Nicht nur das Geschäft mit Cannabis als Arznei boomt, sondern auch Hanföle gelten immer häufiger als Wundermittel. Dahinter steckt eine gesellschaftliche Sehnsucht nach simpler Gesundung in aufgerauten Zeiten.

Als in Deutschland plötzlich die Rede war von „Cannabis auf Rezept“, von den Segnungen der Hanfpflanze, da wollte Bernd Eggink unbedingt, dass der Stoff auch ihm helfen möge: gegen die Phantomschmerzen, die der Physiker seit mehr als 20 Jahren wegen einer Beinamputation spürte und gegen die nichts anderes je wirklich geholfen hatte. Also ließ Eggink sich ein Cannabis-Mundspray verschreiben und war eine Weile lang euphorisiert. Er konnte andere Medikamente absetzen und hatte seltener Schmerzattacken.

Er biss aber auch, so sieht Eggink das heute, die Zähne zusammen, weil er unbedingt glauben wollte an die Erzählung vom Cannabis als Retter der unrettbar Kranken. Denn mit der Zeit verflog die Wirkung, sei sie herbeigesehnt oder echt gewesen, und Eggink spürte nur noch, wie er sich schlecht konzentrieren konnte, ihm die Gedanken entglitten. Da entschied er sich für einen letzten Versuch: für ein Öl, das nur den rauschunverdächtigen Bestandteil von Hanf enthält. Egginks Arzt schrieb das Mittel auf, ein Privatrezept, 600 Euro das kleine Fläschchen.

Der Stoff, auf den Eggink seine letzten Hanf-Hoffnungen setzte, heißt Cannabidiol, kurz CBD, und selbst für Gesunde ist es gerade schwer, ihm aus dem Weg zu gehen. Er steckt im frisch gebackenen Christstollen aus dem Erzgebirge, im Bier von der Insel Usedom, in der Schokolade aus Österreich und im Öl aus der Drogerie. CBD ist wie THC (Tetrahydrocannabinol) Bestandteil von Cannabispflanzen, macht aber im Gegensatz zu seinem psychoaktiven Bruder nicht high. Ansonsten wird ihm aber alles Mögliche nachgesagt. Es soll helfen gegen Stress und Pickel, gegen Angst und Übelkeit, sogar gegen Krebs und Demenz. CBD ist, so erzählt man sich per Youtube-Video, in Chatforen und am Abendbrottisch, nicht nur eine Arznei, sondern vor allem ein Mittel gegen die Zumutungen unserer Zeit. Ein gänzlich harmloses Mittel übrigens, das, erzählt man sich zumindest auch, gelegentlich als Öl auf die Zunge getröpfelt, sanft eine Hülle um uns legt, die Schmerzen dämpft, schlechte Gefühle und überhaupt die ganze rauhe Welt.

Es ist schwer zu sagen, woher der Hype auf einmal kommt, und selbst für die, die ihn mit befeuern, ist es schwer zu sagen, was genau ihn ausmacht. Ein Beispiel ist dieser Werbeclip für ein CBD-Öl, aufgenommen in warmem Licht und vor verschwommenem Hintergrund, das nur genauso, verschwommen nämlich, weiter hilft bei der Hype-Frage, aber immerhin: Auf dem Video halten Menschen Zettel mit Notizen ins Bild, etwa „ohne Chemie“ und „fühle dich selbst“, „die Kraft des Lebens“ und „das Glück zu sein“. Murad Salameh ist als Geschäftsführer von Limucan, dem Öl-Hersteller, verantwortlich für das Video, und auch wenn man mit ihm spricht, wird er nicht konkreter, wofür sein Produkt eigentlich gut sein soll.

Auf dem Markt für medizinisches Cannabis wird gerangelt

Das ist nicht Salamehs Schuld, es ist ihm sogar verboten. Würde Salameh etwas über die Wirkung seines Öls sagen, dürfte er es nicht mehr legal und freiverkäuflich anbieten. Denn das CBD-Öl gilt als Nahrungsergänzungsmittel – eine Einsortierung, die rechtlich umstritten ist und sofort unwirksam würde, stünde ein medizinisches Versprechen auf der Verpackung. Denn es ist zwar legal, in Deutschland Produkte mit CBD zu verkaufen, wenn darin nur maximal 0,2 Prozent THC enthalten sind. Wird CBD als Arznei angepriesen, ist es aber verschreibungspflichtig.

Produkt mit geheimer Wirkung

Salamehs Firma stellt also ein Produkt her, von dem er nicht erzählen darf, was es bewirken soll. Das Verrückte daran ist, dass sein Geschäft trotzdem gut läuft. Dass es ihm etwa gelungen ist, das Öl über den Online-Shop von dm, einer der größten Drogerieketten des Landes, zu verkaufen – zu einem im Vergleich zu Arznei-Ölen astronomisch geringen Preis. Und das Verrückte daran ist auch, dass Salamehs im Mai 2017 gegründetes Unternehmen bei weitem nicht der einzige Öl-Verkäufer ist. „Der Markt“, sagt Salameh, „ist definitiv am Boomen.“ Und das stimmt: Im April etwa hat die Schweizer Firma Medropharm freiverkäufliche CBD-Öle in deutsche Apotheken gebracht, in den, wie die Chefin selbst sagte, für sie „wichtigsten europäischen Markt“.

Und auch auf dem Markt für medizinisches Cannabis wird gerangelt. Allen voran tun das dort kanadische Unternehmen, etwa die Firma Aphria, die erst vor wenigen Wochen einen der führenden Pharmazie-Importeure in Deutschland übernommen hat. „Der deutsche Markt für medizinisches Cannabis ist einer der vielversprechendsten weltweit“, kommentierte Aphria das Geschäft.

CBD-Öl: Es ist schwer zu sagen, woher der Hype auf einmal kommt

Deutschland ist also zu dem Staat geworden, in dem man unbedingt dabei sein will, wenn er erst so richtig losgeht, der Cannabis-Boom. Verkauft werden sollen natürlich Medikamente, aber auch Lifestyle-Produkte wie Getränke, Kosmetika und eben die als Nahrungsergänzungsmittel geführten CBD-Öle. Dass Deutschland zu dieser Art Gras-Paradies im Wachsen geworden ist, hat national mit der weitgehenden Erlaubnis von Medizinalhanf zu tun und international mit der dominoartigen Legalisierung von Cannabis in einer Handvoll Staaten. So ist eine Mischung aus zwei verschiedenen Hoffnungen entstanden: der auf Heilung und der auf, gerne auch rauschloses, Wohlbefinden.

Es gibt Mediziner, denen diese Mischung inzwischen unheimlich ist oder wenigstens ein Ärgernis. Franjo Grotenhermen gehört dazu, was ein bisschen überraschend ist, denn er ist nicht nur irgendein Arzt, sondern als Vorstand der „Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“ einer, der für die Freigabe von Cannabis an Patienten gekämpft hat und weiter kämpft. CBD, sagt er, sei lange unterschätzt worden und werde nun maßlos überschätzt. „Mit dem Verkauf von CBD-Ölen verspricht man etwas Unhaltbares, nämlich die medizinischen Effekte von Cannabis genauso gut ohne THC erzeugen zu können.“ Das sei nicht nur falsch – sondern auch eine Überpropagierung, durch die der reale medizinische Wert von CBD in Gefahr gerate.

Keine ernsthaften Studien vor der Jahrtausendwende

Um zu verstehen, was Grotenhermen meint, muss man gedanklich in die Zeit zurückgehen, in der nach und nach die mehr als 100 Cannabinoide im Hanf genau bestimmt, ihre Moleküle extrahiert worden sind. Das war in den sechziger Jahren, und damals setzte sich die Vorstellung durch: Cannabis ist ein Träger von THC und CBD irgendein nicht ganz so wichtiges Anhängsel. Wenn also in den folgenden Jahren medizinisch mit Cannabis geforscht wurde (was wegen der Einstufung als Droge ohnehin seltener vorkam, als man es sich heute wünschen würde), dann mit THC. Ernsthafte Studien zu CBD gibt es erst seit zehn, vielleicht 15 Jahren. Dass das Molekül also gegen Leiden von Angst bis Alzheimer helfen soll, dafür gibt es nur erste Ansätze. Und die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich: Ein gutes Schmerzmittel, sagt Grotenhermen, sei CBD nun wirklich nicht; Potential habe es aber etwa als schnell wirkendes Antidepressivum. Die Forschung steht da aber bis auf wenige Ausnahmen erst am Anfang, bei Zell- und Tierversuchen.

Bei Cannabis gibt es aber noch ein ganz spezielles Problem: In einer Welt voll mit Freizeitkonsumenten hat die Erfahrung der Menschen die Forschung längst überholt. Es gibt viele, die festgestellt haben, wie ihnen Cannabis und inzwischen auch reines CBD gegen Kopfschmerzen geholfen haben, gegen Übelkeit, Schlafstörungen oder Panikattacken. Von diesen Anekdoten erzählen viele der Glücklichen nicht nur ihren Freunden, sondern auch allen, die eine Internetsuchmaschine bedienen können. Daraus ist ein Cannabis-Gap entstanden zwischen der Welt der Mediziner und dem großen Rest, auf den es mindestens zwei verschiedene Sichtweisen gibt.

Cannabis-Pflanze in Wien: Der deutsche Markt für medizinisches Cannabis ist einer der vielversprechendsten weltweit

Da ist einmal die Sicht von Murad Salameh, dem CBD-Öl-Hersteller. Er findet, dass die Menschen müde seien von der Bevormundung, durch das Cannabis-Verbot sowie durch die Tatsache, dass vor allem die Pharmafirmen bestimmen, was in den Apotheken landet. Und es gibt die Sicht von Frank Petzke, der Professor ist an der Universitätsklinik Göttingen und der Cannabis-Kommission in der Deutschen Schmerzgesellschaft vorsitzt. Er hat, so sagt er das, keine klare Meinung dazu, ob Cannabis legalisiert werden solle, es spiele für ihn auch gar keine Rolle. „Die Befürworter unterstützen ihre Kampagne aber über eine fragwürdige medizinische Argumentation, die so tut, als helfe Cannabis immer und in allen Lebenslagen“, sagt er. Das sei problematisch, denn es gebe eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung von Cannabis als Medikament und dem tatsächlichen Nutzen des Krauts.

Positive Effekte seien Einzelfälle

Petzke, der aus der Cannabis-Kommission der Deutschen Schmerzgesellschaft, ist derjenige, der diese Diskrepanz irgendwie moderieren muss, wenn er zur Arbeit geht. Zu ihm in die Sprechstunde nach Göttingen kommen sehr oft schwerkranke Menschen, die wegen ihrer Schmerzen fragen, ob nicht Cannabis eine Lösung sein könnte. Er klärt sie dann über zwei Dinge auf: Erstens seien die Risiken zwar überschaubar, die Chancen aber zweitens bescheiden. „Es gibt sicher Patienten, die einen dramatisch positiven Effekt auf Cannabis haben“, sagt Petzke, aber das seien, jedenfalls der Erfahrung in seiner Klinik nach, Einzelfälle. So gebe es eine große Gruppe von Menschen, die eine Weile lang Cannabis-Arzneien ausprobiere und sie dann bald wieder absetze, weil die Mittel keinen Unterschied machten. Einigen wenigen helfe Cannabis langfristig.

Aber: In allen Produkten, die Petzke verschreibt, ist THC enthalten, oft gar als einziger Wirkstoff. Ob CBD allein einen medizinischen Vorteil bringt – das ist eine Frage, bei der Petzke noch zurückhaltender ist. Vereinzelt gebe es zwar erste Studien, die eine Wirkung bei der Behandlung von Parkinson, Angststörungen und anderen psychiatrischen Erkrankungen andeuten. Auch ein in den Vereinigten Staaten schon zugelassenes CBD-Medikament gegen seltene Formen von kindlicher Epilepsie werde es sicherlich auch nach Deutschland schaffen. „Aber für die CBD-Öle, für die gerade ein riesiger Graumarkt entsteht, gibt es keinen hochwertigen Nachweis einer Wirkung – nichts zu Nervenschmerz, nichts zu Kopfschmerz, nur Erfahrungsberichte“, sagt Petzke.

Bernd Eggink, der Amputationspatient mit den Phantomschmerzen, gehört nicht zu denjenigen, der den positiven Erfahrungen mit CBD-Öl eine weitere hinzufügen könnte. Zwar konnte er sich mit dem Öl anders als mit seiner THC-haltigen Arznei wieder besser konzentrieren – gegen die Schmerzen aber half die Alternative nicht. „Da hätte ich auch Speiseöl trinken können“, sagt Eggink. Inzwischen nimmt er kein Cannabis mehr, sondern wieder herkömmliche Schmerzmittel. Die Schmerzattacken kommen jetzt seltener als zum Schluss mit Cannabis, was bei ihm heißt: etwa einmal in der Woche. „Damit bin ich schon relativ zufrieden“, sagt Eggink.

Nun ist beileibe nicht jeder, der in der Drogerie oder der Apotheke nach CBD-Öl fragt, ein schwerkranker Patient. Und was ist schon einzuwenden gegen die wohligen Erfahrungen einiger Ruhesuchender in rastloser Zeit? Ein Kolumnist der „Zeit“ beschrieb die Wirkung von CBD kürzlich als „das Dämpfende eines großen Glas Rotweins, nur ohne das Betrunkensein“. Tatsächlich macht CBD nicht nur nicht high, es macht auch nicht abhängig.

Es kann zwar, vor allem in hohen Dosen, entweder sehr schläfrig oder sehr schlaflos machen. Ansonsten ist es aber so harmlos, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation befand, es sei ungefährlich und sicher. Eine Nebenwirkung hat die Allgegenwart des rauschlosen Stoffes dann aber doch: Sie trägt dazu bei, dass Cannabis ganz allgemein sein Kiffer-Image verliert. Viele, die an einer Legalisierung interessiert sind, finden das gut.

Vergessen wird allerdings oft, dass von dieser Diskussion nicht nur Erwachsene mit einem verantwortungsbewussten Umgang im Bezug auf Cannabis hören, sondern auch Jugendliche. Das neue, positive Cannabis-Image bleibt auch denen nicht verborgen, die man eben, so jedenfalls der weitgehende Konsens, weiter dringend vor Cannabis warnen muss: diese junge Menschen, denen das fehlende High im CBD eher als ein Malus vorkommen dürfte; die anfällig sind für durch Cannabis ausgelöste Sucht und Psychosen. In den Vereinigten Staaten, wo CBD schon länger noch viel allgegenwärtiger ist, hat eine Studie erst Mitte November gezeigt: Inzwischen experimentieren mehr als die Hälfte der Jugendlichen nicht zuerst mit Alkohol und Zigaretten, sondern mit Cannabis. Das Risiko, das von Hanf ausgeht, nehmen sie dabei als viel geringer wahr als noch junge Menschen in den Jahren davor.