersten Weltkrieg doch noch zu gewinnen: Mit Giftgas, mit der Entwicklung des neuen Maschinengewehrs 08/15, mit dem Angriff auf Verdun und – mit leichter Sprache. Der letzte, schon ein bisschen verzweifelte Griff des Kaiserreichs nach der Weltmacht sollte auch mit linguistischen Mitteln geführt werden.

Und wie man auf dem Schlachtfeld beim Einsatz von so grausamen Waffen wie Gas, Flammenwerfern und Bajonetten mit Sägemesserzacken längst allen Ballast der Zivilisation abgeworfen hatte, so war man auch bereit, das zu opfern, was von Luther über Goethe bis zu Nietzsche und Konrad Duden den Deutschen heiliger als Thron und Altar gewesen war: die deutsche Sprache.

Deutsch als Lingua Franca der Mittelmächte

Denn die gilt als schwierig. Ihre Tücken hat niemand so schön beschrieben, wie Mark Twain in seinem 1891 bereits zum ersten Mal übersetzten Essay über „Die schreckliche deutsche Sprache“. Und der war von keinem antideutschen Hasser verfasst. Twain sprach nahezu perfekt Deutsch und konnte sich auch in einer Audienz beim Kaiser Franz Joseph mit Majestät ohne Übersetzer unterhalten. Für seine 1904 gestorbene Frau Olivia wählte Twain sogar einen deutschen Grabspruch: „Gott sei Dir gnädig, O meine Wonne.“

Man gab sich also auch als deutschnationaler Patriot keinen Illusionen über die Brauchbarkeit der eigenen Muttersprache für imperiale Zwecke hin. Der Münchner Professor Adalbert Baumann schrieb in seinem Buch „Weltdeutsch“: „in disem kampfe hat England ainen ungeheüren fortail in der umfasenten ferbreitung sainer laichten sprache. … es gehört fer-blendung dazu, di bedeutung dises for-sprunges zu fer-kenen oder zu untershäzen.“ Er zog daraus die Konsequenz, ein vereinfachtes Deutsch in neuer, radikal simplifizierter Schreibung und Grammatik zu entwickeln, das als Lingua franca der Mittelmächte dienen könnte: „inerhalb unseres blokes mus selbst-verständlich sowohl aus politishen wi kulturelen gründen die deütshe sprache di ainhaitliche ferkers- und hilfs-sprache sain.“ Es gelte, große Gebiete sprachlich erst zu erobern. Dass dies noch nicht gelungen war, beschrieb der Professor am Beispiel des mit Deutschland verbündeten osmanischen Reichs: „es ist kain zufal und kaine haimishe sympati, das di inteligenten Türken, di ale französish könen, heüte noch aine shwäche für di Franzosen haben und im herzen absolut nicht Franzosen-faindlich sind.“

Während es Baumann darum ging, die deutschen Verbündeten auch sprachlich auf Linie zu bringen, wollte der bayerische Hofrat und Hauptmann a. D. Emil Schwörer in den eigenen (zu diesem Zeitpunkt längst verlorenen) Kolonien linguistisch zum Angriff übergehen. Von Togo bis Neuguinea (damals Kaiser-Wilhelmsland) betrug der Anteil deutscher Muttersprachler an der Gesamtbevölkerung selten mehr als ein paar Hundert Menschen. Der Druck feindlicher Sprachen war entsprechend groß. Dagegen kämpfte Schwörer mit der Konstruktion eines simplifizierten „Kolonial-Deutsch“ – so der Titel seiner Broschüre, die im gleichen Jahr 1916 und im gleichen Verlag wie das Buch von Baumann erschien. Er schätzte, dass 500 bis 600 Wörter für die Kommunikation genügten, wovon er etwa 150 zum „eisernen Bestand“ zählte. Das Kolonial-Deutsch zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass es nur sechs Hilfsverben (sein, haben, wollen, können, müssen, tun) hatte, die in Verbindung mit dem Infinitiv in zwei Zeitformen (Vergangenheit und Gegenwart) konjugiert werden sollten. Damit sollten dann einfache Sätze wie „Er tut lesen“ oder „Ich wohnen tat“ gebildet werden.

Wie das geklungen hätte, malte Schwörer in einer fiktiven Ansprache eines deutschen Kolonialisten an die Indigenen aus: „Also ich will euch sagen, was ihr müßt wissen von unsere Kaiser. Er hat gehabt eine sehr gute und feste Regierung seit 30 Jahren. Alle Deutschen sind gewesen zufrieden. Aber er hat sehr viele böse Feinden. Die taten machen zusammen eine Plan und eine schwere Krieg gegen de Kaiser und gegen Deutschland ohne jede Ursache. Aber die Feinden von de Kaiser haben nichts können machen gegen die deutsche Offiziere und Soldaten. Sie taten verlieren viele hundert tausend Menschen und viele Waffen und Schiffen.“

Verzwickte Liebeserklärung

Die „laichte sprache“ war schon 1916 inklusiv – wie das entsprechende Politmodewort unserer Tage lautet. Nur ging es ihr darum, Kolonialuntertanen und Verbündete zu inkludieren. Dabei kamen ihre Erfinder auf Lösungen, die uns Heutigen vertraut vorkommen – nicht nur von den in leichter Sprache verfassten Webseiten öffentlicher Verwaltungen oder aus Nachrichtensendungen im gleichen Stil, sondern aus einem Bestseller, der zurzeit in jeder deutschen Buchhandlung liegt.

Der gebürtige Iraker Abbas Khider hat eine verzwickte Liebeserklärung an die deutsche Sprache geschrieben („Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“, Hanser, 14 Euro), die er während seines Philosophiestudiums erlernen musste.

Dabei schildert er nicht nur im schönsten Twain-Humor deren ungeheure Schwierigkeiten für Nicht-Muttersprachler, sondern entwirft auch ein Reformprogramm zur Vereinfachung des Deutschen, damit mehr Menschen, diese schöne Sprache erlernen können. Dass er dabei ihre Schönheit über Bord wirft, ist eine ironische Pointe, derer sich dieser kluge Mann gewiss bewusst ist. Sein Programm kann angesichts der komplett idiotischen Ergebnisse gar nicht ernst gemeint sein, sondern nur eine Parodie aller Reformvorschläge – egal ob sie aus Köpfen unter Pickelhauben oder aus Köpfen mit Augenbrauenpiercing kamen.

Die Ideen Khiders ähneln frappierend denen von 1916: Wie seine Vorgänger im Kaiserreich sieht er statt der, die, das nur noch einen einzigen bestimmten Artikel vor – nämlich de im Singular und die im Plural. Auch der unbestimmte Artikel soll so vereinheitlicht werden – nur mit dem Unterscheid, dass Khider den Einheitsartikel e vorschlägt und Schwörer eine, auch weil die Vokalendung e „dem sprachlichen Bedürfnis der Eingeborenen“ entspreche.

Paternalismus im freundlichen Gewand

Dem sprachlichen Bedürfnis der auswärts Geborenen opfert Khider die berüchtigte deutsche Verb-Endstellung, die unregelmäßigen Verben, viele Präpositionen, die Umlaute und das ß. Dekliniert werden soll gar nicht mehr oder nur noch analytisch. Khider nennt die Deklination „wirklich das Schlimmste, was die Deutschen neben dem Artikel und dem Sturmgewehr erfunden haben“. Den Genitiv bezeichnet er als „reinen Schwachsinn“ und will ihn nur noch mit von bilden – das hatten auch Baumann und Schwörer 1916 angeregt: „von de fater, fon di fätern“. Wenn man deren 103 Jahre alte Reformvorschläge liest, fragt man sich, ob Khider sie vielleicht gekannt hat. Wahrscheinlicher ist, dass die Schwierigkeiten von früher noch die Schwierigkeiten von heute sind und dass, wer sie abschaffen will, immer zu ähnlich simplifzierenden Lösungen kommt.

Faszinierend an den Schriften Baumanns und Schwörers ist deren vollkommen entgegengesetzter politischer Gestus. Heute gelten Rechtschreibreformen und leichte Sprache als progressive Projekte, die es auch dem Einfältigsten im eigenen einfachen Volk möglich machen sollen, an Kommunikationsprozessen teilzuhaben. Damals standen sie im Dienste globaler Großmachtfantasien und richteten sich an Angehörige fremder Völker, die sprachlich erobert werden sollten. Gemein ist ihnen die im freundlichen Gewand daherkommende paternalistische Herablassung. Und gemein ist ihnen die rassistische Vorstellung, dass die echte deutsche Sprache im Grunde zu schwer für Leute sei, die es nicht im Blut haben.